Ziegenjournalismus (4): Zitate

Haben Journalisten den Mut, die Hand zu kritisieren, die sie füttert?

Die Rubrik »Ziegenjournalismus« will sich mit den ganz alltäglichen und üblichen Methoden der Mainstream‐Presse, der Leitmedien, der bürgerlichen Medien (oder wie auch immer man sonst die großen, auflagen‐ und reichweitenstärksten Presseerzeugnisse nennen will) beschäftigen. Der Verlust der Deutungs‐ und Meinungshoheit sowie der Glaubwürdigkeit großer Medienhäuser, hat eben nicht erst mit den Social‐Media‐Phänomenen, vermeintlichen Fake News, Facebook, Verschwörungstheorien, Putintrollen, den Lügenpresse‐Vorwürfen oder mit dem Populismus angefangen, sondern schwelt im Hintergrund schon seit Jahrzehnten.

Verantwortlich sind hier vor allem die gängigen und alltäglichen Methoden der großen Gazetten, die mit »vierter Gewalt« sehr wenig, aber mit »Aufmerksamkeitsgenerierung« sehr viel zu tun haben. Diese Prinzipien werden weder von den Medienhäusern selbst, noch von anderer Seite groß in Frage gestellt oder offen kritisiert. Sie gehören halt zum Geschäft, so die gängige Argumentation. Eine dieser üblichen Medien‐Verkaufsstrategien, welche Fakten, Darstellungen, Berichte und Sachlagen häufig verzerren, ist der medienspezifische Umgang mit Zitaten. Weiterlesen

Filmzitate raten (15)

Aus welchem New‐Hollywood‐Film aus dem Jahr 1973 stammt dieses Zitat?

»Wer traut schon einem Bullen, der nicht bestechlich ist?«

Ich hole gerade sämtliche »New Hollywood« Filme nach, die ich verpasst habe. Die Marvel‐Blockbuster‐Hirn‐Aus‐Aktschään‐Filme gehen mir langsam aber sicher auf den Sack.


»Filmzitate raten«

Zwei Meldungen. Ein Irrsinn.

»Anwalt von Stephan E. erstattet Strafanzeige wegen Geheimnisverrats. Der Anwalt will wissen, wer Informationen zu seinem Mandanten weitergab, der im Mordfall Walter Lübcke verdächtigt wird. Er vermute jemanden in den Ermittlungsbehörden.« (zeit.de vom 8. Juli 2019)

Anmerkung: Der Anwalt eines Mörders will den Staat verklagen? :SHOCK:

»Nun hat auch die Internationale Atomenergiebehörde bestätigt, dass der Iran mehr Uran anreichert als im Atomdeal erlaubt. Während die USA erneut drohen, setzt Frankreich auf Diplomatie.« (tagesschau.de vom 8. Juli 2019)

Anmerkung: Die USA kündigen einseitig das Atomabkommen und beschweren sich dann, wenn der Iran sich nicht mehr daran halten will? :SHOCK:

Es ist kafkaesk, grotesk und absurd. Aber gleichzeitig völlig normal. »Weitergehen! Hier gibt es nichts zu sehen!« :JAJA:

Qualitätspresse

Warum die meisten Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, mittlerweile PR‐ und Presseberater haben und tunlichst darauf bedacht sind, was sie wann und wo der Presse sagen, zeigt das Beispiel von Thomas Gottschalk. Er hat sich nach 46 Jahren Ehe scheiden lassen, jedoch öffentlich keinen Grund dafür genannt (Warum auch?). Nachdem die Boulevard‐ und Klatschpresse ihn im April 2019 tagelang bedrängt hatte, war es ihm zuviel:

»Die Leser irgendwelcher Weiberzeitungen, die gehen mir wirklich am Arsch vorbei.«

Nun hatten die Qualitätsmedien zwar immer noch keine Begründung für die Scheidung, aber endlich endlich endlich (!!) eine zitierfähige Aussage, die polarisiert, provoziert, Aufmerksamkeit und Reichweite erzeugt. Denn nur darum geht es. Google spuckt fast 35.000 Ergebnisse dazu aus. Außerdem kann man daraus wiederum tolle, irreführende Clickbait‐Überschriften generieren:

Thomas Gottschalk nach Ehe‐Aus: Wer ihm »am Arsch vorbei geht«
»Am Arsch vorbei«: Gottschalk im ersten Interview nach Ehe‐Aus
Thomas Gottschalk zieht vom Leder

Das ist nur ein Beispiel von sehr vielen Methoden (zitierfähige Aussagen herauspressen, aus dem Zusammenhang reißen und damit Clickbait‐Überschriften produzieren), die unsere Konzern‐, Lücken‐, Produkt‐, Wahrheits‐, Qualitäts‐ und Systempresse verwenden, um Aufmerksamkeit und Reichweite zu generieren. Um Wahrheitsfindung oder Informationsvermittlung geht es schon lange nicht mehr.


Die SEO‐Filter‐Bubble
Replik auf: »Journalismus unter Beschuss«

Von welchem Land ist hier die Rede?

1.) »Für radikale Sprüche gibt es immer noch schnellere Schlagzeilen als für die Suche nach konstruktiven Lösungswegen. Oft geht es ohnehin nur um publikumswirksame Parolen, die -jedenfalls bis jetzt‐ ohne Chance auf Verwirklichung sind.«

2.) »In einigen Zeitungsartikeln wurde das Thema aufgegriffen, aber ansonsten geschah nichts. Weder wurde eine Untersuchung eingeleitet noch wurden die Verantwortlichen behelligt. [...] Immer wieder wurde ihr Fall weiterverwiesen, Unterlagen verschwanden.«

3.) »Journalisten, die sich gegenseitig decken, um die Kaste zu schützen, systemtreue Unternehmer, die sich für öffentliche Aufträge oder staatliche Konzessionen mit allerlei Gegenleistungen erkenntlich zeigen, und schließlich Politiker, die sich wie Prostituierte kaufen lassen.«

Die Wirtschaft wächst. Die Armut auch.

»Die Wirtschaft in Deutschland wächst, die Arbeitslosigkeit sinkt – und trotzdem meldet der Paritätische Wohlfahrtsverband, dass sich die Armut auf einem historischen Höchststand befindet.«

Angelika Finkenwirth und Stefanie Diemand auf zeit.de

Anmerkung: Wenn elementare Zusammenhänge und Ursachen nicht erkannt und/oder ausgeblendet werden, darf man sich nicht wundern, wenn alles so bleibt wie es ist. Der Euphemismus »die Wirtschaft in Deutschland wächst« bedeutet nichts anderes, als: die Reichen werden reicher und genau deshalb müssen die Armen ärmer werden. Das nennt man neoliberale Umverteilung von unten nach oben. So weit dürfen Journalisten der bürgerlichen Mainstream‐Presse aber nicht denken. Da wird sich dann lieber mit dutzenden, geschönten, ungenauen und herrschaftskonformen Statistiken beschäftigt. Oder man wirft Nebelkerzen‐Vokabeln wie »umstritten«, »Armutsdefinition« und »Kaufkraft«  in den Ring. :JAJA:

Reichtumsgerechtigkeit

»Die in Leistungsgesellschaften durch die unterschiedlichen Talente und Fähigkeiten der Menschen erzeugte soziale Ungleichheit lässt sich langfristig nur durch eine hinreichende Fairness des Wettbewerbs rechtfertigen, vor allem durch die Gleichheit der Ausgangschancen

Berthold Franke. »Aus Angst wird Wut wird Hass«. Blätter. Ausgabe Juni 2017. S. 97

Anmerkung: Bei solchen Sätzen frage ich mich ernsthaft, auf welchem Planeten, in wechem Elfenbeinturm und in welcher Filter‐Bubble die Herren Akademiker eigentlich leben!? Ist es (leistungs-)gerecht, dass 62 Supereiche soviel besitzen, wie die Hälfte der Weltbevölkerung? Wo, außer in der Theorie, gibt es denn überhaupt einen »fairen Wettbewerb«? Wie kann es jemals »gleiche Ausgangschancen« geben, wenn weltweit Millionen Kinder in bitterer Armut aufwachsen, während sich die Reichen in ihren »Gated Communities« verschanzen? Wie kann Bildung überhaupt die Lösung für alles sein, wenn neofeudale Strukturen vorherrschen? Wo ist die Eigentums‐ und Verteilungsfrage? :NENE:

Eure Armut kotzt mich an!

immo_titel

»Ein hoher Prozentsatz von Privatwohnungen ist selten oder gar nicht bewohnt, während viele Leute, die auf der Warteliste für eine Sozialwohnung stehen, aus ihrem Stadtteil oder gleich ganz aus der Stadt wegziehen müssen.«

Rowland Atkinson. »Die toten Häuser von London«. Le Monde Diplomatique. Ausgabe Juli 2017. S. 8

Anmerkung: So ist das. Geld und Kapital regieren die Welt. Aber nein, wer so etwas sagt, ist polemisch, populistisch und vereinfacht die herrschenden Verhältnisse. Immer wieder, lese ich -insbesondere von vermeintlich linken Akademikern und Wissenschaftlern‐ dass ja alles immer und überall wahnsinnig kompliziert, diffus und abstrakt sei. Damit verschleiern und relativieren sie sehr häufig, wenn womöglich auch unbewusst, reale Macht‐ und Herrschaftsverhältnisse. Denn anstatt den Reichen, Milliardären, Konzernen, Banken, Oligarchen und Mafias auf die Finger zu schauen, wird sich lieber mit Inklusion, Gender und anderen Nebenkriegsschauplätzen beschäftigt.