Nicht vergessen... abschalten: »Dokusozialsoaps« oder so ähnlich?

Irgendwann einmal wurden klare Genredefinitionen bei Filmen und Fernsehformaten gesprengt und da der Bedarf für eine Kategorisierung weiterhin bestand wurden diverse Subgenres geboren. So oder so ähnlich stelle ich mir das zumindest vor.

Die Dokumentation ist ihrem Namen nach ein Format welches authentische Verhältnisse darstellt und sie möglichst wenig beeinflusst. Eines Tages kam aber vermutlich jemand zu der Erkenntnis, entsprechend der Heisenbergschen Unschärferelation, dass der Beobachter immer Einfluß hat auf das zu beobachtende Objekt und somit diese künstlich auferlegte Zurückhaltung abzulegen sei.

Hinzu kamen vermutlich Überlegungen die darauf hinausliefen, dass eine »Dokumentation« in der man das Objekt versucht direkt zu beeinflussen viel schneller relevante und interessante Aufnahmen liefern würde als die geduldige Herangehensweise einer klassischen Dokumentation die große Mengen an Filmmaterial produziert um die wenig wirklich relevanten im Schnittraum zu veredeln.

Da dies auch die Produktionskosten nicht unerheblich senken würde, musste nur noch ein in ausreichendem Maße vorhandenes Dokumentationsobjekt her, welches die Menschen dauerhaft bei Laune halten würde und ein wirtschaftlich effizientes Fernsehformat wäre geboren.

»Das Leben der Anderen« ist an sich immer von Interesse gewesen, wie Vorgängerramschformate wie Dailytalks und Boulevardmagazine zeigten, also bot sich der Mensch wie immer an (wobei Zootiere gleich an zweiter Stelle rangieren, bei diesen sind die Gitterstäbe vermutlich zu wenig metaphorisch für den ersten Platz). Die (Pseudo!?!-)Dokusozialsoap, oder so ähnlich, war geboren.

Endlich sollte für Menschen die im sozialen Bereich tätig waren eine Gerechtigkeitslücke geschlossen werden und die Gleichstellung vor den Medien mit Gastronomen vollzogen werden. Der soziale Aufstieg zum Medienstar war nunmehr nicht nur den Köchen dieser Nation vorbehalten sondern auch der Pädagogin, dem Schuldnerberater, dem Streetworker oder seit neustem auch Leuten die in Nachbarschaftsstreitigkeiten vermitteln (Berufsqualifikation: Verhandlungsführer für Geißelfälle?) offen.

Diese Formate bieten dem interessierten Fernsehsender (meist privatrechtlich) nicht nur ein solides  Preis/Leistungsverhältnis, sondern lassen sich häufig auch noch imagefördernd promoten, getreu der Devise das Fernsehen nehme hier dem überlasteten Staat Aufgaben ab die dieser nicht mehr in der Lage sei in ausreichendem Maß zu erfüllen.

Das die so euphorisch interpretierte soziale Verantwortung des Fernsehens nun auch zu Sendungen führt die eher (sozial-)experimentellen Charakter aufweisen ist ein Nebeneffekt der zwar unter einigen Politikern zu Empörung führt, nur weil ein paar Teenager ein paar Babys ähnlich kompetent versorgen wie der durchschnittliche Zuschauer der selbigen Sendung, aber ich denke hier kann man sich getrost darauf verlassen das den Programmachern das Wohlergehen ihrer Dokumentationsobjekte mehr am Herzen liegt als wirtschaftliche Überlegungen.

In diesem Sinne begrüße ich die qualitativ und sozial positive Entwicklung die das Fernsehen in den letzten Jahren vollzogen hat und erfreue mich an der Tatsache, dass die Massenmedien Notfalls bereit sind ein gegebenenfalls kollabierendes staatliches Sozialsystem zu stützen oder auch zu übernehmen falls dies erforderlich sein sollte.

2 Gedanken zu “Nicht vergessen... abschalten: »Dokusozialsoaps« oder so ähnlich?

  1. In diesem Sinne begrüße ich die qualitativ und sozial positive Entwicklung die das Fernsehen in den letzten Jahren vollzogen hat und erfreue mich an der Tatsache, dass die Massenmedien Notfalls bereit sind ein gegebenenfalls kollabierendes staatliches Sozialsystem zu stützen oder auch zu übernehmen falls dies erforderlich sein sollte.

    Das meinst Du doch hoffentlich ironisch, oder? Könnte man falsch verstehen ;)

  2. Pingback: Die Destruktivität des Blöden | ZG Blog

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