Das RTL‐Phänomen

Der Privatsender RTL schafft es, seine Zuschauer an sich zu binden. Wer mehr als drei RTL‐Sendungen pro Tag schaut, guckt meist keinen anderen Kanal mehr. Zugegeben, meine Einschätzung ist eine sehr subjektive Betrachtung. Wenn ich jedoch mein privates Umfeld betrachte, dann gibt es für so einige keinen anderen TV‐Sender mehr als RTL. Dabei bringt der Privatsender Formate, die jedem halbwegs gebildeten Menschen die Achselhaare zu Berge stehen lassen.

Manche glauben immer noch die Casting‐Shows »das Supertalent« und »Deutschland sucht den Superstar« seien authentisch und bilden die Realität ab. Sicher, Idioten gab es immer und wird es immer geben, aber diese Formate sind bis ins letzte hinein inszeniert. Drehbuchautoren, Produzenten und Regisseure überlassen hier nichts dem Zufall. Schließlich geht es hier um Millionen Euro durch Werbeeinnahmen. Trotzdem wollen es viele einfach nicht glauben, dass alles abgesprochen ist. Frei nach dem Motto: es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Sendungen wie »GZSZ«, »Alles was zählt« oder »Unter uns« emotionalisieren und schalten den kritischen Verstand des Zuschauers, sofern überhaupt vorhanden, aus. Billige Klischees, Vorurteile und standardisierte Gefühlsregungen beherrschen die Formate. Bei den SOAPS dreht sich alles um das vermeintlich »echte« Leben: Herz‐Schmerz, Küsse, Sex, Trennungen, Seitensprünge, Schicksalsschläge usw. Auch hier folgt alles einem strengen Drehbuch und die Schauspieler sind häufig Laien‐ oder Amateurdarsteller. Für männliche Zuschauer, Jungs und alle, die nicht erwachsen werden wollen, gibt es dann noch Action und Sport: Boxen, Formel 1, Alarm für Cobra 11 usw.

Die Billigramschformate oder auch Pseudo‐Dokusozialsoaps setzen dem ganzen dann die Krone auf: bei »Bauer sucht Frau« darf man sich daheim über vermeintlich unattraktive und einfältige Bauern lustig machen, bei »die Schulermittler« darf man sich über die Respektlosigkeit der Jugend empören, bei der »Supernanny« werden vernachlässigte Kinder und ihre bösen, bösen Eltern vorgeführt und bei »Helfer in Not« sowie der »Anwältin der Armen« zeigt RTL sein soziales Gewissen, jedoch ohne den staatlichen Sozialabbau kritisch zu hinterfragen. Bei allen Sendungen versteht es sich von selbst, dass sie authentisch, live und reality sind. Hier ist nichts gestellt, abgesprochen oder inszeniert.

Bei RTL glaubt der Zuschauer, er sei »zuhause«, es ist schließlich »sein RTL«, wie die Werbung suggeriert. Sicher, wer ausgiebig RTL schaut, will sowieso nicht gebildet, er will bedudelt werden. Unterhaltung findet hier statt, indem auf andere Menschen geschimpft und herab geschaut wird. Das Aufregungs‐TV soll durch Zuschauer‐Fragen nach Schuld, Betrug, Lügen, Verantwortung, Moral, Hass, Liebe, Herzschmerz usw. in erster Linie emotionalisieren. Empörungsfernsehen für den unkritischen Pöbel.

RTL bedient zudem die niederen Instinke und die Minderwertigkeitskomplexe der Zuschauer. Jeder findet in irgendeiner Sendung einen »inszeniert authentischen« Menschen, über den er/sie sich daheim gemütlich auf der Couch dann lustig machen kann, um sich dadurch besser zu fühlen. Der Sender bedient das psychologische Bedürfnis vieler Menschen, über andere zu lästern und zu tratschen. Wie am Stammtisch oder auf der Lohnarbeit.

Wer von Demokratiedefiziten der Deutschen, von Politikverdrossenheit und zunehmender Ellenbogengesellschaft spricht, der sollte RTL und seine Zuschauer nicht vergessen. Denn die ganz persönliche Diskriminierung, Ausgrenzung und Menschenverachtung findet hier in gemütlicher Heimatmossphäre statt. Dort, wo es nur wenige mitbekommen.

8 Gedanken zu “Das RTL‐Phänomen

  1. Vielen dank für diese Zeilen.
    Die »Bild« ist ja häufiger im kritischen Fokus, aber oft wird vergessen, wie andere Zeitungen oder aber Sender an der gewollten Verblödung der Menschen mitwirken.
    Hier kann man getrost die Überschrift »Bertelsmann« wählen.
    Leider ist es den meisten Mitmenschen gar nicht mehr bewußt, wie sie manipuliert werden.
    Brave new (old) world

  2. »[...]Wer von Demokratiedefiziten der Deutschen, von Politikverdrossenheit und zunehmender Ellenbogengesellschaft spricht, der sollte RTL und seine Zuschauer nicht vergessen. Denn die ganz persönliche Diskriminierung, Ausgrenzung und Menschenverachtung findet hier in gemütlicher Heimatmossphäre statt. Dort, wo es nur wenige mitbekommen[...]«

    Vortrefflicher Kommentar, der sich mit der Beobachtung von BildBlog:

    [...]3. »Die dunklen Seiten der RTL‐Glitzer‐Show«
    (handelsblatt.com, Stephan Dörner und Christoph Alberto Hardt)
    Eine Recherche zu den Produktions‐ und Vertragsbedingungen der RTL‐Sendung »Das Supertalent«[...]«

    Quelle und kompletter Text:

    http://www.bildblog.de/35965/das-supertalent-christian-wulff-nordkorea

    Punkt 3 dort....

    deckt....

    ...Übrigens als alter »Lucky Luke«-Fan ist mir eine Folge mit den Daltons gut in Erinnerung, die mich zum Lachen brachte — Luke ist verbündet mit den Daltons, und muß eine Rede halten, die Daltons stehen grimmig mit dem Gewehr in der Hand neben dem sitzenden Publikum und fordern die — an gewissen Stellen — mit Waffengewalt zum Klatschen auf....

    ...damals konnte ich darüber lachen....

    ...als ich — bei BildBlog — ähnliches über das RTL‐Publikum las blieb mir das Lachen im Halse stecken....

    Hitler und Honecker wären über Bertelsmann, und seine Sender RTL & Co. sicher froh gewesen....

    ....man stelle sich nur die Casting‐Show »Der faulste Jude Deutschlands« vor, die damals wohl mit großem Erfolg beim dt. Publikum in NS‐Deutschland angeschaut worden wäre....

    ...mir wird übel.....

    Ciao
    Bernie

  3. Georg Schramm sagte einmal über den Unterhaltungswert von RTL: »Dünn hungern mit Heidi Klumm und Dreck fressen mit Dirk Bach«.

    Schlimmer sind weis Gott diese Pseudo‐Dokus. Erst heute gab es ein Gespräch zwischen einigen Kolleginnen in der Frühstückspause über irgendwelche Rabeneltern die ihre Kinder misshandeln. Natürlich eine HARTZ IV Familie. In der gehobenen Mittelschicht gibt es sowas sicher niiieeee!

    Hat Helmut Kohl nicht irgend wann das Privatfernsehen eingeführt mit der Begründung die kulturelle Vielfalt würde gestärkt? Na, jetzt wissen wir wenigstens was sich unsere christlich demokratischen so unter »Leitkultur« vorstellen.

  4. Rammeln
    Töten
    Lallen

    Aber auf den anderen Sendern sieht es auch nicht besser aus; ich meine jeder Kaffeeklatsch hat doch mittlerweile mehr Tiefgang als das Hauptprogramm selbst der ach so seriösen öffentlich‐rechtlichen Gebührenfresser.
    Von der pseudoliberalen und kryptofaschistischen Botschaft dieser TV‐Formate mal ab (Türken alle kriminiell, Arbeitslose alle faul, die Jugend alle dumm)

    etc. (mit Deutschem Sex‐Fernsehen, Porno7...)

    Fällt natürlich alles unter die Rubrik MEINUNGSFREIHEIT, ja.

    Aber wehe wehe wenn ich mal Dieter Bohlen als ... bezeichne (was er auch ist), dann flattert eine kostenpflichtige Unterlassungserklärung eines sog. Organs der Rechtspflege ins Haus.

    TV? NICHT MAL IGNORIEREN!
    Auch nicht aus dem Fenster schmeißen oder so, denn wie sagte Dieter Hildebrandt so schön, dann bestünde die Gefahr den letzten vernünftigen Menschen damit todzuschlagen.

    Ich persönlich habe außer Terra X, Wochenshow und dergleichen keinen Kontakt mehr zu diesem Te Vau, allerdings habe ich vor kurzem einen Ausschnitt aus Bohlens »Supertalent« gesehen, die mal eben locker gegen die ersten achthundertsechsunddreißig Artikel des GG verstoßen, aber wehe man zahlt keine GEZ oder verweigert den Konsum, dann ist man ein Ökofaschist und obendrein illegal.

    Edit: Natürlich sollen jetzt nicht ALLE nur Kameldokus auf ARTE anglotzen, aber es gibt jawohl noch etwas zwischen Affentittenlutschen im Dschungelcamp und dem philosophischen Schnarchtett, oder? Oder sollte es zumindest.

  5. Hier geht es ja um die Casting‐Shows, Scripted Realitiy bei RTL, aber ich kann »Der Typ mit dem man eigentlich ganz gut auskommen kann (=Arschloch)« eigentlich nur zustimmen — Das Fernsehen insgesamt verfällt immer mehr auf RTL‐Niveau.

    Ich guck ja eigentlich nicht »Brisant«, aber da wurde doch auch so ein Fatzke zitiert, der meinte, dass er ja nicht bei »Bauer sucht Frau« enden will....

    ...wo der das wohl her hat?...

    ...Übrigens, wer auf Bauern schimpft, dass meinte ich einmal zu einem Hauptschul‐Kameraden — anno 1985 — der hat wohl ganz vergessen woher er seine Nahrung erhält, oder meint — ganz modern ausgedrückt — dass die Milka‐Kuh blau ist....

    ....wer ist nun hier der Dumme, der RTL‐Verblödete bzw. der TV‐Verblödete — oder der Bauer, der für die Nahrung dieser Verblödeten sorgt...statt die sich gleich selbst einzuverleiben?.....*grins*

    Eines haben wir aber noch vergessen aufzuzählen, was auch zur Volksverdummung beiträgt — unter Merkel/Rösler oder Obama bzw. sonst irgendwo auf der Welt — die Kino‐Dokumentationen.

    Es soll ja durchaus löbliche, unabhängige Kino‐Dokumentationen geben, wie z.B. die Aufklärung von Michael Moore, aber derzeit gibt es leider auch solche wie z.B. der dänische Film des Regisseurs Janus Metz — Titel »Camp Armadillo«, oder gleich der Film von 2 embeded Journalists aus den USA, incl. Buch dazu »Restrepo — Die blutige Wahrheit des Krieges«, die Militarismus, und Kriegsbefürwortung in Reinform sind. Mein Fazit: Scriped Realitiy, aber im Kino‐Format.

    Trauriger Gruß
    Bernie

    PS: Die Nachfolger von »Anne Will«, und »Sabine Christiansen« sowie die sonstige Koch‐ und Talkshow‐Verblödung brauch ich wohl nicht extra zu erwähnen, die auch im ARD und ZDF sowie den anderen öffentlich‐rechtlichen Sendern derzeit Überhand nimmt?

  6. Mein Kabelvertrag ist seit Januar gekündigt und es ist ein befreiendes Gefühl, diesen « privaten« Dreck nicht mehr sehen zu können!

  7. Ja, die Schöngeister sind empört! Was für ein Sender!

    Aber, so meine These:

    Die Wirklichkeit ist eher schlimmer als die »Reality« in RTL‐Formaten.

    Die nachgespielten Szenen geschehen so oder ähnlich tagtäglich zwischen Küche und Wohnzimmer in deutschen Haushalten.

    Fiktive Sendungs‐Szenen:

    B. hat sich vor der Chat‐Kamera ausgezogen und damit Chat‐Partnerin M. belästigt.

    Stimmt, hat er wohl wirklich, nur heißt er in Echt vielleicht C. oder F..

    J. will vor die Tür gehen im Huren‐Outfit — ihre Mama ist dagegen.

    Genau, das will sie — und heute Abend steht sie wieder an tausenden deutschen Haltestellen, um auf die Piste zu fahren. Nur heißt sie A. oder D..

    Diese pseudomoralischen Dialoge bei GZSZ — ja, die sind von den Straßen abgelauscht. Die reden wirklich so künstlich — so sehr, dass eben das Echte künstlich wirkt und das Künstliche echt. Man spanne mal die Ohren auf und rausche nicht nur auf dem Liegerad mit Fahrradhelm durch die Stadt.

    Und Familien ziehen tatsächlich mit krausen Existenzideen ins Ausland.
    Zu Tausenden. Und zum Abschied wird nochmal gegrillt mit den Nachbarn.
    Und geweint wird dabei auch.

    Fernsehen bei RTL zeigt die Welt so wie sie wirklich ist. Und die hiesigen Menschen mögen die Welt so wie sie ist — sonst würden sie sie ändern.
    Wer will, findet also bei RTL mehr politisch‐sozial‐kulturelle Aufklärung über die Verhältnisse als bei den Öffentlich‐Rechtlichen.

  8. @Torsten Kurth

    Sehe ich auch so. Die Mehrheit der Bevölkerung ist leider so, deswegen wird der Mist auch geschaut. Und deswegen ist jede Politikanalyse unzureichend, wenn sie nur aus dem theoretischen Elfenbeinturm geschieht, ohne die Mentalität der Leute zu berücksichtigen. Oder anders:

    Wer von Demokratiedefiziten der Deutschen, von Politikverdrossenheit und zunehmender Ellenbogengesellschaft spricht, der sollte RTL und seine Zuschauer nicht vergessen. Denn die ganz persönliche Diskriminierung, Ausgrenzung und Menschenverachtung findet hier in gemütlicher Heimatmossphäre statt. Dort, wo es nur wenige mitbekommen.

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