»Echte Probleme!«

»Die Zahllosen, die nichts mehr kennen, als sich und ihr nacktes schweifendes Interesse, sind die gleichen, die kapitulieren, sobald Organisation und Terror sie einfängt.«
(Theodor W. Adorno. Minima Moralia. Suhrkamp Verlag. 8. Auflage 2012. S. 171)

Ich habe in meinem bisherigen Leben mit dutzenden sog. »bildungsnahen Mittelschichts‐Aufsteiger‐Leistungsträger‐Eltern« sprechen dürfen (beruflich und privat). Und was sie erlebt haben, ist der absolute Horror! Dagegen sind alle anderen Probleme einfach nur lächerlich:

  • »Das Edeka an der Ecke schließt seine Fischtheke. Dabei gab es dort immer so lecker Fischbrötchen!« :(
  • »Das Klavier, dass ich kaufen wollte, ist nicht mehr im Angebot!« :(
  • »Mein Sohn schafft in Mathe nur die Note 3!« :(
  • »Wir schaffen es dieses Jahr nicht (zeitlich, Geld ist kein Problem!), ein zweites Mal in den Urlaub zu fahren!« :(
  • »Die neue Bewirtschaftung bei unserem Stamm‐Italiener ist echt unfreundlich!« :(
  • »Wir können uns in unserem neuen Eigenheim auf keine Möbel einigen!« :(

Ich kann auch absolut nicht verstehen, wie sich Manche darüber lustig machen! Das sind echte Probleme, die es zu bewältigen gilt und die armen Menschen extrem belasten! Zwei Straßen weiter fischt ein Armutsrentner Pfandflaschen aus einem Mülleimer. Bitte, habt Mitleid mit Ihnen! :JAJA:  


»Problembeschäftigungstherapie«
»Orientierungsprobleme?«
»Problemkinder«

15 Gedanken zu “»Echte Probleme!«

  1. Oh ja :)
    Genau mein Umfeld. Ein nicht unerheblicher Teil ist politisch und gesellschaftlich vollkommen desinteressiert, solange es sie nicht direkt merkbar betrifft.

  2. Klingt vertraut. Im Büro,beim Grillen oder sonstigen Freizeitaktivitäten:
    Himalaya — vs. Bad Reichenhaller Salz; welches Auto; welche Frisur etc.p.p. — bitte keine ernsten Themen. It kills the vibes....

  3. Sind die cool – allein schon der Bandname :d

    Ab einem gewissen Wohlstandslevel treten Symptome einer histrionischen Persönlichkeitsstörung auf …

  4. Irgendwo hab ich mal gelesen, daß die armen Reichen immer noch genug Kraft hätten, einem ständig mitzuteilen, daß sie eigentlich arm dran seien.
    Menschen mit echten Problemen hingegen bringe die Jammerei nichts und sie hätten oft auch gar nicht mehr die Kraft dazu.
    Schön zu sehen am Gewimmere der Privilegierten und denen, die in ihrer ständig laut vorgetragenen Diskriminierungsblase leben.

  5. Kleiner Happen:

    »Den vorsichtigen Berechnungen des Berichts (Anm.: UN‐Bericht) zufolge leben gegenwärtig eine Milliarde Menschen in Slums, und mehr als eine Milliarde kämpft in irregulären Arbeitsverhältnissen ums Überleben.«

    Mike Davis, Planet der Slums, Aus: Der Sound des Sachzwangs, Edition Blätter 2006. S.18

    Was antwortet der kleinbürgerliche Mittelschichtler darauf? »Ja, das ist schon schlimm!« Und geht zur Tagesordnung über.

  6. Nur kein Neid!
    Falls íhr eines Tages mal euren linksversifften Hintern hochbekommt,
    dann könnt ihr auch kleinbürgerliche Mittelschichtler werden!
    Ihr könnt aber auch weiter den ganzen Tag flennen und vor Selbstmitleid zerfliesen, aber dann beschwert euch nicht über Leute,
    die es mit harter Arbeit (für euch natürlich ein Fremdwort) zu bescheidenem Wohlstand gebracht haben!

  7. @Erdolf Bürtler

    Einer von Ihnen werden? Gott bewahre! Ich bin heilfroh, mich so gut es geht, von den kleinbürgerlichen, Ignoranz‐Schrebergarten‐Spießbürgern fernhalten zu können! :NENE:

    Mit »harter Arbeit« Wohlstand aufbauen? Na dann wären ja alle Putzfrauen, Bauarbeiter, Altenpfleger und Möbelpacker finanziell gut aufgestellt. :NENE:

  8. Dieselben harten Arbeiter, die mit ihrem dümmlichen Fleiß unsere Lebensgrundlagen zerstören und dafür eigentlich strafrechtlich verfolgt gehören.
    Es gibt, außer den USA, kein Land wie Deutschland, in dem soviele Leute ihre Dummheit noch mit Stolz vor sich hertragen, auch zu erkennnen am deutschen Stolz auf das frühe Aufstehen oder an der deutschen Inflationsparanoia.

  9. Gefährlich. Jeder von uns »jammert« auch hin und wieder mal über Dinge, die nicht grade von »systemrelevanter« Bedeutung sind. ;) Ich engagiere mich in letzter Zeit ja ein wenig in Sachen Radverkehrspolitik — und dann muss ich halt auch mal bemängeln, dass Supermärkte neu eröffnen ohne Fahrradabstellanlagen oder das gewisse Radwege gemeingefährlich sind. Ist dann sicherlich auch »nur« Symptombekämpfung...

    Meinetwegen dürfen Leute auch derartigen Kleinkram beklagen — wenn sie ansonsten eine grundsätzlich systemkritische Haltung hätten.

    Haben sie aber nicht! Und das ist eher das Hauptproblem!

  10. Wo das Leben materiell bequem ist, treten nichtmaterielle Fragen. In der Regel sind das heute Luxus‐Konsumfragen, Spiritualität oder Sexualität. Alle drei Themen bieten endlose Variationen und den Schein der Veränderung oder gar des ganz anderen. Und auch das Wechseln zwischen den Themen erscheint als sehr ablenkend. Alle drei sind angenehm über den Markt zu organisieren. Wenn man Lust hat, schaut man sich auf dem Markt um. Ansonsten lässt man es bleiben und vergnügt sich etwa weiterhin mit dem zuletzt erworbenen Luxus‐Gut. Oder man ändert mal alles: neue Güter, neue Götter und neuen Sex. Wo das Leben materiell bequem ist, reichen diese Themen auch in die Lohnarbeit. Auch diese wird als bequem erfahren. Da kann man ein bisschen quatschen.

  11. @Dennis82

    Jap, sie jammern über Nichtigkeiten, klammern die Ursachen aus und motzen an Symptomen herum. Der Brüller auf Familienfeiern ist immer der Satz: Bitte nicht jetzt über das Thema reden. Das ist nicht der richtige Zeitpunkt und verdirbt nur die Stimmung!« Und wann ist »der richtige Zeitpunkt«? Richtig! Nie!

    @flavo

    Rainer Mausfeld hatte es mit der »Identitätsproduktion« gut auf den Punkt gebracht. Solange der Rahmen immer der Markt ist und bleibt, ist jedes Thema, jeder Konflikt und jede Identitätsform gestattet.

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