Problembeschäftigungstherapie

Unsere sozialen Lebenswelten scheinen aus der täglichen Beschäftigung mit vermeintlichen Problemen und ihren Lösungen zu bestehen. Der Lebenssaft, der uns daran erinnert, am Leben zu sein. Denn Leben ist leiden, motzen, meckern, klagen, schimpfen, jammern, heulen und nörgeln. Wer von sich behauptet wenig bis keine Konflikte oder Probleme in seinem privaten Umfeld zu haben und mit sich selbst im großen und ganzen zufrieden ist, der ist langweilig und hat nichts zu erzählen. Der Klatsch‐und‐Action‐Sender RTL mit seinen Pseudodokusozialsoaps zeigt uns auf, was als wichtiges Problem zu gelten hat:

Welche Couch soll ich mir kaufen? Was koche ich mir morgen? Warum hat Person X so schlecht über mich gesprochen? Welche Pflanzen sind für meinen Garten geeignet? Welches Iphone passt am besten zu meinem Charakter?

Laut Wikipedia ist ein Problem...

...deren Lösung mit Schwierigkeiten verbunden ist. Probleme stellen Hindernisse dar, die überwunden oder umgangen werden müssen, um von einer unbefriedigenden Ausgangssituation in eine befriedigendere Zielsituation zu gelangen. Probleme treten in diversen Ausprägungen in allen Lebensbereichen und Wissenschaften auf.

Unsere Überflussgesellschaft, die zugleich massenhaft Armut produziert, wird von vielen banalen Dingen geplagt. Wer alles zu haben scheint, nur eben kein Glück, der konstruiert sein alltägliches Leben zu einer fernsehgerechten Soap, dessen Leben nähert sich dem Boulevard an. Millionen Menschen in Deutschland unterhalten sich täglich über Klatsch und Tratsch, Gerüchten, über Geld und Konsumartikel. Über vermeintliche Missverständnisse, Konflikte, schwierige Entscheidungen und banale Alltagshandlungen in Familie, Freundschaft und Lohnarbeit. Viele wollen auch keine konstruktiven Ratschläge oder echte Hilfe, wenn sie ihren Mitmenschen ihr angebliches Leid beichten, sie wollen Reden, um des Redens willen. Denn wer spricht, der ist nicht tot. Sie wollen eher Zustimmung, Aufmerksamkeit und sich in ein diffus wärmelndes gemeinsam‐klagen‐Gefühl einbuddeln. Meckern, jammern und tratschen als Selbstzweck in dem selbst erschaffenen Denkgefängnis.

Er glaubte nämlich, die Erkenntnis jeder Kleinigkeit, also z.B. auch eines sich drehenden Kreisels genüge zur Erkenntnis des Allgemeinen. Darum beschäftigte er sich nicht mit den großen Problemen, das schien ihm unökonomisch, war die kleinste Kleinigkeit wirklich erkannt, dann war alles erkannt, deshalb beschäftigte er sich nur mit dem sich drehenden Kreisel.

- Franz Kafka, Der Kreisel, Aus: Die Erzählungen, Fischer 2001, S. 383

Eine effektive Problembewältigungsstrategie setzt in der Regel auch den Willen voraus, für echte Veränderungen und für eine Horizonterweiterung offen zu sein. Nichts ist in Deutschland jedoch so verbreitet, wie das Festhalten an der eigenen Ignoranz und der eigenen Perspektive. Fatalismus und der Glauben an den Status Quo als Natur‐ und vermeintlich perfekten Gesellschaftszustand sind das Fundament der ewig nörgelnden Opferhaltung: ich rede, also klage ich.

Bei genauerer Betrachtung sind viele (Luxus-)Probleme, banale Nichtigkeiten, die davon ablenken sollen, wie leer und inhaltslos das eigene Leben eigentlich ist. Wenn der sich ständig wiederholende Alltagsstress, die Lohnarbeit, Geld, Konsum, das Fernsehprogramm oder das Gerede anderer Menschen, zum Hauptinhalt vieler sozialer Interaktionen wird, dann wird viel geredet, ohne etwas zu sagen. Häufig fehlt es, an lohnarbeits‐, geld‐ und konsumfernen Interessen und Leidenschaften, die oft einen selbstbestimmten und selbstdenkenden Prozess erst ermöglichen.

4 Gedanken zu “Problembeschäftigungstherapie

  1. Stimmt, ich habe gerade eine Freundin verloren, weil ich gedankenlosen Rassismus (sie ist es eigentlich nicht, plappert eben nur nach) nicht habe so stehen lassen wollen. Sie wollte eigentlich überhaupt keine Antworten von mir. Leider.

  2. Ob diese Denkgefängnisse jetzt wirklich selbstverschuldet sind, möchte ich anzweifeln. Vielleicht entspricht die nörgelnde Opferhaltung der Tatsache, dass die meisten Menschen ja auch in Teilen Opfer unserer Verhältnisse sind? Sich auf diffuse Weise korrekt als Opfer wahrnehmen, ihnen aber zB. durch mangelnde Bildung das geistige Rüstzeug fehlt, ihren Unmut richtig zu adressieren. Ersatznörgeln sozusagen.
    Wir leben in einer Bedarfsweckungswirtschaft, die uns mit subtiler Propaganda Mängel einredet in einer Zeit der Gegenaufklärung.
    Das gemeine Volk, das nicht zur Funktionselite bestimmt ist, soll nur so gebildet sein, dass es drei Kreuze unter den Knebel‐ oder Riestervertrag machen kann.
    Die so entstehende Leere wird mit Schwachsinn aus dem Fernsehen und Zeugs aus der Werbung gefüllt.
    Wer nicht mitmacht oder aus dem Rahmen fällt, dient nur als abschreckendes Beispiel und dient der Verstärkung des Herdentriebes als Opferlamm durch Ausgrenzung.
    Warum sollte ein Individuum seinen sozialen Tod wählen?
    Also seinen Mitmenschen mit Politik oder Philosophie auf die Nerven gehen, wenn die maßgeblichen Fragen, die uns beschäftigen sollen, sich darum drehen sollten, ob diese oder jene Marke den eigenen Style verkörpert?
    Wer es nicht schafft, den passenden Mittelweg zwischen oberflächlichem Narzissmus, der ja im Augenblick Ziel unserer Lebensweise zu sein scheint, und Tiefe darzustellen, wird schwerlich noch normale Leute um sich haben und führt bestenfalls Selbstgespräche.
    Wer nicht wenigstens einige Grundzüge und Gepflogenheiten der Gegenwartsunkultur in sich vereinigt, wird gar nicht als Mensch wahrgenommen, gilt als Querulant, oder schlimmer noch als Kommunist.

  3. Wer nicht wenigstens einige Grundzüge und Gepflogenheiten der Gegenwartsunkultur in sich vereinigt, wird gar nicht als Mensch wahrgenommen, gilt als Querulant, oder schlimmer noch als Kommunist.

    Da gebe ich Dir völlig recht. Übrigens: bei meinem letzten Vorstellungsgespräch nannte mich der Personaler einen »Querulanten«. Überraschenderweise habe ich die Stelle aber trotzdem bekommen. Dies dürfte jedoch eine Ausnahme gewesen sein. Querulanten, also Menschen die viel nachdenken, hinterfragen und kritisieren, sind, nicht nur im sozialen, sondern auch auch in der Lohnarbeitswelt, weniger gern gesehen.

  4. @ epikur

    »Querulanten...«

    In der Arbeitswelt werden sie sogar gezielt aussortiert , zumindestens ist das mein Eindruck.
    Was zu dem absurden Umstand führen könnte , daß die konstruktiven Widerstände in der Gesellschaft wachsen , wenn die Arbeitslosigkeit deutlich sinkt , und nicht umgekehrt , wie immer behauptet wird.

    Viele im Volk , aber nicht alle sind bescheuert .
    Wer selbstständig denkende Menschen aus ihren Nischen drängt , wird dafür die Quittung erhalten.
    Und genau das geschieht im Moment , Druck auf Arbeitslose , Bologna‐Prozeß , G 8 , Abschaffen kritischer Medien‐Inhalte, kulturelle Verflachung usw.usw.

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