Kinder in Deutschland; Teil 44: »Problemkinder«

Das Web ist voll mit Artikeln und (Blog-)Beiträgen von Lehrern, Eltern und Redakteuren, welche die Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten von Kindern gerne verdrängen, verleugnen und verschweigen. Ganz im Zeitgeist der Eigenverantwortung, sollen schon 6 bis 18 Jährige vollkommen selbst dafür verantwortlich sein, wenn sie regelmäßig Grenzen überschreiten, keine Höflichkeit mehr kennen, respektlos und/oder komplett unselbstständig sind, Sprach-Schwierigkeiten haben, sozial-emotionale Defizite besitzen, ein gestörtes Nähe-Distanz-Verhalten aufweisen, Wahrnehmungsprobleme zeigen und so weiter. Der Grundtenor lautet meist: »Es sind nicht immer wir Eltern schuld!« »Doch«, sage ich! In 80 Prozent aller Problem-Fälle wird nicht erzogen, sondern verzogen. :JAJA:  

»Wenn dann abgeklärt wurde, dass nicht die Eltern „schuld“ sind, welch Sinnfrage, sondern das Kind eine Aufmerksamkeitsdefizit-Störung hat, kommt erst einmal die große Erleichterung und häufig der Wunsch es ohne Medikamente wie Ritalin zu versuchen«

Blog, kristina.jetzt

»Lukas passt in dieses Muster. Er habe in der Schule zu viele Probleme gemacht, sagt er selbst. Scheiben eingeschlagen, Lehrer gehauen, Mitschüler bedroht. Er sei gemobbt und provoziert worden.«

spiegel.de vom 30. Juli 2017

»Problemkinder: Es sind nicht immer nur die bösen Eltern

rhein-zeitung.de vom 19. Juli 2017

Schwierige Kinder?
Was ist eigentlich ein »Problemkind«? Als »Problemkinder« werden umgangssprachlich alle Kinder bezeichnet, die in irgendeiner Form verhaltensauffällig sind. Kinder, die nicht der Norm entsprechen. Die im Kita- oder Schulalltag nicht so funktionieren, wie die Erwachsenen es von ihnen erwarten. Pädagogen sprechen hier meist vom Integrationsstatus (I-Status), vom erhöhten Förderbedarf oder (politisch korrekt und euphemistisch ausgedrückt) von »verhaltensoriginellen Kindern«. Je nach Perspektive, Analyse und Wertesystem, werden solche Kinder entweder als besonders begabte Individuen, als dysfunktionale Störenfriede oder als herangezüchtete Tyrannen betrachtet.

Fest steht, dass weder Lehrer, noch Pädagogen eine Diagnose aufstellen oder den Kindern einen Förder-Bedarf-Stempel (I-Status) verpassen, wie es Eltern häufiger vorwurfsvoll formulieren. Lehrer und Pädagogen beobachten intensiv, beraten sich im Team und dokumentieren ausführlich, bevor sie den Eltern den Rat geben, das sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) aufzusuchen, um Auffälligkeiten beim Kind untersuchen zu lassen und einen erhöhten Förderbedarf zu beantragen. Dazu gehört nicht nur ein intensiveres Arbeiten mit dem Kind in Kita, Hort oder Schule, sondern womöglich auch Logopädie, Ergotherapie oder Nachhilfe-Unterricht.

Schwierige Eltern!
In der täglichen Arbeit mit rund 400 Kindern in einem Schulhort, erlebe ich fast täglich Situationen, Gespräche und Vorfälle, die auf fragwürdige Erziehungsmethoden schließen lassen. Ich könnte ganze Bücher damit füllen, wie respektlos sich Eltern teilweise von ihren Kindern behandeln lassen, wie wenig Bedeutung sie der Werteerziehung beimessen, welche übertriebenen Erwartungen sie an Kindergarten, Schule und Hort stellen, wie sie ihre Kinder überbehüten oder vernachlässigen und wie sie gleichzeitig von zahlreichen (oft völlig übertriebenen) Ängsten beherrscht werden. Dazu gehören beispielsweise:

  • Ihr Kind könnte auf dem Weg zur Schule weggeschnappt werden.
  • Ihr Kind könnte überfahren werden.
  • Ihr Kind könnte nicht als hochbegabt anerkannt werden. Schlechte Leistungen des Kindes seien nur schlechte Bewertungen des Lehrers.
  • Ihr Kind könnte gemobbt und ausgegrenzt werden.
  • Ihr Kind könnte außerhalb der Schule kein Interesse an einem Musikinstrument, einer neuen Sprachen oder einer Vereinssport-Aktivität aufbringen.

Oft muss ich die Kinder an die Regeln im Hort und an den respektvollen Umgang miteinander erinnern, während ihre Eltern daneben sitzen und schweigen. Oft muss ich beobachten, wie Kinder ihre Eltern steuern. Es gibt Eltern, die sprichwörtlich alles für ihre Kleinen machen und gleichzeitig jede Art und Form von Problem und Konflikt systematisch ignorieren und verleugnen. Und obwohl wir Pädagogen in der Beobachtung von Kindern sachlich und wertfrei bleiben (wollen und müssen), so bewegt man sich in der Kommunikation mit Eltern selten auf der Sachebene. Viele Eltern fühlen sich sehr schnell persönlich angegriffen, schmollen oder schalten auf Durchzug.

Auch wenn ich betonen muss, dass die Zusammenarbeit mit den meisten Eltern hervorragend klappt. Denn auch nur so kann man den Kindern die bestmögliche Förderung und Hilfe zukommen lasssen.

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Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen 43 Folgen können im ZG-Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden. Eine Auswahl bisheriger Teile:

Teil 37: Die Übermutti
Teil 33: Großeltern
Teil 26: Elternängste
Teil 20: Konsequenzen

6 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 44: »Problemkinder«

  1. Kleine Bemerkung zu Deinem sehr gelungen Beitrag dem ich vollkommen zustimmen kann.

    Mikroplastik im Blut ist nicht nur für Unfruchtbarkeit bei Jungen/Männern verantwortlich sondern ist auch ein Auslöser für ADHS und Superaggression.
    Vielleicht sollten die Jungen Eltern auch mal darüber nachdenken ob sie nicht zu viel Plastik und damit gefährliche Weichmacher in ihrem Wohnraum haben.

  2. @OHO

    Danke. Und ja, solche Ursachen werden wohl eher selten thematisiert werden. Ebenso das starke Zunehmen von Allergien bei Kindern. Umwelt- und Lebensmittelgifte können das natürlich nicht sein. Schließlich gibt es hierfür keine stichhaltigen Beweise, also Forschungsergebnisse. Aber wer würde so eine Forschung überhaupt finanzieren wollen?

  3. Ich bin mir gerade nicht schlüssig, ob mit dem Thema Mikroplastik die kleinsten Partikel gemeint sind, die durch Zersetzung von Plastik durch den fahrlässigen Eintrag in die Umwelt entstehen oder bewusst in der Herstellung angewandt werden, in Kosmetika, Weichspülern, Sonnenschutzmitteln, bei der Herstellung von ultraleichten und sehr stabilen Stoffen und dort Nanotechnologie genannt werden.

    Was Nanopartikel betrifft, so können sie die Schutzbarrieren des menschlichen Körpers u.U. sehr leicht durchdringen, was insbesondere die Gehirnschranke des Menschen betrifft , welche eigentlich gegen das Eindringen von toxischen Stoffen sehr gut geschützt ist.

    »Schon jetzt deutet einiges darauf hin, dass gewisse Nanomaterialien das Potential haben, gesundheitliche Schäden hervorzurufen. Diese sind höchstwahrscheinlich nicht von akuter, sondern von chronischer Natur, und es könnte längere Zeit dauern, bis sie sich manifestieren. Darin liegt das eigentliche Risiko für die Versicherer. In diesem Sinne ist auch der Vergleich mit Asbest zu verstehen.«

    Swiss Reinsurance Company — Nanotechnologie Kleine Teile — große Zukunft? — Zürich 2004

  4. Hier noch nen Lesetip:
    https://www.global2000.at/buch-die-akte-glyphosat

    https://www.transcript-verlag.de/978–3-8376–3965-0/am-tropf-von-big-food/

    Es gibt noch viel mehr Literatur mit Stichhaltigen Beweisen, aber es ist etwas mühevoll diese zu finden.
    Das was hier im Beitrag beschrieben wurde sind ja nur die Folgeerscheinungen wenn sich über die Gesundheit der »Bevölkerung« also der Menschen hinwegsetzt wird und diese keine Rolle spielt weil der Profit an erster Stelle steht.

    PS: ich kann nicht mehr Kommentieren wenn ich über das Tornetzwerk zu eurer Seite komme. Solltet ihr mal überprüfen.

  5. Ihr wisst aber schon, dass die sogenannten Problemkinder nur so genannt werden, weil sie sich an einem kranken System nicht anpassen können. Also, wer oder was ist hier das Problem?

  6. @Ruby

    Ja, das ist durchaus ein Argument. Gerade unser Schulsystem produziert systematisch Angst, Depressionen und Burnout. Man will aber um jeden Preis daran festhalten, auch wenn etliche Studien schon festgestellt haben, dass man so nicht einmal die bestmögliche »Verwertbarkeit der Arbeitskraftware Mensch« gewährleisten kann.

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