Krieg ist Frieden

Spiegel Online vom 26. Oktober 2015

Spiegel Online vom 26. Oktober 2015

Ein bedenklicher Fall von PR‐Geschichtsfärbung liefert -mal wieder‐ Spiegel Online ab. Dabei geht es diesmal weder um die regelmäßige Dämonisierung von Putin‐Russland, die Hetze gegen Linke, noch um die Verharmlosung von TTIP oder der internationalen NSA‐Überwachung. Es wird gemenschelt. Personalisiert. Emotionalisiert. Der Wahnsinn von rund 5 Millionen ermordeten Vietnamesen, das flächendeckende Einsetzen von Napalm und »Agent Orange« sowie dutzende Massaker von US‐Soldaten an Zivilisten, wird auf das Schicksal von Kim Phuc heruntergebrochen. Das schreiende, mit Napalm benetzte Mädchen auf dem Foto, dass den Widerstand gegen den Vietnamkrieg verstärkt hatte. Nun wird sie für US‐Marketing‐ und PR‐Zwecke instrumentalisiert, um Versöhnung und Entschädigung zu suggerieren, die es nicht gibt:

»Phuc ist derzeit bei einer Ärztin in Miami in Behandlung.«

In Miami, den USA. Bis heute gibt es keine Entschädigungszahlungen, noch eine Entschuldigung seitens der USA für das Grauen, den Schrecken und die Verwüstungen, die in Vietnam angerichtet wurden. Kim Phuc bekommt eine Laserbehandlung, damit ihre Narben verheilen. Ein symbolischer Gnadenakt? Bezeichnenderweise ist die Kommentarfunktion bei diesem Artikel abgeschaltet.

Die USA und die Roten Khmer

khmer_titelEin aktueller Artikel aus den »Blättern«, Ausgabe April 2015, von Nando Belardi mit dem Titel »Kambodscha: Genozid: ohne Täter?« thematisiert den Massenmord der Roten Khmer an der eigenen Bevölkerung im Zuge ihrer Gewaltherrschaft in den Jahren 1975 bis 1978. Hier sollen mehr als zwei Millionen Menschen ermordet worden sein. (Neo-)liberale und Konservative bezeichnen die Roten Khmer oft als »Steinzeitkommunisten«, um sozialistische Ideen nicht nur als rückständig, sondern auch als barbarisch zu diffamieren. Ob die Roten Khmer der kommunistischen oder sozialistischen Tradition überhaupt zugeordnet werden können (oder nicht doch eher dem Faschismus), soll heute nicht mein Thema sein. Mir liegt es außerdem fern, die unvorstellbaren Gräueltaten der Roten Khmer zu relativieren. Interessant ist jedoch die Rolle der USA damals, die gerne verschwiegen oder verharmlost wird. Weiterlesen

Martin Luther King

»Kings wahre Botschaft ist heute politisch höchst brisant. Denn Martin Luther King sprach sich nicht gegen ein garantiertes Mindesteinkommen aus, sondern dafür; er redete nicht bloß Konzerninteressen das Wort, sondern unterstützte offen gewerkschaftliche Kämpfe. King wollte keinen untätigen Nachtwächterstaat, der, seine sozialen Verpflichtungen abstreifend, nur den Reichen nützt, sondern forderte massive sozialstaatliche Programme gegen die Armut.«

- Albert Scharenberg, »der unvollendete Traum«, Blätter, Ausgabe August 2013, S. 116

Anmerkung: Am 28. August 2013 ist der 50. Jahrestag des March on Washington. Das gesamte Wirken des schwarzen Bürgerrechtlers wird in vielen Medien auf seine »I have a dream« – Rede reduziert werden. Ganz so, als sei er ein verträumter Romantiker gewesen, der einfach nur wollte, dass sich alle Menschen wieder lieb haben. Dabei hat King auch die wirtschaftliche und soziale Benachteiligung der Afroamerikaner kritisiert und den Vietnamkrieg verurteilt. Er galt den Herrschenden als Störenfried, er wurde vom FBI überwacht und man versuchte mit einer breit angelegten Schmutzkampagne seine Autorität zu untergraben. Am 4. April 1968 wurde er schließlich erschossen. Und jetzt, da wir einen schwarzen US‐Präsidenten haben, wird die Geschichtsklittung einen neuen Höhepunkt erreichen.