Geistige Wohlstandsverwahrlosung

wohlstand_titelWir haben zwar immer mehr Massenarmut und Massenobdachlosigkeit, aber gleichzeitig auch eine radikale Mitte, die unbedingt in spätrömischer Biedermeier-Pseudo-Dekadenz verwöhnt werden will. Wer einmal das Glück hatte, in einem Urlaubsort zu sein und/oder länger in einer Touristengegend war, weiß, dass die „Idiocracy“ eine ganz reale Dystopie ist. In Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen tummeln sich Horden von spaßbefreiten Urlaubern, die oft einfach gar nichts tun, außer vor sich hin zu schimmeln. Sie bezahlen fast jeden Preis („ist ja schließlich Urlaub!“), murren und meckern aber gleichzeitig über jeden Fliegenschiss:

  • „Das Essen heute war eigentlich ganz okay. Auch wenn die Nudeln etwas zu weich waren!“
  • „Ständig muss man hier auf den Fahrstuhl warten! Können die nicht mal einen zweiten installieren?“
  • „Wieso muss es heute wieder zu (wahlweise) kalt, warm, trocken, windig, nass oder heiß sein?“
  • „Die Frau an der Rezeption hätte ruhig mal lächeln können!“

Während überall auf der Welt Menschen elendig krepieren, verhungern oder erschossen werden, diskutiert der teutsche Touristen-Michel realitätsfremd und pseudo-dekadent, über Essen, Wetter und Urlaub. Schließlich habe man das ganze Jahr über für den Profit der Reichen hart geschuftet. Und nun möchte man einmal selbst irgendwie Chef spielen. Wenn auch nur für einige Wochen. :JAJA:

Schmerzbefreite Dekadenz

Nach einer wahren Begebenheit in einem Bus der öffentlichen Nahverkehrsbetriebe in Berlin Steglitz im März 2015. Vor mir saßen zwei Jugendliche, nicht älter als 15 Jahre, die sich über folgendes unterhielten:

Junge:
Ich war gestern mit meinen Eltern Sushi essen, hat zwar ganz gut geschmeckt, aber die Bedienung war voll unfreundlich. Hat nicht einmal gelächelt. Den Laden habe ich dann auf yelp.de auch voll schlecht bewertet. Danach waren wir noch Bowling spielen, aber das war mir irgendwie zu laut dort. Und was hast Du gestern gemacht?

Mädchen: Ach, wir waren auf einem Indoor-Kletterpark. War zwar total teuer, aber meine Eltern haben ja bezahlt, hihi.

Junge: Hat es wenigstens Spaß gemacht?

Mädchen:
Nö, überhaupt nicht. Hab mich voll gelangweilt. Da gab’s einen, der uns alles erklärt hat, der war voll häßlich. Danach waren wir noch indisch essen, in so einem Nobel-Schuppen.

Junge: Und wie hat es Dir geschmeckt?

Mädchen:
War irgendwie nicht cool.

Laut dem Kinderschutzbund lebt jedes dritte Kind in Berlin unterhalb der Armutsgrenze. Und einige wenige existieren offenbar in einem Glasbunker-Paralleluniversum, ohne einen Funken von Demut.