Schmerzbefreite Dekadenz

Nach einer wahren Begebenheit in einem Bus der öffentlichen Nahverkehrsbetriebe in Berlin Steglitz im März 2015. Vor mir saßen zwei Jugendliche, nicht älter als 15 Jahre, die sich über folgendes unterhielten:

Junge:
Ich war gestern mit meinen Eltern Sushi essen, hat zwar ganz gut geschmeckt, aber die Bedienung war voll unfreundlich. Hat nicht einmal gelächelt. Den Laden habe ich dann auf yelp.de auch voll schlecht bewertet. Danach waren wir noch Bowling spielen, aber das war mir irgendwie zu laut dort. Und was hast Du gestern gemacht?

Mädchen: Ach, wir waren auf einem Indoor‐Kletterpark. War zwar total teuer, aber meine Eltern haben ja bezahlt, hihi.

Junge: Hat es wenigstens Spaß gemacht?

Mädchen:
Nö, überhaupt nicht. Hab mich voll gelangweilt. Da gab’s einen, der uns alles erklärt hat, der war voll häßlich. Danach waren wir noch indisch essen, in so einem Nobel‐Schuppen.

Junge: Und wie hat es Dir geschmeckt?

Mädchen:
War irgendwie nicht cool.

Laut dem Kinderschutzbund lebt jedes dritte Kind in Berlin unterhalb der Armutsgrenze. Und einige wenige existieren offenbar in einem Glasbunker‐Paralleluniversum, ohne einen Funken von Demut.

7 Gedanken zu “Schmerzbefreite Dekadenz

  1. Dass die beiden Bus (Transportmittel der Unterschicht) fuhren, passt aber nicht so recht ins Bild. Hoffentlich wurden Sie da nicht von ihren coolen Altersgenossen gesehen...?! :d

    Aber: den wenigen 15‐jährigen, die nicht an der Armutsgrenze vegetieren würde ich sowas jetzt nicht unbedingt vorwerfen, die sind in der Tat nur das Produkt ihrer Eltern bzw. dieser Gesellschaft. Und welcher 15‐jährige lebt nicht in seinem eigenen, abgeschotteten Parallel‐Universum?! ;) Wahrscheinlich als Eltern hauptberuflich schwer malochender Karrierehengst und -stute, die ihre Kinder meist nur ein paar Stunden nach Feierabend zu Gesicht kriegen. Dann versucht man halt, den Blagen was »außergewöhnliches« zu bieten. Wobei ich Indisch / Sushi spachteln und einen Kletterparkbesuch / Bowling jetzt nicht als besonders »exklusiv« betrachte, klingt nach klassischer Mittelschicht. Wahrer Luxus, wahre Dekadenz verwöhnter Gören aus der Oberschicht sieht wahrlich anders aus. Buchtipp dazu »Gestatten, Elite«.

    Und der Begriff »Demut« bedarf auch generell einer differenzierten Betrachtungsweise...

  2. Wobei ich Indisch / Sushi spachteln und einen Kletterparkbesuch / Bowling jetzt nicht als besonders »exklusiv« betrachte

    Für vier Personen legst Du dafür mal locker 200 Euro und deutlich mehr auf den Tisch. Das ist für Millionen von Kindern in Deutschland heutzutage schon »Luxus«. So traurig das ist. Und sicher, nach »oben« ist noch viel Platz, nach unten hin aber auch ;)

  3. ...und bitte nicht ganz ausser Acht lassen:
    Die Gören klopfen Sprüche, dass sich die Balken biegen.
    Die haben längst kapiert, dass man mit Sprüchen weiter kommt, als wenn man die Wahrheit sagt‐ leider

  4. Tja‐woher soll die Demut auch kommen,wenn man alles in den Allerwertesten geschoben bekommt.
    Ein Wunder,dass die überhaupt noch per Sprache kommuniziert haben.
    Normalerweise glotzen die doch nur noch auf ihre Scheiss Displays bzw. sind mittels Kopfhörern von der Aussenwelt abgeschottet.

  5. Dennis 82 und Seismograph haben Recht , die renommieren bloß.
    Gibts oft im ÖPNV , was man da teilweise so aufschnappt , erfüllt nicht selten den Tatbestand der verbalen Körperverletzung.

    Dazu Kabarettist Bernd Regenauer:

    »Experten sagen dieser Generation eine Lebenserwartung von 100 Jahren voraus -
    — Wozu?«

  6. Immerhin werden Sie auch im hohen Alter alle dicke Titten und lange Schwänze haben, nur wird dann auch keiner mehr wissen, wozu das gut ist.

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