»Meinungs‐ und Pressefreiheit«

Kein seltenes Bild auf zeit.de.

Immer wenn Journalisten, Verlage und Presse‐Eigentümer sich selbst und ihre Branche auf diversen Veranstaltungen feiern (»Wir sind die Wahrheitspresse!«), loben sie die hohe Meinungs‐ und Pressefreiheit in Deutschland. Fernab der täglichen Realität in den Redaktionen, wo Copy&Paste-Agenturmeldungen, Selbstzensur, SEO‐Druck, werbekonformes Texten sowie Tendenzschutz herrschen, kann auch jeder selbst beobachten, wie ihre Online‐Partner mit Meinungsfreiheit wirklich umgehen.

Abweichende Kommentare zu den Themen‐Bereichen Sexismus, Syrien, Feminismus, Putin/Russland, NATO, Ukraine‐Konflikt, AfD oder Flüchtlinge, werden nur noch sehr selten geduldet. Ganz aktuell ist auch die sehr einseitige Berichterstattung zum Thema Venezuela. Geostrategische Machtinteressen sowie neoliberale Narrative sollen in die Köpfe gehämmert werden. Darüber hinaus wird auch auf Facebook und Google fleißig gelöscht und zensiert. Eine kleine Rundreise unserer Online‐Meinungsfreiheit.

Wenn die Frankfurter Rundschau sich nicht mit abweichenden Meinungen auseinandersetzen will, hört sich das so an:

»Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion«

Spiegel‐Online öffnet die Kommentar‐Sektion nur bei bestimmten, meist eher belanglosen oder boulevardesken, Beiträgen: »Bezos und pikantes Privates Amazon crime: Jeff Bezos lässt sich scheiden — und wehrt sich gegen das Klatschblatt National Enquirer.« Zur ihrer eigenen Kommentarfunktion schreibt die Redaktion (auch hier keine Kommentare zugelassen!):

»Ob politische Entscheidungen, Lebensgefühle oder Skandale — viele Leser haben eine klare Meinung zu den Nachrichten und jeder darf sie äußern.«

Was natürlich glatt gelogen ist, wenn bei vielen Themen erst gar keine Kommentarfunktion freigeschaltet wird! Typische Gegen‐Argumente sind dann immer das »Hausrecht«, »Troll‐Postings«, »Hass‐Kommentare« sowie der große »Moderationsaufwand«. Seltsam nur, dass diese Argumente bei Boulevard‐Themen keine Rolle spielen. Sascha Lobo behauptet dann an anderer Stelle in einer Spiegel‐Online‐Kolumne:

»Die Deutsche Welle schaltet die Kommentarfunktion unter ihren Beiträgen weitgehend ab. Das wirkt hilflos. Dabei können Leserkommentare wertvoller sein als Gold

Ja, lieber Sascha! Aber genau diese Plattform, für die Du da schreibst, sperrt häufig ganz gezielt die Kommentar‐Sektion. Warum sagst Du dazu komischerweise gar nichts? ;)

Google erhielt 2016 über eine Milliarde Löschanfragen

Im Januar 2015 hat die Online‐Variante der Süddeutschen Zeitung ihre Kommentarfunktion komplett geschlossen. Diskussionen sind fortan nur noch im Forum, auf Facebook und via Twitter gestattet, aber eben nicht mehr direkt unter den Artikeln. So wird der Widerspruch, das Gegenargument und die alternative Sichtweise zum jeweiligen Beitrag direkt ausgelagert. Die Entscheidung hatte natürlich auch rein gar nichts mit dem heftigen Gegenwind bei der Berichterstattung zur Flüchtlingsproblematik, Putin/Russland oder dem Ukraine‐Konflikt zu tun. Denn Michael Moorstedt betont: »Donald Trump und Internet‐Kommentare haben vieles gemeinsam: Beide sind schrill, selbstgerecht und dummdreist.« Aber wir SZ‐Journalisten haben euch Leser natürlich trotzdem lieb: »neben allen technischen und redaktionellen Neuerungen soll einer immer im Vordergrund stehen: Sie.« :JAJA:

Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) kann man zwar Leserbriefe und -Meinungen schreiben, allerdings müssen diese den FAZ‐Richtlinien entsprechen:

  • Registrierung mit echtem Namen/Klarnamen. Pseudonyme sind nicht gestattet.
  • Links‐ und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf‐ und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden.
  • Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren.

Dementsprechend überschaubar sind auch die Kommentare bei der FAZ. Denn was als links‐ oder rechtsradikal, ruf‐ oder geschäftsschädigend eingeordnet wird, entscheidet letztlich ganz subjektiv der jeweilige FAZ‐Moderator. Interessant ist, dass die FAZ sich nicht zu schade war, den Leser, als mystisches Wesen entsprechend zu huldigen: »Hass im Netz: Ich bin der Troll.« Don Alphonso, der jahrelang bis Ende März 2018 für die FAZ gebloggt hatte, bringt es auf den Punkt:

»Ein Internet ohne Kommentare ist möglich, aber sinnlos. [...] Es gab einige sehr freundliche Angebote zur Fortführung des Blogs bei anderen Medien, allerdings oft unter dem Hinweis, man hätte gern die Texte, aber nicht die Kommentare

Bei der TAZ darf zwar grundsätzlich jeder(innen) kommentieren, in ihrer Netiquette betonen sie jedoch, dass sie keine Verschwörungstheorien, Populismus und Sexismus akzeptieren. Außerdem verdeutlichen sie, dass sie Kommentare nicht freischalten, die »unverständlich, zusammenhanglos und nicht weiterführend sind«. Und wer entscheidet das? Am Ende gilt auch hier wieder die subjektive Willkür der Moderatorinnen. Ganz ohne Transparenz. Denn gerade bei Leser‐Kritik am radikalen Feminismus, Gender‐Blabla und SJW, wird hier schnell mal die Sexismus‐Keule geschwungen, wie man in der Vergangenheit bei der TAZ schon häufiger sehen konnte.

Fazit
Ja, es gibt sie, die Trolle und Hass‐Kommentare. Aber eben auch die journalistische Angst vor dem Verlust der Meinungs‐ und Deutungshoheit. Und wie so oft, wird die Demokratie, die Meinungs‐ und Pressefreiheit gerne und oft öffentlich beschworen und gefeiert — nur gelebt wird sie eher selten. Denn dazu gehört eben auch, abweichende Meinungen -besonders vom neoliberalen Narrativ‐ aushalten zu können.


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3 Gedanken zu “»Meinungs‐ und Pressefreiheit«

  1. Früher konnte man eine Zeitung nur lesen. Man konnte dann einen Leserbrief schreiben und mit sehr viel Glück wurde dieser sogar in der nächsten Ausgabe abgedruckt. Ich fand das so OK.
    Wenn ich mir https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Demokratie-kann-man-nicht-herbeibomben/forum-420080/comment/
    so ansehe, verstehe ich nur nicht, warum man das Kommentieren nicht generell abstellt. Es schafft Bullshitjobs in Redaktionen, die sich den ganzen Schmonsens auch noch anschauen müssen, aber sonst? Ich glaube nicht, dass es mich sonderlich bereichert, alle der 5000 Kommentare zum Artikel zu kennen.
    Oftmals führt das auch zu falschen Annahmen, wenn man z. B. davon ausgehen würde, dass der Kommentarteil ein relevantes Meinungsbild der Mehrheit wiedergibt. Natürlich können einzelne Kommentare auch ergänzend oder lehrreich sein. M. E. ist das jedoch die absolute Ausnahme.

    Wenn man den Artikel unbedingt auf seine Art diskutieren will, eignen sich doch Microblogservices u. a. dafür, zumal die meisten ohnehin nur hastig mit dem Handy kommentieren. Die ganzen Kommentarbots, die zu jedem Artikel immer den gleichen Sermon rausrotzen, machen das nicht erträglicher.
    Das wäre ein Stück Meinungsfreiheit, was mir nicht fehlen würde.

    Das Artikel je nach Zeitung durchaus propagandistische Züge tragen können, ist ja durchaus i. O.. Neutralität ist dem Menschen nur selten gegeben. Wenn ich in der Jungen Welt lese, weiß ich, dass das Infotainment eine andere Spielwiese ist, als bei der Jungen Freiheit. Wenn ich das nicht möchte, lese ich das einfach nicht.
    Wenn ich die reinen News will, kann ich ja auf die Nachrichtenagenturen ausweichen.

  2. In einer Hinsicht kommt mir das Verhalten ein bisschen verständlich vor (ohne jetzt dafür eine Lanze brechen zu wollen): Veröffentliche eine Meinung auf irgendeiner einigermaßen häufig gelesenen Plattform, und schnell hast du irgendeinen findigen Abmahnanwalt am Hals, der dir sonstwas für einen Vorwurf unterbreitet (egal wie weit er an den Haaren herbeigezogen ist). Den Ärger wollen sich sicherlich die großen Medien sparen, es könnte schließlich auch manchmal Geld kosten (sie hosten ja schließlich die Kommentare und halten sie für die Öffentlichkeit zugänglich, also ist es ihr Problem, wenn es damit rechtlich Ärger gibt.
    Das ist aber eher ein Aspekt, der im Verlaufe der Zeit gewachsen sein sollte.
    Als das mit dem Ukraine‐Konflikt los ging, und diese Art der Zensur zum ersten Mal (?) so offen in Erscheinung trat, da haben die großen Medien, Zeitungen und Verläge eine Menge negative Resonanzen bekommen, so viel sind sie einfach gewachsen gewesen. Vielleicht auch nicht darauf vorbereitet (hatten anderers erwartet).
    Das hinterlässt irgendwann seine Spuren... Und es ist ja nicht so, als wenn nicht mit der Zeit neue Themen hinzukamen, bei denen das ähnlich lief.
    Die Büchse der Pandora ist jetzt offen, weil sie das sein muss. Dieser Laden... kann sich sonst nicht mehr als verkaufsfähig präsentieren. Darum brauchen die das.
    (Ich rätsele gerade darüber, ob das auch 2006 ähnlich derb ablief... Derb war es allemal, aber so derb? Ich weiß es einfach nicht mehr oder kann es nicht einschätzen.)

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