Liebe Massenmedien...

...seit einiger Zeit beklagt Ihr euch über den Rückgang an Lesern und den damit verbundenen finanziellen Verlusten durch weniger Kioskverkauf und Anzeigen. Die Frankfurter Rundschau hat Insolvenz angemeldet, die Financial Times ist pleite und auch der »Spiegel« will Personal abbauen. Zudem hat der Berliner Verlag (»Berliner Zeitung«, »Berliner Kurier«) einen Abbau von bis zu 86 Stellen angekündigt.

Ihr gebt vor allem dem Internet und der hiermit unterstellten »Gratismentalität« die Schuld dafür. Ihr betont, eure wichtige Rolle als sog. »vierte Gewalt«, als Meinungs‐ und Bildungsmedium. Mitleid mit euch sollte man dennoch nicht haben. Ihr habt es schon lange aufgegeben, den Bürger ernst zu nehmen und ihn umfassend zu informieren und aufzuklären.

Seit Jahren macht ihr primär Hofberichterstattung und bedient euch vorrangig bei den Nachrichtenagenturen oder bei anderen Medien. Ihr schreibt massenhaft ab und um, kultiviert eure Tabuthemen und Kopfscheren, fühlt euch vor allem den Anzeigenkunden, der Politik, euren Chefredakteuren und den großen Verlagen verpflichtet, zensiert Kommentare auf euren Webseiten und habt keinerlei Interesse an einer schonungslos ehrlichen Selbstreflektion.

Werbefinanzierte Meinungsfreiheit
Zeitungen und Magazine existieren zum großen Teil nur, weil sie anzeigenfinanziert sind. Die Abo‐ und Verkaufszahlen sind meist weniger relevant. Eure Abhängigkeit von der Werbewirtschaft, also von Unternehmen und Konzernen, wird bei euren Anzeigenpreisen offensichtlich. Ihr seid ein Gewerbe und somit in erster Linie euren Kunden verpflichtet.  Einige Beispiele aktueller Mediadaten:

  1. »BILD«: halbseitig 270.000 Euro, ganzseitig rund 433.000 Euro pro Tag.
  2. »Berliner Zeitung«: farbig, ganzseitig, stolze 30.000 Euro pro Tag.
  3. »Die Zeit«: ganzseitig, schwarz‐weiß, knapp 52.000 Euro pro Ausgabe.
  4. »Spiegel‐Online«:  festes Wallpaper auf der Homepage, 77.000 Euro pro Tag.

Auflage, Reichweite und Leserzahlen sind eure Währung, mit der Ihr üppige Anzeigenpreise verlangen könnt. Sinken Auflage und Leserzahlen, so sinken auch eure Anzeigenpreise, ergo: Ihr nehmt weniger ein. Demzufolge ist es euch, als Gewerbetreibende, schon immer ein Anliegen gewesen, möglichst viele Ausgaben zu drucken und möglichst viele Leser in der ausgewählten Zielgruppe zu erreichen. Heraus kommt inhaltlich der kleinste gemeinsame Nenner. Belanglose Allgemeinplätze, die man auch gleich bei den Nachrichtenagenturen selbst lesen kann, anstatt eure Zeitung kaufen zu müssen. Täglich beliefert Ihr uns mit absoluten Topmeldungen.

by epikur

Gleichzeitig wollt Ihr natürlich eure Geldgeber nicht mit zu viel Kritik verschrecken. Denn das Kapital ist ein scheues Reh. Es wird sein Geld nicht dort investieren, wo es mit Aufrichtigkeit, Transparenz und der unbequemen Wahrheit konfrontiert wird. Ihr Chefredakteure und Verlagsbosse lasst eure Journalisten lieber über Klischees, Vorurteile, Banalitäten, Infotainment, Klatsch und Tratsch sowie Stereotypen schreiben. Grundsatzfragen zu stellen oder intensive Nachforschungen zu betreiben, kostet nicht nur viel Zeit und Personal, es könnte auch Sachverhalte ans Tageslicht bringen, die lieber unerwähnt bleiben wollen. Letztendlich seid Ihr ein Sprachrohr der Reichen und Mächtigen und weit davon entfernt, den Bürgern zu dienen oder gar Aufklärung zu betreiben.

Gleichschaltung
Ob es von oben verordnet wird oder ob Journalisten sich freiwillig anpassen, ist für den Leser am Ende nicht mehr relevant (Diskussion hierzu beim Öffinger). Vermutlich trifft beides zu: interne Redaktionslinien und Selbstzensur von Journalisten. Gerade von euch Journalisten verlange ich mehr Mut. Ihr seid heute zum großen Teil ein opportunistischer und feiger Haufen. Ihr übt euch täglich im vorauseilenden Gehorsam und habt das journalistische Ethos, der wertfreien und objektiven Berichterstattung, völlig über Bord geworfen und schwimmt stattdessen lieber in der warm‐schleimigen neoliberalen Einheitssuppe mit. Ohne jegliches Schamgefühl kopiert Ihr ganze Texte (samt Headline!) und gebt euch gleichzeitig als Qualitätsjournalisten aus:

Der Leser in Deutschland hat es mit einer zunehmend gleichgeschalteten Presse zu tun. Ob Welt, Zeit, Spiegel, Süddeutsche, BILD, Handelsblatt oder TAZ: ein vergleichender Blick in eure Online‐Ausgaben verdeutlicht jedem, dass Ihr primär bei den Nachrichtenagenturen AP, dpa, afp und so weiter ab‐ und umschreibt. Ihr lasst euch von PR‐Agenturen mit Pressemitteilungen, Advertorials und getarnten Werbeartikeln beliefern. Zu eurer Entschuldigung sollte man natürlich anmerken, dass eure Redaktionen, zwecks Profitsteigerung, gnadenlos zusammengestrichen werden und Ihr nun Artikel wie am Fließband produzieren sollt. Leider lesen sich die Mehrzahl eurer Beiträge auch genau so: beliebig und schnell zusammen geschustert.

»Nach der Ideologie des spät gekommenen Webkommunismus existiert eine freie Welt nur, wenn jede Information für jedermann jederzeit frei, also kostenlos, zugänglich sei. […] Nur der Markt ermöglicht Wettbewerb, Vielfalt und Unabhängigkeit.«

- Mathias Döpfner,  Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG in welt.de vom 21. November 2012

Wie Politik und Wirtschaft habt Ihr euch in die Fänge einer neoliberalen Glaubensideologie begeben. Privatisierungen, Lohnkürzungen, Sozialabbau, Einsparungen, Niedriglohnsektor, Leistungsideologie und so weiter findet Ihr alles ganz toll und begrüßenswert — solange die Einsparungen natürlich nicht euch Journalisten betreffen. Auch hier zeigt sich die inhaltliche Gleichschaltung. Denn es ist völlig irrelevant, ob ich hierbei den Spiegel, die TAZ oder die BILD lese. Es gibt kaum bis keine alternativen Sichtweisen. Grundlegende System‐, Politik‐ oder Medienkritik, tiefgreifende Unternehmensanalysen oder alternative Wirtschaftsmodelle sucht man bei euch vergeblich. Und genau hier springt das Internet mit blogs, Foren, Gegenöffentlichkeit und alternativen Webseiten ein.

Fazit
Liebe Verlagsbosse, euer Glaube, dass die Medien nur dann unabhängig seien, wenn sie an die Anzeigenkunden gebunden werden, ist nicht nur realitätsfremd, sondern eine dreiste Lüge. Frei ist die Presse stehts nur für denjenigen, dem sie gehört. Natürlich wäre eine komplett staatlich finanzierte Presse genauso ein Propagandainstrument, wie eine Presse, die durch Unternehmen und Konzerne finanziert wird. Eine Alternative, für weitgehend unabhängige Medien, würde in der Finanzierung und Mitarbeit der Leser bestehen. Die »Junge Welt« beispielsweise hat ein Genossenschaftsmodell, die »Blätter« finanzieren sich über einen transparenten Herausgeberkreis und durch den Aboverkauf. Der »Freitag« hat eine Blog‐Community eingerichtet. Auch viele Fachpublikationen haben einen treuen Leserkreis und sind finanziell solide aufgestellt.

Solange Ihr aber eure Leser nicht ernst nehmt und sie nur als Melkkühe und Anzeigenwährung betrachtet, wird das Zeitungssterben fröhlich weitergehen. Bei all dem, braucht Ihr euch nicht wundern, wenn die Menschen immer weniger bereit sind, für euren Einheitsbrei zu bezahlen und sich dann nach Alternativen im Internet umschauen.

Herzlichst,

Euer Markus V. aus B.

7 Gedanken zu “Liebe Massenmedien...

  1. Absolut lesenswert dazu auch D. Yücel heute in der taz:
    »... Die Financial Times Deutschland, die am Freitag zum letzten Mal erscheinen wird, hat in den zwölf Jahren ihres Bestehens keinen Cent verdient. Dass der Verlag nun bei diesem Produkt genau jene Kriterien von Rentabilität und Profit walten lässt, auf die Kommentatoren jener Zeitung stets so bescheidwisserisch wie kaltherzig verwiesen, wenn es, sagen wir, um das Schicksal von Nokia‐Arbeitern oder Schlecker‐Angestellten ging, ist für die Beteiligten vielleicht lehrreich und sicherlich unangenehm. Aber mehr auch nicht. ...«
    (http://www.taz.de/Kolumne-Besser/!106756/)

  2. Mal abgesehen von den oben genannten Punkten werde ich den »etablierten Zeitungen« aus folgendem Grund in keinster Weise nachtrauern:
    Schlussendlich ist Berichterstattung nur der nationale Standpunkt, wie und aus welchem Grund jetzt Manager XY schlecht gewirtschaftet hat und so deutsche Arbeitsplätze in Gefahr gebracht hat oder auch das nationale Ansehen. Der Blick der Massenmedien auf das Geschehen ist der durch die nationale Brille und der interessiert mich eh nicht :MRGREEN:
    Da lese ich lieber hier, bei Roberto oder in sonst einem Blog die wahren Beweggründe für das Geschehen, die ja systemimmanent sind und nicht personenbezogen. Da sucht man nur einen Sündenbock in der Zeitung...

  3. Zweifellos. Erstaunen tut mich nur, wie verschwiegen man diesen Tatbestand handhabt. Illusionen reichen sich bei den Lesern und Leserinnen die Hand, wenn der eine meint, er lese noch dieses Blatt, weil die Linie des anderes sei ihm politisch nicht genehm.
    Aber darüber hinaus scheint die Einförmigkeit der heutigen Produkte der Medienindustrie fast einzig auf Blogs thematisiert zu werden. Die Medienwissenschaft scheint von dieser Metamorphose nicht Notiz zu nehmen. Ein paar ältere Standardinterpretationen der Eindimensionale geistern wohl herum, aber im Großen und Ganzen ist man voll auf eine angebliche, aber jedenfalls das Aufsehen nicht weiter erregende Pluralität darin konzentriert, nebst anderem.
    Mir tut auch kein Journalist leid. Gut, es mag solche geben, die dem Hauptstrom nicht folgen wollten, aber durch die Logiken des Berufsfeldes nicht ausweichen können. Eine Redaktion ist ja auch nur ein gruppenlogisches Geschehen, in dem bestimmte Tendenzen die Zusammenarbeit dominieren, manche Sitzungen zufällig eine Ausprägung in eine bestimmte Richtung ergeben, vielleicht weil jemand gerade krank war und von einem zum anderen Mal eine feine rhetorische Dominanz schaffen, Konnektionen zwischen Gesinnungen und Menschen emergieren, die draußen herrschenden Meinungen durch die Fenster herein wirken und das Gefüge der Redaktionen prägen, so wie diese umgekehrt ihre Prägungsarbeit nach außen hin vollziehen. Es ist einerlei, ob in einem Team der Psychiatrie, des Kommunalamtes oder einer Redaktion eine junge Dame eintritt, excellent ausgebildet und wie ein Fisch im Wasser das erfrischende Erfolgs‐ und Tüchtigkeitsethos handelnd wie ästethisch auslebend, fest und zweifelsfrei in der Weltanschauung sich präsentierend. Diese wird die bestehende Ordnung in der Meinung und auch in den Praktiken rekalibrieren. Alle Relationen ändern sich. Es kann auch ein Mann sein natürlich. Und es kann auch einfach ein vom neuen Inhaber installierter Chef sein, der schlafende Hunde weckt und andere verstummen läßt. Was soll ein kritischer Journalist da sagen? Wann soll er seine, vielleicht auch gar nicht so klare oder zumindest nicht in einem geforderten Slogan unterbringbare Meinung sagen? Gelegenheiten verstreichen, kleine Anlässe treiben nicht über den Rubikon und hinter dem Rücken, wird die Prägung der Redaktion immer eindeutiger und die Aussprache immer blöder. Die Zeitungsfinanz läßt schon trübe Ängste in den Zimmern wesen, aber noch nur undeutlich, aber immerhin. Es liegen Schablonen en mass bereit um ihn abzustummen. Es reicht ein nettes nein, das kann man so nicht mehr schreiben oder aber hmm, da find ich das andere, von dir da, besser, vor allem auch wenn man... ja, eben, genau... die aus dem Geiste des herrschenden Ethos gesprochen, auf die Kraft des Schweigenkönnens, welche z.B. aus einem Slogan die Fata Morgana eines Argumentes erzeugt, zusätzlich sich verlassen können, welcher Trumpf geliefert wird von der Macht der Konformität mit der Herrschaft. Oder in wie vielen Redaktionen es wohl laute Streitereien gegeben haben mag über die Blattlinie und dergleichen, die zur schnelleren und eindeutigeren Abwicklung der Gesinnungstransformation geführt haben mögen. Ich stelle es mir als ein leichtes vor, abgehalfterte Redaktionen mit dem neoliberalen Elanismus durchzuspülen. Der Ostblock war schandvoll zusammen gebrochen und zur Lachnummer geworden. Das Kapital nutze den geschichtlichen Spin, überzeichnete emsig sämtliche damit verbundenen Begriffe und Vorstellungen aus dem linken Weltenrepertoire zu Karikaturen der Geschichte und brandmarkte sie unablässig mit Scham und Lächerlichkeit, verdoppelte zugleich die Betriebstemperatur und die Reichweite auf den ganzen Globus und schaffte somit insgesamt wuchtige Meinungsvorzeichen. Ein Teil sprang auf, weil er an einer narzistischen Gehirnwindung ergriffen wurde oder in der Lebensmittekrise der erstbesten Gelegenheit zur Jungseinsphilosophie nachhing oder endlich einen Aufstieg angeboten bekam, in dem aus Dankbarkeit eine neue Meinung anzunehmen erwartet wurde, ein Drittel musste hinnehmungsvoll verstummen und sich anpassen, einige klickten sich aus und zogen ein in den distanzierten Dienst nach Vorschrift, die neu Eingeschleußten waren ohnehin erwählt, die Gewichte in eine bestimmte Richtung schwenken zu lassen, auch wenn sie sich dessen nicht bewußt waren und in den Phantasien dvon der Ursächlichkeit der eigenen Leistungspotenz schwelgten.
    Nun denn.

  4. Positiv ist , daß diese gleichgemachte Presse jetzt auch für ihr Verhalten bestraft wird.
    « Ausgerechnet « der Markt sorgt für tabula rasa...

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