Kinder in Deutschland; Teil 24: Freiräume

Die gelebte Kinderfeindlichkeit in Deutschland zeigt sich, auch und vor allem, in den immer kleiner werdenden Freiräumen für Kinder. Kindertagesstätten und Spielplätze werden wegen Lärmklagen dicht gemacht oder ihre Benutzung wird stark eingeschränkt. Nachbarn und Anwohner beschweren sich über zu laute Kinder in der Wohnung. Viele haben nicht mal ein eigenes oder ein sehr kleines Kinderzimmer. In Restaurants, in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie in der Schule sollen sie still sitzen und gefälligst das tun, was von ihnen erwartet wird. Natürlich brauchen Kinder Regeln und Strukturen, aber eben auch Freiräume. Wo können sich Kinder noch frei bewegen? Wo können sie sich noch frei entfalten und ihrer Kreativität freien Lauf lassen?

»Hier ist kein Spielplatz« – dieser häufig ausgesprochene Satz verdeutlicht, dass viele Erwachsene den Kindern nur einen echten Freiraum gewähren: den Spielplatz. Dort dürfen sie laut toben, sofern es die Anwohner nicht stört. Dort dürfen sie sich ausprobieren, sofern der Spielplatz nicht voller Müll, Glasscherben, Hundescheisse oder Zigaretten ist, die rücksichtslose Jugendliche und Erwachsene zurücklassen. Dort können sie mit Sand, Erde, Stöcken und Steinen spielen, sofern die Eltern es erlauben. Sie könnten sich schließlich schmutzig machen oder sich verletzen. Hinzu kommt, dass nicht alle Eltern das Glück haben, einen guten Spielplatz in ihrer Nähe vorzufinden. Entweder ist der nächste Spielplatz zu weit entfernt, verdreckt oder ständig überfüllt. Und im Winter sind Spielplätze generell eher selten eine Option.

»Im beschaulichen Lankwitz (Anmerkung: Stadtteil von Berlin) gibt es Ärger um Lärm, der jetzt vor Gericht ausgefochten wird: Anwohner klagen gegen einen Spielplatz – weil er zu groß und zu schön ist.«

- tagesspiegel.de vom 2. Mai 2013

Kindertagesstätten und Schulen gelten in den Augen von Politik und Wirtschaft als ökonomisch nützliche Erziehungseinrichtungen, um vermeintlich vollwertige Fach‐ und Arbeitskräfte heran zu züchten. Außerdem sind sie Aufbewahrungsstätten, damit die Eltern wieder ihrer Lohnarbeit nachgehen können. Kein einjähriges Kleinkind geht freiwillig in die Kita, die Eltern bestimmen und entscheiden es. Natürlich lernen Kinder in der Kita auch vielfältige Dinge, für die meisten Eltern dürfte dies aber nicht der Hauptgrund sein, ihr Kind in die Kita zu bringen. Es ist wohl eher die finanzielle Notwendigkeit, die Eltern dazu veranlasst, wieder frühzeitig ihrer Lohnarbeit nach zu gehen. Wenn das Elterngeld zwei Jahre gezahlt werden würde, hätten wir vielleicht eine andere Situation. Insofern sind Kitas und Schulen keine wirklichen Freiräume für Kinder, sondern können eher mit dem Arbeitsplatz von Erwachsenen verglichen werden. Es sind Institutionen zu denen Kinder gezwungen werden, auch wenn die meisten lernen, diese zu akzeptieren oder gar zu mögen.

»Geht es um Kindergärten, berufen sich empfindliche Bürger schon jetzt auf Lärmschutz und Baurecht.«

- nordbayern.de vom 12. April 2013

Die immer kleiner werdenden Lebensräume, in denen Kinder sich frei bewegen und entfalten dürfen, finden ihre Ursache in der verfestigten Kinderfeindlichkeit. Sie gelten oft als zu laut, zu dreckig, zu teuer und zu nervig. Kinder werden, gerade in Unternehmen oder bei sog. Ökonomie‐Experten, als notwendiges Übel angesehen, da Frauen keine erwachsenen Arbeitskräfte gebären können. Als Konsumenten sind Kinder stets willkommen, schwangere Frauen oder alleinerziehende Mütter jedoch, stellen Unternehmer selten gerne ein. Solange Kinder nicht als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft akzeptiert, sondern vielfach als halbe oder unfertige Menschen betrachtet werden, solange werden ihre Frei‐ und Lebensräume immer weiter eingeengt werden.
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Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen 23 Folgen können im ZG‐Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden.

10 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 24: Freiräume

  1. Samstägliche und absolut reale Alltagsszene aus’m Dorf.
    Von ca. 10 Uhr morgens, läuft erst mal der Rasenmäher. Dass kann schon mal ein bis zwei Stunden gehen. Auf jeden Fall folgt danach die Wasserpumpe zum Sprühen des Geschnittenen. Das geht auf jeden Fall Stunden. Danach kommt oft auch die Kärcher‐Hochdruckpumpe zum Reinigen der Gartenmöbel. Gen Nachmittag, kommt dann Kumpel X mit der lang ersehnten Kettensäge zum Fällen irgendeines Baumes, oder mit der Betonmischmaschine zum fröhlichen Weiterbauen des biederen Eigenheimes. Gen Abend, kommen dann die Kinder und spielen im Garten. »Hey, — Kinder, könnt ihr mal leise sein?«

  2. @eb

    Schöne Anekdote, die zeigt, wie viel Toleranz und Wertschätzung man den Kindern gegenüber aufbringt.

    Ich hatte mal eine Diskussion mit einer jugendlichen Nachbarin, die mit ihrer Musik bis spät in die Nacht (3 Uhr) das ganze Haus beschallt hatte. Sie meinte, sie hätte ja auch Toleranz mit den lauten Kindern im Haus (die ab spätestens 20 Uhr leise waren) und deshalb solle man das bei ihr nicht so eng sehen. Natürlich müssen auch Kinder lernen Rücksicht zu nehmen, sie sind jedoch keine Musikanlagen, die man per Knopfdruck einfach leise stellen kann.

  3. Doch geht. Einfach Gaffa Tape auf den Mund kleben und schon ist ruhe. Bei härteren Fällen hilft auch ein Beil weiter. Gegen laute Nachbarn hilft Equipment. Spezielle 20 Hz Richtbeschallung kann Wunder vollbringen.

  4. @Eike

    Sorry, aber das finde ich überhaupt nicht lustig. Kinder sind Menschen, wie Erwachsene auch. Du redest davon ein »Beil« gegen Kinder zu benutzen. Das ist menschenverachtend und abstoßend. Genau dagegen schreibe ich seit Jahren an. So etwas möchte ich hier nicht lesen.

  5. @Jtheripper

    Ob ernst oder nicht, was ist lustig daran oder erstrebenswert mit einem Beil gegen Kinder vorzugehen? Ich lasse mir jetzt auch keine übertriebene Empfindlichkeit unterstellen! Das ist nur zynisch und menschenverachtend! Und sonst nichts.

    Ich schreibe einen Artikel, indem es um die gelebte Kinderfeindlichkeit geht, und das für viele Kinder und Eltern in Deutschland ein ERNSTES alltägliches Problem darstellt! Und dann wird im ersten Kommentar gleich mal losgetrollt (»Kondome schützen«) und später dann gleich nochmal (»Beil hilft«).

    Für solche Art Witze, falls es denn welche gewesen sein sollten, ist das hier der falsche Platz. Solche Sprüche können nur Menschen reißen, die keine Kinder haben und auch keine wollen.

  6. Ich lebe Patchwork. Von daher kam wohl der Zynismus hoch. Man kann ja als Seitenbetreiber den Kommentar auch löschen. Es wäre nicht schlimm.

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