Ursachen interessieren nicht

ursachen_titelDie Leute meckern, nörgeln und motzen, was das Zeug hält. Sie arbeiten und mühen sich an Folgen, Konsequenzen und Symptomen des Kapitalismus ab, ohne ihn zu kritisieren oder gar in Frage zu stellen. Während die Systemfrage in der politischen und medialen Öffentlichkeit einem Tabu unterliegt, (und man sofort wahlweise als Verschwörungstheoretiker, Antisemit oder Populist beschimpft wird, sollte man es dennoch wagen), wird im Privaten auch selten darüber nachgedacht, warum, wieso und weshalb die Dinge so sind, wie sie sind. Es ist eben so. Alternativen gibt es nicht. Darüber nachzudenken bringt ja nichts. Schließlich muss alles Nachdenken einen persönlichen Nutzen haben.

Täglich und überall wird in Deutschland über allerlei Zustände geschimpft (Chef und Lohnarbeit, steigende Mieten, Lebensmittelpreise, Stromkosten, Rundfunkgebühren, Steuern etc.), man interessiert sich in der Regel aber überhaupt nicht für die Ursachen. Ganz im Gegenteil: wer den Dingen auf den Grund gehen will, bekommt Sprüche wie »das ist mir jetzt zu viel« oder »so genau wollte ich das jetzt aber auch nicht wissen« vor den Latz geknallt.

Alternativlose Marktgerechtigkeit
Es wird über zu viele Flüchtlinge gemeckert, gehetzt und gezündelt. Dabei wird natürlich regelmäßig ignoriert, dass wir, also die westliche Wertegemeinschaft, die Herkunftsstaaten der Flüchtlinge zerbombt (direkt: NATO. Indirekt: exportierte Waffen) und in ein ökonomisches Mittelalter verwandelt haben (Neokolonialismus, Schuldknechtschaft, Neoliberalismus), so das die Menschen vor Ort gar keine andere Wahl mehr haben, als auszuwandern. Unsere Verantwortung hierfür wird regelmäßig unterschlagen.

Volle Busse, Bahnen, Krankenhäuser und Postschalter. Niedrige Löhne. Erhöhte Eintrittspreise bei Schwimmbädern, Museen und Ausstellungen. Steigende Lebensmittelpreise, Mieten und Energiekosten. Schlechte Arbeitsbedingungen. Über all das wird regelmäßig gejammert, gemosert und geheult. Erklärt man den Leuten, dass dafür eine bestimmte Geisteshaltung sowie ein Wirtschafts‐ und Finanzsystem verantwortlich sind (Neoliberalismus mit Privatisierung, Profitmaximierung, Flexibilisierung, Liberalisierung), und dass gerade auch Marionetten‐Mutti‐Merkel das alles ganz toll findet, so will man davon nichts wissen. Zu kompliziert. Zuviel Klugscheißerei. Dennoch wähle man weiterhin die CDU.

Marode Schulen, Personalmangel in Kindergärten und überfüllte Hörsäle in Universitäten. Es gebe einfach immer weniger staatliche Gelder für die Aufrechterhaltung der lokalen Bildungseinrichtungen. Erzählt man den Eltern, dass die desaströse Haushaltslage der Kommunen kein Schicksal ist, sondern ihre Ursache in der Schuldknechtschaft der Banken liegt, so ist das Miesmacherei und Verschwörungstheorie. Das eine habe doch mit dem Anderen nichts zu tun. Es ist jetzt eben so und man müsse das Beste daraus machen. Die Welt ist jetzt so, wie sie ist. Punkt.

Die allgemeine starke Zunahme von Allergien und neurologischen sowie psychischen Krankheiten wird als naturwüchsig erachtet. Wer behauptet, das liege primär an den Umweltgiften, der industrialisierten Lebensmittelindustrie, den Nebenwirkungen der Pharmadrogen sowie an den ganzen chemischen Zusätzen, der gilt als Esoteriker und Verschwörungstheoretiker. Dafür gebe es doch keine wissenschaftlichen Beweise. Und das in anderen Teilen der Welt das Allergie‐Problem fast gar nicht vorhanden ist, sei auch nur Zufall. Dann muss man eben ein paar Tabletten mehr schlucken. Das sei doch nicht so schlimm.

Fazit
An einer insgesamt gerechteren Welt sind die Wenigsten wirklich interessiert. Die persönliche Verbesserung des eigenen Lebensstandards wollen aber alle. Hauptsache meine Schäfchen sind im Trockenen und mir geht es gut, lautet der Zeitgeist. Wenn dafür andere leiden müssen, dann sei das zwar bedauerlich, aber unvermeidbar. Insofern ist es wenig verwunderlich, wenn primär an der Oberfläche von Problemen gekratzt wird. Man will ja die Ursachen dieser Zustände nicht bekämpfen oder eine Verbesserung für alle Menschen anstreben, man will nur, dass es einem selbst gut und/oder besser geht. Unsere Empathie ist wieder auf ein absolutes Minimum gesunken. Und gerade bei der deutschen Untertanenmentalität ist das eine extrem gefährliche Entwicklung.

P:S: Zur TTIP‐Demonstration morgen in Berlin sollten wir alle unseren Hintern vom Sofa hochbekommen, sofern man kein Interesse an einer Paralleljustiz für Konzerne (Schiedsgerichte), der Absenkung von Verbraucherschutzrechten sowie der weiteren Schleifung von Arbeitsrechten hat:

TTIP

5 Gedanken zu “Ursachen interessieren nicht

  1. Wie so oft: Wahre Worte! :) Einhaken würde ich aber an dem Punkt: »Die persönliche Verbesserung des eigenen Lebensstandards wollen aber alle.«

    Das stimmt so ja — erschreckenderweise — nicht. Die meisten Leute wollen schon gar nicht mehr, dass es ihnen (oder ihren Kindern; real) »besser« geht. Also wenn man mit »besser« nicht eine neue Playstation oder ne neue Glotze meint. Denen reicht’s, wenn es anderen genauso dreckig geht wie ihnen (siehe z. B. den gut‐bürgerlichen Hass der Unterschichten‐ UND Mitte‐Michels auf »die Griechen«). Die meisten sind doch stolz darauf, »dem Staat nicht auf der Tasche zu liegen«, sich — »Hauptsache Arbeit!« — ausbeuten zu lassen. Bis 67 zu arbeiten. Stolz drauf, den Gürtel immer enger zu schnallen, auf Lohn und Rechte zu verzichten. Stolz darauf, diesen Dreck besser zu ertragen — als andere. Daraus resultiert ihr »Selbstwert«. Ihnen fehlt (aus all den vielen Gründen, die du ja nennst) eigentlich jeder objektive Maßstab, überhaupt zu beurteilen, ob es einem wirklich »gut« oder gar »besser« geht. Alle sozio‐ökonmischen Fakten sind eindeutig. Da wird hier und da zwar mal lauter gemotzt und gewehklagt — aber wenn man den Fokus auf eigentliche Ursachen lenkt, kommt reflexartig das Mantra »ach, uns geht’s doch eigentlich ganz gut!«. Das hat viel mit kognitiven Dissonanzen zu tun; die Mehrheit spürt und weiß ja insgeheim, dass es ihnen auf lange Sicht schlechter geht. Doch (da nicht sein kann, was nicht sein darf) diesen Hass projizieren sie dann auf genehme Sündenböcke wie die faulen Hartzer oder Flüchtlinge etc.

  2. Zur weiteren Erhellung empfehle ich die Kenntnisnahme dieses Beitrages eines meiner Lieblingsblogger:

    http://blog.todamax.net/2015/warum-schweigen-die-laemmer-techniken-des-meinungs-und-empoerungsmanagements/

    »Anstatt die nächste Folge eurer Lieblingsserie zu glotzen, solltet ihr euch heute Abend mal diesen 1‐stündigen Vortrag von Prof. Dr. Rainer Mausfeld zu Gemüte führen. Mausfeld ist Psychologieprofessor an der Uni Kiel und hat einige ziemlich interessante Dinge zu Volk, Eliten, Politik, Demokratie und andern Herrschaftsformen, Wahrnehmung, Meinungsmache und vielen anderen Dingen zu erzählen.« ....

    Das erklärt so manches.

  3. Sich für Ursachen zu interessieren, scheitert in einer ökonomisierten Gesellschaft an einem simplen Problem. Es verbraucht Kalorien, welche im aus‐tariertem Verhältnis zwischen der täglichen Verbrennung im Leistungsgetümmel sowie Verzicht darauf zugunsten des angemessenen Schönheitsideals, effizienter kalkuliert werden müssen.

  4. Wiederum ein trefflicher Artikel! Den Ursachen geht es so gesehen äußerst schlecht. Niemand interessiert sich für sie. Sie sind gewissermaßen der schäbige Hinterbau einer veredelten Front. Die Fassade des öffentlichen Diskurses ist eine rundum veredelte. Das sprachliche Gesicht, mit dem die Machtverhältnisse die Seelen Bedeutungen der Welt zu erschauen ermöglichen, ist ein photoshopisiertes Gesicht, ein Model‐Gesicht voller Make‐up und Liedschatten. Die Ursachen sind die nackte Haut, die Pickel und Verunreinigungen. Derart ist man auch ein Stück weit an eine behaglich‐schöne Welt gewöhnt und der Schauer, der Schrecken, der einen trifft, wenn die Rohfassung darunter heraus schimmert, ist mehr als unangenehm. Schon aus bloßen Gründen der Gewohnheit und des Befindlichkeitsmanagements will man all dies nicht wissen. Eine Kognition hat da gewissermaßen noch gar nicht angesetzt. Es ist mehr wie ein Gestank, dem man ausweicht. Und im übrigen gibt es gut gekennzeichnete Gestankzonen, voller Relikte aus der Vergangenheit oder der Ferne. Das reicht doch. Moralapostel verweisen auf diese Gestankzonen, auf dass ihre Quellen nicht mehr von neuem erzeugt werden sollen. So ist das Gesicht der Welt also wohlriechend, parfümiert. Offensichtlich ist dies ein integraler Bestandteil der neoliberalen Ordnung. So kommt denn auch der Politikberater in der Regel auch nur zum Schluß, dass die Partei im Falle eines Stimmenverlustes wohl nur das falsche Parfüm verwendet habe, schlecht geschminkt war und das Niveau des verdelten Diskurses nicht gehalten hat. Man schaue sich Merkel an: sie tritt überhaupt nur in veredelten Situationen auf, wenn der Gestank verzogen ist oder mit Parfüm übertüncht wird. Sie ist die Veredelungskünstlerin schlechthin. Eine edle Mutter. Ihre Laufburschen kehren ihr den Weg vor den Füßen, sprühen Düfte herum und beleuchten sie ihm besten Licht.
    Veredelt ist auch die Theorie über die Welt. Theorie über die Welt kann heute nicht mehr von dem gemacht werden, der von der Welt betroffen ist. In der Tat gibt es niemand, der von der Welt nicht betroffen ist. Die Theorie über die Welt macht heute ausschließlich die Akademie mit ihren leistungsorientierten professionellen Theoretikern. Eine Theorie von unten, von den von der Welt Betroffenen her, durchzogen von der übergroßen Vielheit der Fragmente und zufälligen Distorsionen in der Sukzession der Zeit ist der Graus der veredelten Theorie. Hier formt sich der Fortgang der Welt zu Kohärenz und Glattheit, die Bedeutungen beruhigen sich und fließen in langsamen Strömen. Die Fragen vermindern sich auf ein handhabares Niveau einer veredelten Antwort, die dadurch anschwillt und durch Größe und Kompliziertheit imponiert. Der von der Welt Betroffene, was soll er schon theoretisieren. Kaum setzt er an, überrumpelt ihn die veredelte Theorie. Er fühlt sich schlecht und denkt an den quälenden Arbeitsmarkt als Ursache? Nein, veredelt betrachtet, fühlt er sich schlecht, weil er ein gesundheitsgefährendes Erlebens‐ und Verhaltensmuster hat. Es fehlen stressreduzierende Techniken, Selbstwertgefühl und ein soziales Netzwerk. Ach so ist das, wird er noch murmeln können.

  5. Richtig.
    Und wenn ich einen Kommentar zu einem Artikel bei SPON, FAZ oder SZ schreibe, der sich nicht mit dem als Aufreger beschriebenen Symptom beschäftigt, sondern mit den Ursachen dafür, dann wird er garantiert NICHT veröffentlicht!
    Und ich bin mir sicher, das geht auch sehr vielen andern ›Kommentatoren‹ so.

    MfG. M.B.

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