Das Denken der Anderen

denken_titelOb in der Familie, auf dem Arbeitsplatz, auf Facebook oder bei Bekannten: den meisten Leuten ist es unheimlich wichtig, was andere über einen denken. Wie sie einen bewerten und beurteilen. Bestimmte Worte und Wahrheiten werden daher gemieden oder blumig verschnörkelt, und ja, es wird auch bewusst gelogen. Schmeicheleien sowie Komplimente werden gezielt eingesetzt und es wird sich mit small talk, Allgemeinplätzen und unverdächtigen Themen aufgehalten. Authentizität, Glaubwürdigkeit und persönliche Integrität ordnen sich in aller Regel der Sucht nach Bestätigung und Anerkennung unter.

Da die Beziehung zu sich selbst, häufiger von Selbstentfremdung, Narzissmus und Eigennutz, und weniger von aufrichtiger Ehrlichkeit oder gar echter Selbstreflexion, geprägt ist, werden die krankmachenden Selbstlügen zu einem immanenten Inszenierungs‐Bestandteil des eigenen Charakters. Das so beschädigte Selbstbewusstsein macht sich dann abhängig und benötigt dringend die Anerkennung, Bestätigung und Zustimmung von außen. Individuelle Freiheit und Autonomie können aber erst entstehen, wenn man sich davon weitestgehend frei macht.

5 Gedanken zu “Das Denken der Anderen

  1. Man könnte hierzu Riesman David nachlesen. Die einsame Masse oder wie sie hier äquivalent genannt wird, die Massenindividualität, ist jener Mensch, dem der Treibstoff für seinen Sinnmotor, der er ist, fast ausschließlich aus dem anderen kommt. Die Deutschen haben ja einen Philosophen, den hauptsächlich nur die Deutsche nicht mögen, der bislang unvergleichlich beschrieben hat, wie dieser konkrete andere zu einer kollektiven Institution wird: das ›man‹. Man stelle sich nur eine Alltagssprache ohne ›man‹. Es ist der andere, aufbereitet zu einer kollektiven Institution, eingelassen als Sinnsubmotor in die Einzelnen. Man stelle sich selbst einmal vor, man meditiere innerlich darauf, in seinem Innen alle ›man‹-Bezüge zu lösen und einen Erlebnisfluss ohne ›man‹ zu vollziehen. Und man sage nicht, man schaffe das leicht. Man fiele dann wohl unweigerlich einem völlig unreflektierten Narzismus anheim. Denn die größte Schwierigkeit stellt sich vermutlich am Anfang ein: wie soll ich eine innere Entität unterscheiden als vorwiegend ›man‹-haft oder ›ich‹-haft?
    So kann man nur schwer unterlassen, im Gegenzug nicht darauf zu kommen, sich zu überlegen, was der andere, der ja ebenfalls in den gemeinsamen must‐have‐universen lebt, von mir denkt, wie ich in ihm zu stehen komme, wenn er sich Oirientierung in der Außenwelt holt, seinen Sinnmotor mit Umweltdaten befüllt. Unendlich werden die Vexierspiele. Das Normenmeer, ein Vexierspiel.
    Mit der Zeit ist mir aufgefallen, dass es doch tatsächlich einige Menschen gibt, bei denen dieser Vorgang sehr marginal ausgebildet ist. Wo der eine sich vor einer Überfülle an Datenamterial befindet, sieht der andere nichts. Aebr deswegen wären sie nicht in deinem Sinne hier frei und autonom. Das hat damit nichts zu tun. Bis zu einem gewissen Grad muss man wohl ein Sensorium dafür haben, die möglichen Bilder von einem Selbst in anderen antizipieren wollen und sich selbst der Antizipation des anderen hingeben. Was hätte er wohl gerne, dass ich von ihm denke? Derart muss jeder wohl satt werden von diesen Vorgängen, bevor man sich lösen kann davon und diese Verführungen an einem abprallen wie an einem gefestigten Fels.

  2. Im Prinzip das Spießerargument der Adenauer‐Zeit:
    »Was sollen denn die Leute denken?«

    Toll, diese Stasis …

  3. Ist doch alles viel komplizierter.
    Authentizität an sich gibt es gar nicht. Wir alle sind Schauspieler, die in bestimmten Umständen bestimmte Rollen spielen. Das dient auch unserem Schutz, denn nicht jeder Mensch ist uns bedingungslos wohlgesonnen. In vielen Situationen kann ich mir aus existentiellen Gründen gar nicht erlauben, immer zu sagen, was ich denke und immer zu tun, was ich möchte. Das tut nicht einmal ein epikur.
    Die andere Sache ist, dass wir alle mehr Mut aufbringen sollten, es trotzdem öfter zu tun. Authentischer als authentisch und mutiger als mutig wäre eine Zeitgeistkritik, die über die sehr zeitgeistige Zeitgeistkritik hinausginge.

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