Kinder in Deutschland; Teil 27: Kontaktabbruch

Wenn Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, hat das meist ernste Gründe. Ein vermeintlich kleiner Streit kann das Fass zum Überlaufen bringen. Jahrelange zwischenmenschliche Differenzen, emotionale Kälte und eine Beziehung, die nicht auf Augenhöhe basiert, kann vor allem erwachsene Kinder, dazu bewegen, den Kontakt komplett abzubrechen. Die Dunkelziffer verlassener Eltern wird in Deutschland auf über 100.000 geschätzt. Natürlich sind Eltern nicht für alles allein verantwortlich, ihre Kinder werden auch von Freunden, Erziehern, Lehrern, Liebespartnern und den Medien geprägt. Dennoch sperren sich die meisten Eltern dagegen, die Kindheit der eigenen Kinder ernsthaft zu reflektieren.

Eltern stehen über den Kindern, sind »Erziehungsberechtigte«. Sie haben sie in die Welt gesetzt, sich jahrelang um sie gekümmert, das Essen auf den Tisch gebracht, viel Geld ausgegeben, sie angekleidet, mit ihnen Hausaufgaben gemacht, sie vor den Gefahren des Lebens beschützt, ihnen Liebe gegeben und vieles mehr. Demzufolge müssen die Kinder den Eltern ein Leben lang dankbar sein. Die erwachsenen Kinder haben sich zu melden und sollen auch ihre Hilfe für die älter werdenden Eltern anbieten. Diese Einstellung ist weit verbreitet und gleicht mehr einem materialistisch‐egoistischen Habitus, als einer ehrlichen Eltern‐Kind‐Liebe. Denn die Eltern sehen ihre Kinder hier als eine Art Investition an, die sich irgendwann, also besonders im Alter auszahlen soll. Die Qualität der Familienbeziehung hängt jedoch von vielen Faktoren ab und kann nicht einseitig eingefordert werden, weil man doch soviel »geleistet« und »investiert« habe.

Sehr viele Probleme zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern entstehen vor allem auch deshalb, weil die Eltern den Sprung von der Erziehung zur Beziehung nicht geschafft haben oder ihn bewusst nicht wollten. Erwachsene Kinder bleiben zwar rein genetisch immer die Kinder ihrer Eltern, wollen aber gleichberechtigt behandelt, also ernst genommen werden. Genau das machen Millionen von Eltern eben nicht. Sie entschuldigen sich nicht bei ihren Kindern für offensichtlich begangene Fehler (erwarten aber, dass die Kinder das tun), sie mischen sich in die Erziehung der Enkel ein, schreiben ihren erwachsenen Kindern vor, wie sie ihr Leben gestalten sollen, kommentieren jede Entscheidung, interessieren sich wenig für die Leidenschaften der Kinder und/oder üben einen permanenten beruflichen Druck aus. Das Erwachsen werden der Kinder, bedeutet auch ein Reifeprozess der Eltern. Wer als Eltern seine Kinder immer nur von oben herab behandelt, ihnen nicht zuhören, ihre Meinung, Lebensweise und Entscheidungen nicht akzeptieren (oder zumindest tolerieren) will, darf sich nicht wundern, wenn die Kinder sich irgendwann von ihnen abwenden.

Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

- Auszug aus einem Gedicht von Khalil Gibran, arabischer Dichter, 1883–1931.

Oft äußern sich tiefe seelische Wunden, die in der Kindheit zugefügt wurden, Jahre oder jahrzehntelang nicht. Kommen sie irgendwann an die Oberfläche, entweder weil die Kinder älter geworden oder weil die Kinder sogar selbst Eltern geworden sind und sich nun über das Thema mehr Gedanken machen, dann wollen die eigenen Eltern davon häufig nichts mehr wissen: »Schnee von gestern«. Sicher, jeder ist irgendwann erwachsen und sollte nicht für jede Fehlentscheidung oder alle eigenen Probleme einseitig die Eltern dafür verantwortlich machen. Sich selbst stets als Opfer zu sehen, ist bequem und entlässt einen aus der persönlichen Verantwortung. Jeder hat die Chance, seine kindheitliche Prägung zu überwinden und das eigene Leben aktiv zu gestalten. Dennoch ist die eigene Kindheit entscheidend mit dafür verantwortlich, wie das spätere Eltern‐Kind‐Verhältnis sich entwickelt.

Um so älter die Kinder werden, umso ernster wollen sie genommen werden. Sie entwickeln womöglich eine andere Auffassung vom Leben und ihrer beruflichen Zukunft als die Eltern. Haben andere Ziele und andere Vorstellungen was die Partnerwahl betrifft. Vielen Müttern und Vätern fällt es unheimlich schwer, ihre Kinder in ihrem So‐Sein zu akzeptieren. Ständig wird versucht, sie zu beeinflussen, zu manipulieren, ihnen den eigenen Lebensstil und die eigene Meinung aufzudrücken. Die eigenen Kinder zu lieben, bedeutet eben nicht nur, sie zu umarmen und ihnen ständig zu sagen, wie lieb man sie hat oder ständig Konsumgeschenke zu machen, sondern sie so zu akzeptieren, wie sie sich entwickeln und wie sie sein wollen.

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Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen 26 Folgen können im ZG‐Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden.

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UPDATE: 6. November 2014: Auf SWR2 gibt es zu dem Thema eine tolle Radiosendung (rund 25 Minuten lang) mit dem Titel „Für mich bist Du gestorben!“  Unter anderem wurde auch meine Wenigkeit interviewt. Ein kleiner Auszug: „Epikur willigt ein, wir treffen uns. Er ist 36 Jahre alt, Politologe, Redakteur und Blogger und heißt im realen Leben Markus. Markus hat nach einem großen Streit vor zwei Jahren mit seiner Mutter und ihrem Lebensgefährten keinen Kontakt mehr mit ihr.“

205 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 27: Kontaktabbruch

  1. Danke, danke, danke für diesen Beitrag. Ich muss weinen, so sehr haben Ihre Worte der Wahrheit getroffen.

    Ich bin 36, meine Mutter ist genau das, was sie beschreiben, in extremster Form. Von »du siehst schon so aus, als ob du den Krebs besiegst« (ich bin ein Nichtsnutz, weil ich nicht lebe wie sie es möchte, und alles andere ist von Grund auf falsch) bis zur Drohung, das Jugendamt einzuschalten, wenn ich meine Tochter, die eine Woche Ausgehverbot hatte, weil sie nach der Schule stundenlang nicht heim kam, nicht raus lasse. Ich habe 3 wunderbare Kinder, aber alle sind ihrer Meinung nach schlecht und missraten, weil ich nie auf sie höre.

    Entschuldigt hat sie sich bei mir mein ganzes Leben lang noch nie, trotz wirklich gravierender Verletzungen wie »ich wünschte, ich hätte dich abgetrieben, das du da bist verdankst du nur deinem Vater« Ihre Fehler werden totgeschwiegen oder, wenn man etwas anspricht, streitet sie tatsächlich ab, dass es jemals passiert ist. ALLES, was ich tue, wird abwertend kommentiert. Das letzte mal umarmt wurde ich in meiner frühen Kindheit, ich hab dich lieb wurde nie gesagt und ich erinnere mich, ich war gerade eingeschult worden und als meine Mutter auf der Couch eingeschlafen war, nahm ich vorsichtig ihre Hand und strich sie über meine Wange. Sie wurde wach, ich lächelte sie an und sie fragte nur, was denn mit mir los sei.

    Es ist unglaublich anstrengend, dem dauernden Stress stand zu halten. Schon mehrere Male habe ich den Kontakt über Monate abgebrochen. Aber sie ist fast 70 und nicht bei bester Gesundheit. Ich will nicht mit ihr im Streit auseinander gehen denn es könnte sein, dass sie für immer geht. Ich sehne mich so sehr nach »Freiheit«, ich wünschte, sie könnte sich einmal mit meinen Augen sehen oder sich wenigstens selbst einmal kritisch hinterfragen. Aber das wird niemals passieren.

  2. @Nicole:
    Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer das ist, aber: Hast Du Dich mal gefragt, was Du Dir von Deiner Mutter eigentlich noch REALISTISCH erwarten kannst? Und was bedeutet das für Dich, Deine Haltung ihr gegenüber und die »gemeinsame« Zeit, die Euch noch bleibt?

    Es hat lange gedauert, war ein harter Kampf mit mir und sehr schmerzvoll bis ich eingesehen habe, dass meine Mutter nun mal so ist, wie sie ist. Es macht mich fassungslos, wie sehr ich mich jahrzehntelang daran geklammert habe, einen offenen Konflikt und den daraus möglicherweise resultierenden Bruch zu vermeiden, ihr Verhalten für mich zu rechtfertigen und die Wahrheit auszublenden: Sie ist eine psychisch kranke Frau, die nun mal so ist, wie sie ist. Die weder sehen kann noch will, wie sie ist, was sie getan hat und tut. Die keine Bereitschaft zeigt, sich einmal selber zu hinterfragen, und kein Interesse daran hat, an sich und ihrer Vorgehensweise etwas zu ändern — auch wenn sich in die lange Reihe derer, mit denen sie gebrochen hat, sogar beide Töchter reihen.

    Du kannst Deine Mutter nicht ändern. Es gibt nichts, was Du tun kannst, damit sie Dir die Liebe und Zuwendung schenkt, die jedes Kind bedingungslos verdient hat — sie wären sonst auch nichts wert und bloß ein schaler Abklatsch dessen, wonach Du Dich sehnst.

    Den einzigen Menschen, den Du ändern kannst, bist Du selber. Sieh deine Mutter so, wie sie war und ist, auch wenn es weh tut. Zieh Deine Konsequenzen daraus, auch wenn es weh tut. Entscheide Dich dafür, Dein Leben mit Glück zu füllen und Dich nur mit Menschen zu umgeben, die Dir gut tun, egal ob Du mit ihnen verwandt bist oder nicht. Erkenne, dass da kein Gefängnis mehr ist. Es gibt keinen Grund mehr, auf etwas zu warten oder zu hoffen. Entziehe Dich dieser qualvollen Nicht‐Beziehung.

    Es ist traurig, wenn man erkennen muss, dass einen die Beziehung zur Mutter/zum Vater viel mehr schadet und belastet, als sie gut tut. Wer das erlebt hat, was viele hier geschildert haben, der tut gut daran den Kontakt abzubrechen. Ich gehe sogar so weit zu sagen: Es ist das einzig sinnvolle und gesunde. Auch wenn das andere nicht verstehen wollen oder können und entsprechend hinterfragen.

  3. @Nicole @unikat

    Vielen Dank für eure Beiträge!

    Ich kann »unikat« nur zustimmen:

    »Entscheide Dich dafür, Dein Leben mit Glück zu füllen und Dich nur mit Menschen zu umgeben, die Dir gut tun, egal ob Du mit ihnen verwandt bist oder nicht. Erkenne, dass da kein Gefängnis mehr ist.«

    Sehe ich auch so!

    Leider wird uns immer wieder -durch sämtliche Medien, Filme, Bücher, Erzählungen etc.- eingetrichtert, dass die »Familie« heilig sei. Völlig egal, wie viel Schmerzen und Unglück sie einem bereitet, man habe sich damit abzufinden. Natürlich kann man immer und immer und immer wieder versuchen, für Harmonie, Anerkennung und Wertschätzung zu kämpfen, aber irgendwann muss es eine Grenze geben.

    Wir akzeptieren Menschen doch auch nicht als unsere Freunde, wenn sie uns keine Wertschätzung entgegenbringen, wir uns nur mit ihnen abkämpfen müssen oder wir im Dauerstreit sind. Warum sollte das bei unseren Eltern anders sein?

  4. Ich musste 49 Jahre alt werden um zu begreifen, dass meine Mutter mich schon vor sehr langer Zeit verlassen hat, jedenfalls lange, bevor ich im letzten Jahr den nur letzten Schritt der Konsequenz gemacht habe und meinerseits den Kontakt abbrach. Den Artikel oben und die Beiträge kann ich voll unterschreiben und ja, eigentlich gehts mir besser ohne den Kontakt. Und trotzdem gibt es immer wieder Momente, in denen mich Schuldgefühle plagen. Ich gehe davon aus, dass meine Mutter zumindest narzisstische Zùge hat. Ganz genau werde ich das wohl nie erfahren. Unikat beschreibt es als »psychisch krank«. Egal, wie man es nennt, mich beunruhigt, dass man sich doch nicht einfach zurùckziehen sollte, weil ein geliebter Mensch »plötzlich« krank ist. Eigentlich sollte man ihn doch pflegen und für ihn da sein und dennoch, ich kann nicht. Je länger ich darüber nachdenke, um so mehr Bilder aus früheren Tagen kommen hoch und die meisten davon sind nicht schön. Ich suche verzweifelt eine Erinnerung, die ein richtig schönes Erlebnis mit meiner Mutter beinhaltet, aber ich finde keins. Ich wurde nie richtig verprùgelt, meine Mutter redete einfach nicht mehr mit mir und schrieb Briefe an ein imaginäres Kinderheim, die sie dann offen rumliegen ließ. Kurz und gut: Der Artikel hilft auf einer sachlichen Ebene und die Beiträge helfen fürs Herz. Seit ich akzeptiert habe, dass meine Mutter krank ist, bin ich ihr nicht mehr böse. Es gibt nicht zu verzeihen, denn es ist wie es ist und durch sie bin ich, was ich bin. Aber ich kann sie weder sehen noch mit ihr sprechen, denn dann bin ich plötzlich wieder 9 Jahre alt und mach, was sie sagt, solange ich die Fùße unter ihren Tisch stecke.

  5. »Egal, wie man es nennt, mich beunruhigt, dass man sich doch nicht einfach zurùckziehen sollte, weil ein geliebter Mensch »plötzlich« krank ist. Eigentlich sollte man ihn doch pflegen und für ihn da sein und dennoch, ich kann nicht.«

    Das ist ein guter und berechtigter Einwand. Aber ich denke, man muss hier schon versuchen zu unterscheiden: Ist jemand wirklich Opfer einer schweren psychischen bzw. psychiatrischen Erkrankung und damit — zeitweise oder dauerhaft — nicht zurechnungsfähig oder »schuldfähig«? Oder geht es um etwas, wo man sehr wohl die Chance hat, sich und sein Handeln zu reflektieren? Es ist nämlich nur zu leicht, sich in die Opferrolle zu flüchten und jede Verantwortung für das, was aus einem geworden ist und was man aus sich und seinem Umfeld gemacht hat, abzulehnen und anderen zuzuschieben. Ich sehe es so: Jeder hat jeden Tag aufs Neue die Chance, sich zu entscheiden, welchen Weg gehen will — ob er »Heiliger« oder »Massenmörder« werden will. Davon abgesehen: Egal wie die Antwort auf die Ausgangsfragen ausfällt: Einen Angehörigen zu pflegen heißt nicht, dass es keine Grenzen mehr gibt, dass sich die zu pflegende Person alles erlauben darf.

    Was Deine Schilderungen hinsichtlich nichts mehr mit Dir reden und offen herumliegende Briefe an ein Kinderheim betrifft: Das nennt man emotionalen Missbrauch. Was sie da getan hat, bedeutet für ein Kind eine gewaltiges Bedrohungsszenario. Ich kann Dir wärmstens empfehlen, Dir die Bücher von Alice Miller anzusehen. Es gibt auch eine sehr informative und lesenswerte Homepage über sie: http://www.alice-miller.com/de/. Sie streicht u. a. hervor wie wichtig es ist, dass Menschen lernen dem Leid, das sie als Kinder erfahren mussten, Platz einzuräumen und die damit einhergehenden Gefühle, die aus Selbstschutz oder weil vom Peiniger erzwungen, zulassen zu lernen. Erst aus diesem Schritt ist es möglich, Frieden mit sich und seiner Vergangenheit zu schließen. Leider ist es sehr verbreitet, dass Eltern als über jeden Zweifel und Vorwurf erhaben gesehen werden und unter dem Motto »aber es sind doch Deine Eltern, Du verdankst ihnen so viel« verlangt oder empfohlen wird, über alles hinwegzusehen. Leider gibt es in Gegenüberstellung zum vierten Gebot »Du sollst Vater und Mutter ehren« keines das lautet »Du sollst Dein Kind lieben«. Tragischerweise haben auch viele Therapeuten aufgrund eigener unbewältigter Konflikte in diesem Bereich blinde Flecken und schaden ungewollt ihren Klienten anstatt ihnen zu helfen. Aber — lies lieber selber: Alice Miller!

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