Kinder in Deutschland; Teil 34: Erwachsen werden

erwachsen_titelErwachsen werden und eine gewisse Reife erlangen, gilt in unserer westlichen Gesellschaft als ein wichtiges und erstrebenswertes Ziel. Erwachsen sein bedeutet in der Regel (euphemistisch ausgedrückt) Verantwortung zu übernehmen, oder konkret: zu lohnarbeiten. Die unbeschwerten Kindheitstage, die voller Spiel, Spaß, Glück und Freude waren, sollen vorbei sein. Es ist keine Zeit mehr für Neugier, Entdeckerfreude, eigenen Ideen und der ureigenen schöpferischen Kreativität. Fortan heißt es, den Lebenssinn im monotonen (Lohn-)Arbeitsalltag zu suchen und stets an den eigenen Kontostand, die Miete, an die Ratenzahlung für das Auto, die Buchung des Urlaubs sowie an ausreichend vorrätige Lebensmittel zu denken. Der Zwang zur Lohnarbeit hat nicht nur eine Selbstentfremdung, sondern auch den Tod der Ideen zur Folge.

Erziehung zum Automaten
Erwachsene fühlen sich Kindern in der Regel in allen Belangen überlegen. Schließlich würden sie das Geld verdienen und keinen vermeintlich zweckfreien und sinnlosen Spielen mehr nachgehen. Das Leben sei eben kein Ponyhof, alles koste doch Geld. Und wer die Kohle ranschafft und besitzt, habe nicht nur das Sagen, sondern sei auch das höher entwickelte Lebewesen, so die weit verbreitete Denkweise. Sie sind stolz auf ihre marktwirtschaftliche Erziehung zum Arbeitsroboter. Darauf, eine Funktion zu erfüllen, meist, ohne dabei wirklich erfüllt, also glücklich zu sein.

(Kindheits-)Träume, die Neugier und Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Dingen und der Welt insgesamt, sterben zunehmend ab und werden durch den Zwang zur Konformität, zur Anpassung und Unterordnung ersetzt. Zielgerichtetes Haben‐ und Konsumdenken verdrängt die Freude am Leben, am natürlichen So‐Sein. Kinder werden in diesem Denkmuster häufig als halbfertige Menschen betrachtet, die außer beim Konsum, wenig zur Gesellschaft beitragen würden. Erst wenn sich Jugendliche zum nützlichen Automaten machen lassen, seien sie erwachsen.

»Es ist doch nicht des Habens wegen, dass man lebt, sondern des Wünschens, des Wagens, des Spielens wegen, dass man lebt.«

- B. Traven. »Das Totenschiff«. Rowohlt Verlag, Hamburg 1954. S. 73

Kreativität töten
Den größten Umbruch vom Kind zum Erwachsenen findet bei der natürlichen schöpferischen Energie eines jeden Menschen statt. Während es Kindern zumeist erlaubt ist, völlig frei zu basteln, zu malen, zu schneiden, mit Lego oder anderem Spielzeug ihr eigenes Spiel aufzubauen und ihren eigenen Ideen und Gedanken nachzugehen – so gilt das bei Erwachsenen als wenig zielführend und uneffektiv. Kreativität, Philosophie und Ideen unterliegen stets dem neuen Dogma der marktwirtschaftlichen und unternehmerischen Verwertung. Eigene Gedanken, Meinungen, Ansichten und Inspirationen werden in ein enges, vorgegebenes Korsett gequetscht. Ob im Büro, auf dem Bau, im Labor oder in der Gastronomie – überall gibt es Vorgaben, Hausordnungen und Regeln. An die hat man sich zu halten, ansonsten fliegt man raus.

Der ständige Zwang zur geistigen Unterordnung und die dauerhafte Unterdrückung der individuellen Ideen, töten mit den Jahren alle Leidenschaft an der ureigenen Schöpfungskraft vollständig ab, sodass viele auch jegliche Lust daran verlieren, in ihrer Freizeit diese noch auszuleben. Ersetzt wird diese innere Leere durch die Ersatzbefriedigung des Konsums. Wer sich im Erwachsenenalter noch sein inneres Kind bewahrt, Dinge hinterfragt, kritisiert, nachdenkt sowie abseits der Lohnarbeitsverwertung seiner ureigenen schöpferischen Energie nachgeht, wird belächelt, als Spinner oder Querulant bezeichnet.

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Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen 33 Folgen können im ZG‐Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden. Eine Auswahl bisheriger Teile:

» Folge 33: Großeltern
» Folge 27: Kontaktabbruch
» Folge 22: Umerziehung
» Folge 18: Leistungsdenken

5 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 34: Erwachsen werden

  1. Es ist wie ein herannahender Zug. Zuerst hört man gar nichts tollt auf den Geleisen herum. Alsdann vernimmt man schon etwas, was zusehends lauter wird. Was ist es? Wie schaut es aus? Was bewirkt es? Alsdann wird es sichtbar und wirklich laut, man bekommt Angst, macht Platz und dann rauscht es vorbei und man hört gar nichts mehr, ist eingesogen in das Lärmgetürm. Dann ist man erwachsen geworden.
    Wenn man hinzudenkt, dass kaum eine Entwicklungstheorie des Menschen irgendwo ein Geäst enthält, das die Erhaltung des Kindes im Erwachsenenleben für förderlich hielte, sieht man auch, wie tief der Zwang zur Konformität reicht. im Gegenteil werden noch eher Problemquellen formuliert, wenn der Lebensfortgang nicht dem vorgegebenen des intensivkapitalistischen Weltbildes entspricht (all jenen bequemen Redner sei auch gesagt, dass die Vorstellung vom Spätkapitalismus, welche man ja, man staune nur, schon in den 1960ern ausbuchstabiert hatte, eine Vorstellung gleich einem Traumhaus ist. Der Kapitalismus ist jetzt nicht im Spätstadium, sondern im Intensivstadium. Wer Augen hat und sie aufmachen kann, ohne sich hinter vorgefertigte Debattenschablonen flüchten zu müssen, möge sie einmal auftun.) Das intensivkapitalistische Weltbild hat denn auch die Besetzung des Lebensfortganges intensiviert, nicht etwa närrischerweise verspätet oder dergleichen. Nein, intensiviert. So ist der Kinderhort schon Ort der Andispositionerung. Das väterliche Gesetz, auch wenn es keinen leiblichen Vater gibt, wird früher schon intrudiert. Wo gilt nicht, dass Härte und Marktkampfeshaltung an das kindliche Durchleben der Zeit herangescharrt werden und anerzogen werden. Welcher Elternteil sorgt sich nicht, dass das eigene Kind ein Weichei werde? Eines, das die Ellbogen einzsetzen nicht ertüchtigt worden ist. Welcher Vater grübelt nicht, wann er Härteerprobungen in die Erziehung einfließen lassen soll, welcher werfe kein Auge darauf, ob das eigene Kind Härte zeige und nicht weichlich sei, ob sich durchsetze und nicht immer nachgebe?
    Die Elternschaft wird intensiver dazu genötigt, die Kindesaufzucht zu einer Hochkonsumperiode zu machen. Wenn die Kinder einmal außer Haus sind, dann kehrt Ruhe ein, weil weniger gekauft werden muß. Die Pubertät ist eine Lebensphase geworden, die vollends von Kosmetik‐, Mode‐ und Unterhaltungsindustrie aquiriert worden ist. Als wäre sie ersteigert worden. Diese bieten von sich aus das gesamte Spektrum der Diversität an, sodass, wer rebellieren will, sich wohlbehütet noch mitten in Konsumakten befindet. Die Pubertät wird also derart bewirtschaftet, für das junge Erwachsenenalter ist der Irrgarten der Konsumpfade nicht minder undurchschaubarer. Schließlich konnte nun das Volumen erhöht werden. Konsumakte können schon in den 5‐stelligen Bereich gehen und die Gesundheitsindustrie wirft schon erste Lockschlingen in diese Phase. Sie wird wichtiger werden. Der ganze Finanzsektor beginnt zu greifen, der Bildungssektor, alles Anlagerungen am großen Berg des Arbeitsmarktes. Das Kind ist garantiert längst schon weg. Allfällig macht es mal einen närrischen Konsumakt. Kauft einen Blödsinn oder trinkt etwas Ungesundes. Man ordnet sich unter, in dem man sich einordnet. Das Gesetz ist heute anonym, kein Tyrann macht mehr Willkürgesetze und doch kann es auch kein Nichtmensch sein, der das Gesetz macht.

  2. Es ist wie ein herannahender Zug. Zuerst hört man gar nichts tollt auf den Geleisen herum. Alsdann vernimmt man schon etwas, was zusehends lauter wird. Was ist es? Wie schaut es aus? Was bewirkt es? Alsdann wird es sichtbar und wirklich laut, man bekommt Angst, macht Platz und dann rauscht es vorbei und man hört gar nichts mehr, ist eingesogen in das Lärmgetürm. Dann ist man erwachsen geworden.

    Sehr schön formuliert!

  3. Gab es da nicht mal ein Buch in den späten 70er/ frühen 80er
    Jahren? Über die Sinnlosigkeit erwachsen zu werden?

    Und ja, erwachsen heißt heute erst recht vom System erle(di)gt
    und konsumgerecht her‐ und hingerichtet zu sein.

    Wie sagte schon Edward Young vor mehr als 2,5 Jahrhunderten:
    Wir werden als Originale geboren und sterben als Kopien …

  4. Menschen, die ihre Kreativität auch im Beruf ausleben können, führen das beste Leben. Aus dem Grund ziehe ich auch einen Musiker oder Maler jederzeit einem Anwalt oder Unternehmensberater vor — das sind die interessanteren Männer, auch wenn ihre Brieftasche nicht so dick ist. Es gibt wichtigere Dinge im Leben und kein Porsche kann den Mangel an Persönlichkeit wettmachen.

    Das Wichtigste was wir Kindern mitgeben können ist also, sie ihre eigene Kreativität entwickeln zu lassen und sie dann darin zu unterstützen, einen Weg zu finden, als Erwachsene darauf ein Leben aufzubauen.

    Alle wirklich erfolgreichen Menschen gehen nicht zur Arbeit, sie leben und lieben ihre Arbeit, denn bei der können sie ihren Spieltrieb ausleben — und werden auch noch dafür bezahlt. Bei einer abhängigen Lohnarbeit in irgendeinem Büro lässt sich dieses Gefühl aber so gut wie nie erreichen.

    Ich bin gespannt, wie sich das in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird. Die klassische Lohnarbeit wird immer mehr von Robotern und Computern übernommen werden, diese ersetzen die menschlichen Drohnen (Arbeiter) sobald sie eben billiger einsetzbar sind.

    Das Einzige was wir Menschen den Computern und Robotern dauerhaft voraus haben werden, ist unsere Kreativität und unsere Neugier auf terra incognita. Ohne das sind auch wir nur Roboter — und werden über kurz oder lang eine überflüssige Art.

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