Alibipolitik

Für die Krise des Marktes gibt es die Heilung des Marktes.“
(Serge Halimi. »Hollande auf dem falschen Pferd«. Le Monde Diplomatique. Ausgabe März 2016. S. 4)

Statt die sozioökonomischen Rahmenbedingungen positiver zu gestalten, verfrachten wir die Leute in die Psychotherapie, damit sie sich besser selbst optimieren können.

Statt die Arbeitsbedingungen von Lohnarbeitern dauerhaft zu verbessern, schicken wir einen Coacher oder Supervisor, damit die Kollegen sich mal auskotzen können.

Statt effektiven Klima- und Umweltschutz zu betreiben, führt man einen marktkonformen Emmissionshandel ein.

Statt in Schulen und Kindergärten zu investieren und soziale Berufe attraktiver zu machen, werden die Anforderungen an das Fachpersonal und die Qualität herunter geschraubt, um Geld zu sparen.

Statt.....

Klassenbewusstsein?

Es herrscht Klassenkampf und meine Klasse gewinnt, aber das sollte sie nicht.“
Warren Buffet, Milliardär

Eine der primären Aufgaben des Neoliberalismus war und ist die Zerstörung der Arbeiter-Identität. »Teile und Herrsche« — Machtmechanismen hetzen die Menschen medial regelmäßig gegeneinander auf. Die Solidarität der Entrechteten wird schon im Keim erstickt. Gruppen werden gespalten und dort, wo es keine gemeinsamen Ziele, Interessen oder Ideologien gibt, wird die Mann/Frau-Sexismus-Karte gezückt. Die funktioniert fast immer, weil sich jeder durch das biologische Geschlecht, hier als Experte sieht und etwas dazu sagen darf, kann, soll, muss.

Es ist insofern absolut nicht verwunderlich, dass es keine großen Protest-Aktionen, Streiks oder Widerstände in der Bevölkerung gegen kriminelle Banken, Konzerne, Milliardäre und die Politik gibt. Viele sind sich der schreienden Ungerechtigkeit durchaus bewusst ‑oft spüren sie es sogar am eigenen Leib- aber dennoch sehen sie sich als Einzelkämpfer. Die Nachbarn als Störenfriede. Die Kollegen als Konkurrenten. Und die Mitmenschen als Objekte für die eigenen Interessen. Ohne ein ausgeprägtes Klassenbewusstsein kann es keinen erfolgreichen Protest gegen die Herrschenden geben.


»Rechte und Linke sind uns egal!«
»Anleitung zur Ausbeutung«
»Herrschaftsprinzipien«

Geld stinkt!

Wenn alles Denken und Handeln am Geld gemessen wird...

  • Kreativität jeglicher Art ist nur dann interessant, wenn man sie zu Geld macht.
  • Geschriebene Texte sind nur dann lesenswert, wenn man Bücher verkauft.
  • Videospiele sind nur dann keine Zeitverschwendung, wenn man via E‑Sports mit ihnen Kohle verdienen kann.
  • Musik ist nur dann mitreißend, wenn man sie irgendwie kommerziell vermarkten kann.
  • Dummheit ist erstrebenswert, wenn man sie verkaufen kann.
  • Und so weiter.

...dann könnte man doch auch bei der Mafia arbeiten? »Aber die töten doch Menschen!«, lautet dann der moralische Einwurf. Seit wann interessieren uns Ethik und Menschenechte? Glaubt Ihr etwa Banken, die Pharma- und Rüstungsindustrie oder die Jobcenter töten keine Menschen?

»Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.«
(Bertolt Brecht. Aus: »Me-Ti. Buch der Wendungen«.)

P:S: Ich muss was gegen meinen Zynismus tun. Ob Sport hilft?

Neusprech: »Freiwillige Selbstverpflichtung«

Das Schlagwort »freiwillige Selbstverpflichtung« ist in Politik und Wirtschaft ein beliebtes Argument, um verbindliche Regelungen zu vermeiden. Es wird suggeriert, dass eine gesetzliche Regulierung nicht nötig sei, da Konzerne, Banken und Unternehmen freiwillig ihrer sozialen und ökologischen Verantwortung nachkommen würden. Warum sie ‑ohne effektive Sanktionsmöglichkeiten- überhaupt etwas anderes machen sollten, was nicht in ihrem ureigenen (Profit-)Interesse liegt, verraten uns weder das Schlagwort, noch Politiker, die diese Phrase verwenden. Weiterlesen

Für Lohn arbeiten

Immer und immer und immer und immer wieder das Gleiche und das Dasselbe jeden Tag machen. Das soll Selbstentfaltung, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung sein? Ernsthaft?

Da gibt es Herren und Knechte; denn da muss Geld verdient werden, da muss die Hazienda ertragreich gemacht werden, damit sie mit tausend Prozent Gewinn verkauft werden kann.“
(B. Traven. „Die weiße Rose“. Universitas Verlag. Berlin 1962. S. 12)


Selbstoptimierung
Selbstentfremdung
Lohnarbeitswahnsinn

Sie nennen es: »Regulierung«.

»Das Internet sollte im Hinblick auf terroristische Bedrohungen und Kinderpornographie stärker reguliert werden.« (Helmut Brandt, CDU)

Geheimhaltungsverträge (non-disclosure agreement: NDA)
Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien
Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK)
Netzwerkdurchsuchungsgesetz
Rundfunklizenz für Let’s Player
Kommentarspalten schließen
»Terrorpropaganda bekämpfen«
Google-Einträge löschen
Leistungsschutzrecht
Tendenzschutz
Uploadfilter
DSGVO

Ich nenne es: »Das chinesische Internet des westlichen Kapitalismus«. Oder: »Zensur-Maßnahmen«.

»Wenn wir nicht an die freie Meinungsäußerung für diejenigen glauben, die wir verachten, glauben wir überhaupt nicht an sie.« (Noam Chomsky)


»Eine Zensur findet nicht statt!«
Kommerzielle Propaganda

Medial verstrahlt

Wer in einer Schule, einem Hort oder in einer Kindertages‑, Jugend- oder sozialen Einrichtung arbeitet, erlebt relativ schnell die Folgen der Digitalisierung. Immer mehr Kinder haben eine Aufmerksamkeitsspanne von 30 Sekunden bis maximal 5 Minuten. Sie können alle »Fortnite«-Tänze, bauen tolle »Minecraft«-Welten, wissen schon sehr früh wie man mit smartphones und Tablets umgeht, aber können sich mit 6 Jahren nicht mehr die Schuhe zu binden, geschweige denn eine analoge Uhr lesen. Es ist daher völlig unverständlich, dass es von wissenschaftlicher Seite immer wieder heißt, man habe dafür »noch keine Daten« oder man müsse das Phänomen »noch untersuchen«. Die digitale Versumpfung von Millionen von Smartphone-Junkies ist jeden Tag überall zu beobachten.

Besonders bigott sind viele linksgrüne Bio-Öko-Alternativ-Eltern, die alles Digitale für ihre Kinder verbieten, aber selbst den ganzen Tag an der WhatsApp- und Facebook-Nuckelflasche hängen. An vielen Schulen und Kindertageseinrichtungen sind die Dummphones verboten. Es hängen Verbotsplakate. Es wird überall darüber informiert. Aber was interessiert das die Süchtigen. Bei Kita- und Schulveranstaltungen sitzen die Eltern nur noch mit erhobenen Händen da, um alles aufnehmen zu können. Wer Bus und Bahn fährt, glaubt in einem dystopischen Thriller zu sein. Übrigens: der Vergleich mit der Tageszeitung ist nur noch lächerlich. Offline ist das neue Bio!


»Automatisierung. Digitalisierung. Industrie 4.0.«
»Handystrahlung produziert Zombies«
»Digitale Dystopien«

Die Gerechtigkeitslücke

  • Wer einen Menschen tötet, ist ein Mörder. Wer 1.000 Menschen tötet kommt ins Fernsehen.
  • Wer 500 Euro Steuern hinterzieht wird strafrechtlich verurteilt. Wer dem Finanzamt Millionen Euro Steuern vorbehält, wird politisch beschützt.
  • Wer 10.000 Euro im Kasino verliert, ist ein spielsüchtiger Versager. Wer Milliarden verzockt, ist systemrelevant und wird vom Staat »gerettet«.
  • Wer seinen Mitmenschen oder dem Chef nicht die Wahrheit sagt, ist ein Lügner. Wer in der PR oder der Werbung arbeitet, täglich Millionen Menschen belügt und betrügt, ist ein Marketingexperte.
  • Wer schwarz fährt und häufiger nicht bezahlt, kommt ins Gefängnis. Wer millionenfachen, weltweiten Abgas-Betrug betreibt, wird erst gar nicht verurteilt.

Ach ja: wer solche Zusammenhänge herstellt, ist ein lupenreiner Populist! :jaja:

Die Fifa-Jubelpresse

Jedes Jahr den selben Mist mit kleinen Verbesserungen und Anpassungen rausbringen, trotzdem jedesmal den Vollpreis verlangen und von der Spiele-Fachpresse in den Himmel gelobt werden. Das schafft das Videospiel »Fifa«. Wer nun behauptet, das hat mit Anzeigengeldern, Abhängigkeit der Spieleredaktionen von großen Spieleherstellern (Electronic Arts) oder gar mit dem Fußball-Wahnsinn in Deutschland zu tun, der ist ein Verschwörungstheoretiker und Kulturpessimist. :jaja:

»FIFA 19 im Test — Ein Fußball-Upgrade der Königsklasse«
»FIFA 18 im Test — Die heimliche Revolution«
»FIFA 17 im Test — Vorsprung durch Technik«
»FIFA 16 im Test — Spitzenfußball mit weiblicher Note«

Die Gamestar (350.000 FB-Fans) gehört zu Deutschlands größten Spiele-Magazinen. In den Mediadaten der webedia-group (zu der die Gamestar gehört) ist unter der Rubrik »Wer uns vertraut« auch Electronic Arts (EA) zu finden. Vertrauen zahlt sich eben aus. :jaja:

Die »Pro-Kopf-Verantwortung«

»Ja, wenn doch nur jeder Einzelne dies und das kaufen würde, ja dann gäbe es weniger Müll, weniger Armut und weniger Kohlendioxid!«

Pro-Kopf-Verpackungsmüll
Pro-Kopf-CO²-Emissionen
Pro-Kopf-Verschuldung

Die internationalen Verursacher von Massenarmut, Umweltzerstörung, Klimawandel und Müllbergen ‑also primär Konzerne, Banken und Milliardäre- werden seit Jahrzehnten durch die »Pro-Kopf-Berechnung« nicht nur versteckt, ihre Taten werden zu einer kollektiven Sippenhaft umgedeutet. Ganz im Sinne der Eigenverantwortung wird uns überall suggeriert, dass man mit dem Einkaufswagen die Welt retten könnte. Daran will vor allem die bequeme Mittelschicht unbedingt glauben. Politischer Widerstand erfordert Mut. Bio-Produkte kaufen besänftigt dagegen die elitäre Selbst-Haltung.

Warum gibt es von unserer bürgerlichen (Anzeigen-)Presse eigentlich keine Datensätze, Listen und Aufzählungen, wo wir ganz genau erkennen könnten, wer, wann und wie viel Müll produziert? Ich will Namen, genaue Daten und Adressen von Konzernen und Unternehmen statt die ominösen Länder-Angaben! Wer genau kippt wann und wie viel Chemie-Abfälle in die Natur? Welche Konzerne arbeiten mit kriminellen Organisationen und Geheimdiensten zusammen?

Welche Industrie-Zweige verursachen den größten Co²-Ausstoß? Welche Banken und Unternehmen bedienen sich regelmäßig bei unseren Steuergeldern? Wer, wann und wie viel? Statt Banken, Konzerne und die Industrie gesetzlich zu verpflichten, werden Länder und Einzelpersonen in Kollektivhaft genommen. Genau an dieser Stelle beweisen Politik und Medien regelmäßig, dass sie nicht dem Volk, sondern dem Kapital dienen.