Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 7)

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Frau Ragnitz: »Du Bruno, kannst Du bitte die ganzen Verträge aus dem Büro von Herrn Schabanowski alle hier in dem Schrank im Flur chronologisch ordnen und verstauen?«

Bruno: »Ok, mache ich.«

Frau Ragnitz: »Alles klar, danke.«

Herr Schabanowski: (drei Stunden später, verärgert) »Verdammt, wo sind denn jetzt wieder die ganzen Verträge hin? Ich habe sie doch heute morgen erst selbst alle auf meinen Tisch abgelegt? Bruno, hast Du sie vielleicht gesehen?«

Bruno: »Ja, ich habe sie alle in den Schrank im Flur verstaut. Frau Ra...«

Herr Schabanowski: (unterbricht, wird laut) »Was soll denn das? Ich brauche sie verdammt noch mal hier! In meinem Büro!«

Bruno: »Ok. Alles klar. Chef.«

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(Zwei Monate vor der Entscheidung, ob der Auszubildende in den Betrieb übernommen wird oder nicht)

Herr Schabanowski: »Sven, kannst Du heute ausnahmsweise mal bis 20 Uhr arbeiten? Ich weiß, Du hast eigentlich schon um 15 Uhr Schluss, aber wir brauchen derzeit jeden Mitarbeiter!«

Azubi: »Ja, Herr Schabanowski. Das ist kein Problem!«

Herr Schabanowski: »Super!« (wendet sich wieder anderen Dingen zu. Einen Tag später.) »Sven, kannst Du heute mal ausnahmsweise bis 19 Uhr hier sein?«

Azubi: »Ja, kann ich machen!«

Herr Schabanowski: »Perfekt!« (wendet sich wieder anderen Dingen zu. Drei Tage später.) »Heute ist echt viel los, wäre es möglich, dass Du nur heute...«

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Nur so haben Therapeuten, Coacher und Ärzte genügend Kundschaft: die Schuld immer nur bei sich selbst suchen und depressiv werden! (zeit.de vom 28. November 2016)

Nur so haben Therapeuten, Coacher und Ärzte genügend Kundschaft: die Schuld immer nur bei sich selbst suchen und depressiv werden! (zeit.de vom 28. November 2016)

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Herr Schmitt: »In einer Woche benötige ich einen fertig, ausgedruckten Katalog unserer Produkte sowie dazugehörige, aktuelle Flyer. Schaffst Du das?«

Praktikant: »Ich gebe mein Bestes!«

Herr Schmitt: (bestimmend) »Das will ich hoffen!« (eine Woche später, enttäuscht, zum Praktikanten gerichtet) »Das soll also jetzt der Katalog sein? Hm, ich muss zugeben, ich habe schon echt Besseres gesehen! Vor allem die Bilder‐Wahl! Passt ja nun überhaupt nicht zu der Artikelbeschreibung! Und was sind das für komische Begriffe? Nun gut. Was solls. Gib her das Teil!« (verkneift sich ein »Danke«)

Praktikant: (schweigt, schaut weg.)

Herr Schabanowski: (einige Stunden später, im Büro des Chefs) »Herr Schmitt, nun zeigen Sie mir mal den fertigen Produktkatalog.«

Herr Schmitt: »Hier bitte!«

Herr Schabanowski: (euphorisch, begeistert) »Wow, der sieht ja fantastisch aus! Eine super Arbeit! Einen so guten Katalog habe ich noch nie gesehen! Haben Sie den ganz allein gestaltet?«

Herr Schmitt: »Ja.«

(Übrigens: Praktikanten, Azubis und Trainees werden grundsätzlich geduzt. Schließlich stehen sie an unterster Stelle. Personaler, Abteilungsleiter und Chefs werden selbstverständlich gesiezt.)

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» Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 1, 2, 3, 4, 5, 6)

9 Gedanken zu “Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 7)

  1. »Wir konnten Herrn X leider nicht in ein Anstellungsverhältnis übernehmen. Es zeigte zu wenig Desinteresse.«

  2. In einer Gesellschaft, in der sich politische »Führer« darüber streiten, ob eine Stunde Menschenleben 8,50€ oder weniger oder doch lieber 10,00€ oder besser 15,00€ kosten soll, ist der obige Text die logische Konsequenz.

  3. Bei dem ganzen Getreten‐werden und Andere‐geben‐deine‐Lorbeeren‐als‐ihre‐aus wundert es einen, dass es so wenige bis gar keine Amokläufe oder Gewaltvorfälle am Arbeitsplatz gibt. Oder die Leute sind so schmerzresistent wie ein Junkie, der sich regelmäßig mit Heroin vollpumpt. (Achtung: Bitte jetzt nicht als Wunsch verstehen!)

  4. @matrixmann

    Ach was, dafür gibt es doch jede Menge Kompensations‐Mechanismen: Konsum. Glotze. Geläster. Pornos. Alkohol. Und Videospiele. Was mich am Meisten stört, ist, dass immer und überall so getan wird, als liege es nur an einzelnen Chefs oder an bestimmten Charakteren und Kollegen. Es ist aber (fast) überall so. Insofern gibt es systematische Strukturen unserer Lohnarbeitswelt. Vermutlich ist »Stromberg« auch deshalb so erfolgreich gewesen, weil er die absurde Realität schonungslos aufgezeigt hatte. Bittere Realsatire, über die sich kaum einer traut, laut zu sprechen.

  5. @epikur
    So berühmt wie der Spruch ist: »Es darf nicht sein, was nicht sein darf.«
    Darf sein, was nicht sein darf, dann gibt es keine Hoffnung mehr, sondern nur noch bittere Realität. Und, das nehme ich jetzt aber nur an, die meisten sind hilflos dabei, wenn es darum geht, mit der bitteren Realität klarzukommen.

  6. Es ist so,dass anscheinend viele,wenn es irgendwo Probleme gibt,alles nur auf eine Person oder bestimmte Gruppen schieben,alles andere außer Acht lassen und dafür sorgen,dass diejenigen sich dann »schuldig« fühlen.Damit die anderen eben keinen Finger mehr rühren müssen.
    Irgendwas zu tun,weil man Schuldgefühle hat (durch Manipulation von außen) ist aber was ganz anderes als Verantwortung für sich zu übernehmen (was von innen,von einem selbst kommt).

    Wenn man also bei irgendwelchen Problemen bei sich selbst ansetzt (ohne aus den Augen zu verlieren,dass nicht nur alles an mir hängen bleiben kann) hat das also doch nichts mit Schuldgefühlen zu tun.
    Wenn man irgendwie unzufrieden ist und auch andere Menschen damit zu tun haben,dann müssen schon alle an einem Strang ziehen und alle was verändern wollen,ansonsten muss man sich eben von solchen Menschen lösen.Wenn einen bestimmte Menschen nur ausbeuten wollen und einen immer nur schlecht behandeln,ist sowieso wahrscheinlich jede Hoffnung auf Besserung der Situation verloren.Dann lieber möglichst von solchen Menschen fernhalten...
    Natürlich ist das leichter gesagt als getan.Vor allem auch bezogen auf den Beruf.Wenn man kündigt oder einem gekündigt wird,ist natürlich erstmal alles total unsicher.Außerdem sind die Probleme ja auch struktureller Natur...Aber in einer unerträglichen Situation zu verharren,weil man sich den Scheiß ala »ich bin ganz allein an allem schuld und muss jetzt alles und jeden retten« angenommen hat,bringt ja auch nix...

    Ich hab vor ein paar Jahren auch fast alles in meinem Leben über den Haufen geworfen.Natürlich war dadurch alles ungewiss und unsicher,aber wenn ich das nicht getan hätte (mein Leben lief richtig beschissen),wäre ich jetzt wahrscheinlich immer noch richtig krank und depressiv oder wäre vielleicht längst tot..
    Ich kann also jedem nur raten,unerträgliche Situationen nicht einfach hinzunehmen und darauf zu vertrauen,dass alles besser wird,wenn man sich traut,bestimmte Dinge loszulassen.DAS ist Verantwortung.
    Bestimmte Dinge weiter zu ertragen und darauf zu hoffen,dass andere sich ändern,hat nichts mit Verantwortung zu tun!

  7. @Epikur

    Die Zeitarbeitnehmer, äh Leiharbeiter, haste vergessen.

    Ich hab ja auch, für 3 Wochen, in Schicht gearbeitet, mir beide Beine ausgerissen, wurde nur geduzt, und nach Ende des Auftrags im Kundenunternehmen vom Leiharbeitgeber, mit einem qualifizierten guten Arbeitszeugnis für diese Zeit, entlassen.

    Außerdem bin ich wieder arbeitslos, wurde in die x‐te Bewerbungsmaßnahme gedrückt, hab wohl sollte ich nix finden vorher, oder mein Plan eine Umschulung aus gesundheitlichen Gründen zu machen scheitern, bald Hartz IV, und bin wegen dieser ganzen Sch.... zunehmend mittelschwer depressiv erkrank, sowie an Schlafsstörungen leidend (auch wegen dem schweren Schicksalsschlag, der mich vor der Arbeit in der Leiharbeit in die Arbeitslosigkeit getrieben hat, aber dieses Thema will ich hier nicht schon wieder breittreten, auch wenn es im Alltag bei mir bestimmend ist).

    Interessant an der Tatsache mit der Leiharbeit ist auch, dass ich einen unbefristeten Vertrag hatte, und, als Ex‐Gesellschafter reichlich naiv, immer dachte so ein Vertrag ist tatsächlich unbefristet — Ein Teilnehmender im obiger Bewerbungsmaßnahme belehrte mich eines besseren, und ich bin schon wieder schlauer — »Unbefristeter Arbeitsvertrag? Die zählen heute alle nichts mehr, alles Vera....« — Fazit: Sollte ich also demnächst wieder einen angeblich unbefristeten Arbeitsvertrag abschließen müssen, dann weiß ich, dass dies eine glatte Lüge ist — auch ein Thema für den »Täglichen Lohnarbeitswahnsinn«

    .....Auf Nichts ist Verlaß, oder wer sich auf die Herren Arbeitgeber verläßt, der ist verlassen....

    Auch die Zunahme psychischer Erkrankungen, durch die tägliche Arbeitshetze, und die Berieselung neoliberaler Propaganda im Arbeitsalltag, sollte man einmal thematisieren, denn die sind auch der Grund, dass nette Menschen zunehmend in Burn‐Out, oder Depressionen — die Volkskrankheiten heutzutage, wenn ich einer aktuellen Umfrage trauen darf, fallen.

    Gruß
    Bernie

  8. Der letzte Part ist bezeichnend. Die Lorbeeren das anderen einheimsen, wie geschickt da manche immer sind. Aber auch ohne Geschick liegt es in den Anordnungen der Unternehmen nahe, derartiges zu entwickeln. Die Hierarchie ist zweifellos der am besten antrainierte Modus der Organisation des Zusammenlebens. Die Wirtschaft brüstet sich mit ihr in voller Normalität und Selbstverständlichkeit. Jeder in Lohnarbeit trainiert sie 8 Stunden am Tag. Da fragt man sich, wie es sein kann, dass man diese Einübung für eine progressive Gesellschaftsgestaltung nicht zu thematisieren braucht? Denn thematisiert sie jemand ernsthaft? Die Selbstverständlichkeit der Hierarchie ist zweifellos eine jener Selbstverständlichkeit, die dem Aufbrechen und Abbauen anheim fallen werden müssen. Es ist jene Selbstverständlichkeit, mit der der Lehnsherr seinen Vasall behandelte. Was war selbstverständlicher, als der Gehorsam des Vasallen? Oder die Selbstverständlichkeit, mit der der Kolonialherr den Afrikaner als Halbtier ansah und als Arbeitsmaschine ausbeutete. Was war selbstverständlicher als das? Dem damaligen Etablissement war nichts selbstverständlicher. In den Salons, den Geschäftstreffen, den Sonntagsreden und Geburtstagsfeiern, was hätte man am Allerselbstverständlichsten zu reden gehabt. Von was redet dieser da, hätte man einen gefragt, der die Legitimität desselben in Frage gestellt hätte. Und heute? In den Salons, den Geschäftstreffen, den Sonntagsreden und Geburtstagsfeiern, was hat man am Allerselbstverständlichsten zu reden? Du hast einen Chef? Der Chef sagt, was zu tun ist? Du kennst den Chef nicht, aber er entlässt dich trotzdem? Du darfst dem Chef nicht widersprechen? Ja und?

  9. Die Sache mit dem Katalog hab ich nahezu 1:1 damals in meiner »Ausbildung« so erlebt. ;) Ich hatte vor Beginn meiner »Ausbildung« ein halbes Jahr vorher in der Firma als (autodidaktischer) »Grafiker« angefangen — und war für Prospekte und Kataloge zuständig. Natürlich dann auch die zwei Jahre während meiner kaufmännischen Ausbildung; war für den Laden ja sogar deutlich billiger als vorher; da bekam ich 8 Euro die Stunde — nun nur noch das Azubi‐Gehalt...

    Dabei ging es auch um Muster für Perforiermaschinen, die ich grafisch in einem Katalog zusammenfasste. Leider fehlte im Katalog als auch überhaupt in der ganzen (chaotischen...) Firma eine Liste mit den grundsätzlichen technischen Daten (Abstände, Winkel etc.; die musste ich im Prinzip sogar selbst ermitteln, um die Muster überhaupt reproduzieren zu können). Als ich diese Liste dann fertig hatte, ging der (primitive) Typ, den sie kurze Zeit vorher zu mir ins Kabuff gesetzt hatten (Maschinenbauer, der was ähnliches in Sachen CNC entwickelte) dann mit dieser Liste (von der die Chefs noch nix wussten) zum Scheffe — und gab die Arbeit als seine aus...!

    Wie du so schön zusammenfasst: der alltägliche Lohnarbeitswahnsinn halt; in »Stromberg« wunderbar dargestellt. Leider wird er in keinster Weise hinterfragt. Dabei sind es grundsätzlich erpresserische Methoden, nach denen dieses »System« funktioniert. Eigentlich müsste man an jeden Eingang in eine Firma ein Schild hängen mit »Sie verlassen nun den freiheitlich‐demokratischen Sektor«. In der Lohnarbeit feiert der Feudalismus im Grunde heute immer noch fröhliche Urständ. Nur hat man das schöner verpackt; mit »Leistung«, »verdienen« und »Lohn«!

    Ich persönlich bin wegen »Inkompatibilität« immer wieder am klassischen Lohnarbeitsleben gescheitert; ich bin und war für dieses System einfach nicht geschaffen; mit meiner »Behinderung« namens »Anstand«. Konnte mich nicht »anpassen«, wollte nicht so agieren. Andere schaffen es, auf diese Art zu funktionieren, gehen und »blühen« da teilweise sogar richtig drin auf... ich nicht. Was erwartet man auch in einem Ellenbogen‐System, welches vorwiegend jene belohnt, die ihre »Leistung« auf dem Rücken und Kosten anderer erzielen?

    Aber? Alle machen mit. Niemand hinterfragt es. Und am Ende wählen die Idioten dann auch wieder zu 90 % neoliberale Parteien...

    Achja — damals, als ich kurz nach dem Studium einen ähnlichen Grafikerjob bei der Klitsche eines ehemaligen Mitgesellschafters meines Ausbildungsbetriebs hatte — und gefeuert wurde, weil ich nicht den total flexiblen Abruf‐Hampelmann mit mir machen ließ, war die Reaktion einer meiner (fleißigen) Ex‐Mitstudierenden: »Aber du darfst doch zu deinem Chef nicht Nein sagen!«...

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