Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 2)

[Im Büro vom Chef]

Chef: (angespannt) Sie wollten mich sprechen, Frau Lange?

Frau Lange: Ja.

Chef: Gut. Worum geht es? Bitte machen Sie schnell, ich habe gleich noch einen wichtigen Geschäftstermin.

Frau Lange: Die Frau Uhlig erzählt in der Firma Lügen über mich. Sie behauptet, ich würde faul sein, keine Fachkenntnisse haben und Kunden vergraulen. Außerdem sei ich nicht flexibel und belastbar, weil ich eine alleinerziehende Mutter sei.

Chef: Ich habe mit der Frau Uhlig bereits gesprochen, sie hat mir versichert, dass ihre Anschuldigungen völlig aus der Luft gegriffen seien. Sehen Sie, ich habe jetzt leider auch keine Zeit dafür, ein wichtiger Kunde erwartet mich gleich. Könnten Sie beide sich nicht einfach zusammenreißen und sich wie erwachsene Menschen verhalten?

Frau Lange: Aber...

Sekretärin: (unterbricht) Herr Schabanowski, entschuldigen Sie bitte die Störung, aber der Herr Knutik ist gerade eingetroffen.

Chef: Danke. Frau Lange, wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden.

Frau Lange: (resigniert) Okay.

Chef: (zwei Monate später) Frau Ragnitz, könnten Sie bitte eine neue Stelle ausschreiben, ich habe hier eine schriftliche Kündigung von der Frau Uhlig vorliegen.

Sekretärin: Wie Sie wünschen.

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[Am Telefon]

Ex‐Mitarbeiter: Guten Tag, Müller mein Name, ich rufe wegen meinem Arbeitszeugnis an. Mir wurde versichert, dass es mir Anfang des Monats per Post zugeschickt werde. Jetzt haben wir aber leider schon den 15. und ich habe es noch nicht erhalten.

Sekretärin: Ach Andreas, Du bist es. Schön, mal wieder von Dir zu hören. Wie geht es Dir? Hast Du schon eine neue Stelle?

Ex‐Mitarbeiter: Hallo Ines. Ja, mir geht es gut, danke der Nachfrage. Einen neuen Job habe ich leider noch nicht. Wegen meinem Arbeitszeugnis...

Sekretärin: Ja, der Herr Schabanowski ist leider gerade nicht im Haus. Ich sage ihm aber Bescheid. In spätestens einer Woche sollte er es Dir dann zugeschickt haben.

Ex‐Mitarbeiter: Super, danke!

Sekretärin: (drei Wochen später) Ragnitz, Büro von Herrn Schabanowski. Was kann ich für Sie tun?

Ex‐Mitarbeiter: Hallo, Müller hier. Ich rufe wegen meinem Arbeitszeugnis an.

Sekretärin: Ah, Hallo Andreas. Einen Moment bitte, ich stelle Dich durch.

Chef: Schabanowski, was kann ich für Sie tun?

Ex‐Mitarbeiter: Andreas Müller, ich grüße Sie. Es geht um mein Arbeitszeugnis.

Chef: Ah, der Herr Müller. Ja, entschuldigen Sie bitte. Sehen Sie, im Moment kommen so viele Aufträge rein, zwei meiner Mitarbeiter sind krank und meine Tochter ist voll in der Pubertät. Das verstehen Sie sicher, oder? Sobald ich Zeit finde, werde ich mich sofort darum kümmern. Versprochen! Am besten kommen Sie erst einmal zu einem Gespräch ins Büro. Meine Sekretärin gibt Ihnen einen Termin. Moment, ich stelle Sie durch.

Sekretärin: Ragnitz, Büro von Herrn Schabanowski. Was kann ich für Sie tun?

Ex‐Mitarbeiter: (unterdrückt seinen Ärger) Ja, hier immer noch Müller. Herr Schabanowski meint, ich solle wegen meinem Arbeitszeugnis noch einmal ins Büro kommen und einen Termin ausmachen.

Sekretärin: Oh. In den nächsten zwei Wochen ist leider alles voll. Ich melde mich aber sofort bei Dir, wenn wieder weniger los ist.

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[Im Flur]

Frau Hein: Hallo Simone, Du hattest doch auch einen befristeten Arbeitsvertrag, oder? Wann hast Du eigentlich Dein Gespräch wegen der Verlängerung?

Frau Sonntag: Hallo Elsa, ja mein Vertrag ist leider auch erst mal nur für ein halbes Jahr befristet. Ich habe mein Gespräch in einer Woche. Und Du?

Frau Hein: Ich habe es erst in zwei Wochen. Hast Du das Gerücht gehört, dass nur einer von uns verlängert werden soll, wegen angeblich mangelnder Auftragslage?

Frau Sonntag: Ja, das stimmt leider. Du, ich muss jetzt aber los. Bis Morgen.

Frau Hein: Bis Morgen. (eine Stunde später Im Büro des Chefs) Herr Schabanowski, entschuldigen Sie bitte die Störung.

Chef: Ah, Frau Hein. Was gibt es denn so dringendes?

Frau Hein: Ich möchte heute Nachmittag Babykleidung für Frau Sonntag kaufen. Brauchen Sie vielleicht auch noch etwas für ihren Neffen?

Chef: Nein, aber danke der Nachfrage. Die Frau Sonntag erwartet Nachwuchs?

Frau Hein: Ja, es hörte sich so an. Ist aber noch nichts Offizielles.

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 » Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 1)

2 Gedanken zu “Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 2)

  1. Ja, so ist es heutzutage. Dies mag man noch hinnehmen, aber im Unverständnis harrt man, wenn man Personen sieht, die dafür arbeiten, sich darin möglichst lange und viel aufzuhalten.
    Der Arbeitsmarkt ist heute ganz offensichtlich abhanden gekommen. Er hat große Leuchtschriften, auf denen aufleuchtet, was er gerade braucht: Skills, Facharbeiter, CEOs, Kex Account Manager, Sales Manager, Senior Appllicant, Küchenhilfe, Tiefenreinigungsfachkraft, diese und jene Kompetenz.
    Was ist daran abhanden gekommen? Seine Gestaltung. Er ist ein Menetekel, dass die Menschen beherrscht und zwar eines, das sie selbst erschaffen haben. Man hat erschaffen einen großen Filter, bei dem man auf Regeln verzichtet hat und den man so eingestellt hat, dass er mehr oder weniger zufällig Anforderungen ausschüttet. Überall die lachenden Gesichter in Anzug und Kleid, alle gleich angezogen, allzeit damit beschäftigt den Arbeitsmarkt zu interpretieren. Unweigerlich erinnert dies an das Orakel von Delphi oder die Zeichen Gottes.
    Der Mensch, wenn er denn einmal halbwegs autonom leben will, muss sich den Arbeitsmarkt wieder in die gestalterische Kraft holen. Dies ist heute eine weitgehend abgehakte Option. nur an den belanglosen Rändern der Diskurse wird gedacht, wie der Mensch sich sein Dasein gestalten könnte. In den Zonen der symbolischen Gratifikation von Denkleistung setzt man das ganze bestehende System implizit voraus. Zu Denken gibt es nur in dessen Rahmen etwas. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich ein Intellktueller aufhschwang und das Ganze tout court ablehnte undverdammte. Heute ist man weitgehend zahm geworden, im Inneren der Ideologie läßt es sich gut leben und fein einrichten. So ist den der Arbeitsmarkt nunmal der Arbeitsmarkt. Hier wird gehechelt und gedrückst, ist doch lustig auch.

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