Neoliberale Ethik

ethik_titelIn den ersten 10 Jahren des Lebens (und oft noch darüber hinaus) wird den Kindern beigebracht, ehrlich zu sein, nicht zu lügen, zu stehlen, zu betrügen und Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Lehrer, Erzieher und Eltern arbeiten jahrelang, mit viel Ausdauer daran, dass den Kleinen -durch intensive Gespräche, Geschichten und Übungen‐ ein moralisch‐gutes Gewissen sowie humanistische Werte und Normen mitgegeben werden. Auch die Vorstellung, man könne im Leben alles erreichen und schaffen, wenn man nur wolle und sich anstrenge, wird den Kindern eingeimpft. Häufig jedenfalls.

Dann, so ungefähr in der Pubertät, entdecken die Jugendlichen eine Welt voller (Sach-)Zwänge, Erpressungen und Geld‐Fetisch. Denn auf einmal merken sie, dass in der Arbeitswelt, der Politik, in Unternehmen, in Geschäften, in der Behörde und in der Familie, der Ehrliche stets der Dumme ist. Dass die Wahrheit meist nur persönliche Nachteile bringt. Und die Lüge keine Notwehr mehr ist, sondern struktureller Alltag, um seine eigenen Interessen durch zu setzen. Sie lernen nun, dass wer bescheißt, betrügt, verarscht, stiehlt, lügt und betrügt — meist weiter im (Berufs-)Leben kommt. Immer vorausgesetzt, man lässt sich dabei nicht erwischen. Wer kann es den Jugendlichen da verübeln, wenn sie sich von den Erwachsenen betrogen fühlen?

9 Gedanken zu “Neoliberale Ethik

  1. Ob die das heute noch vermittelt bekommen... Da hätte ich meine Zweifel.
    Genauso sieht es dann bei der Resonanz gegenüber den Erwachsenen aus. Diese Generation ist die am wenigsten herumrebellierende Generation, wenn es ums strukturelle geht.
    Vielleicht hören sie Musik, die ihre Eltern nicht leiden können, vielleicht betrinken sie sich und sind laut, wann sie es wollen, aber gegen das System aufbäumen? Jeder ist nur froh, wenn er so früh wie möglich aus der Schule ist — weil Schule sie nervt. Nicht, weil sie ein Haifischbecken ist! Nein, weil sie einfach nur nervt und von vielen »wichtigeren« Dingen abhält, die ein Teenager für wichtig erachtet.
    »Gegen das System aufbegehren? Nein, wir wollen uns doch nicht prügeln! Scheiße, hat das was mit »Arbeit« zu tun? Nein, Schiebung! Arbeit ist scheiße! Jedes Verkehrsschild verbiegen und Bier‐Mix‐Flaschen zerkloppen ist zwar auch Arbeit, aber das ist ja im Suff und macht Spaß — das ist keine Arbeit, auch wenn es Aufwand und Kraft kostet.« Die machen sich noch weniger oder mehr Sorgen über die Schulabschlüsse, die sie erhalten und und nicht erhalten und über die anschließende Arbeitslosigkeit oder wie sie zu einer Lehrstelle kommen... Aufbäumen gegen Lügerei, die ihnen die Erwachsenen mal vermittelt haben, dazu hätte man ihnen die Fähigkeit beibringen müssen, viele kleine Einheiten in ein großes Ganzes zusammenzufügen. Und so etwas kommt schon mit Absicht nicht im Lehrplan vor.

  2. @matrixmann

    Ja, diese Tendenz gibt es. Aber es gibt eben noch genug linksgrüne Mittelschichts‐Spießer, die ständig moralisieren und ihren Kindern vermeintlich gute Werte mitgeben. Bis die Jugendlichen eines Tages »aufwachen« und eine andere Welt kennenlernen.

    @Stefan R.

    Allerdings! ;)

  3. @epikur
    Gut, wenn man es aus Sicht einer Gegend nimmt, in der die größten Arbeitgeber der letzten 30 Jahre nicht verschwunden sind.
    Oder aus Sicht der örtlichen Bourgeoisie, die sich auf dem Gymnasium versammelt, und bei denen jeder noch seinen Platz findet, egal wie schlecht sein Abitur am Ende ist.

  4. @Epikur

    Du spielst auf die sogenannten »christlichen Werte« an, die man als Kind eingetrichtert bekommt?

    Also spätestens seit dem großen Philosophen, und Atheisten, Friedrich Nietzsche weiß ich, dass der Neoliberalismus eigentlich eine Ethik vertritt die uralt ist, und da heißt »Umwertung aller Werte«

    Mehr darüber z.B. hier:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Umwertung_aller_Werte

    Hayek, Friedman, Neoliberale aller Coleur scheinen ihren Nietzsche aufmerksam studiert zu haben?

    Übrigens als römisch‐katholisch sozialisierter, und sich, durch Lektüre der Bibel, zum Atheisten entwickelnder Mensch, war mir von Anfang an klar, dass der Neoliberalismus, auch verharmlosend Marktradikalismus genannt, nichts anderes ist als eine neue, menschenverachente Ideologie bzw. weltliche Religion mit dem Gott »Markt«, die das NS‐Denken und das autoritär sozialistische Denken, beerbt hat.

    Soll heißen, auch schon als Blüm noch Arbeitsminister war, und Kohl sein Kanzler, war mir schon klar, dass die neoliberale Ideologie so tickt.....wie anderen hier wahrscheinlich auch....

    Umso verwunderlicher ist, dass es im Lande so ruhig bleibt?

    Mittlerweile erkläre ich es mir übrigens nicht allein mit der sprichwörtlichen Nach‐Oben‐Katz‐Buckeln‐Und‐Nach‐Unten‐Treten‐Vieler‐Mitmenschen sondern damit, dass der Neoliberalismus, dank Arbeitshetze durch Agenda 2010 und Hartz IV jeden Widerstandsspielraum ausgelöscht hat....

    ....anders ausgedrückt:

    Wen interessiert schon eine Ethik — oder gar mitmenschliche, humanistische Werte — wenn am Monatsende, oder sogar schon weit davor das Geld für den normalen Einkauf der Lebensmittel, und Getränke, fehlt?

    Insofern waren die »Reformen« wohl ein voller Erfolg, und es ist kein Wunder, dass unsere Politbonzen diese auch anderen Ländern aufdrücken wollen.....

    Gruß
    Bernie

  5. Wird dies heute den Kindern vermittelt? Ich weiß es nicht, da ich keine Kinder habe. Und die bekannten Kinder gehen allesamt noch nicht in die Schule. Gerade deswegen wäre ich richtig froh, wenn dies in der Schule vermittelt würde. Es scheint mir nötig, wenn Kinder im Elternhaus all dies nicht richtig mitbekommen. Ich ertappe mich immer wieder bei der Frage, ob die Aufzucht bei mir auch so war. Bei den Kindern, die ich kenne, ist es jedenfalls so, dass ihnen der Modus des Wollens aus der Umwelt durchgehend angereizt wird. Als läge eine große Langeweile da und man müsste das Kind verbissen fragen, ob es dies oder jenes wolle. Als bestünde die Aufzucht im Aufblasen der Volition. Willst du das? Willst jetzt so? Willst du raus, willst du hoch, willst du runter? Was willst du denn? Über die Monate lernt das Kind den Modus kennen, aber ich bezweifle, dass man da nah am Innenleben des Kindes dran ist. Nachdem es die Reaktion gelernt hat, nämlich etwas auszuwählen, will es dann bald auch schon selbst. Und da geht es dann los: denn die häufigste Regung des Kindes ist das Wollen geworden. Es will dies und das. Die Eltern sind teilweise beruhigt, wenn es nun selbst etwas will. Es will mit 2,5 Jahren das Handy, es will die Digitalkamera und der Papa erklärt dem Sprössling die Kamera wie in einem Verkaufsgespräch. Kann ein 2,5 jähriges Kind das verstehen? Es will die Schublade auf machen und die Oma, soll sie dann wieder zu machen. Ich will, dass Oma zu macht! Man lacht in die Runde ob der anschafferischen Geste des Kindes. Oma macht natürlich zu. Man kann dem Kind doch nicht den Willen abschlagen. Ich will da hinauf! Ich will jetzt hinaus! Ich will keine Jacke! Ich will trinken. Manchmal nervt es vor lauter wollen und offensichtlich, kommt es durch gestresstes Wollen nicht von der Unruhe weg, die es belastet. Wie auch?
    Ist das auch neoliberal? Ja, ich denke schon. Wo ist die Volition denn wichtiger, als wenn die Ware dann in das Spiel kommt? Du fragst nach den großen Themen des Lebens, was du tun sollst und wie du zu einem Sinn kommst im Ablauf des Erlebensstroms, heute und morgen und immer? Hast du nie den Warenvolitionskomplex anerzogen bekommen? Wenn es dich langweilt, wenn die Sinnlosigkeit aus den Ritzen quillt, dann nimm einen Warenkatalog und schaue ihn durch, bis dich eine Ware erregt, bis du merkst: das will ich! Dann kaufe und genieße sie.

  6. Kindern bleibt aber nichts anderes übrig,als sich dem anzupassen,was sie so eingeimpft und vorgelebt bekommen...Wie sollen sie sonst überleben?
    Es wäre schön,wenn jedem Menschen das schon in der Jugend klar werden würde,dass wir ständig nur belogen werden und beschissen werden.Und wenn jeder da schon möglichst selbstbestimmt und authentisch leben würde...Aber ich kann in unserer Welt irgendwie nicht erkennen,dass das wirklich bei vielen der Fall wäre.Das hat ja aber auch viel damit zu tun,dass die Strukturen in unserer Welt das nur bis zu einem gewissen Grad zulassen.
    Ich glaube,dass heute viele gar nicht mehr wissen,dass es auch noch was anderes geben könnte als das,was wir so tagtäglich erleben.Wenn ich mich mit anderen unterhalte,ist es schon öfter so,dass sich alles,worüber gesprochen wird,nur innerhalb eines bestimmten Rahmens bewegt,also ›gesellschaftskonform‹ ist...Was anderes existiert also wie gesagt für diejenigen nicht.Und sie wollen auch oft gar nichts anderes wissen und erleben...
    Ich war die letzten Wochen zB mehrere Male beim Eltern‐Frühstück in der Kita,in der meine Tochter ist.Jahrelang hat das jeden Freitag stattgefunden.Seitdem ich da hingegangen bin,sind jedes Mal immer weniger Eltern gekommen,bis es letzte Woche ganz gestrichen wurde,weil die letzten beiden Male nur ich da war...Es KÖNNTE sein,dass das damit zu tun hat,dass ich alles andere als gesellschaftskonform bin.Dabei hab ich gar nicht so viel gesagt,hab auch nicht versucht,andere zu missionieren oder so.Hab einfach nur von mir erzählt,aber das war anscheinend schon zu viel :d Schon super,wenn andere vor einem flüchten,nur weil man viel von dem Scheiß in der Welt nicht mitmacht.Das könnte die anderen ja auch zum Nachdenken anregen und sowas geht natürlich nicht...
    Genau deswegen sind Kinder eben gezwungen,sich anzupassen.Alleine kommen sie eben noch nicht zurecht.
    Mir ging es als Kind auch nicht anders.Bei meinen Großeltern konnte ich so sein wie ich bin,sonst nicht.Ich wurde immer schon oft entweder gemieden oder attackiert,weil ich halt nie total lieb und angepasst war.Teilweise musste ich das sein,aber Dank meiner Großeltern war es nie so extrem,wie man dss so bei vielen sieht.Das hat andere immer schon an mir gestört.
    Tja,so ist unsere Welt.Wenn man sich anderen nicht komplett unterwirft und ihre sadistischen Spielchen mitmacht,wird man schön ausgeschlossen und schikaniert...Also im Prinzip wird man so oder so scheiße behandelt;da bin ich doch lieber eine ›Ausgestoßene‹.Eine andere Option, die sich nicht zwischen ›Scheiße‹ und ›Scheiße‹ bewegt,kann man unserer Welt ja scheinbar nicht erwarten.

  7. @flavo

    Haben‐Wollen‐Habitus. Ja, das wird den Kleinen schon früh eingeimpft.

    @Verena

    Der eigene Glasbunker ist zugleich Schutz und Ignoranz‐Mauer. Biedermeier und Heile‐Welt‐Zwangsharmonie haben wieder Hochkonjunktur.

    Och, das wegen dem Elternfrühstück würde ich nicht auf mich beziehen. Es kann viele Gründe geben, warum da auf einmal immer weniger kommen. Zeit, Termine, Gesprächsthemen, Erzieher, Örtlichkeiten, schlechter Kaffee etc.

  8. @epikur: das mit dem Glasbunker erinnert mich irgendwie an den Film »Eiskönigin«...Der Film ist ja auch total gesellschaftskritisch.
    Das mit dem Eltern‐Frühstück war jetzt nur ein Beispiel,ich erlebe das öfter.Natürlich ist das möglich,dass das auch andere Gründe haben könnte.Aber mich meiden generell viele Menschen,die selbst total überangepasst sind.Könnte man ja auch mit dem Gesetz der Anziehung erklären...Deswegen nimmt man auch nur Dinge wahr,die ins eigene Weltbild passen und trifft hauptsächlich Menschen,die durch ihre Überzeugungen zu einem passen.Das sind eigentlich ganz normale Schutzmechanismen,obwohl die uns natürlich auch irgendwie zum Verhängnis werden.
    Damit wollte ich nur deutlich machen,wie es läuft,wenn man kein Mainstream‐Mensch ist.Das kennen doch mit Sicherheit viele.So läuft’s doch überall.
    Ich nehme das nicht persönlich und ich hab auch kein Problem damit,alleine zu sein...Aber bei Kindern sieht das schon anders aus.Genau solche Dinge,also dieses ständige Ausschließen,die ich (und auch ganz viele andere) erleben,sind ja eben der Grund dafür,warum Kinder sich so anpassen.In so einer Welt steht man nunmal ganz schnell allein da,wenn man den ganzen Wahnsinn nicht mitmacht.Kann sich kein Kind leisten.
    Deswegen sind viele ja solche Mitläufer.Es zählt nur das eigene Überleben.
    Dass man als Erwachsener allerdings nicht mehr so abhängig ist von anderen,haben viele anscheinend noch nicht gemerkt...Man ist es halt gewohnt,sich anderen zu unterwerfen und das ewig kleine Kind zu sein.

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