Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 5)

[Im Büro vom Chef]

Frau Hein: Herr Schabanowski, entschuldigen Sie bitte die Störung, ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass ich mit meiner Aufgabe heute schon fertig bin, da ich ohne Pause daran gearbeitet habe. Könnte ich dafür vielleicht meinen Mann im Krankenhaus...

Chef: (unterbricht) Hervorragend, Frau Hein! Dann können Sie ja Frau Sonntag bei ihrem Projekt unterstützen.

Frau Hein: Aber...

Chef: (unterbricht wieder) Worauf warten Sie noch? Zeit ist Geld!

Frau Hein: (verlässt resigniert das Büro) Alles klar.

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[Im Konferenzraum]

Personalleitung: (betritt 30 Minuten später als vereinbart den Raum) Guten Tag, Herr Branic, Ich grüße Sie. Ich hoffe, Sie mussten nicht allzu lange warten? Leider hatte ich das wichtige Kundengespräch heute ganz vergessen.

Herr Meyer:
(lügt) Nein, musste ich nicht.

Personalleitung: Wie geht es Ihnen?

Herr Meyer: Schon wieder etwas besser, danke. Aber manchmal schmerzt der linke Arm noch ein wenig. Aber es geht schon.

Personalleitung: Sie wissen, warum Sie heute hier sind? Es geht um die Verlängerung Ihres Arbeitsvertrages.

Herr Meyer:
Ja. Ich war ja leider in den letzten vier Wochen krank geschrieben.

Personalleitung: Sehen Sie, gerade jetzt haben wir zwei weitere wichtige Großkunden an Land gezogen und da brauchen wir jeden Mitarbeiter. Flexibilität und Belastbarkeit werden bei uns sehr groß geschrieben.

Herr Meyer: Ich wurde von einem betrunkenen Autofahrer angefahren und hatte mehrere Knochenbrüche. Nun bin ich aber wieder voll arbeitsfähig.

Personalleitung: Es tut mir wirklich außerordentlich leid! Die Geschäftsführung hat leider entschieden, Ihren Vertrag nicht weiter zu verlängern. Für Ihre Zukunft wünsche ich Ihnen alles Gute!

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[Im Kopierraum]

Herr Branic: (spricht leise) Du, sag mal, wie findest Du eigentlich die neue Überstunden‐Regelung?

Frau Hein: Nicht gut. Wir sollen zwar viele Überstunden machen, dürfen sie aber nicht mehr abbummeln, sondern müssen sie uns ausbezahlen lassen. Und dann noch mit einem lächerlichen Zuschlags‐Bonus, bei dem nach allen Abzügen eh nicht mehr viel übrig bleibt. Das entspricht nicht meiner Vorstellung von Work‐Life‐Balance. Ich weiß jetzt auch gar nicht, wer mein Kind vom Kindergarten abholen soll, wenn ich Überstunden machen muss. Mein Mann arbeitet bis 18: 00 Uhr.

Herr Branic: Sehe ich ganz genauso! Am Montag ist Teambesprechung, da können wir das ja mal zur Aussprache bringen, oder?

Frau Hein: Ja!

Personalleitung: (nächsten Montag am Ende der Teambesprechung) Gibt es sonst noch etwas, worüber Sie reden möchten?

Herr Branic: Ich würde gerne etwas zur neuen Überstunden‐Regelung sagen.

Personalleitung: (leicht genervt) Ich dachte, das Thema sei durch? Nun gut, Herr Branic, worum geht’s?

Herr Branic: Ich bin gerne bereit Überstunden zu leisten, würde sie jedoch abbummeln wollen, um meine Kinder und meine Frau sehen zu können.

Personalleitung: Es ist nun mal betrieblich erforderlich und wurde im Einvernehmen mit dem Betriebsrat so beschlossen. Oder sieht das jemand ähnlich wie Herr Branic?

Frau Hein: (schweigt. Wie alle anderen auch.)

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» Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 1, 2, 3, 4)

10 Gedanken zu “Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 5)

  1. @Mac Paul
    Yup, und wenn sie eine Chance wittern ihre eigenen schwindenden Chancen aufzubessern, stechen sie dir noch hinterrücks nach. Eine feine Werkzeugkiste hat man sich da gezüchtet, — Angst gegen Angst für Ignoranz, solange man nur selber noch einigermaßen durch kommt. Den ultimativen Spruch finde ich immer, — »Sie wissen ja, dass wir das mit begrenzten Ressourcen machen müssen«, — und alle nicken hoch wichtig mit’m Kopf.

  2. Ich verstehe bis heute nicht, warum die »Belohnung« für ein produktives und zügiges Arbeiten, noch viel mehr Arbeit ist. So motiviert man seine Mitarbeiter nur, nicht zu schnell zu arbeiten.

    @eb
    Solch ein Verhalten subsumiert sich heute unter »Teamfähigkeit«, »Eigenverantwortung« und »geistige Reife«. Jeder gegen Jeden. Das Prinzip der Angst.

  3. @epikur

    Der Lohnarbeitswahnsinn bekommt gleich ein anderes Gesicht:

    Ich hab mich 2003 von meinem Vater überreden lassen in seinem Geschäft mitzuhelfen — als sogenanntes »mithelfendes Familienmitglied« — Immer noch besser als Hartz IV.

    Tja, nun ist mein Vater bald 9 Jahre tot, und ich bin in einer Erbengemeinschaft mit meinen 3 Geschwistern gelandet von denen alle meinen das Geschäft aufgeben zu müssen — Heute wurde mir, wieder einmal, angedroht, dass Geschäft in 1 Jahr zu schließen.

    Tja, so sieht’s aus.

    Übrigens wie ungerecht es in Deutschland auch bei der Personalauswahl zur Ausbildung zugeht, dass durfte ich auch durch meine älteste Schwester — indirekt — erfahren.

    Ich wollte immer schon Beamter im gehobenen nichttechnischen Dienst bei einer Kommunalverwaltung werden, der Plan ist aber vor Jahren schon gescheitert, und nun bin ich zu alt für diese »Laufbahn«.

    Tja, die Nichte von mir hat es geschafft, die hat heute die Zusage für eine Ausbildung erhalten, die mir eine Menge Ärger und Kummer erspart hätte — das OK von Gemeinde und Regierungspräsidium für eine Ausbildung im gehobenen nichttechnischen Dienst.

    Einerseits freue ich mich für sie, aber andererseits frage ich mich:

    Warum wurde ich, vor Jahren, nicht eingestellt, meine Nichte aber schon?

    Ich werde wohl, mangels Alternative (wäre schon wenn ich mich irre!) in einem Jahr in Hartz IV statt in der Beamtenlaufbahn landen.

    Der Ärger von mir ist maßlos, da ich zudem, vor Jahren, noch ein anderes Deutschland erleben durfte als heute — es ist einfach nur noch ungerecht wie es zugeht — in dieser Merkel‐Demokratur, für die ich nie Beamter werden würde......aus heutiger Sicht.....

    Gar nicht amüsierte Grüße
    Bernie

  4. Bernie: In meiner ÖD‐Ausbildung für den gehobenen Dienst hieß es unter uns Azubis immer »Du mußt nicht bescheuert sein, um im öfentlichen Dienstzu arbeiten, aber es hilft über vieles hinweg.«

    Sei auf der einen Seite froh, dass es bei Dir nicht geklappt hat......
    glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.

  5. @altautonomer

    »[...]Sei auf der einen Seite froh, dass es bei Dir nicht geklappt hat......
    glaub mir, ich weiß, wovon ich rede[...]«

    Wie meinst du das denn?

    Ich ärgere mich eben, da mein Leben komplett am A... ist.

    Wäre ich im Ö.D. — gar als Beamter — angenommen worden, dann hätte ich z.B. keinen Sch... lebenslauf mit Lücken durch Arbeitslosigkeit und Zeiten geringfügiger Beschäftigung, denn Hartz IV gilt eben nicht für Beamte...dort wurde nie »reformiert«, denn welcher Staat beißt schon in die Hand die ihn füttert.

    Übrigens, ich habe es — damals beim Bewerben auf eine Ausbildungsstelle vor lauter Verzweifelung — auch versucht im mittleren Dienst zu landen — dachte, immer noch besser als arbeitslos.

    Auch dort nicht gelandet, aber die Absagebegründung war der Hammer »da ich überqualifiziert wäre....«

    Toll, kam mir vor wie der sprichwörtliche Hauptmann von Köpenick...im gehobenen nichttechnischen Dienst Qualifikation reicht nicht, im mittleren nichttechnischen Dienst »da ich überqualifiziert wäre....«

    Bin im normalen Nicht‐Beamten‐Dienst in der Ausbildung gelandet, bei einer Gemeinde als Verwaltungsfachangestellter — nach der Lehre nicht übernommen 1992.

    Seit 23 Jahren, die sprichwörtliche A...Karte gezogen, und langsam die Schnauze gestrichen voll davon....

    Mein Vater meinte, dass ich sein Geschäft übernehmen soll — kurz vor seinem Tod — der Traum ist auch ausgeträumt, denn wie bereits erwähnt:

    Mutter, seine Witwe, dement mir Parkinson und Diabetes, und zerstrittene Erbengemeinschaft....A...Karte — schon wieder –

    Hartz IV vorprogrammiert, und evtl. sogar Verschuldung, da ich ein großes Wohnhaus mit meinen Erben teile, das Teil des Geschäftsgrundstücks ist — müßte im Streitigkeitsfall alles zwangsversteigert werden, und ich bin dann evtl. sogar heimat‐ bzw. obdachlos mit 45 Jahren....

    Auch egal, A...Karte gezogen....Ich weiß, aber so sieht’s aus im heutigen Deutschland.....du kannst dich in ein Geschäft reinhängen, aber sollte es eine Erbengemeinschaft sein, dann gilt nur noch:

    »Du kannst ihnen nichts recht machen, und wenn du dich noch so anstrengst.«

    Bin voll frustriert, gebe ich zu....und am Bewerben....trotz Lücken im Lebenslauf....und Hoffnungslosigkeit je eine Arbeitsstelle zu finden....hege ab und an sogar Selbstmordgedanken....aber auch egal.....so ist es halt bei mir....als Sohn eines selbständigen Unternehmers, der vor Jahren, plötzlich nach Koma aus dem er nie wieder aufgewacht ist, an Krebs gestorben ist....

    Damals 2003 war ich mal Paßbilder machen lassen, und die Fotografin meinte nur, dass auch ihre Tochter ins Geschäft einsteigen will — selbe Begründung wie damals mein Vater. Tja, man konnte eben Voraussehen worauf Hartz IV hinausläuft, und manche wagten eben diesen Schritt — Ein Fehler ich weiß es nun, aber will ihn ja korrigieren....

    Interessant wäre die Frage:

    Wieviel noch diesen Weg gegangen sind, der sich letztendlich doch als Sackgasse entpuppt hat?

    Der vermeintliche »Chancengeber« muss eben nur sterben bzw. schwer krank werden, oder etwas anderes als Übernahme‐Hinderungsgrund auftreten, und schon kriegt Hartz IV dich eben doch.....

    Zynischer Gruß
    Bernie

  6. Kleine Ergänzung:

    Mit »nie reformiert« meine ich übrigens den Hauptgrund des Beamtendaseiens, d.h. warum auch meine Nichte — mit Abitur — den Schritt in den gehobenen nichttechnischen Beamtendienst wagt: »Die Unkündbarkeit«.

    Soviel ich weiß existiert die noch immer und verschafft als »besonderes Dienst‐ und Treueverhältnis gegenüber dem Staat« dem Beamten bzw. der Beamtin eben den Vorteil nie arbeitslos zu werden — Eine Ungerechtigkeit die andere Länder, z.B. die nahe Schweiz nicht zu kennen scheinen, da es eben dort kein Berufsbeamtentum gibt....wie ich mittlerweile weiß....

    Nur mal so als Hinweis...für andere die hier mitlesen....

    Gruß
    Bernie

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