Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn

[Im Pausenraum]

Chef: (wütend) Das ist unglaublich! Was erlauben die sich eigentlich?

Sekretärin: Entschuldigen Sie, was ist denn passiert?

Chef: Mein Sohn hat einen Strafzettel bekommen, weil er angeblich zu schnell gefahren ist. Aber das ist unmöglich, denn ich habe ihm persönlich beigebracht, wie man sich im Straßenverkehr zu verhalten hat.

Sekretärin: Ich verstehe. Und was haben Sie nun vor?

Chef: Ich werde mit aller Macht dagegen vorgehen. Mein Sohn wird nicht einen Cent bezahlen, das kann ich Ihnen versichern! Kontaktieren Sie bitte unverzüglich unseren Mann bei den Medien und rufen Sie meinen Anwalt an!

Sekretärin: Und was ist mit Ihrem Meeting mit dem Großkunden in 20 Minuten?

Chef: Das kann warten! Keine Widerrede. Und nun ran ans Telefon.

Sekretärin: Wie Sie wünschen.

Chef: (3 Stunden später) Hören Sie, die Sache mit dem Strafzettel und meinem Sohn...wie soll ich es sagen, es hat sich erledigt.

Sekretärin: Aber die Lokal‐Zeitung will morgen eine Story drucken und Ihr Anwalt meint, wir hätten gute Chancen, dass...

Chef: (unterbricht) Haben Sie mich nicht verstanden? Die Sache ist gecancelt. Was ist mit dem Meeting mit dem Großkunden? Haben Sie das vorbereitet?

Sekretärin: Ich habe das auf Ihren Wunsch hin verschoben.

Chef: (wütend) Habe ich etwa gesagt, dass sie das tun sollen? Könnten Sie vielleicht einmal eine Sache richtig machen? Wofür bezahle ich Sie eigentlich?

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[Im Fahrstuhl]

Chef: Guten Morgen, Herr Müller!

Angestellter: Guten Morgen, Herr Schabanowski! Entschuldigen Sie, seit wann wird die Dienstplangestaltung nach der neuen Verordnung gehandhabt?

Chef: Haben Sie nicht die E‐Mail vom letzten Samstag gelesen?

Angestellter: Nein, leider nicht. Ich hatte da einen arbeitsfreien Tag.

Chef: Wir erwarten von all unseren Mitarbeitern, dass sie zeitnah alle internen Anweisungen und Verordnungen lesen und umsetzen.

Angestellter: Das tue ich ja auch. Eben nur nicht an arbeitsfreien Tagen, da bin ich bei meiner Familie.

Chef: Seit wann sind Sie in unserer Firma?

Angestellter: Seit Anfang des Jahres.

Chef: (wendet den Blick ab) Aha.

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[Büro der Personalleitung]

Personalleitung: Sie sind ja jetzt seit drei Monaten in der Firma. Wie gefällt es Ihnen bei uns?

Neuer Mitarbeiter: Sehr gut, Frau Schmidt.

Personalleitung: Das freut mich. Aber es gibt doch sicher etwas, dass wir besser machen können, oder? Damit wir alle produktiver und effizienter werden?

Neuer Mitarbeiter: Also ich bin insgesamt sehr zufrieden.

Personalleitung: Hören Sie, mir können Sie alles sagen, was Ihnen auf der Seele brennt. Nur keine falsche Bescheidenheit!

Neuer Mitarbeiter: (Für einen Moment überlegt der neue Mitarbeiter, ob er Ihr sagen soll, dass ihn die häufigen Überstunden, die geheuchelte Freundlichkeit der Kollegen, die Arroganz der Leitung, die schlechte Entlohnung, der ständige Leistungsdruck, die endlos geforderte Flexibilität und vieles andere, gehörig auf den Sack gehen, und er die Lohnarbeit auch nur deswegen macht, damit er seine Familie ernähren und die Miete bezahlen kann – doch er hält inne.) Ich fühle mich in der Firma sehr wohl, das Arbeitsklima ist sehr angenehm und die Kollegen sind alle super nett. Auch mit dem Gehalt kann ich gut leben.

Personalleitung: (lächelt) Okay, Sie können gehen. Schicken Sie mir bitte noch den Herrn Tietmeyer herein?

Neuer Mitarbeiter: Mache ich.

Personalleitung: Danke.

4 Gedanken zu “Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn

  1. @Art Vanderley

    Das ist die Tragik an der Sache. Wer seine Lebenszeit, seine Familie, Freunde, Hobbys und Leidenschaften nicht für die Karriere opfern will, wird auch kein Chef werden. Also ist es kein Wunder, dass es in der Chefposition vermehrt solche Menschentypen gibt.

  2. @epikur

    Leider wahr , und ganz offensichtlich werden diese Typen von oben auch noch bevorzugt auf Chefsessel gesetzt , Leute reintreiben und unter Druck setzen , Rendite steigern.

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