Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 6)

[Im Cafe]

Herr Meyer: (freundlich lächelnd) Hallo Susi, schön Dich hier zu sehen!

Frau Schulz: (leicht angetrunken. Subtil vorwurfsvoll) Ach, Hallo Ralf, Dich gibt’s ja auch noch. Hast Du schon eine neue Arbeit gefunden oder bist Du immer noch arbeitslos?

Herr Meyer: Ich bin derzeit erwerbslos ja.

Frau Schulz: Muss ja voll langweilig sein. Den ganzen Tag nur Zuhause rum zu sitzen, oder?

Herr Meyer: (fühlt sich genötigt, sich zu rechtfertigen) Ich mache viel Sport, fahre Fahrrad, besuche kulturelle Einrichtungen, gehe spazieren, treffe mich mit Freunden, unternehme viel mit meinem Sohn, engagiere mich in einem sozialen Projekt, lese und schreibe viel. Ich habe genug zu tun. Und ganz ehrlich, Ihr seid doch diejenigen, die im Büro den ganzen Tag vor dem Computer sitzen, oder etwa nicht?

Frau Schulz: (lacht kurz, wird dann ernst und anklagend) Ja, das stimmt schon, aber ich liege niemandem auf der Tasche und ich verdiene mein eigenes Geld. Bewirbst Du Dich denn wenigstens?

Herr Meyer: (verteidigt sich) Ich zahle auch weiterhin brav meine Steuern. Wer uns allen wirklich »auf der Tasche« liegt, das sind die Zocker‐Banken, denen 500 Milliarden Euro geschenkt wurden und die mit Lebensmitteln spekulieren, Konzerne, die ihre Verluste sozialisieren und Steuern hinterziehen, Politiker, die gegen das Volk regieren, Unternehmen, die von der EU Millionen Euro an Subventionen einstreichen, Hedgefonds‐Manager, die ganze Staaten in den Ruin treiben und so weiter. Sie alle sind für Stellenabbau und Massenerwerbslosigkeit verantwortlich, nicht ich. Und ja klar, bewerbe ich mich, aber der Arbeitsmarkt ist und bleibt eine Katastrophe. Außerdem verkaufe ich meine Würde nicht für einen Spottpreis. Nicht mehr.

Frau Schulz: (gereizt) Wie? Du hast auch noch Ansprüche? Sei doch froh, wenn Du überhaupt irgendeine Arbeit findest!

Herr Meyer: Also..

Frau Schulz: (unterbricht) Oh, entschuldige. Da hinten kommt der Sohn meines Chefs. Ich geh ihn mal begrüßen (steht auf und geht).

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[Am Telefon]

Chef: Schabanowski. Was kann ich für Sie tun?

Frau Sonntag: Hallo, Herr Schabanowski. Ich grüße Sie. Ich wollte Sie nur darüber in Kenntnis setzen, dass die zwei neuen Kollegen vorhaben, einen Betriebsrat zu gründen. Sie haben auch schon mit der Gewerkschaft ver.di Kontakt aufgenommen und sich arbeitsrechtlich informiert. Noch ist das alles nicht offiziell, aber ich dachte mir, Sie sollten davon erfahren.

Chef: Vielen Dank, Frau Sonntag. Das ist in der Tat höchst interessant. Ich denke, Ihr Urlaub über Weihnachten dürfte auch genehmigt werden. Einen schönen Tag noch!

Frau Sonntag: Danke. Ebenso!

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[Im Besprechungsraum]

Chef: (mit einem geübten Lächeln) Hallo Marco, setz Dich doch bitte!

Praktikant: Danke.

Chef: Es geht um Dein Protokoll, dass Du gestern bei unserer Kundensitzung verfasst hast. Leider sind hier sehr viele Rechtschreib‐ und Grammatikfehler enthalten.

Praktikant: (selbstbewusst) Herr Schabanowski. Können Sie mir die bitte zeigen?

Chef: (zeigt bestimmend mit dem Finger drauf) Hier fehlt ein Komma und dort ein Anführungszeichen!

Praktikant: Ok. Und was noch?

Chef: (gereizt) Reicht das etwa nicht?

Praktikant: (devot) Entschuldigen Sie, ich werde das sofort verbessern.

Sekretärin: (gleichzeitig im Büro nebenan: in Gedanken genervt) Jetzt muss ich schon wieder die gesamte Powerpoint‐Präsentation von Herrn Schabanowski korrigieren, weil sie nur so vor Fehlern strotzt.

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4 Gedanken zu “Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 6)

  1. Frau Schulz , leicht angetrunken , der Chef , der Schabanowski heißt und sich auch so aufführt , man setze das einer typischen Frau Schulz vor , die merkt gar nicht , daß es sich um Sarkasmus handelt , weil es so verdammt realistisch ist, nicht nur fast wie im richtigen Leben.

  2. »Bewirbst du dich denn wenigstens...?« Ein Evergreen...! Deutschland ist ja nicht nur das Land der 80 Mio Bundestrainer. Deutschland ist auch das Land der 80 Mio. Arbeitsvermittler. ;) :( Was man sich da regelm. an völlig selbstverständlich geäußerten, anmaßenden Bullshit anhören darf (oft fehlt da bei manch einem nur noch die Rechtsbehelfsbelehrung...), zeigt wie verkommen diese Gesellschaft schon geworden ist. Als Erwerbsloser ist man automatisch ein minderwertiger Mensch zweiter Klasse, der sich selbst vorm niedersten Lohnarbeitsknecht zu rechtfertigen hat. Leider tun es auch die meisten, weil sie (auch Dank dieses Dauerfeuers aus der Mitte der Gesellschaft) inzwischen auch daran glauben, selbst »Schuld« zu sein...

  3. @Dennis82

    »Bewirbst du dich denn wenigstens...?« Ein Evergreen...!

    Eigenverantwortung. Eigenverantwortung. Eigenverantwortung. Es gibt keine strukturell geschaffene und gewollte Massenerwerbslosigkeit, um die Machtverhältnisse, den Niedrig‐Lohnsektor und die prekären Arbeitsverhältnisse aufrecht zu erhalten. Das ist aaallees Verschwörungstheorie. Du kannst alles im Leben schaffen. Du musst es nur wollen! Und für alle Niederlagen im Leben bist nur Du selbst verantwortlich. :ANBETEN: :SICK:

  4. Eigenverantwortung? Könnte man adäquat mit »Ätsch, selba schuld!« ersetzen.
    Der Begriff an sich ist sowas von daneben: »Ver‐Antwortung« setzt ein äußeres Gegenüber voraus, ist im Kafka´schen Sinn immer überpersönlich. Aber das MÜSSEN die Neolib‐Mammonssklaven schon vom Naturell her vehement ableugnen!

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