Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 3)

[In der Kaffeeküche]

Frau Hein: (verärgert) Oh man, schon wieder über 500 Akten sortieren. Dafür habe ich doch nicht fünf Jahre studiert!

Frau Sonntag: Ja, das macht wirklich keinen Spaß. Aber gehört nun mal leider zur Arbeit dazu. Ach, wann fängt eigentlich der neue Praktikant bei uns an?

Frau Hein: Ich glaube, der kommt morgen früh.

Frau Sonntag: Naja, Du kannst das ja dem Praktikanten übertragen. So wird er gleich eingearbeitet.

Frau Hein: (grinst) Gute Idee!

Praktikant: (einen Tag später) Hallo!

Frau Hein: Bist Du der neue Praktikant? Komm mal mit, ich habe da gleich eine interessante Aufgabe für Dich.

Praktikant: (folgt) Ja, bin ich. Ich heiße übrigens Marco.

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[Im Büro der Sekretärin]

Chef: Frau Ragnitz, bitte verhängen Sie für die nächsten zwei Monate eine Urlaubssperre. Wir haben gerade zwei Großaufträge reinbekommen. Und da brauchen wir jeden Mitarbeiter.

Sekretärin: Herr Schabanowski, bitte entschuldigen Sie, aber viele Kollegen haben ihren Urlaub schon am Anfang des Jahres eingereicht, manche haben schon gebucht und...

Chef: (unterbricht) Wenn wir diese zwei Kunden nicht beliefern, dann können wir den Laden auch gleich dicht machen! Wem Urlaub wichtiger, als das Fortbestehen der Firma ist, der kann gerne kündigen. Dann gibt es genug Urlaub (wendet sich ab und geht).

Frau Sonntag: (zwei Stunden später) Frau Ragnitz, ich grüße Sie. Ich würde für nächsten Dienstag gerne einen Urlaubstag nehmen, meine Großmutter wird da beerdigt.

Sekretärin: Das kann ich Ihnen leider nicht gewähren, Frau Sonntag.

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[Im Großraumbüro]

Abteilungsleiter: (steht und spricht laut) Verehrte Kollegen,  ab heute gibt es den neuen Dienstplan. Dieser wurde Ihnen allen bereits heute Morgen per E‐Mail zugestellt.  Wie Sie feststellen werden, wurden einige Aufgaben neu verteilt. Da wir immer noch unterbesetzt und zwei Kollegen im Urlaub sind, wird es diesen Monat leider auch eine erhöhte Arbeitsverdichtung geben. Gibt es zunächst Fragen hierzu?

Herr Schmitt: In meiner Aufgabenverteilung steht, dass ich dem neuen Großkunden zugeteilt wurde. Da ich weder mit dem Thema, noch mit dem Kunden vertraut bin, würde ich gerne wissen, ob es hier eine Schulung oder Einarbeitung geben wird?

Abteilungsleiter: Wir schicken Ihnen ein PDF‐Dokument in dem alles Wesentliche enthalten sein wird.

Frau Sonntag: Ich bin für den folgenden Monat der Spätschicht zugewiesen worden. Dabei habe ich damals im Vorstellungsgespräch betont, dass ich Mutter bin und leider nur in der Frühschicht arbeiten kann, um mein Kind vom Kindergarten abholen zu können.

Abteilungsleiter: Sie werden schon eine Lösung finden. Es geht leider nicht anders.

Frau Hein: Ich habe den Dienstplan leider nicht erhalten können, da mein E‐Mail Account immer noch nicht freigeschaltet wurde. Der IT‐ und Technikabteilung habe ich diesbezüglich schon vor einer Woche Bescheid gegeben.

Abteilungsleiter: Frau Sonntag, könnten Sie mal eben der Frau Hein den Dienstplan ausdrucken?

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6 Gedanken zu “Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 3)

  1. @rainer

    Damit macht man es sich zu einfach und frönt nur dem »Eigenverantwortungs‐Prinzp«. Bei 6–7 Millionen Arbeitslosen, die auf vielleicht maximal 1 MIllion offene Stellen treffen (nachzulesen in der öffiziellen Arbeitsagentur‐Statistik), hat in Deutschland kaum jemand eine Wahl. Am Ende sind die meisten froh, überhaupt eine Lohnarbeit gefunden zu haben, um finanziell über die Runden zu kommen und um nicht vom Jobcenter‐Terror abhängig zu sein.

  2. @epikur –

    genau so verhält es sich leider: JobCenter verwöhnen die
    »Arbeitgeber« mit willig gefalteten Zwangsarbeitnehmern.
    Das hat eine Generation von AG zur Folge, die vor Fett
    toll geworden sind. Wären sie Schweine, müsste man sie notschlachten.

  3. Excellente Reihe! Nichts ist weniger thematisiert als die Lohnarbeitswelt im Konkreten Vorgehen und mit nichts verbringen die meisten Menschen mehr Zeit. Gemein hin lebt diese Nichtthematisierung von Dogma, dass nur das Politische Öffentlichkeitsrang hat und hingegen alles Private, so auch die Privatwirtschaft, eben priviert davon sind, wenn nicht gar nach eigenen sachzwanghaften Mechanismen vor sich geht und es rednundant wäre, davon zu reden. Denn man redet ja auch nicht über das Fallgesetz, um daran etwas zu verhandeln. So ist der Befehl, das nichtkooperative Reden, die Anweisung unumgänglich. Sieht nun einer im Unternehmesnkorpus höher gestellter mehr Arbeit auf sich zukommen, so ist die gesetzhafte Reaktion, den Druck nach unten zu verteilen: kein Urlaub mehr. Und umgekehrt: keine Arbeit mehr. die Volatilitäten des Marktes erzeugen an dieser Flanke offensichtlich keine Freiheit. Sie erzeugen Zwang und Heteronomie.

  4. @flavo

    Naja, im Privaten oder am Stammtisch wird schon mal über die Lohnarbeit oder den Chef getratscht. Meist aber eben nur, um sich Luft zu machen und nicht, um das große Getriebe in Frage zu stellen. Das wird als Naturzustand: »ist eben so / kann man ja doch nichts dran ändern« deklariert. Das Verrückte ist doch, dass eigentlich jeder weiß, wie schizophren und selbstentfremdet Lohnarbeit häufig ist. Aber ein Leben ohne Zwang? Davor haben viele noch mehr Angst, als vor der Unterdrückung der eigenen Individualität.

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