Ziegenjournalismus (4): Zitate

Haben Journalisten den Mut, die Hand zu kritisieren, die sie füttert?

Die Rubrik »Ziegenjournalismus« will sich mit den ganz alltäglichen und üblichen Methoden der Mainstream‐Presse, der Leitmedien, der bürgerlichen Medien (oder wie auch immer man sonst die großen, auflagen‐ und reichweitenstärksten Presseerzeugnisse nennen will) beschäftigen. Der Verlust der Deutungs‐ und Meinungshoheit sowie der Glaubwürdigkeit großer Medienhäuser, hat eben nicht erst mit den Social‐Media‐Phänomenen, vermeintlichen Fake News, Facebook, Verschwörungstheorien, Putintrollen, den Lügenpresse‐Vorwürfen oder mit dem Populismus angefangen, sondern schwelt im Hintergrund schon seit Jahrzehnten.

Verantwortlich sind hier vor allem die gängigen und alltäglichen Methoden der großen Gazetten, die mit »vierter Gewalt« sehr wenig, aber mit »Aufmerksamkeitsgenerierung« sehr viel zu tun haben. Diese Prinzipien werden weder von den Medienhäusern selbst, noch von anderer Seite groß in Frage gestellt oder offen kritisiert. Sie gehören halt zum Geschäft, so die gängige Argumentation. Eine dieser üblichen Medien‐Verkaufsstrategien, welche Fakten, Darstellungen, Berichte und Sachlagen häufig verzerren, ist der medienspezifische Umgang mit Zitaten.

Kürzen
Vor einigen Jahren wurde ich von einem süddeutschen Radiosender zum Thema »Kontaktabbruch in der Familie« interviewt. Das Interview dauerte insgesamt rund vier Stunden. Die dazu produzierte Radiosendung war nicht länger als 25 Minuten und von meinen langen, ausführlichen Analysen, kritischen Thesen oder Argumenten war am Ende nichts, aber auch rein gar nichts übrig. Einen kurzen Satz, der rund 10 Sekunden lang, völlig aus dem Kontext gerissen war und so in dieser Form auch von einem Glückskeks hätte sein können, hat es am Ende in die fertig produzierte Radiosendung geschafft. Natürlich wurde ich weder vorher noch nachher darüber informiert, was sie wie wo und in welcher Form in die Sendung packen, noch wieso weshalb warum sie alles Andere komplett weggelassen haben.

Diese Freiheit will sich eben kein Redakteur und/oder Journalist nehmen lassen. Natürlich haben sie am Ende das »Material« genommen, was zum Tenor der Sendung passte bzw. was sie selbst aussagen wollten. Mein Interview sollte keine neuen Erkentnisse bringen, sondern die von der Journalistin, der Redaktion und der Sendung vorher festgelegten Narrative, Denkmuster und Motive zum Thema unterstreichen, festigen und betonen. Interviewpartner und Zitate werden so nicht selten Mittel zum Zweck. In dieser Form werden tausende Menschen tagtäglich für Medieninteressen benutzt und instrumentalisiert.

Sinnentstellen
Journalisten lauern regelrecht wie Aasgeier und Hyänen auf provokante und polarisierende Aussagen von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Vielmehr werden die Fragen häufig schon so subversiv, aggressiv oder provozierend gestellt, um entsprechende Zitate zu erhalten, die man dann in einem Artikel oder einem Bericht verwursten kann: »Der/Die hat das und das gesagt!« Aussagen aus dem Kontext und dem Zusammenhang reißen, um sie in einem anderen Licht erscheinen zu lassen, ist auch eine völlig übliche und unaufgeregt‐alltägliche Medienpraxis. Besonders beliebt ist es dann, wenn öffentliche Personen Reizwörter oder negativ aufgeladene Begriffe verwenden.

Die Folge ist, dass sich bekannte Persönlichkeiten, welche die Medienaufmerksamkeit brauchen, entweder PR‐Sprecher leisten, Medienschulungen absolvieren oder gleich selbst nur noch Bullshit‐Bingo‐Phrasen von sich geben. Es kommt auch immer wieder vor, dass ein vermeintlich falscher Satz in der Öffentlichkeit völlig genügt, um drastische persönliche und/oder berufliche Nachteile zu erleiden. Viele öffentliche Pressekonferenzen werden so zu einem regelrechten Heiße‐Luft‐Affenzirkus, wo viel gesprochen, aber nichts mehr gesagt wird. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat diese Form der Nicht‐Kommunikation übrigens perfektioniert.

Verzerren
Ich wage zu behaupten, dass eben auch die Zitier‐Methoden mit dafür verantwortlich sind, dass das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit in die Leitmedien seit Jahrzehnten bröckeln. Wer ständig von Interviewern nur verarscht, provoziert oder benutzt wird, wer ständig gekürzt und/oder verzerrt in der Presse stattfindet (eben nur so wie es den Redaktionen in den Kram passt), wer häufig Opfer von vermeintlichen Übersetzungsfehlern wird oder wer wegen einem Satz oder einem Wort sofort medial gelyncht wird, hat auch kein Vertrauen mehr in die Presse.


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2 Gedanken zu “Ziegenjournalismus (4): Zitate

  1. Da hast du ja mal selbst Erfahrung mit dem Apparat gemacht...
    Ja, es sind solche Erlebnisse, die einem einbrennen, die Presse spielt ein falsches Spiel. Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen, wenn nur ein bestimmtes Ziel dafür vorliegt.

  2. gefährlich sich gegen eine übermacht zu stellen aber tödlich . sie nicht zu bekämpfen / (siehe wahlberichterstattung mit schaum vorm M..... thüringen ) (aus einer aphorismussammlung)

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