Ziegenjournalismus (2): SEO

Haben Journalisten den Mut, die Hand zu kritisieren, die sie füttert?

Eine weitere mittlerweile sehr große Plage, ist die SEO‐Gleichschaltung, die effektiv Filterblasen und Echokammern erzeugt. Ganze Heerscharen von vermeintlichen Online‐Marketing‐Experten geben Journalisten und Redakteuren explizite Anweisungen, wie ein google‐konformer Text auszusehen hat. Die Anzahl der Wörter, Keywords, Verlinkungen, Clickbait‐Überschriften und so weiter. Besonders anstrengend und nutzerfeindlich sind die No‐News‐Beiträge, die Nicht‐Nachrichten und das Gerüchte‐Geblubber, die nur als Platzhalter für Keywords und das Google‐Ranking dienen. Ein typisches Beispiel.

Andreas Bertits auf pcgames.de titelt am 16. August 2019:

»Star Wars: Rian Johnson spricht über seine Trilogie«

»Regisseur Rian Johnson arbeitet nach wie vor an seiner Trilogie zu Star Wars und hat nun ein wenig über die Filme gesprochen. Er möchte den nächsten Schritt gehen und etwas Neues erschaffen, das aber der Essenz von Star Wars treu bleibt.«

Jeder Star‐Wars‐Fan (»Star Wars« gehört immer noch zu den Top‐SEO‐Keywords, weltweit auf Platz 320) erwartet nun ein paar Fakten oder zumindest etwas Inhalt oder Kontext. Okay, schauen wir mal:

»sprach etwas darüber, was er tun möchte«
»etwas Neues« (4x im Text)
»Er arbeitet gerade daran herauszufinden, was der nächste Schritt sein könnte. Dazu muss er aber erstmal die Essenz von Star Wars finden.«

Und dann die typischen SEO‐Bullshit‐Phrasen:

»ist noch unklar«
»steht noch nicht fest«

Wir halten also fest: er will »etwas Neues« machen, weiß aber noch nicht was. Er will der »Essenz von Star Wars« treu bleiben, weiß aber nicht, was das sein soll und muss sie erst noch finden. Wir erfahren absolut nichts über Handlung, Orte, Figuren, Daten, Fakten oder sonst i‐r‐g‐e‐n‐d‐e‐t‐w‐a‐s. Der Clickbait »ein wenig über die Filme gesprochen« verspricht etwas halbwegs substanzielles. Die Einleitung soll zum weiterlesen animieren, soll den User neugierig machen. Der Leser wird jedoch verarscht, weil der Artikel nur heiße Luft beinhaltet. Keine News. Keinen Inhalt. Keinen Mehrwert. Nichts. Nada. Niente. Es ist ein üblicher SEO‐Bullshit‐Beitrag, der keinerlei inhaltliche User‐Relevanz besitzt, aber den Klick abgreifen will und als SEO‐Google‐Ranking‐Platzhalter dienen soll.

Solche typischen Nicht‐News gibt es mittlerweile millionenfach im World Wide Web. Textbausteine, die von (Journalisten-)Bots und Algorithmen zusammen geklatscht werden, um Klickzahlen, Aufmerksamkeit und Reichweite zu generieren. Sie sollen neugierig machen, Antworten versprechen und User locken. Dabei haben die devote Google‐Hörigkeit und die SEO‐Marketing‐Bullshit‐Phrasen‐Jünger ebenso dazu beigetragen, dass die etablierten Massenmedien einen Vertrauens‐ und Glaubwürdigkeitsverlust erlitten haben. Denn Niemand wird gerne für dumm verkauft!


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Ein Gedanke zu “Ziegenjournalismus (2): SEO

  1. Filme sind dafür ein gutes Thema. Ich glaube nur, jedenfalls von Seiten Hollywoods, ist das nicht gravierend etwas neues; es ist nur inzwischen auf die Spitze getrieben.
    So ziemlich jede große Filmvermarktung läuft im Vorfeld so: Jedes Schnipselchen an neuem, bisher nicht gesehenem (Promo-)Inhalt auswerten, darüber schreiben und sprechen.
    Dieses Schema ist einem nämlich von der amerikanischen Filmindustrie nämlich (inzwischen) schon lang sehr vertraut.
    Deswegen macht gefesseltes Warten auf einen bestimmten Film inzwischen keinen Spaß mehr. Man sitzt nur da und wird regelmäßig mit neuen Mini‐Häppchen gefüttert, aber es wird letztendlich doch nichts gravierend neues erzählt, sodass man sich über irgendetwas schon allein zur Vorfreude heiß machen könnte.
    Jegliche Promo‐Touren der Schauspieler, wenn der Film gerade in die Kinos kommt, läuft genauso. Es lässt niemand ein wirkliches Stück Information fallen, die Gazetten und die Echokammern, die sich um diese Inhaltssektion kümmern, sind aber trotzdem voll. Voll mit lauter nichtssagendem Geblubber und dem typisch amerikanischen aufgesetzten Bescheidenheitsgetue der Hauptdarsteller.

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