Presseblick (48)

Im Forum von elitepartner.de sind sich Männer und Frauen zum großen Teil einig bei der These: »Ein Arbeitsloser, der Zeit, Energie und Geld für die Partnersuche verschwendet, handelt unverantwortlich.« Nur ein Lohnarbeiter, der funktioniert, Geld verdient und was zum Vorzeigen besitzt, hat das Recht geliebt, geachtet und respektiert zu werden. Während es vor einigen Jahren zumindest noch ein wenig Unmut gegen die Pauschal‐Diffamierung von Erwerbslosen als »Sozialschmarotzer« gab, scheint es heute völlig normal zu sein, erwerbslose Menschen als finanziell, unwertes Leben zu diskreditieren. Das neoliberale Leistungs‐, Wettbewerbs‐ und Konkurrenzdenken ist in Fleisch und Blut übergegangen. Man begreift sich selbst und seine Mitmenschen nur noch als Objekte, die bestmöglich optimiert und marktwirtschaftlich verwertet werden müssen.

Politik
Einige Tage vor den Anschlägen in Paris: »Frankreich schließt mit Saudis Verträge über zehn Milliarden Euro ab.« Ich kann darauf nicht oft genug hinweisen. Denn Frankreich galt vor den Waffenlieferungen als eher gemäßigter Akteur im Syrien‐Krieg. Doch plötzlich fährt die französische Regierung »den gleichen harten Kurs«. Und nach den Paris‐Attentaten erst Recht. Hier bleibt viel Raum für Verschwörungstheorien, und ich vermute ganz stark, dass dieser große Waffendeal keine unerhebliche Rolle spielt.

Nach der Totalitarismustheorie unterscheiden sich Links‐ und Rechtsextreme sowie Links‐ und Rechtspopulisten nicht groß voneinander. Beide wollen sie den Status Quo verändern. Beide sind sie »marktfeindlich«, gegen Konzerne und Banken. Nur das jeweilige Menschenbild sei »ein wenig« anders. Aber das interessiert Neoliberale eher weniger. Die Moral und der Humanismus sind dem Profit sowieso viel zu oft im Weg. Also kann man Linke und Rechte bequem in einen Topf werfen: »Der Front national wird häufig als rechtsextrem etikettiert. Das Wirtschaftsprogramm von Frankreichs stimmenstärkster Partei ist allerdings eher linksextrem, antikapitalistisch und marktfeindlich.«

Flüchtlinge
Der Kabarettist Serdar Somuncu schreibt in seiner Kolumne auf wiwo.de »das ist so typisch deutsch« über die Selbstdarstellungsspektakel beim Thema Flüchtlinge. Treffend hält er fest, dass es letztlich mehr um Inszenierung und Selbstdarstellung, als um die Bekämpfung von Fluchtursachen oder um echte Hilfe für Flüchtlinge geht.

Armut
Laut focus.de hat ein Obdachloser in den USA ein Rubbellos gekauft und 500.000 Dollar gewonnen. Gleich im ersten Satz kommentiert der Autor: »Was für ein Glückspilz.« Mit keinem Wort wird auf die Ursachen der großen Armut in den USA eingegangen. Stattdessen wird so getan, als wäre Glücksspiel ein echter Ausweg aus der Obdachlosigkeit.

Junge Welt vom 17. November 2015

Junge Welt vom 17. November 2015

Bildung
Der Kampf um die Köpfe ist in vollem Gange. Funktionstüchtige Lohnarbeitsroboter, ohne alternative Sichtweisen oder der Fähigkeit, Sachverhalte zu hinterfragen, werden von Konzernen, Banken und dem Geldadel verlangt. Dafür investieren sie großzügig in Bildung: »Vor allem Wirtschaftsunternehmen drängen mit hochwertigen Schulmaterialien in die Klassenzimmer. 2011 zählten Augsburger Wissenschaftler 845 Angebote von Unternehmen. 2013 waren es schon rund 17.000.« Es gibt in Deutschland eine Trennung von Staat und Kirche (vielleicht mit Ausnahme von Bayern), aber keine Trennung von Staat und Religion. Denn der Kapitalismus ist eine Religion und nistet sich hierzulande immer tiefer in sämtliche Bildungseinrichtungen ein.

Geld
Das Thema Bargeldverbot, Überwachung und Kontrolle der Finanzströme von Normalbürgern steht natürlich weiterhin auf der politischen Agenda. Griechenland wird hier von der Troika als Experimentierfeld genutzt: »Alle Griechen müssen künftig ihre Bargeld‐Bestände, ihren Schmuck und den Inhalt ihrer Schließfächer offiziell deklarieren.«

Militarismus
Die Tageszeitung »Junge Welt« ist die einzige Zeitung, die keine Bundeswehr‐Anzeigen schalten will, obwohl auch sie das Geld sicher gut gebrauchen kann. Wer die TAZ noch für »links« hält, dem ist nicht mehr zu helfen: »So nimmt es kaum noch Wunder, dass die Berliner Tageszeitung (taz) Flinten‐Uschis Kriegswerbern großflächig Anzeigenplatz zur Verfügung stellt. Mindestens 13.000 Silberlinge hat der Verlag in der Rudi‐Dutschke‐Straße dafür bekommen.« Auch Anzeigen der AfD wurden entgegen genommen. Das nennt man dann wohl »angekommen«, »etabliert« und »modern«.

Umwelt
Große Teile des Nigerdeltas sind vom Erdöl verseucht: »Nigeria ist der sechstgrößte Ölproduzent der Welt. Shell betreibt ungefähr 50 Ölfelder und 5.000 Kilometer Ölpipelines im Nigerdelta. Der Konzern habe sich zu fast 1.700 Ölunfällen seit 2007 bekannt.« Aber das alles interessiert uns nicht, solange Facebook, Blöd‐TV und das smartphone funktionieren.

RT Deutsch vom 2. Dezember 2015

RT Deutsch vom 2. Dezember 2015

Polizeigewalt
In den USA sind 20.000 Polizisten an Schulen »stationiert«. Hauptsächlich zur Verhinderung von Amokläufen (ein verschärftes Waffenrecht wäre wohl deutlich sinnvoller, aber nicht im Sinne der NRA). Gleichzeitig werden vor allem afroamerikanische und hispanische Schülerinnen und Schüler von der Polizei »zur Ordnung gerufen« und auch misshandelt. »Störung des Schulfriedens  sind nach dem Gesetz in South Carolina Vergehen. Störung des Schulfriedens ist laut statistischen Erhebungen der Jugendjustizbehörde South Carolinas für 2014 nach Körperverletzung und Ladendiebstahl das dritthäufigste Delikt des Bundesstaates.«

Gleichberechtigung
Frauentaxis, Frauenschwimmen, Frauenhotels, Frauenreisen — und was weiß ich noch alles. Dienstleistungen, die nur für die Zielgruppe der Frauen angeboten werden. Das geht auch voll in Ordnung. Protest gibt es hier keinen. Und was passiert, wenn ein Barbier ein Geschäft aufmacht, dass nur für die Zielgruppe der Männer bestimmt sein soll? Er wird zum Ziel von radikalen Feministinnen. Das Auto wird zerkratzt, es folgen Facebook‐Shitstorms und Schmierereien auf das Schaufenster: »Rasur für alle!«

Arbeitsmarkt

»Wenn Glatteis ist, juckt uns das weit mehr, als wenn ver.di zum Arbeitskampf aufruft«

- Ralf Kleber, Deutschland‐Chef von Amazon, am 7. Dezember 2015 im Tagesspiegel

6 Gedanken zu “Presseblick (48)

  1. Hm, wenn es also unverantwortlich ist für einen Arbeitslosen, eine bessere Hälfte zu suchen, was ist es dann bitteschön, wenn Leute, die täglich 12 Stunden mit ihrer Arbeit verbringen, plötzlich meinen, sie müssten sich ein Kind anschaffen?

  2. @matrixmann

    Das wird ja nicht als Problem definiert. Es gäbe doch Kindergärten, Tagesmütter und Schülerläden, wo man die Kinder unterbringen (also abschieben) kann. Nur wer genug Kohle mit Nachhause bringt (oder schon auf dem Konto liegen hat) könne für eine »Zukunft« sorgen. Wichtig ist und bleibt in unserer Verwertungsgesellschaft nur der Sozial Status.

  3. Sei mir gewiss, dass dort Leute seltsamerweise kein Problem sehen. Aber auch Kindergärten und Nannies werden die Eltern nicht ersetzen können. Vor allen Dingen nicht, wenn es wie in der BRD ist und die Sache lediglich als »Bespaßung« angesehen wird, bis die Eltern wiederkommen und Zeit für ihren Spross haben. Davon fällt keine Bildung vom Himmel, wenn es immer nur »drauf aufpassen« ist. (Ich weiß, ich ruiniere, was die schöne Werbung verspricht, aber wer glaubt denn schon an Werbespots? Das ist doch ein offenes Geheimnis, dass dabei immer maßlos übertrieben wird.)

  4. Von Teilnehmern des Online‐Datings würde ich jetzt kein repräsentatives Bild ableiten .
    Bei diesen »Eliten « , die da auf der Suche sind , stellt sich immer wieder dieselbe Frage , warum , bitte schön , braucht jemand eine Agentur , wenn er/sie doch zu einer tollen Elite gehört , warum ist es nicht viel mehr so , daß die Interessent/innen Schlange stehen?

    Die meist gebrachte Ausrede , man hätte gerade wegen der beruflichen Belastung keine Zeit , gilt nicht , weil sie widersinnig ist.
    Umfragen bestätigen seit Jahrzehnten , daß sich die meisten deutschen Paare im beruflichen Umfeld kennenlernen , die elitären Partner müßten sich also gegenseitig auf die Füße steigen vor lauter Angebot.

    Wenns trotzdem nicht hinhaut , muß es wohl andere Gründe geben..., natürliche Selektion?!?

  5. @Art Vanderley

    Interessanter Aspekt. Ich vermute, das liegt primär daran, dass diese vermeintliche »Single‐Elite« (die sich natürlich vor allem nur deshalb als »toll« fühlt, weil sie irgendwelche Karrierejobs macht, sich attraktiv findet und/oder Kohle hat) glaubt, jedemenge Ansprüche an den zukünftigen Partner stellen zu können. Da wird in aller Regel nach dem vermeintlich »perfekten Partner« gesucht.

    Aber das ist, m.E., auch ein generelles Problem: auf der einen Seite steigen die Erwartungen/Ansprüche an den Partner, auf der anderen Seite sinkt die Kompromissbereitschaft. Hinzu kommt, die wirtschaftspolitische Fragmentierung und Isolierung von Familien, Gemeinschaften und Individuen. Solidarität und zwischenmenschlicher Zusammenhalt ist für Firmen/Konzerne/Politik in den meisten Fällen eher störend (Proteste/Streiks/Demonstrationen etc.). In einer extrem narzisstischen Gesellschaft, wie der deutschen, ist das alles zwar wenig verwunderlich, aber dennoch beklagenswert.

  6. @epikur
    Stimme zu , hinzu kommt , daß auch die Partnerschaft zunehmend unter dem Gesichtspunkt des »was bringt es mir?« gesehen wird.

    Würde mich nicht wundern , wenn die Gründer dieser und ähnlicher Agenturen ganz bewußt die ganz besonderen Idioten im Visier hätten , wär dann fast schon wieder gut , die Ökonomisierung frisst ihre willfährigsten Kinder.

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