Linke Überheblichkeit

Ein typisch linkes Phänomen, wenn man es denn so bezeichnen will, ist die Klugscheißerei und die Arroganz. Ich nehme mich selbst davon nicht aus, wenn ich ehrlich bin. Es wird über Andersdenkende, die da oben oder über die da unten fast gleichermaßen gespottet, gelacht und gefeixt. Man selbst muss sich stets in einer moralisch erhabenen Situation und Denkhaltung wähnen. Ja, auch mir passiert das zuweilen. Nur manche treiben es auf die Spitze. Für sie scheint es ein regelrechter Freizeitsport zu sein, andere abzuwerten und niederzumachen. Oft sogar nur wegen kleineren Abweichungen von der eigenen Meinung, Lebenseinstellung oder Perspektive. Mit geiferndem Spott und tiefer Menschenverachtung wird beispielsweise auf die vermeintlich weniger Intelligenten, Frei‐, Alternativ‐ oder Anders‐Denker sowie auf das Proletariat herumgehackt. Man selbst fühlt sich stets im Recht der einzig wahren und reinen Lehre.

»Die pauschale Diffamierung ersetzt ihnen die sachliche Auseinandersetzung.«

Es wird stets das Element gesucht, was trennt und niemals das, was verbinden könnte. Gleichzeitig fordern sie von Anderen Empathie, Solidarität und einen herrschaftsfreien Diskurs. Damit verlangen sie häufig von Anderen genau das, was sie selbst nicht bereit sind, zu geben und zu leben. Nein, man sollte hier nicht verallgemeinern. Das ist richtig. Ich kenne durchaus sehr liebevolle, mitfühlende Menschen, die aktiv zuhören und gewaltfrei kommunizieren können. Auch kann ich durchaus nachvollziehen, dass man als kritischer Mensch, in einer immer verrückter werdenden Welt, schnell sarkastisch und zynisch werden kann. Auch mir passiert das. Nur sollten wir uns vergegenwärtigen, dass man mit Verachtung, Hohn und Gehässigkeit, keine Menschen erreichen kann, sondern vielmehr das divide et impera der Herrschenden unfreiwillig mitspielt.


Aus allen Rohren!

13 Gedanken zu “Linke Überheblichkeit

  1. »Ein typisch linkes Phänomen, wenn man es denn so bezeichnen will, ist die Klugscheißerei und die Arroganz.«
    Hier muss ich mal widersprechen. Ich halte Klugscheißerei und Arroganz für ein gesamtgesellschaftliches Problem. Die Rechten, der Mainstream üben diese genauso unerbittlich und erbarmungslos aus. Und auch das Unterschichtsbashing ist sicherlich kein rein linkes Phänomen.
    Und hier muss man aufpassen, dass man die Anforderungen an »den Linken« nicht unrealistisch hochschraubt. Ein Linker möchte die Gesellschaft verändern, um das Leiden der Unterdrückten zu lindern oder zu beenden. Er ist aber kein Heiliger und er muss dies auch nicht sein. Es ist eine beliebte Methode der bürgerlichen Presse kritische Stimmen durch persönliche Vorwürfe zu diskreditieren: Der Linke Parteivorsitzende, der Porsche fährt, die arrogante Frau Wagenknecht.
    Dies im Kopf habend bleibt natürlich der persönliche Anspruch durch das eigene Verhalten die Sache möglichst gut voranzutreiben. Hierbei sind Klugscheißerei und Arroganz eher nicht hilfreich.
    Mir fehlt es extrem schwer, angemessen auf Menschen zu reagieren, die belegbar falsche Tatsachen behaupten. Mein Sarkasmus erreicht unglaubliche Höhen, wenn mir jemand mit Klugscheißerei kommt und diese entweder nachweisbar falsch ist oder auf der Mainstreampropaganda beruht. Und ja hilfreich ist das nicht. Klugscheißern, denen man klugscheißerisch kommt, reagieren persönlich beleidigt. Insbesondere auch deshalb, weil Kommunikation, Gespräche, auch in Internetforen, nicht dazu dienen, Fakten auszutauschen und Meinungen zu bilden, sondern dazu da sind, sich gegenseitig zu versichern wie toll man ist.
    In diesem Zusammenhang verweise ich auf den Roman »1793« von Victor Hugo, der bei der Beschreibung der Pariser Revolutionäre und ihrem Umgang mit den Bauern in der Bretagne alles das aufführt, was auch oben im Beitrag angekreidet wird,

  2. Ein feiner verbindender Text, Daumen hoch @epikur!
    ›Es wird stets das Element gesucht, was trennt und niemals das, was verbinden könnte.‹
    Das ist die krux — auf den Punkt.

  3. Die Weltökologie lässt aber nur noch ein Verhalten zu, das mittlerweile sehr enge Grenzen hat.
    Nur ist sich deren Parameter wohl niemand bewußt respektive möchte es niemand wissen.

  4. @Publicviewer: na die Welökonomie läßt eben auch nicht viel Veränderung zu. Erst das Bewußtsein schaffen und dann ändern. Versteh mich nicht falsch, aber vielwn trittst Du eben zu Absolut auf und das hat wieder was trennendes. Ich versteh ja vieles von Deinen Ansätzen, aber wir sind da nicht genug... :d

  5. Die Gesellschaft in der Autodestruktion.
    Es ist doch nun spätestens seit Corona nun wirklich offenbar, wenn wir nicht handeln werden wir. (bis auf die Superreichen) alle untergehen.
    »Die oder wir« das ist doch ganz einfach!

  6. Klugsch….äh..kluger Artikel ;)
    Stimme aber auch kakapo3 zu, insbesondere dem Satz
    »nicht dazu dienen, Fakten auszutauschen und Meinungen zu bilden, sondern dazu da sind, sich gegenseitig zu versichern wie toll man ist.«
    Kann man sich jetzt auch nicht immer ausnehmen, aber es macht schon einen entscheidenden Unterschied, ob man versucht, mit diesem Treiben zu Vorteilen zu kommen und es sogar bei sich selber noch gezielt verstärkt, um dieses Ziel zu erreichen.
    Immer das Richtige sagen, unabhängig von der Realität, das ist mittlerweilen Usus, bei den Einen wegen Karrierevorteilen, bei den meisten noch billiger, um einfach nicht anzuecken im Bekanntenkreis (wobei ich mich da frage, was der dann wert sein kann).
    Und richtig, es sind alle Richtungen, die das betreiben.
    Auch bei den Rassismus‐Demos zu beobachten, die einen meinen es ehrlich, die anderen wollen nur ihre moralische Überlegenheit darstellen.

  7. Das Problem ist und war gerade bei der linken intellektuellen Szene.
    Linkes Gedankengut wurde zwar oft propagiert, aber leider eben nicht auch wirklich gelebt.

  8. »Nur manche treiben es auf die Spitze. Für sie scheint es ein regelrechter Freizeitsport zu sein, andere abzuwerten und niederzumachen. Oft sogar nur wegen kleineren Abweichungen von der eigenen Meinung, Lebenseinstellung oder Perspektive«

    was genau ist daran ein »linkes« phänomen?!?

    @Publicviewer: »Das Problem ist und war gerade bei der linken intellektuellen Szene. Linkes Gedankengut wurde zwar oft propagiert, aber leider eben nicht auch wirklich gelebt.«

    und schon wieder; das ist ganz allgemeine korruption und hat weder was mit der politischen und/oder religiösen ausrichtung zu tun.

    bin ich gelegentlich unfair, überheblich arrogant und reaktionär? you bet I am.

  9. @DKT
    Meine Erklärung zielte erst einmal so gar nicht auf die korrumpiertheit dieser Szene.
    Es ging mir um die damalige linke intellektuelle Szene gerade auch in Frankreich, die mehr bourgeois geprägt war, aber doch in den Hochschulen sehr verbreitet propagiert wurde, ohne das die Ideengeber selbst sich an ihre eigenen Doktrien gehalten haben.
    Später dann, sind natürlich die Meisten dann konvertiert und haben sich dem kapitalistischen Verwertungsprozess teilweise völlig hingegeben.
    Ich empfehle den Film »L’avenir« Alles was kommt mit der großartigen Isabelle Huppert von 2016 sich anzuschauen um ein wenig zu begreifen was ich meine... ;)

  10. Die Frage nach der linken »Überheblichkeit« ist sehr gut gestellt.

    Ich lese gerne Blogs wie diesen hier und versuche dabei, Erkenntnisse und Wissen zu gewinnen. Oft stehen auch in den Kommentaren interessante Gedanken und Links.
    Gesellschaftliche Veränderung beginnt mit Erkenntnis.

    Nun ist ja eines der Merkmale linken Denkens, dass alle Menschen gleich viel Wert sind im Gegensatz zum rechten Denken (»Menschen sind von Natur aus unterschiedlich viel Wert, weil... äh... ist halt so«).

    Bei vielen linken Kommentatoren und manchen Blogbetreibern sieht die persönliche Praxis, wie wir wissen, ganz anders aus. Kommt es daher, dass man aufgrund der bürgerlichen Bildung auf alle anderen herabsieht, die weniger wissen als man selbst? Schon seit dem Kindergarten kriegt man ja beigebogen, sich Wissen anzueignen, damit aus einem mal »was wird«. Und aus den anderen eben nicht.

    In der Blogwelt heißt das: Persönlich abwertende Kommentare.
    Ich bin schlauer als du, du weißt nichts, kannst nicht logisch denken und bist deshalb weniger Wert und jetzt darf ich dich beschimpfen.
    (Bei rechten Kommentatoren ist es noch schlimmer, aber wenigstens konsequent. Kampf, Hass und die Ungleichheit der Menschen sind dort Grundlage der Ideologie).

    Ein zweiter Punkt ist, wohl aus gleicher Ursache, die mangelnde Trennung aus Idee, Sachargument und persönlichem Ehrgeiz. Leider sehr selten wird eine Idee einfach zur Disposition gestellt, die sich dann verbessern und verändern könnte (Dialektik!) durch weitere Beitrage von anderen. Viel zu sehr macht man sich gemein mit Gedanken, statt einfach den Gedanken mal zu denken und ihn »auszuprobieren« (ohne das ständige »ich, ich ich«, »aber MEINE Meinung«).

    Also, wüste Verbalinjurien und üble persönlichen Verwünschungen kommen schon sehr oft vor. Das liest sich (als meist stiller Mitleser)
    erstens scheußlich und zweitens ist der Erkenntnisgewinn gleich null. Drittens verhindert es, dass eher schüchtern veranlagte Mitmenschen ihre vielleicht guten Gedanken veröffentlichen.

    Moralisieren ist zwar generell nicht zielführend, man stellt sich aber schon die Frage, warum manche Blogger/Foristen eine andere Gesellschaft wollen (in der idealerweise alle Menschen gleich viel Wert sind), sie dann aber tragischerweise nicht einmal ihre eigene bürgerliche Konditionierung erkennen und überwinden können. Und »tragischerweise« meine ich hier nicht ironisch.

    Man hätte hier eigentlich ein tolles Medium, sich schnell auszutauschen und gute Gedanken gemeinsam weiter zu entwickeln.

  11. @epikur: ›Seit 19:29 Uhr wird zurückgeschissen! Der Nachbar dreht nun völlig ab, den haste scheinbar rüschtüsch getroffen... Rrreesspekt! Ich denke der zerlegt sich jetzt. Ich finde es schade. War ne lehrreiche Zeit und wir hätten solche Köpfe brauchen können! Aber ich muss einigen hier recht geben, da ist keine Hoffnung mehr. Es ist nicht mal so sehr der Text, der Ton mit den dezent Widerspruch gebenden, zieht ihm den Stecker.
    Witzig (also eher nicht), bezeichnend sind die Honks, die dort permanent Kritiker mit Tod durch Regierungsvirus belegt haben, dann beim Pantoufle Mitleid heucheln. Wie war doch gleich die ICD10‐Nr. fur Schizophrenie?!
    Oder ist das eher ne F02G? Man weiß so wenig...
    Der Kiezkasper ist ja nur noch auf’m Trip. Bei den Linken wird die Konformität angeprangert und wenn man Gewinner im System durch Krimi’s war, altes Erbgut runterwirtschaften kann, dann will man wahrlich keine Systemänderung mehr — Verstehen kann ich es ja, aber muss datt so plump jedem Interessierten in die Fresse geklatscht werden? Das kann dann weg — leider alles.
    Musste mal raus — nicht sehr versöhnlich (ich linke Sau ;) , aber ehrlich. :-*

  12. Der Nachbar hatte ja auch nie den Anspruch auch nur in irgendeiner Form selbst etwas zu ändern.
    Dort wird theoretisiert und gefachsimpelt und definiert was jetzt sozialistisch oder Links ist und wie man die Bibe...ähhh... den Rauschebart am besten auslegt.
    Das war’s dann aber auch schon, nie irgendetwas wirklich konkretes.
    Selbst meine Wenigkeit die sich einbildet so fast alles gelesen zu haben, war mit der Theorie so überfordert, das ich der Konversation manchmal nicht mehr folgen konnte.
    Es gibt und gab des öfteren mal gute Ansätze, aber es wurde immer schnell abgeblockt sobald es dem Master gegen den Strich ging und der hat seine Meinung....
    Überbevölkerung geht schon mal gar nicht.
    Praktischer Widerstand ist dort auch kein Thema, genauso wie die Umsetzung professioneller Sabotage des Kapitalismus so wie die Einsicht es der herrschenden Klasse mal richtig zu zeigen ging sowieso überhaupt niemals nie. :(

    Edith.
    Man könnte ihm noch zu gute halten, das der Mann auch zur nachfolgenden Generation gehört und nie wie meinereins eben wirklich mit dabei war.
    Diese Leute sterben halt so langsam aus.

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