»Temptation Island«

Was einmal Geist hieß, wird von Illustration abgelöst.“
Theodor W. Adorno. »Minima Moralia«. Suhrkamp Verlag. 8. Auflage 2012. S. 160

Trash. Trash. Trash. Trotzdem reden und schreiben alle darüber. RTL lässt mal wieder selbstverliebte Schauspieler‐Models aufeinander los. Es gibt bei »Temptation Island« viel nackte Haut zu bewundern. Gesehen hat es natürlich Niemand. Aber sich künstlich darüber empören (und nebenbei den Klick abholen), das können sie. Die Journalistinnen der LeiDmedien.

Da schreibt Simone Deckner von stern.de: »Vermutlich zu viel Muskelmasse ist der Grund dafür, dass Amin beim Versuch, seinem Date ins Boot zu helfen, fast ins Wasser plumpst.« Da wird sich auch bei Anja Rützel auf spiegel.de fröhlich über die männlichen Darsteller lustig gemacht: »Fitnessmodel Amin lässt seine Brüste hüpfen und ist Genderstudies‐Professor. [...] Er selbst trägt praktischerweise eine Art Schwimmwindel.« Anna Eube und Nicola Erdmann von welt.de scheinen die Muskelmänner nicht generell schlecht zu finden, aber: »Salvatore kaut sehr viel an seinen Nägeln. Bitte, RTL, blendet das nicht so häufig ein. Es ist eine harte Probe, nicht sofort auszuschalten.« Alle arbeiten sich an den vermeintlichen (natürlich nicht inszenierten, nach Drehbuch handelnden) männlichen Darstellern ab. Ist das der Qualitätsjournalismus von dem alle reden? :SHOCK:

Die weiblichen Darsteller verhalten sich übrigens genauso primitiv wie die männlichen Figuren. Ich könnte jetzt etliche Beispiele aufzählen (ja, ich habe die Sendung gesehen), werde euch aber mit diesem Bullshit verschonen. Der weibliche Empörungs‐Journalismus Marke Sexismus, SJW, Gender, Feminismus und #metoo sorgt für schnöde Aufmerksamkeit einer Trash‐TV‐Sendung, die diese absolut nicht verdient hat. Es ist weder der Untergang des Abendlandes, noch die kulturpessimistische Moralkeule, mit denen man solchen Formaten begegnen sollte. Die Aufmerksamkeit die solchen Sendungen zuteil wird, sind schlicht der Beweis für eine infantil‐idiotische Medien‐Gesellschaft, in der Inhalte, Argumente, Ursachen und Positionen keinen mehr interessieren.

Wie wäre es zur Abwechslung mal mit gelebten Werten wie Empathie, Solidarität und Toleranz? Der neoliberale Habitus der Kandidaten -Konkurrenz, Wettbewerb und Eigennutz‐ wird von den Journalistinnen weder thematisiert, noch in Frage gestellt. Kritisiert wird eben nicht das »ob«, sondern nur das »wie«. Damit reiht sich diese Trash‐Sendung in Dutzende andere Formate ein, bei denen es nicht nur um Unterhaltung für die Mittelschicht geht (und wo sie ausgelassen über Proleten, Tussis, Assis und Zicken lästern können), sondern wo nebenbei auch kulturimperialistische Werte im Subtext gesendet werden.

Ob solche Trash‐Narzissten‐Sendungen nicht auch absolut in unseren Zeitgeist passen, wo Selbstinszenierung, Selbstentfremdung und Selbstoptimierung geradezu bürgerliche Pflicht sind, thematisiert keine vermeintlich empörte Journalistin. Stattdessen arbeiten sie sich (wieder einmal) an vermeintlichen Machos, sexistischem Getue, Bagger‐Anmach‐Sprüchen oder sonstigen dem Feminismus zuwiderlaufenden Werten und Handlungen der männlichen Darsteller ab. Dabei gehört das zum Konzept der »Reality‐Sendung«, dass sich hier alle zum Affen machen. Genau: alle! Auch die Frauen! :JAJA:


TV‐Reflektion
Trash‐Dating
Nicht vergessen...abschalten!

3 Gedanken zu “»Temptation Island«

  1. Kuppelshows scheinen in den jetzigen Jahren wohl das neue »Familien im Brennpunkt« zu sein... (Okay, für spätere Sendezeiten als die.)
    Verfolgt man den Pfad zurück, seit wann in etwa es solche Pseudo‐Reality‐Formate gibt, und wie sie mit der Zeit zunehmend Serien und aufwändig gedrehte Formate ersetzt — es ist wohl einer der weniger ruhmreichen Teile der Menschheitsgeschichte. Billig produziert, kurzweilig, und mit null richtigem Inhalt außer Selbstzentrierung. Nichts, was bleibt (und wahrscheinlich auch gut so, dass es nicht bleibt).

  2. @matrixmann

    Die Sendung geht ja sogar noch weiter, in dem sie vermeintliche Paare auseinanderbringen bzw. auf ihre Beziehungsfestigkeit testen will. So billig produziert scheint das Format auch nicht zu sein. Immerhin halten sich die Probanden in luxuriöse Villen samt Yachten und so weiter auf.

    »...und mit null richtigem Inhalt außer Selbstzentrierung.«

    Ich befürchte, genau das ist der Inhalt den die Leute sehen wollen, weil er absolut im Zeitgeist liegt: narzisstische Selbstinszenierung.

  3. Ach du Scheiße...
    Aber in dem Punkt will ich dir Recht geben bezüglich »das ist wohl, was die Leute sehen wollen«. Wenn Menschen keine größeren Sorgen haben, oder versuchen zu vergessen, dann wollen sie gern solchen Ghetto‐ähnlichen Mist sehen. (Es ist nicht besser als im Ghetto, wenn es einen brennend interessiert, den Verpartnerungsstatus von anderen im Auge zu behalten. Intellektuell — unterstes Niveau für das man nicht besonders denken können muss.)
    Ja, bei den Örtlichkeiten steigt man bisher nicht so dahinter, was das den Sender jedes Mal kostet... Muss man sich wohl auf die Bezeichnung einigen »es scheint den Sender weniger zu kosten als einen Film oder eine Serie einzukaufen«. Ich glaube, dabei wird aber auch schleichend gespart. War das Adam such Eva, was zuletzt nur noch auf einer Yacht statt auf einer Insel ablief? Sich mit ›nem Schiff irgendwo platzieren kann billiger sein als wenn man sich für 2–3 Wochen ganze Strandabschnitte mieten muss.
    Denke, ähnlich läuft das bei den jüngeren Bemühungen, Gameshows wieder aus dem Boden zu stampfen. Es kostet sie einfach weniger als Ausstrahlungsrechte für Filme.

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