Konstruierte Wirklichkeit

vt_titelDer massenmediale Kampf um die politische Meinungs‐ und Deutungshoheit wird seit einiger Zeit mit aller Härte geführt. Manche bezeichnen das verharmlosend als »eine Krise der Massenmedien«. Verantwortlich sei »das Internet«. Dabei geht es vor allem darum, dass den Atlantikbrücke‐Journalisten, den Hofberichterstattern, den Axel‐Springer‐Meinungsmachern, den Kriegstreibern sowie allen kapitalhörigen Redakteuren zunehmend nicht mehr geglaubt wird. Die Leitmedien üben sich aber nun nicht in Selbstreflexion oder hinterfragen den Vertrauensverlust ihrer Leser, sondern schalten die Leserkommentare ihrer Online‐Ausgaben komplett ab oder schließen bei sensiblen Themen einfach das Forum (Spiegel Online). Gleichzeitig diffamieren sie jede alternative Sichtweise zum Mainstream als populistisch, antiamerikanisch, verschwörungstheoretisch und/oder als antisemitisch.

Wir sagen euch, was Ihr denken sollt
Dabei üben sich gerade die bürgerlichen Leitmedien, samt korrupten Politikern, gekauften Wissenschaftlern und bezahlten Ökonomen sowie Stiftungen im Auftrag von Banken und Konzernen, in allerlei »Hoftheorien« (vermutlich abgeleitet von Hofberichterstattung). Der verehrte flatter von feynsinn verwendet diesen treffenden Begriff, für die Wahrheiten, die uns von den Herrschenden aufgetischt werden. Da wird beispielsweise seit Jahrzehnten behauptet, dass freie Märkte weltweit für Frieden, Wohlstand und Gerechtigkeit sorgen würden. Dabei ist das Gegenteil der Fall: der Kampf um die letzten Rohstoffe, Absatzmärkte und internationalen Transportwege schürt überall Konflikte, Elend und Krieg. Wenn auch nicht direkt vor der eigenen Haustür, so kann man diese Ereignisse wunderbar in Afghanistan, der Ukraine, in Afrika und im Nahen Osten beobachten. Ein Blick in die Geschichte genügt, um aufzuzeigen, dass imperialistische Kapitalinteressen noch nie für Frieden gesorgt haben.

Dann gibt es die Hoftheorie vom Fachkräftemangel. Würde es diesen tatsächlich geben, müssten in den spezifischen Bereichen, wo er ausgerufen wird (MINT‐Berufe, Altenpfleger, Erzieher etc.) die Gehälter rasant steigen. Denn nach den gängigen Marktregeln würde bei steigender Nachfrage bei gleichzeitig mangelndem Angebot, der Preis steigen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Überall sinken die (Real-)Löhne, ganz besonders stark in den sozialen Berufen. Auch die MINT‐Akademiker haben zunehmend mit Werkverträgen, Leiharbeit, Outsourcing sowie mit befristeten und prekären Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Letztlich geht es vor allem darum, die Reservearmee stets groß genug zu halten, damit weiterhin die Kapitalseite Löhne und Arbeitsbedingungen diktieren kann.

Weitere gängige Lügen, Kampagnen und Hoftheorien, die uns täglich um die Ohren gehauen werden und/oder wurden sind:

  • Putin ist der neue Hitler
  • Auch private Banken sind systemrelevant
  • Die EU ist eine Wertegemeinschaft :ANBETEN:
  • Die Globalisierung erzwingt einen Abbau von sozialen Standards, von Arbeitsrechten sowie eine Absenkung der Löhne
  • Saddam Hussein hatte Atomwaffen und reißt Babys aus Brutkästen
  • Der Islam ist eine Terrorismus‐Religion
  • Hartz 4 verdrängt keine regulären Arbeitsplätze, enteignet nicht die Bevölkerung und 1‐Euro‐Jobs sind keine Zwangsarbeit
  • Gezielte Drohnenmorde, CIA‐Folter, US‐Angriffskriege sowie die weltweite NSA‐Überwachung sind humanitäre Interventionen und wollen Demokratie schaffen
  • China, Russland, Nordkorea, Iran und Venezuela sind böse
  • Die individuelle Leistung bestimmt das Gehalt :ROCK:
  • In Deutschland sind nur rund 2,6 Millionen Menschen erwerbslos
  • Claus Weselsky ging es beim GdL‐Streik nur um Macht
  • TTIP schafft Arbeitsplätze und ist gut für die Bevölkerung :PFEIF:
  • Wer einen Volksentscheid durchführt (Tsipras) ist ein Demagoge und Populist
  • Assange, Deltour und Snowden sind keine Aufklärer, sondern Volksverräter
  • Der demographische Wandel erzwingt die private Vorsorge
  • Liberalisierung, Privatisierung, Deregulierung und Flexibilisierung ist gut für die Menschen

Und so weiter und so weiter.

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Hoftheorie vs. Verschwörungstheorie
Der Kampf um die Meinungs‐ und Deutungshoheit erzeugt eine Form von »clash of theorys« oder: einen Diskurskonflikt um die glaubwürdigste Wirklichkeit. Die Wahrheit selbst, sei, laut PR‐ und Marketing‐Soldaten ja sowieso relativ und unterliege damit vollkommen der subjektiven Wahrnehmung. Das jedoch primär die Sprache im Sinne einer neoliberalen Ideologie immer aggressiver zu recht gebogen, verhunzt und umgedeutet wird, fällt dabei komplett unter den Tisch. Denn durch diese Methode wird das Denken schon im Vorfeld strukturiert und in herrschaftsbezogene Richtungen gelenkt. Was beispielsweise für Normalbürger Massenmord ist, wird im militärischen Jargon als »Kollateralschaden« bezeichnet. Was für Sozialdemokraten eine »Reform« im Sinne einer stärkeren »Eigenverantwortung« war, ist für die Mehrheit der Bevölkerung radikaler Sozialabbau gewesen.

»Es ist leichter die Menschen zu täuschen, als davon zu überzeugen, dass sie getäuscht worden sind.«

- Mark Twain

Die inflationäre Verwendung von negativ aufgeladenen Begriffen (Verschwörungstheoretiker, Populist, Antiamerikaner etc.), um Thesen, Perspektiven und Analysen abseits des bürgerlichen US‐NATO‐EU‐Mainstreams zu diffamieren, zeigt, dass wir uns mitten in einem Medienkrieg befinden. Es ist die naive Hoffnung von gemäßigten Kritikern, zu glauben, ein demokratischer und offener Diskurs, über die Rolle unserer Medien, könnte eine positive Veränderung herbeiführen. Die ist nicht gewollt. Es waren nicht die Kritiker, die zuerst »Lügenpresse« schimpften, sondern die bürgerlichen Medien, die mit ihrer Propaganda, ihren Lügen und ihrer Meinungsmache, die Leser zuerst für dumm verkauft haben und dann jeden Kritiker pauschal als Spinner und Verschwörungstheoretiker mundtot machen wollten. Für einen konstruktiven Diskurs über die Rolle der Medien ist es längst zu spät.

8 Gedanken zu “Konstruierte Wirklichkeit

  1. »Fachkräftemangel«

    Das ist ein wichtiger Punkt . Markt soll immer nur dann gelten , wenn es den ohnehin Privilegierten nutzt. Der Arbeitsmarkt hingegen ist hochgradig dirigistisch , einseitig zu Ungunsten der Arbeitnehmer, Arbeitgeber werden per Zwang unterstützt , irgendwelche Drecksjobs an den Mann zu bringen , aber auch bessere Jobs verschlechtern zu dürfen.
    Anstatt die Arbeitgeber zu verpflichten , eben ein besseres Angebot zu machen , wenn keiner den Job haben will , absurderweise ist das ein genauer Gegensatz zu dem , was der ursprüngliche Begriff des »Neoliberalismus« meinte.
    Mit freier Marktwirtschaft hat das nichts zu tun , das ist eher verwandt mit dem realen Sozialismus , in der DDR gab es z.B. bis zu zwei Jahren Gefängnisandrohung für »Arbeitsscheue« .
    Schon interessant , die Parallelen zu den workfare‐Gesetzen des Westens , mit Hartz 4 als der deutschen Variante.

  2. @epikur: wieder gut herausgearbeitet. War mein kurzer Hinweis auf die flatter’sche Hoftheorie Quell der Inspiration? ;)

    @Art Vanderley: Die DDR war sicher vieles — aber nicht sozialistisch. Was den F.k.mangel betrifft: da liegt ja der Witz — im Grunde wird durch den Arbeitszwang mittels Sanktioniererei (= Abschaffung der Vertragsfreiheit) jeder Marktmechanismus vollkommen außer Kraft gesetzt. Man hat nur die Wahl zu verhungern — oder zu spuren. »Stolze« (»dem Staat nicht auf der Tasche liegende« und »lieber selber arbeiten gehende«) Niedriglöhner honorieren dass gerne mit »es zwingt dich ja keiner...«!

    Aber so ein Irrsinn fällt in der dem Michel implantierten neoliberalen Undenke schon gar nicht mehr auf (Neoliberalismus war übrigens nie »gut gemeint« — in welcher zeitlichen Ausprägung auch immer). Deshalb ist es auch auf dieser schrägen Ebene »logisch«, dass so eine Fata Morgana wie die des »Fachkräftemangels« überhaupt sprießen konnte. Der normale Arbeitslose hat auch in diesem Konzept gar keine Wahl, nicht wollen zu dürfen. Deshalb stellen die Konzerne lieber eine Weile gar keinen ein — bis sich dann doch einer findet (gern von weiter weg), der sich zu diesen Konditionen eben »freiwillig« (d. h. nachdem sein Erspartes irgendwann weg und / oder ihn der »Fallmanager« hingepeitscht hat) dann doch knechten lässt...

    Überhaupt »Fachkraft« — wer sich gelegentlich Stellenanzeigen durchliest und die Anforderungen, die derjenige alle mitzubringen hat — kann sich ob der Anspruchshaltung (30 Jahre alte eierlegende Wollmilchsau mit 25 Jahren Berufserfahrung, 6 Fremdsprachen, unzähligen IT‐Kentnissen usw.) eigentlich nur an den Kopf fassen. Wer solche Phantasien vom perfekten, makellosen Nutzvieh hat — klagt dann natürlich auch über fehlende »Fachkräfte«...!

  3. @Dennis82

    Leider nein, auch wenn ich mich gern von Kommentaren inspirieren lasse ;) Der Artikel war schon länger in der Mache und flatters Hoftheorie habe ich auch an anderer Stelle schon mal erwähnt gehabt. Der Begriff passt ganz gut.

  4. @epikur: Na dann halt »zwei Deppen, ein Gedanke«! ;) Ja, der Begriff passt sehr gut. Eigentlich sollte die außerparlamentarische Linke / Opposition / Gegenöffentlichkeit auch viel mehr mit solchen Gegenbegriffen arbeiten — ein sehr bedeutendes Schlachtfeld um die Steuerung der Gedanken und damit alltäglichen Handlungen der Menschen ist ja die orwell’sche Besetzung und Verdrehung von Begriffen. Was die »konstruierte Wirklichkeit« betrifft sehe ich persönlich sehr oft Parallelen zur Philosophie im Film »Matrix« — dort wird jene auch als »Gefängnis für deinen Geist« bezeichnet...

    Im Twain‐Zitat liegt aber auch ein wesentliches Problem verborgen — Menschen wollen sich ab einem gewissen Punkt ums Verrecken nicht eingestehen, sich getäuscht zu haben — oder schlimmer: gar getäuscht (also manipuliert, benutzt) worden zu sein. Dann kommt es sehr oft zur absurden Trotzreaktion — und die Lüge wird intensiver verteidigt als vorher...!

  5. @Dennis 82

    »DDR«

    Deshalb auch »realer« Sozialismus.

    Die frühen Neoliberalen ‚nicht zu verwechseln mit Lambsdorff oder den »Chicago‐Boys« , und auch besser als Ordoliberale bezeichnet , haben es schon ehrlich gemeint , die hatten die Utopie eines Markts , bei dem alle Marktteilnehmer faire und möglichst gleiche Chancen haben.
    Sie waren auch keine Staatsfeinde wie die heutigen Neolibs , im Gegenteil , im Staat sahen sie die einzige Institution , die geeignet ist , den Markt vernünftig zu regulieren .
    Über den Arbeitsmarkt haben sie , soweit ich weiß , nichts gesagt (kann mich aber täuschen) , aber darauf übertragen , wäre Hartz 4 das genaue Gegenteil dessen , was die Ordoliberalen im Sinn hatten.

    Ansonsten stimme ich dir vollständig zu.

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