Entwöhnungstheorie

entwöhn_titelDie »marktkonforme Demokratie« (Merkel) ist alternativlos. Insofern darf auch die offiziell verkündete Wahrheit nicht angezweifelt werden. Wer gegensätzliche Perspektiven einnehmen, Sachverhalte anders bewerten oder aus Ereignissen abweichende Schlussfolgerungen als der Mainstream ziehen will, wird zum Verschwörungstheoretiker (VT) erklärt. Wer nicht massenkonform denken und handeln will, wer die herrschende Meinung in Frage stellt, den braucht man nicht ernst zu nehmen. Die inflationäre Verwendung des Schlagwortes Verschwörungstheorie in den Massenmedien, als Instrument zur Diffamierung alternativer Sichtweisen, verdeutlicht, dass die Herrschenden Angst haben, ihre Deutungs‐ und Meinungshoheit zu verlieren.

Wer vor 15 Jahren die Auffassung vertrat, die Taliban, die Al Kaida und die IS seien ein Produkt der USA, wurde als antiamerikanisch eingestuft. Wer vor gut zehn Jahren behauptet hat, die Geheimdienste würden uns komplett überwachen (NSA), der wurde als paranoid beschimpft. Wer vor gut fünf Jahren gesagt hat, dass Journalisten der bürgerlichen Massenmedien von US‐ und NATO‐freundlichen Netzwerken und Organisationen ideologisch sozialisiert werden (Atlantik‐Brücke), der ist als Spinner tituliert worden. Wer vor drei Jahren betont hat, dass die Konzerne in Deutschland keinen Cent Steuern zahlen würden (#LuxLeaks), der ist als wirtschaftsfeindlicher Übertreiber bezeichnet worden. Alles vermeintliche Verschwörungstheorien, die sich am Ende als wahr herausgestellt haben.

»Heute geistern schon wieder wilde Verschwörungstheorien durch soziale und traditionelle Medien.«

- Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD‐aktuell zur Fotomontage der Regierungschefs bei der Demonstration in Paris am 13. Januar 2015 auf tagesschau.de.

Wer offizielle Versionen, beispielsweise die offizielle Darstellung der Ereignisse rund um den Terroranschlag vom 11. September 2001, misstraut oder kritische Fragen stellt, gilt sofort als Traumtänzer, Spinner und Verschwörungstheoretiker. Beweise müssen her. Sachverhalte eingehend und »unabhängig« geprüft werden (von wem?). Ohne wissenschaftliche Erkenntnisse oder objektive Fakten (was ist das?) seien doch alle Behauptungen Blödsinn. Warum aber zeigen beispielsweise die Ergebnisse von Lebensmittelstudien, die von der Industrie finanziert werden, eigentlich immer, dass diese gesundheitlich unbedenklich sind (Beispiel: Aspartam)? Zufall? Oder doch gekaufte Wissenschaft? Welche objektiv‐wissenschaftliche Bedeutung haben Studien, Umfragen und Forschungen noch, wenn die Institute und Wissenschaftler von Unternehmen und der Industrie finanziell abhängig sind?

»Die Bewegung der Verschwörungstheoretiker ist eine obskure Mischung aus Rechten, Linken, Putinfans, Antisemiten und Spinnern, die den verschiedensten Verschwörungstheorien anhängen.«

- tagesspiegel.de im Artikel »Kirchenkritiker Eugen Drewermann spricht vor Schloss Bellevue« vom 13. Dezember 2014

Feynsinn schlägt den passenden Begriff Hoftheorie als Gegenteil für die Verschwörungstheorie vor: »Der Hoftheoretiker verbietet sich jede Spekulation, jede von der offiziellen Erklärung abweichende eigene Idee.« Genauso ist es. Auch wenn ich damit nicht den Spinnern das Wort reden will. Denn diese gibt es zweifelsfrei und wird es auch immer geben. Das heißt jedoch nicht, dass jede Behauptung, jedes Argument und jede Kritik abseits des Mainstreams realitätsfremder Schwachsinn sei. Untermauert wird das durch die sprachliche Disziplinierungsfunktion der professionellen Redakteure, den »dubiosen Internetquellen« und der »seriösen Medien«. Alles was also nicht von den Leitmedien und von den dort sich‐selbst‐zensierenden Journalisten kommt, sei dummes Gerede. Leider wird immer offenkundiger, dass viele der offiziell verkündeten Wahrheiten Propaganda und Lügen sind. Seien es die seit Jahren immer wieder schön gefärbten Arbeitslosenzahlen, die Begründung für den Irak‐Krieg (Massenvernichtungswaffen), der angebliche Fachkräftemangel oder die derzeitige Russland‐Berichterstattung.

»Verschwörungstheoretikern jedoch ließ der Herr des Geldes keinen Raum«

- Stefan Schultz und Christian Rickens, »EZB‐Anleihenkauf: Die große Geldflut«, spiegel.de vom 22. Januar 2015

Letztlich überholt die weltweite Politik mittlerweile in rasender Geschwindigkeit jede Satire und jede Dystopie. Ja, die Realität ist zur Satire verkommen, nur dass einem das Lachen dabei vergangen ist. Wer hätte vor gut 15 Jahren gedacht, dass die europäischen Regierungen den Banken hunderte Milliarden Euro schenken würden? Oder das ferngesteuerte US‐High‐Tech‐Drohnen willkürlich und völkerrechtswidrig auf der ganzen Welt Menschen ermorden? Oder dass die weltweiten Besitz‐ und Vermögensverhältnisse eine in der Weltgeschichte noch nie da gewesene Konzentration erreichen würde? Oder dass nach rund 25 Jahren seit dem Mauerfall, der kalte Krieg in moderner Form wieder aufflammt? Insofern sollten diejenigen, die immer und sofort die VT‐Keule zücken, um unliebsame Erklärungen und Sichtweisen zu diffamieren, lieber mal die Klappe halten.

2 Gedanken zu “Entwöhnungstheorie

  1. Medial vor allem allgegenwärtige Abwehr‐,
    Schuld‐, Verdachtsrhetorik schafft allzeit
    präsente Denkassistenz.
    Die Dummchen sind doch aller Denk‐ und Sach‐
    kompetenz entwöhnt.
    Zu ihrem eigenen Schutz sind oberschichtende
    Vordenker unverzichtbar. Was könnte so ein
    VT nicht alles anrichten ?
    Nicht Kritik daran ist angebracht — wo bleibt Dankbarkeit ?!

  2. Wahrheitstheorie vs. Verschwörungspraxis.

    Wir müssen uns die Deutung der Begriffe zurückerobern.
    Das geht recht einfach, sobald ein passender Begriff gefunden ist, verbreitet der sich rasend schnell. Obengenannte Beispiele sind bereits ›drin‹, ›Wahrheitspresse‹ ist gerade dabei, Neusprech.org hilft dem Anfänger.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.