Presseblick (35)

Auf heise.de traut sich der Redakteur Sascha Pommrenke über »Der Terrorismus der westlichen Welt« zu schreiben und betont hierbei: »Die Geschichte des Westens ist eine Geschichte des massenhaften Tötens.« Er fährt fort mit: »Überall auf der Welt, in allen europäischen Kolonien, wurden die indigenen Bevölkerungen unterdrückt, ausgebeutet, gefoltert und massakriert.« Aber das widerspricht ja allem, was ich in der Schule über unsere überlegene westliche Wertegemeinschaft gelernt habe? Und allem, was mir täglich in den Massenmedien eingeimpft wird über Demokratie, Freiheit und Menschenrechten? Der Autor ist bestimmt so ein Verschwörungstheoretiker. Eine andere Erklärung kann es nicht geben. Weil es nicht sein darf. Wir sind doch die Guten, oder nicht? :SHOCK:  

Medien
Im Angesicht des Terroranschlags von Paris betonen und beweihräuchern die üblichen Verdächtigen mal wieder die überaus wichtigte Funktion der westlichen Pressefreiheit, während gleichzeitig Whistleblower und Aufklärer gnadenlos verfolgt werden. Edward Snowden, Julian Assange (wikileaks) und nun Antoine Deltour, der für #LuxLeaks 10 Jahre Haft bekommen soll (via @sven_giegold). Pressefreiheit ja, aber nur solange sie den Mächtigen und den Presseinhabern gefällt.

Ähnlich verhält es sich bei der Frage, die das Marketingportal wuv.de stellt: »Satire darf alles. Wirklich?« Natürlich nicht. Nur solange es opportun mit der öffentlich‐bigotten Moral ist. Also bei Moslems und dem Islam muss alles erlaubt sein. Meinungsfreiheit und so. Wer aber Juden karikiert (Berliner Zeitung), sich über Behinderte lustig macht (TAZ) oder die katholische Kirche ins Lächerliche zieht (Titanic‐Magazin), der muss schon mal mit Sanktionen oder Klagen rechnen. Da hört der Spass einfach mal auf!

Marketing
Lobbycontrol macht auf eine Studie von Corporate Europe Observatory (CEO) aufmerksam und titelt: »Europäische PR‐Agenturen betreiben Imagepflege für Diktaturen.« Unter anderem für die Diktaturen in Nigeria, Kenia oder auch Aserbaidschan. Solange es uns Kohle einbringt, ist uns das doch  egal. Wir liefern Waffen, Überwachungstechnologie und alles andere, was vielleicht Tyrannen eher nicht bekommen sollten. Der krankhafte Fetisch nach Profit, Umsatz und Wachstum zerstört jegliche Form von humanistisch orientierter Ethik. Aber die hat Kapitalisten sowieso noch nie interessiert.

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Titelbild der Studie von CEO


Politik
Wie authentisch das ständige Gerede von der »westlichen Wertegemeinschaft« wirklich ist, kann man gut am Bündnis zwischen den USA und einer der brutalsten Diktaturen der Welt beobachten: Saudi‐Arabien. Hier werden Frauen gesteinigt, Menschen die Hände abgehackt, ausgepeitscht oder öffentlich erhängt. Gleich im ersten Satz betont N‐TV die zynische Wahrheit: »Öl ist wichtiger als Peitschenhiebe: Der britische Premier, der französische Präsident und der spanische König reisen nach Saudi‐Arabien, um dem neuen König von Saudi‐Arabien ihr Beileid auszusprechen. Aus den USA kommen Vizepräsident und Präsident.« Würden die Staats‐ und Regierungschefs auch beim Tod von Kim Jong‐Un nach Nordkorea fliegen? Die öffentlich‐politische Doppelmoral stinkt.

Es ist schon erstaunlich, wie viel mediale Aufmerksamkeit die Pegida bekommt. Weder über die »Freiheit statt Angst«-, die Occupy‐ noch über die Friedensbewegung wird und wurde so viel berichtet, wie über die frustrierten Mittelschichts‐Nörgler, die einen Sündenbock suchen. Wie ich schon mal an anderer Stelle erwähnt habe, eignet sie sich hervorragend zur gesellschaftlichen Spaltung und wird vermutlich deswegen von den bürgerlichen Massenmedien auch so gerne thematisiert. Schließlich treten die Pegida‐Fans hauptsächlich nach unten. Dennoch: »Gabriel diskutiert mit Pegida‐Anhängern«. Redet er auch mit Attac oder Pro‐Asyl?

Gesundheit
Laut einer Umfrage der DKV würden die Deutschen zu lange am Tag (7,5 Stunden) sitzen und sich zu wenig bewegen. Schuld sei, wie könnte es auch anders sein, der faule und bequeme Sesselpupser‐Deutsche, der nur vor der Glotze hängen würde. Der Sitz‐Zwang durch die Lohnarbeit rangiere erst auf Platz 2. Während man in seiner Freizeit jedoch -durch Willen, Disziplin und Organisation‐ seine körperliche Bewegung steigern könnte, ist dies in den unzähligen Bürojobs mit den völlig ungesunden Bürostühlen aber nicht der Fall. Wir sind gezwungen den ganzen Tag zu sitzen. Das wird in der Studie natürlich nicht thematisiert. Unternehmen und Wirtschaft nicht aufgefordert für Besserung zu sorgen. Schuld sei jeder Einzelne. Prinzip Eigenverantwortung.

Arbeitsmarkt
Eine süddeutsche Werbeagentur hat Stefan D. gekündigt, weil er es gewagt hatte, Elternzeit zu nehmen. Das Interview mit ihm hat rund 50 Kommentare generiert, die sich zu Recht ärgern, dass dies Frauen in unserer familienfeindlichen Arbeitswelt fast täglich erleben, darüber aber kaum bis gar nicht berichtet wird. Sei es die Frage im Vorstellungsgespräch: »Wollen Sie irgendwann Kinder? Sind Sie schwanger?« oder die schwere Arbeitsplatzsuche, wenn Frau schon Kinder hat (die womöglich noch unter fünf Jahre alt oder häufiger krank sind).

5 Gedanken zu “Presseblick (35)

  1. Sich in der Freizeit mehr bewegen , das macht man nur aus eigenem Antrieb und Interesse heraus. Wehe unserer Arbeitswelt , wenn zuviele Leute wirklich auf die Idee kämen , Regungen in dieser Richtung zu entwickeln.

  2. @Art Vanderley

    Ja, die Krankenkassen haben natürlich ein reges Interesse daran, dass wir vermeintlich gesund sind, damit wir unsere Krankenversicherung weniger in Anspuch nehmen. Aber die Pharmaindustrie eher weniger. Nur kranke Menschen brauchen Medikamente.

    Alle menschlichen Handlungskoordinaten bewegen sich mittlerweile zwischen »Kosten« und »Profit«. Ist doch irgendwie erbärmlich, die menschliche Daseinsexistenz nur darauf zu reduzieren. Aber das kommt davon, wenn wir uns von Krämerseelen regieren lassen.

  3. Ich finde nicht, dass Satire vor gewissen Dingen halt machen muss.
    Aber Satire, wie die TAZ sie im Fall des Blindenfussballers losgelassen hat, war 1. unterirdisch schlecht gemacht und 2. reißt sie mit dem Arsch das ein, was die Blindenfussballer mühsam aufgebaut haben, nämlich als ernsthafter Sport wahrgenommen zu werden. Trotzdem muss es natürlich erlaubt sein. Was aber nicht heißt, dass auch alle darüber jubeln müssen. Klar ist, dass man sich auch darüber empören kann und darf.

  4. Pingback: Aufgelesen und kommentiert 2015-02-09 - Duckhome

  5. @epikur

    Erbärmlich , das ist noch vornehm umschrieben. Neben dem körperlichen Aspekt wollte ich auch noch auf den emotionalen hinaus , wer gerade einen Sport gemacht hat , der ihm gefällt (also kein funktionelles Leistungsjoggen) , hat erstmal ein gutes inneres Gefühl , eines von der eher grundsätzlichen Sorte , im Sinne echter Lebensqualität .
    Da ist der Weg dann plötzlich weiter , um am nächsten Tag wieder so weit innerlich abzusterben , um brav funktionieren zu können .
    Eigentlich schießen sie sich ins Knie mit ihrer Forderung nach mehr Bewegung.

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