Es gibt keine Lügen mehr

Niemand sagt heute mehr die Unwahrheit. Wie auch, wenn die Wahrheit von allen nur als relativ und subjektiv angesehen wird? Es gibt Meinungen, Ansichten, Geschmäcker — aber weder Lüge noch Wahrheit. Es gibt »Vermittlungsprobleme« (Agenda 2010) beim Sozialabbau und bei Kürzungen im Bereich Kultur, Sport und Bildung. Es gibt schlechtes Marketing sowie erfolglose PR‐Kampagnen (Hamburg Olympia), die ihr Ziel verfehlen und keine Meinungs‐ und Deutungshoheit erlangen. Es gibt »handwerkliche Fehler« (Ukraine‐Krise), wie beispielsweise bei der Öffentlich‐Rechtlichen Berichterstattung zu Syrien und zu Putin‐Russland. Es gibt »politische Kompromisse« (Gabriel: Fracking), die eine Kehrtwende der eigenen Position und anderslautender Ankündigungen erfordern. Aber Lügen? Nein, die gibt es heute nicht mehr. Vor allem gibt es keine System‐, Hof‐, Kauf‐ oder Lügenpresse.

»Die Lüge, einmal ein liberales Mittel der Kommunikation, ist heute zu einer der Techniken der Unverschämtheit geworden, mit deren Hilfe jeder Einzelne die Kälte um sich verbreitet, in deren Schutz er gedeihen kann.«

- Theodor W. Adorno. »Minima Moralia«. Suhrkamp Verlag. 8. Auflage 2012. S. 32

11 Gedanken zu “Es gibt keine Lügen mehr

  1. Du hast ja durchaus recht ... allerdings ist der Begriff »Lügenpresse« inzwischen von wenig angenehmer Seite okkupiert worden (übrigens in trauter Tradition, denn auch die Nazihorden vor 80 Jahren haben ihn benutzt), weshalb ich persönlich Synonyme wie »Propagandamedien« oder »Systempresse« angemessener finde, um nicht in einem braunen Topf zu landen, in dem sich kein Mensch wiederfinden möchte.

  2. Tatütata, die Sprachpolizei ist da... ;) Ernsthafte Frage: Warum geht das »okkupieren« von Begriffen eigentlich ausnahmslos nur in eine Richtung? Sieht so (auch sprachlicher) Widerstand / offensiver »Antifaschismus« aus, wenn man sich eigentlich ständig die sprachliche Butter vom Brot nehmen lässt...? Sich immer nur defensiv an das anpasst, was die »Rechte« an Begriffen zu / übrig lässt...!? Was hat dies mit »Freiheit« zu tun, vor jeder Aussage erst einmal recherchieren zu müssen, ob die verwandte Teminologie evtl. »vorbelastet« ist? Wem nützt diese alberne Korinthenscheißerei? Außer jenen, die sich im Distinktionswahn regelm. von sich selbst distanzieren...!?

    »Gedankenverbrechen. Stop!«

    Die Ironie daran ist ja, dass nicht wenige »Linke« ja meist nix besseres zu tun haben, andere (Linke) ja erst in genau jenen »braunen Topf« zu werfen. Schon aufgrund der »falschen« Verwendung von »unreinen« Begriffen. »Er hat Jehova gesagt«...!

    In dem Sinne — wenn es nur noch eine einzige Wahrheit gibt, gibt es folglich auch: keine Lüge mehr.

  3. Dennis, Du kleiner Spaltpilz, geh doch einfach in Deine »stramm linke« Parteizentrale und spiele dort mit den bunten Bällen — da kannst Du wenigstens keinen nennenswerten Schaden anrichten. ;)

  4. »Vor allem gibt es keine System‐, Hof‐, Kauf– oder Lügenpresse.«

    Habe ich nicht zufällig geschrieben. Da darf sich jeder, den für ihn passenden, vermeintlich unbelasteten Begriff aussuchen. ;)

    Dennoch sollten wir uns weder die Begriffe von Rechten bestimmen lassen, noch die Sprache der Neoliberalen übernehmen. Letzteres passiert gerade bei liberalen und gemäßigten Linken immer wieder, wenn sie beispielsweise Begriffe wie »bildungsferne/sozial schwache Schichten« (Sind Reiche/Gebildete etwa per se sozial?), »Austeritätspolitik« (Euphemismus für knallharte Kürzungen/Sozialabbau) oder Wörter wie Gutmenschentum/Verschwörungstheoretiker/Antisemiten/Antiamerikaner/Aluhüte etc. verwenden, um jede alternative Sichtweise zu denunzieren.

  5. Epikur, so schwer es auch fallen mag: man muss hier differenzieren. Begriffe wie »Lügenpresse« oder »Gutmenschen« sind eben braun vorbelastet, weshalb man sie meiden sollte.

    Auch das Hakenkreuz war mal ein Symbol unter vielen — seit dem Naziterror ist es aber unwiderruflich okkupiert und für nichts anderes mehr zu gebrauchen. In der Sprache gibt es Analogien.

    Begriffe wie »bildungsfern«, »antisemitisch«, »antiamerikanisch« etc. gehören allerdings nicht dazu — die »darf« man durchaus verwenden, wenn der Kontext es erlaubt. Ich finde es befremdlich, dass Du diese Dinge undifferenziert vermengst und beispielsweise »Gutmenschen« im selben Atemzug nennst wie »Antisemiten«. Üblicherweise tun das nur Faschisten ... und Dir unterstelle ich solche Menschenfeindlichkeit nun gewiss nicht.

    Ein wenig mehr sprachliches Feingefühl täte der linken Opposition sehr gut.

    Liebe Grüße!

  6. Sorry, epikur — aber da dein Spezi hier schon seit geraumer Zeit auf jede Äußerung von mir komplett an den Argumenten vorbei mit persönlichen Angriffen und Beleidigungen reagiert, sei es mir gestattet! @Charlie: Ich lass mir sicher nicht von ›nem Komiker wie dir vorschreiben, was ich zu denken, schreiben, tun oder zu lassen habe... Deinem Niveau entsprechend: »Charlie, geh doch nach Hause in deinen dollen Blog — und denunziere da wieder relativ wahllos Leute, die nicht so ultimativ‐mega‐einzig‐wahr‐links sind wie du, großer Meister...! Und nun l... m...!

  7. @Dennis82 @Charlie

    Und bevor das jetzt (schon wieder) zu einem unschönen und giftigen Schlagabtausch wird, den niemand hier lesen will (ganz besonders ich nicht!), sage ich es jetzt schon: STOP! :BULLE:

  8. Es gibt eine Form der Lüge, die heißt Selbstbetrug. Sie äußert sich in Gestalt des griechischen Hoffnungsträgers Syriza und deren erbittertem Kampf gegen Steuerhinterzieher. Hier sind LINKE in der Regierungsverantwortung. Und was tun sie? Sie schicken die Bullerei los, um einen Maronenverkäufer wegen Steuerhinterziehung festzunehmen. Die Reeder bleiben weiterhin verschont.

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-polizei-geht-hart-gegen-maronenverkaeufer-vor-a-1068307.html

    Diese Kritik hat nichts mit Spalterei zu tun. Seit es Linke gibt, gibt es auch die unterschiedlichsten linken Strömungen. Und diese en detail zu kritisieren ist mein unverbrieftes Recht. Punkt und Ende.

  9. @altautonomer

    Das ausgerechnet der transatlantische, neoliberale Spiegel so eine Meldung veröffentlicht, ist sicher kein Zufall. Damit kann man perfekt die linken, politischen Kräfte aus neoliberaler Perspektive verunglimpfen: »Schaut er, was eure tolle Syriza da macht!« Fakt ist, sie stehen nun unter völliger Kontrolle der Troika. Die können gar nichts mehr autonom entscheiden, sondern nur noch ausführen, was die Troika ihnen befiehlt (dazu gehören drastische Kürzungsprogramme, Schonung der Reichen, Privatisierung etc.). Ansonsten gibt es keine Kohle mehr. So siehts aus! Deshalb ist Varoufakis auch zurückgetreten, weil er das nicht mit machen wollte. Kann man alles nachlesen oder in Interviews mit Varoufakis erfahren.

    Und was die ewige Kritik innerhalb der Linken betrifft. Natürlich kann und soll es hier Kritik geben. Jedoch erstens: bitte nicht fast ausschließlich und dabei die eigentlichen »Feinde«, »Probleme« und »Ursachen« aus dem Blickwinkel nehmen und vernachlässigen sowie zweitens: der Ton macht die Musik. Persönliche Angriffe und Beleidigungen will ich hier nicht lesen. Punkt und Ende.

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