Es gibt keine Lügen mehr

Niemand sagt heute mehr die Unwahrheit. Wie auch, wenn die Wahrheit von allen nur als relativ und subjektiv angesehen wird? Es gibt Meinungen, Ansichten, Geschmäcker — aber weder Lüge noch Wahrheit. Es gibt »Vermittlungsprobleme« (Agenda 2010) beim Sozialabbau und bei Kürzungen im Bereich Kultur, Sport und Bildung. Es gibt schlechtes Marketing sowie erfolglose PR‐Kampagnen (Hamburg Olympia), die ihr Ziel verfehlen und keine Meinungs‐ und Deutungshoheit erlangen. Es gibt »handwerkliche Fehler« (Ukraine‐Krise), wie beispielsweise bei der Öffentlich‐Rechtlichen Berichterstattung zu Syrien und zu Putin‐Russland. Es gibt »politische Kompromisse« (Gabriel: Fracking), die eine Kehrtwende der eigenen Position und anderslautender Ankündigungen erfordern. Aber Lügen? Nein, die gibt es heute nicht mehr. Vor allem gibt es keine System‐, Hof‐, Kauf‐ oder Lügenpresse.

»Die Lüge, einmal ein liberales Mittel der Kommunikation, ist heute zu einer der Techniken der Unverschämtheit geworden, mit deren Hilfe jeder Einzelne die Kälte um sich verbreitet, in deren Schutz er gedeihen kann.«

- Theodor W. Adorno. »Minima Moralia«. Suhrkamp Verlag. 8. Auflage 2012. S. 32

Presseblick (34)

Die Bundeskanzlerin hält Reden gegen die PEGIDA und der Kölner Dom lässt als »großes Signal« für einen Tag das Licht aus. Ja, solange das alles nichts kostet, sind auf einmal alle aufrechte Demokraten. Wie sieht es aber mit den Kürzungen im Bereich Jugend, Kultur, Bildung und Soziales aus? Oder mit Projekten und Initiativen gegen den Rechtsextremismus, die chronisch unterfinanziert sind oder komplett zusammengestrichen werden? Dafür ist kein Geld da. Der BER‐Flughafen und Zocker‐Banken sind einfach systemrelevanter. Weiterlesen

Presseblick (30)

Auf bernerzeitung.ch gibt es einen interessanten, philosophisch‐soziologischen Artikel über »die Vergottung des Selbst«. Der vermeintliche Individualismus sei »Selbstdesign und spätmoderner Seelenersatz«. Der Ich‐Kult, Egoismus und die Selbstliebe seien Ersatzbefriedigung für authentisches Glück geworden. Im Grunde wird hier nichts fundamental neues für fleißige ZG‐Leser erzählt (z.B. Massenindividualität), aber dennoch ist der Beitrag gut geschrieben und zusammengefasst: »Der Mensch scheint irreversibel abhängig von den digitalen Selbstverlängerungen und Hilfsorganen seiner Techniken und Medien, seiner medialen Verortung und Selbstdarstellung.«
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