Personalisierung ist Entpolitisierung

Die übliche Methode von Massenmedien, Politik und Wirtschaft, um Diskussionen über gesellschaftliche, gesetzliche oder wirtschaftspolitische Veränderungen zu vermeiden, ist die Personalisierung. Wann immer es um Skandale, Korruption oder um kritikwürdige Verhältnisse geht, wird das Problem, sofern möglich, auf eine Person reduziert. Man nimmt dem Skandal die politische Brisanz, verharmlost den Sachverhalt zu einem »Einzelfall« und zu einer persönlichen Verfehlung. So wird der Blick auf die wahren Verantwortlichen, auf Strukturen und Mechanismen von Politik und Wirtschaft verdeckt und auf einzelne Personen fokussiert. Diese wird dann meist öffentlichkeitswirksam mit Sanktionen belegt und anschließend geht man wieder zur Tagesordnung über.

Diese Vorgehensweise hat für Politik, Unternehmen und Medien viele Vorteile. Die Massenmedien können ihre Beiträge besser mit Bildern von Menschen und persönlichen Storys füttern, anstatt sich mit komplexen Themen beschäftigen zu müssen. Wenn möglich, wird lieber über Arbeitslose als über Arbeitslosigkeit berichtet, lieber über arme Menschen, als über das, was Armut erzeugt und lieber über Steuerhinterzieher als über die vorhandenen Steuerlücken. Zudem können die Journalisten und Redaktionen ihre Werte, ihre Meinung und ihre Ideologie über die Aussagen der zu berichtenden Person transportieren lassen, anstatt selbst den moralischen Zeigefinger zu erheben, was von Lesern und Zuschauern nicht gern gesehen wird.

US‐Soldatin Lynndie England. »Abu Ghraib — Skandal«. Bildquelle: flickr.com. Duncan c.

In Politik, Militär und Wirtschaft ist die Personalisierungs‐Praxis weitgehend kultiviert und fest verankert worden. Sie bedienen damit die Wünsche der Massenmedien und verhindern gleichzeitig effektiv große interne Veränderungen. Ulli Honeß, Annette Schavan, Christian Wulff, von zu Guttenberg, Klaus Zumwinkel, Helmut Kohl, Ackermann – sie alle werden als Menschen mit Fehlern inszeniert. Persönliche Schwächen und mangelnde Charakterstärke haben sie zu Gier, Eigennutz und moralischer Fragwürdigkeit getrieben. Ernsthafte Diskussionen über wirtschaftliche bzw. gesellschaftliche Bedingungen, die bestimmte Verhaltensweisen begünstigen oder gar befürworten, stehen nicht auf dem Programm. Es folgen öffentliche Verlautbarungen, geheuchelte Reue, manchmal gar eine Entschuldigung oder ein Rücktritt. Steuerlücken werden jedoch nicht geschlossen, der Straftatbestand des Amtsmissbrauchs wird nicht eingeführt und auch die rechtlichen Konsequenzen halten sich meist in Grenzen.

Dennoch gibt es Fälle, wo sich Verantwortliche gerne der Personalisierungs‐Methode bedienen würden, dies jedoch nicht möglich ist, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Dies ist beispielsweise regelmäßig bei den Lebensmittelskandalen der Fall. Es wäre völlig unglaubwürdig, wenn der Öffentlichkeit ein Bauernopfer vorgeführt werden würde, der als Einzeltäter für Pferdefleisch, BSE oder Gammelfleisch verantwortlich sein soll. Auch bei dem Fabrikeinsturz in Bangladesch am 24. April 2013 bei dem über 1000 Menschen ihr Leben verloren und die für internationale Modekonzerne zu unwürdigen Arbeitsbedingungen geschuftet haben, wäre es wenig überzeugend. Zumal auch die Einzelfall‐These hier unseriös erscheinen würde, da durch vermeidbare Sicherheitsmängel in der Vergangenheit schon öfter Textil‐Lohnsklaven in Bangladesch gestorben sind. In solchen Fällen bedient man sich der klassischen Krisen‐PR, gelobt Besserung, entschuldigt sich womöglich, sitzt die Sache aus und hofft, dass das Thema bald von der medialen Agenda verschwunden sein wird.

Die Methode der Personalisierung jedoch, ist nicht einfach nur eine banale Medien‐Methode, sondern Verharmlosung und Anti‐Aufklärung. Das beste Beispiel ist ZDF‐History, dass uns mit Guido Knopp, als konservativer Geschichte‐Papst, immer wieder weismachen will, ein paar Verrückte hätten uns Nazi‐Deutschland beschert. Die Bevölkerung habe nicht mit gemacht, sie war lediglich Opfer  der Demagogen.  Die mediale Präsentation von Sündenböcken vernebelt die Perspektive auf das strukturell geschaffene Unrecht und macht jeden Skandal zu einem »Einzefall«, ohne die Ursachen zu analysieren.

13 Gedanken zu “Personalisierung ist Entpolitisierung

  1. Den Straftatbestand des Amtsmissbrauchs gibt es indes schon. Nur durch die zusätzlichen Klauseln ist er zumindest für Mandatsträger faktisch unwirksam.

  2. Der Schlusssatz bring es nochmal präzise auf den Punkt:

    Die mediale Präsentation von Sündenböcken vernebelt die Perspektive auf das strukturell geschaffene Unrecht und macht jeden Skandal zu einem »Einzefall«, ohne die Ursachen zu analysieren.

  3. Das Urteil über Guido Knopp ist zu einseitig .

    »Wenn möglich, wird lieber über Arbeitslose als über Arbeitslosigkeit berichtet«

    Und sehr gerne werden die genommen , die brav über ihre 10 000 Bewerbungen berichten und lauthals verkünden , daß sie so ziemlich jeden Job machen würden, nur um endlich wieder arbeiten zu dürfen.

  4. Es gibt keine Gesellschaft, sondern nur Individuen und Familien. Tatchers Machtspruch wirkt nach wie vor. Es ist leider auch so, dass der Zusammenhang Struktur‐System‐Transindividuelles/Person‐Handlung kaum erschlossen ist. Dafür hängen wir zu sehr am Bild des Individualismus. Dabei ginge es gar nicht um schwierige Fragen wie Schuld und Verantwortung, sondern einfach darum, Struktur‐System‐Transindividuelles so zu gestalten, dass Person‐Handlung weniger Optionen auf Kriminalität, Korruption und all die anderen Fehlhandlungen haben. Leider spricht hiergegen der Neoliberalismus: er lockt alle aus der Reserve mit einer als Freiheit verkleideter Willkürvorstellung. Die Willküroptionen des Marktes sollen überall wuchern, Individuen und Familien handeln im Willküruniversum. Die Fehlhandlung kann so ja nur ein individuelles oder familiäres Versagen sein. Sonntagssprüche wie, dass es halt überall schwarze Schafe gibt, tilgen die Problematik dann zur Gänze.

  5. Es wäre aber vermessen, zu behaupten, die Mehrheit wollte das nicht auch so. Facebook etc. sprechen eine deutliche Sprache, nicht zuletzt auch der Entstehung wegen. Nimmt man dann auch Blogs, plus konzernverordneter Bandbreitendrosslung hinzu, wird fast ein Schuh draus. Gibt›s hier eigentlich Statistiken, wer hier so alles mit IOS & Co.unterwegs ist?

  6. Also, mal im Ernst.
    Ich habe bei Facebook absolut intelligente Leute kennengelernt, — die das absolut nicht so haben wollen. Die deutliche Sprache ist ein Klischee, — mehr nicht. Ich brauche keine Statistiken, um Menschen ( egal ob analog oder digital), von Statistikern zu trennen. Und ich kenne nur allzu viele Leute, die mich verlacht hatten, weil unsereiner den Markt auf dem I‐Net abgelehnt hatte. Nun, — lernt damit zu leben, — und es wieder in eine humane Richtung zu biegen. Aber bitte, — ohne diese Doppelmoral.

  7. @Eike
    Irgendwann, haben wir die Kraft der 8,9,10.... Herzen. Usw. usf. Wer die Doppelmoral differenziert, will sie nicht angehen.

  8. Doch, mache ich. Bei meiner Familie habe ich da auch schon einiges hinbekommen (allerdings gibt es jugendbedingt noch eine Baustelle) — und Du?

  9. @Eike.
    Das du das machst, denke ich mir. Deshalb ist diese ständige Separation in spartenbedingte Doppelmoralitäten ja so irritierend für mich. Das passt einfach nicht zusammen, — und nutzt auch gar nichts.

    und Du?
    Warum unterhalte ich wohl einen blog, auf dem »Reflexionen« steht?
    Nutzt aber genauso wenig :)

  10. Nun, es ist halt wie es ist. Aber wer sich moralisch abhebt, muss sich persönliche Nachfragen auch gefallen lassen dürfen. Denn die meisten Dinge in diesem Lande entstehen weniger der Empathie, sondern dem schnöden Mammon wegen.

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