Warum die meisten Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, mittlerweile PR- und Presseberater haben und tunlichst darauf bedacht sind, was sie wann und wo der Presse sagen, zeigt das Beispiel von Thomas Gottschalk. Er hat sich nach 46 Jahren Ehe scheiden lassen, jedoch öffentlich keinen Grund dafür genannt (Warum auch?). Nachdem die Boulevard- und Klatschpresse ihn im April 2019 tagelang bedrängt hatte, war es ihm zuviel:
»Die Leser irgendwelcher Weiberzeitungen, die gehen mir wirklich am Arsch vorbei.«
Nun hatten die Qualitätsmedien zwar immer noch keine Begründung für die Scheidung, aber endlich endlich endlich (!!) eine zitierfähige Aussage, die polarisiert, provoziert, Aufmerksamkeit und Reichweite erzeugt. Denn nur darum geht es. Google spuckt fast 35.000 Ergebnisse dazu aus. Außerdem kann man daraus wiederum tolle, irreführende Clickbait-Überschriften generieren:
Thomas Gottschalk nach Ehe-Aus: Wer ihm »am Arsch vorbei geht«
»Am Arsch vorbei«: Gottschalk im ersten Interview nach Ehe-Aus
Thomas Gottschalk zieht vom Leder
Das ist nur ein Beispiel von sehr vielen Methoden (zitierfähige Aussagen herauspressen, aus dem Zusammenhang reißen und damit Clickbait-Überschriften produzieren), die unsere Konzern‑, Lücken‑, Produkt‑, Wahrheits‑, Qualitäts- und Systempresse verwenden, um Aufmerksamkeit und Reichweite zu generieren. Um Wahrheitsfindung oder Informationsvermittlung geht es schon lange nicht mehr.
Die SEO-Filter-Bubble
Replik auf: »Journalismus unter Beschuss«
Heute: die Taz.




Aufmerksamkeit ist im digitalen Zeitalter eine harte Währung. Wer nicht gesehen, gehört oder gelesen wird, der findet nicht statt. Der ist nicht nur für die Werbeindustrie und die Massenmedien uninteressant, sondern auch für Politik und Wirtschaft. Deshalb sind SEO-Methoden sowie viele andere Aufmerksamkeits-Techniken, wie Click-Bait-Überschriften, reißerische Bilder, extreme Meinungen oder provozierende Thesen, so populär und weit verbreitet. Wer argumentiert, sachlich, differenziert und ausgeglichen schreibt und berichtet, wird vielleicht in einem kleinen elitären Akademiker- oder Intellektuellen-Kreis gehört und gelesen, findet aber eher selten in den großen TV- und/oder Internet-Medien-Kanälen, wie RTL, Twitter oder Facebook statt. Deshalb wird fast überall provoziert, skandalisiert, boulevardisiert und polarisiert. Digital ist emotional.
