Protest ist...

Das Jugend‐ und Ausbildungsmagazin »Spiesser« richtet sich an junge Erwachsene (16−24 Jahre) und erscheint bundesweit mit einer Druckauflage von 400.000 Exemplaren. Herausgegeben wird die Zeitschrift von der Orange YC GmbH, die von sich behauptet:

»...vereint unsere Agentur komplexe Themenfelder, wie z.B. Employer Branding, Ausbildungsmarketing und Personalwerbung. Mit mehr als 20 Jahren Erfahrung wissen wir, wie wir gute Kampagnen lancieren.«

Anzeigen schalten hier unter anderem die Deutsche Bahn, die Allianz‐Versicherung, DM und Metro. Die aktuelle Ausgabe vom Jugend‐ und Ausbildungsmagazin widmet sich ganz dem Thema »Protest«. Folgende inhaltliche Aussagen werden hier beispielsweise getroffen:

»Sie möchte ihre Beine nicht rasieren und präsentiert sie lang und behaart in einer Schuhwerbung. Was Arvida Byström macht, ist ein Protest.« (S.4)

»Vielleicht sind wir tatsächlich ein kleines bisschen egoistisch. Aber wenn wir dadurch helfen, die Welt besser zu machen, wieso sollten wir damit aufhören?« (S.10)

»Kritiker bemängeln, dass sich die Lyrik der Neuzeit vom modernen Poetry Slam in einem Punkt unterscheidet: der politische Bezug. [...] Ich schreibe über das, womit ich mich am wohlsten fühle, [...] die sozusagen aus meinem Mikrokosmos stammen.« (S.10)

Unrasierte Beine sind Protest? Egoismus beendet Kriege, Massenarmut und Korruption? Selbstinszenierte, weltvergessene und narzisstische Texte, Gedichte und Songs, sind die neue Protestkultur? Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Man sagt schnell: »Die Jugend von Heute«. Wenn ich mir jedoch die smartphone‐Zombies überall anschaue oder die Diskurse über aktuell »politische Themen« betrachte: Veganismus, Gender‐Sprachnormierung, Komfortzonen‐Feminismus oder Bio‐Produkte, dann waren die Herrschaftsprinzipien in den vergangenen 20 Jahren wohl ziemlich erfolgreich. Luxusprobleme wohin man nur schaut. Vielleicht ist das aber auch nur eine Kampagne von Industriebossen, damit wir keine Hoffnung mehr in die Jugend setzen?

Übrigens: der Name der Zeitung inszeniert Selbstironie, wenn man bedenkt für wie viele Jugendliche eine Verbeamtung, Ehe, Kinder, Häuschen, Garten, Auto und 2x im Jahr in den Urlaub fahren, wieder ganz normale Lebensziele sind. »Spießer« war früher mal ein Schimpfwort. Heute ist es wieder ein vorzeigbarer Habitus.

7 Gedanken zu “Protest ist...

  1. Zum letzten Absatz und zur Verbeamtung im Speziellen (hatte erst letztens ›ne Diskussion drüber): Ich möchte nicht für den Staat arbeiten. Jetzt gar nicht aus anarchistischer Sicht, sondern unter rein marxistischen Gesichtspunkten: In unserer kapitalistischen Gesellschaft muss jeder sehen, wo er arbeitstechnisch unterkommt.
    Sich in den sicheren Schooß des Staates zurückzuziehen ist nichts anderers, als die Augen vor dem wahren Problem zu verschließen: Der Überflüssigkeit des Menschen im — nun ja: Produktionsprozess kann man ja nicht mal mehr sagen, da die Produktion in großen Teilen in anderen Teilen der Welt stattfinden.
    Was ich sagen will: Wir müssen das zunehmende Problem unserer Ökonomie ansprechen. Wir müssen Lösungen finden dafür, dass es immer weniger zu tun gibt. Das ist eigentlich ein Fortschritt. Dieser Fortschritt wird aber ins Gegenteil verkehrt und als Druckmittel benutzt.
    Der Lebensunterhalt muss in der Freien Wirtschaft verdient werden. Dazu ist sie da. Sehe ich mich um, wie viele Leute noch in der Freien Wirtschaft und nicht für den Staat arbeiten (oder über Umwege durch den Staat finanziert werden), sieht es ziemlich düster aus. Es wird immer mehr Geld mit heißer Luft und Bullshit‐Jobs gemacht. Und mittlerweile ist man sogar schon so weit, dass man von seiner Arbeit nicht mal mehr leben kann. Willkommen im 21. Jahrhundert.
    Übrigens: Anarchistisch geprägte Leute entscheiden sich in überwiegender Zahl für den Staatsdienst, las ich einst. Ich könnte kotzen.

  2. Das Problem der Überschussbevölkerung sehe ich ähnlich. Warum man aber in der »freien« Wirtschaft seinen Lebensunterhalt verdienen sollte, wenn man die bürgerliche Gesellschaft am liebsten abschaffen will, erschließt sich aus Deinem Kommentar nicht. Der aktuelle Bauboom in Deutschland hängt z.T. noch mit staatlichen Konjunkturpaketen zusammen. Die sogenannten »freien« Berufe wie Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte, Apotheker, Lebensmittelchemiker sowie Ärzte profitieren ungemein vom Staat oder existieren nur des Staates wegen, wollen nur keine Steuern zahlen und wählen konservativ bis liberal. Die Großkonzerne werden in allen möglichen Bereichen vom Staat protegiert und auch subventioniert. Wie es um Künstler bestellt wäre ohne den Staat, kann man sich wahrscheinlich nicht vorstellen. Wie viele Theater gäbe es dann noch?

  3. Wie der Schramm schon sagte: »Früher waren die Jugendorgas der Parteien Linksausleger, heute ist es umgekehrt.« Der Rest des Konformistenpacks folgt einfach.

  4. @andi
    Da entstehen jedoch keine Bauten für Normal‐ und Geringverdiener, bzw. Wohnraum der benötigt wird!

    Die Fertigwürfel, die in jede größere, deutsche Stadt vom ukrainischen Bautrupp »schwatte Arbeit für schwatte Politik« — unabhängig jeder Bauvorschrift — gekotzt werden, werden — sofern nicht schon als Seniorenresidenz an der Hauptstraße gebrandmarkt, als Anlageobjekte vermarktet.

    Die Ärmeren sollen schließlich sehen, wo der Pfeffer wächst und sich verpissen! Dumm nur, dass die meisten Unternehmen in der Stadt größtenteils auf Geringverdiener angewiesen sind, um Ihre Shareholder (wie gewohnt) zu befriedigen.

    Ein vernünftiger Wohnungsbau, wie Deutschland sich das noch in den 80ern, obwohl viel ärmer, als heute, noch leisten konnte (und wie Wien sich das immer noch leistet) wird es niemals wieder in Deutschland geben können (mit welcher Partei auch immer).

    Wer etwas Anderes will, muss neben Berlin auch Straßburg und Brüssel planieren und dabei aufpassen, dass er nicht in Den Haag endet.

    »Die sogenannten »freien« Berufe wie Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte, Apotheker, Lebensmittelchemiker sowie Ärzte profitieren ungemein vom Staat oder existieren nur des Staates wegen[...]« Das ist ein lustiges Gerücht und respektiert den Menschen als natürliches Wesen nicht.

    Die einen existieren wegen der Kriminalität, sofern sie sie nicht selbst abbilden und die anderen, weil der Überlebensdrang der Menschen i. d. R. recht ausgeprägt ist.

    Da das in den oberen Schichten nicht anders ist, lässt sich dabei auch trefflich verdienen. Der Rest ist Beigabe des Geschäftsmodells.

    Wer lieber lichtfastet oder sich mit Bachblüten vollstopft, verfügt über keinen ausgeprägten Überlebensdrang, dafür über mehr Abenteuerlust.

    »Wie es um Künstler bestellt wäre ohne den Staat, kann man sich wahrscheinlich nicht vorstellen. Wie viele Theater gäbe es dann noch?«

    Natürlich kann man sich das vostellen. Man kann es sogar nachlesen, nämlich in der Gechichte, der letzen vier bis 5 Jahrhunderte!

    Und genau dahin degeneriert es auch wieder.

    Warum sind z. B. berühmte Theater und Varietés schon jetzt in Prestigebauten angeblich renommierter Unternehmen beherbergt?

    Die staatliche Kulturförderung fällt auch recht einseitig zu Gunsten plakativ Abbildender Kunst aus, wobei der größte Teil den Vermarktern und den »Kulturstätteninhabern« anheim fällt, selten aber den Künstlern.

    Wie gut, dass man inzwischen aber auch mit Kunstfälschungen verdienen kann, sollte es mit dem »Nebenerwerbsjob« nicht so klappen. Auch die Geschiche van Goghs kann dabei recht lehreich sein.

  5. Ich weiß nicht, — ihr seid so negativ. Deutschland sucht den Superstar der perfekten Verblödung. Das muss man metaphysisch, oder von mir aus auch als evolutionäres Experiment sehen können. Die nennen das immerhin Zivilisation. Kriegen sie jedenfalls in der Schule erzählt. Sogar von Lehrern. Die siehst du dann in Partnerschaftsbörsen für Akademiker in der Astroecke davon wieder. Nönö, — kein Blödsinn. Pädagogen sind eh Klasse. Sehr gebildet, — ohne Zweifel. Die weisen in vollem Verantwortungsbewusstsein ihre Kinder auf den Wert einer wissenschaftlich fundierten Bildung hin und erweitern die auch gleich selbst durch Zusatzkurse über Coaching in hypnosystemischen Therapien und neurolinguistisches Programmieren zum Programmieren der Entwicklung des freien Geistes und meinen, dass durch hypnosystemische Beratung der systemische Blickwinkel durch die hypnotherapeutische Perspektive erweitert wird und ziehen sich abends das Dschungelcamp rein. Warum das irgendwie zusammen hängen muss, weiß ich auch nicht, aber möglicherweise hat es was mit den Perspektiven zu tun. Einige interessieren sich auch für systemische Lebenshilfe‐Lösungen mittels systemischer Familienaufstellung in Energiepyramiden. Jooo, — und vor diesen Perspektiven, — stehen jetzt die Kids. Da können behaarte Beine, durchaus als Protest gegen systemische Enthaarung gesehen werden. Das mir aber jetzt keiner schrägen Sarkasmus vorwirft.

  6. @eb

    »Pädagogen sind eh Klasse. Sehr gebildet, — ohne Zweifel. Die weisen in vollem Verantwortungsbewusstsein ihre Kinder auf den Wert einer wissenschaftlich fundierten Bildung hin...«

    Ach was! Der neueste Schrei ist »pränatale Bildung«: Erziehung im Mutterleib. Je früher die Förderung, desto besser! Fremdsprachen für Ungeborene! Ist das Kind erst geboren, kann es doch mit den Anderen gar nicht mehr mithalten! Also ab dem ersten Tag der Schwangerschaft mit der frühkindlichen Bildung anfangen!

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