Presseblick (77)

Fake‐News des Tages: »Arbeitslosigkeit in Deutschland sinkt auf Rekordwert.« Seit Jahren, ja seit Jahrzehnten (lange bevor es den Begriff »Fake News« gab) belügen uns die Hofberichterstatter mit ihren Statistik‐Spielchen. Aber echte Fake News machen natürlich nur die Anderen! Die Bösen! Diese VT‐Blogger!

Lacher des Tages: »Jobcenter helfen Behinderten und Kranken zu wenig.« Helfen Sie überhaupt irgendjemanden? Außer den Statistikfälschern, Niedriglohn‐Unternehmen und Leiharbeitsfirmen?

Normalität des Tages: »Wall Street Profite steigen um 13 Prozent, Löhne der Arbeiter stagnieren.« Und interessiert das irgendjemanden? Solange Facebook, WhatsApp, Instagram, RTL, BILD und die Konsole laufen, ist doch alles in Butter. Weitermachen! Hier gibt es nichts zu sehen!

Politik
Alle arbeiten sich an der AfD ab. Ich höre ja gelegentlich den Podcast »Medienwoche« von Christian Meier (WELT) und Stefan Winterbauer (MEEDIA). Mir fällt immer wieder auf, dass sich die AfD, besonders für finanziell solide aufgestellte Mittelschichts‐Journalisten, als perfekten Sündenbock eignet. Zusammen mit Erdogan, Putin, Trump, Nordkorea, Isis und dem Islam. So muss man sich, auch als vermeintlich gebildeter und aufgeklärter Mensch, nicht mehr mit schnöden Dingen wie Massenarmut, Obdachlosigkeit, Wirtschaftskriminalität oder Angriffskriegen herumschlagen. Oder sich -wie damals‐ einfach mal die Frage stellen: »Wie konnte es so weit kommen?«

Kommunikation
Auf deutschlandfunkkultur.de ist Simon Strauss im Gespräch mit Dieter Kassel über das Thema »Smartphone‐Sucht«. Herr Strauss betont: »...ich würde fast auch sagen Droge ist, die stärker ist als jedes Kokain oder jede Ideologie, die man heute so zu sich nehmen kann.« Ach was, diese verdammten Smartphone‐Hasser! Sind alles Hängengebliebene und Ewiggestrige, die einfach zu wenig FB‐und‐ WhatsApp‐Freunde haben. Alle neidisch! :JAJA:

Neoliberalismus
Eine Studie behauptet: »Nett und vertrauensvoll zu sein, ist kostspielig:« In der unsäglichen Studie von Sandra Matz von der Columbia Business School wird subtil Egoismus, Skrupel‐ und Rücksichtslosigkeit gerechtfertigt. Auch hier könnte man einmal fragen, ob es überhaupt erstrebenswert sei, in einer Welt und einem Wirtschaftssystem zu leben, der nicht nur Soziopathen erfordert, sondern auch systematisch asoziale Arschlöcher (sowie Ausgebrannte und Depressive) produziert? Wer, außer Miliardäre, Banken und Konzerne will denn das überhaupt? :SICK:

Medien
Über Wochen und Monate gab es im Jahr 2016 zum PC‐Spiel »Civilization 6« einen enormen Shitstorm wegen der Comic‐Grafik. »Nein«, man habe diese häßliche Grafik nicht bewusst gewählt, um das Spiel später auf den mobilen Endgeräten verwursten zu können, hieß es. PR‐ und Marketing‐Sprecher konnten und wollten den Protest der Community nicht verstehen. Sie dementierten, widersprachen, redeten schön. Nun, Zwei Jahre nach der Veröffentlichung, erscheint das Spiel für sämtliche mobile Plattformen. Und was sagen unsere Spiele‐Journalisten dazu? Natürlich gar nichts. Sie verlautbaren nur. Ein Beispiel von sehr sehr sehr vielen, warum so manche von »Lügenpresse« sprechen.

Auch schön: »Game of Thrones — Neue Bilder zu den GoT‐Schuhen von Adidas aufgetaucht«. Toll! Schön! Super! So geht Advertorial, redaktioneller Werbebeitrag und Lizenz‐Verdumm‐Marketing. Schaut genau hin, junge BWL‐Studenten und »High‐Performer«! So macht man das! :JAJA:

Kriminalität
Wenn man genau hinsieht, erkennt man, für wen unsere liebe Presse wirklich arbeitet: für die Industrie. Anstatt den millionenfachen Diesel‐Betrug lautstark anzuprangern und zu fordern, dass die Verantwortlichen strafrechtlich verurteilt werden sollen, heißt es lapidar: »VW trotzt der Diesel‐Affäre [...] nach dem neuen Abgas‐ und Verbauchsstandard WLTP war es zu Verzögerungen gekommen.« VW dürfte ein wichtiger Anzeigenkunde sämtlicher großer Medienblätter sein. Ich vermute, dass will man sich nicht verscherzen. Dennoch: dieser vorauseilende Selbstzensur‐Kadavergehorsam (Tendenzschutz!) unserer Journalisten ist kaum mehr zu ertragen. :SICK:

Dazu passt: »Bundesbehörde wirbt für Autoindustrie [...] Besitzer von Diesel‐Pkw, deren Abgaswerte von der Autoindustrie frisiert wurden, sollen ihren Neuwagen verschrotten lassen und einen neuen Neuwagen kaufen.« Die millionenfachen Betrüger und skrupellosen Umweltverpester werden nicht vor ein Untersuchungsausschuss geladen oder strafrechtlich belangt. Gott bewahre! Nein, sie werden politisch hofiert und ihnen wird die Bühne für weitere Profite auf Kosten von Umwelt und Gesundheit bereitet. Ab wann spricht man nochmal von Mafia, Filz und Korruption?

Erziehung
Hans‐Joachim Maaz schreibt auf rubikon.news in »Artgerechte Kindheit«:

»Kinder sind sehr lebendig — bevor ihnen ihre Vitalität im Namen von Ideologie und Effizienz ausgetrieben wird.«

Ich kann dieses Zitat nur unterstreichen. Ich erlebe es jeden Tag (beruflich und privat) wie Erwachsene die Lebendigkeit der Kinder als unerträglich empfinden, weil sie zu glücklosen weltverleugnenden Selbstinszenierungs‐Funktionsrobotern mutiert sind. Deshalb spiele ich nach wie vor auf jeder Verwandten‐Familien‐Feier lieber mit den anwesenden Kindern als mich mit den Erwachsenen über die tollen Themen zu unterhalten.

Weitere wichtige Meldungen des Tages:

» »Haarausfall und Geheimratsecken? So stylt Mann sich richtig«
» »Dieser Russe stahl geheime Wall‐Street‐Codes«
» »Herzogin Meghan: Jetzt spricht sie zum ersten Mal über ihr Baby«


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3 Gedanken zu “Presseblick (77)

  1. »Wer, außer Miliardäre, Banken und Konzerne will denn das überhaupt? :SICK: «

    Wenn ich mich so umschaue, eine Menge.

    Übrigens: Auch Kinder können Arschlöcher sein!

  2. @Juri Nello

    « Auch Kinder können Arschlöcher sein!«

    Dem kann ich nur teilweise beipflichten. Kinder sind zum großen Teil immer noch das Produkt von Umwelt und Erziehung und eben nicht per se »Arschlöcher«. Ein bisschen eigener Charakter ist natürlich auch dabei. Wenn Kinder jedoch in einer geistig‐moralisch kaputten Welt aufwachsen, ist es nur logisch, dass sie irgendwann zu Soziopathen werden. Manche früher, manche später.

  3. Pingback: Aufgelesen und kommentiert 2018-11-22 – "Aufgelesen und kommentiert"

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