Die Leidenschaften der Masse

masseinteresse_titelPolitischer und journalistischer Mainstream ist nicht nur neoliberaler Pragmatismus und machterhaltende „Realpolitik“ im Sinne des Kapitals, sondern auch die überhebliche Behauptung, dass man ganz genau wissen würde, was die Mehrheit der Bevölkerung so denkt und will. Das wird regelmäßig von ganz rechten bis ganz linken Experten in den Äther gepustet („uns“, „wir“, „die Deutschen“, „die Bevölkerung“). Häufig wird hier eine ganze Nation für eigene Partikularinteressen instrumentalisiert. Dabei ist es im Internet-Zeitalter gar nicht so schwer, ein halbwegs repräsentatives Bild von den Interessen der Masse zu zeichnen. Schauen wir uns doch einmal an, was die Deutschen wirklich lesen, kaufen und konsumieren. Auf einer rein medial-quantitativen Ebene.

Bunte Entfremdungsunterhaltung
Der finanziell erfolgreichste Kinofilm in Deutschland im Jahr 2016 war: „Findet Dorie“, der rund 32 Millionen Euro eingespielt hat. Die weltweiten Einnahmen des Films liegen bei über 1 Milliarden US-Dollar und liegt damit auf Platz 2 der weltweit finanziell erfolgreichsten Filme im Jahr 2016 (Platz 1: „First Avenger: Civil War“, 1,1 Milliarden US-Dollar).

Das meistverkaufte Buch in Deutschland im Jahr 2016 war: „Harry Potter und das verwunschene Kind“. Der achte Roman der Reihe erhält auf Amazon gute 4 Sterne bei über 1.000 Kundenrezensionen. Über 450 Millionen Mal verkauften sich bislang alle Harry Potter – Bände weltweit. Das bekannteste Buch der Welt ist nach wie vor „die Bibel“ mit einer geschätzten Auflage von 2-3 Milliarden Exemplaren.

Verkaufszahlen von Computer- und Videospielen werden gehütet wie Staatsgeheimnisse“, so gameswirtschaft.de. Auf der Playstation 4 sowie der Xbox One haben sich im Jahr 2016 vor allem „Fifa 17“ und der neueste „Call of Duty“ – Ableger am Besten verkauft. Auf dem PC waren es der „Landwirtschafts-Simulator“ sowie „Grand Theft Auto 5“. Bei reinen Online- sowie MMORPG-Spielen gibt es erst Recht keine offiziellen Zahlen oder sie werden durch statistische Tricks nach oben geschönt. Dennoch dürfte „World of Warcraft“ mit mehreren Millionen Spielern immer noch ziemlich weit oben sein.

Laut statistischem Bundesamt haben die Twitter-Accounts von Katy Perry (95 Millionen) und Justin Bieber (91 Millionen) weltweit die meisten Follower. In Deutschland führen die Fussball-Spieler Mesut Özil (14 Millionen) und Toni Kroos (4 Millionen) sowie das Model Heidi Klum (4 Millionen) die Statistik an.

fussball

Vielfältige Einfältigkeit
Die größten TV-Einschaltquoten hat seit jeher der Fußball:

„Das EM-Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft ist die erfolgreichste TV-Sendung des Jahres 2016. 29,85 Millionen Fernsehzuschauer sahen am 7. Juli die Halbfinalniederlage gegen Frankreich“

Welt.de vom 28. Dezember 2016

Auch viele andere Sportsendungen dominieren das TV-Geschäft, wie Olympia, Formel 1, Boxen oder Handball. Erst lange danach kommen Sendungen wie „Tatort“, das „Dschungelcamp“ oder Pseudo-Reality-Casting-Shows, wie „DSDS“ oder das „Supertalent“.

Die meisten Fans auf Facebook haben unter anderem die Sängerin Shakira (104 Millionen) sowie der Fußballer Christiano Ronaldo (118 Millionen). Auch hier sind Katy Perry und Justin Bieber mit jeweils mehr als 70 Millionen Fans weltweit ganz vorn mit dabei. In Deutschland führen das Facebook-Ranking der FC Bayern München (40 Millionen) und der Fußballer Mesut Özil (31 Millionen) an. Die LINKE-Politikerin Sahra Wagenknecht spielt hier vergleichsweise in einer ganz unbedeutenden Liga (340.000 Fans).

Die meisten Abonnenten auf Youtube in Deutschland, hat mit rund 5 Millionen Abonnenten „freekickerz“. Ein Fußball-Kanal mit Tutorials, Freistößen, Challenges und Fußballschuh-Tests. Weiterhin oben dabei, mit durchschnittlichen Aufrufen von ca. 1,5 bis 2 Millionen pro Videoclip und mit rund 4,3 Millionen Abonnenten, hat „BibisBeautyPalace“ (Mode, Kosmetik, Lifestyle) vorzuweisen. Nach eigener Aussage hat Bianca Heinicke, wie sie mit bürgerlichen Namen heißt, auch keinerlei Probleme mit Product Placement oder Schleichwerbung. Der Lets Player „Gronkh“ hat ebenfalls 4,3 Millionen Abonnenten.

Zu den absoluten, weltweiten Spitzenreitern, was Youtube-Aufrufe betrifft, gehören vor allem Musik-Clips, wie „Gangnam Style“ von PSY (2,7 Milliarden), „See You Again“ von Wiz Khalifa (2,3 Milliarden) und „Uptown Funk“ von Mark Ronson (2,1 Milliarden).

Die meistgenutzten Android-Apps sind, laut meedia.de, WhatsApp, Facebook und Youtube. Zu den beliebtesten smartphone-Spielen gehört „Candy Crush Saga“, ein Video-Puzzlespiel mit monatlich mehr als 45 Millionen Nutzern.

Laut Google-Trends wurde im Jahr 2016 weltweit vor allem nach Pokemon Go, dem iPhone7 und nach Donald Trump in der Suchmaschine gesucht. In Deutschland waren die EM 2016, Sarah Lombardi und die Frage „Warum haben Katzen Angst vor Gurken?“ zudem sehr präsent.

Fazit
So. Das sind also die wichtigen Themen, Interessen und Leidenschaften der großen Mehrheit in Deutschland. Fußball, Fußball und natürlich: Fußball. Dann lange Zeit nichts. Und dann: Models, Kinderfilme und -Bücher, Beauty-Shopping-Lifestyle-Kosmetik, Cat Content, smartphones, Boulevard- und Promi-Themen, seichte Spielchen sowie Casting-Shows. Die ablenkende Bespaßung und die gezielte Verblödung der Massen, haben im Online-Zeitalter einen absoluten Höhepunkt erreicht. Von dieser „Brot und Spiele“-Form, hätten die Römer nur träumen können. Massenindividualität statt Authentizität. Identitätsinszenierungen statt So-Sein. Konsum statt Zufriedenheit.

Wen interessieren schon Sozial-, Bildungs- und Kulturabbau, NSA-Total-Überwachung, völkerrechtswidrige Angriffskriege, politische Massenverarmungsprogramme, NSU-Terror, die Eigentumsfrage, gleichgeschaltete Propaganda-Massenmedien oder neokolonialer Wirtschaftsfundamentalismus, wenn Heidi Klum auf Twitter (mit ihren mehr als 4 Millionen Followern) schreibt:

klum

„Im Übrigen wird nach Aussehen und Ansehen verurteilt. Das unausgebildete Gewissen der Masse ist auf diese Weise befriedigt.“

Gustave le Bon. „Psychologie der Massen“. Nikol Verlag. Hamburg 2009. S. 152

6 Gedanken zu “Die Leidenschaften der Masse

  1. „Das sind also die wichtigen Themen, Interessen und Leidenschaften der großen Mehrheit in Deutschland. Fußball, Fußball und natürlich: Fußball. Dann lange Zeit nichts. Und dann: Models, Kinderfilme und -Bücher, Beauty-Shopping-Lifestyle-Kosmetik, Cat Content, smartphones, Boulevard- und Promi-Themen, seichte Spielchen sowie Casting-Shows. “
    ist das wirklich so? oder liegt es bspw. „nur“ daran, dass das die durch technologieeinsatz am einfachsten messbaren themen sind?
    nehmen wir zb https://de.statista.com/statistik/daten/studie/181167/umfrage/haustier-anzahl-hunde-im-haushalt/
    also mind. 9 millionen menschen (nämlich die besitzer) interessieren sich irgendwie für hunde. das kann man aber über fb, youtube und co. statistiken nicht sehen.
    überhaupt: was ist eigentlich mit den ganzen fake-views, bots und co., welche die views in die höhe treiben?
    wo ich aber mitgehe ist, dass eine massenindividualisierung und -blasenbildung stattfindet.
    ein harmloses beispiel wäre das streaming von filmen und serien. wobei so harmlos ist das garnicht – man kann sich für ne schmale mark mittlerweile 24/7/365 einigermaßen qualitatives material reinziehen.
    ein harmvolles ist wohl sowas wie die identitäre bewegung.
    in meinem mikrokosmos sieht es so aus, dass außer vielleicht noch bei fußball alle menschen ihre freizeit (eigentlich auch ihre berufe) so unterschiedlich gestalten, dass kaum noch thematische überschneidungen stattfinden.
    politik? auch höchst individualisiert. der großteil interessiert sich wenig, jeder glaubt/weiß was anderes, aber alle kommen sich irgendwie verarscht vor.

    @edit publicviewer:
    das ist auch so ein punkt. gab es das vor youtube und co. überhaupt, dass zig millionen mitbürger auf irgendwen abfahren, wovon wesntlich mehr mitbürger noch nie gehört haben? wobei ich da bibis beauty-moped noch als besseres beispiel sehe…

  2. „Wenn sich ein Volk von Trivialitäten ablenken lässt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Varieté-Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr – das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung.“

    Neil Postmann „Wir amüsieren uns zu Tode“ 1985

    von epikur rezensiert 2012
    http://www.zeitgeistlos.de/buecher/postman_zutode.html

  3. Ich lese diese Tage die „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon. Da steht einiges selbstreflektiertes zum Opener drin, was mich – selbst aus der Unterschicht stammend – sehr nachdenklich macht. Aus meiner Sicht ein hervorragendes Werk, das die Mythen um die Außenansicht und das Selbstverständnis des „Proletariats“ zerlegt.

  4. Dazu passt ganz gut:

    „Die in der Werbung und der politischen Propaganda angewandten hypnoseähnlichen Methoden stellen eine ernste Gefahr für die geistige und psychische Gesundheit, speziell für das klare und kritische Denkvermögen und die emotionale Unabhängigkeit dar. Ich bezweifle nicht, dass durch gründliche Untersuchungen nachzuweisen wäre, dass der durch Drogenabhängigkeit verursachte Schaden nur einen Bruchteil der Verheerungen ausmacht, die durch unsere Suggestivmethoden angerichtet werden, von unterschwelliger Beeinflussung bis zu solchen semihypnotischen Techniken wie ständige Wiederholung oder die Ausschaltung rationalen Denkens durch Appelle an den Sexualtrieb. Die Bombardierung durch rein suggestive Methoden in der Werbung, vor allem in Fernsehspots, ist volksverdummend. Dieser Untergrabung von Vernunft und Realitätssinn ist der einzelne tagtäglich und überall zu jeder Stunde ausgeliefert: viele Stunden lang vor dem Bildschirm, auf Autofahrten, in den Wahlreden politischer Kandidaten etc. Der eigentümliche Effekt dieser suggestiven Methoden ist ein Zustand der Halbwachheit, ein Verlust des Realitätsgefühls.“

    (Erich Fromm [1900-1980]: „Haben oder Sein“, 1976)

  5. Rom geht unter – auch dieses Mal. Wir sind nicht mehr in der Lage zu leben, unser Leben lebendig zu gestalten. Das Fleisch kommt nicht von den Kühen, sondern aus dem Kühlregal im Supermarkt, den Strom beziehen wir aus der Steckdose, und der Intellekt wächst uns im Darm am besten. Kein WIR, einzig das ICH. Wo die sozialen Bindungen aufgrund extremer Individualisierung verarmen und schließlich aussterben, gibt es auch kein Volk mehr. Der Mensch ein Roboter – gekleidet in Klamotten von der Stange. Baby, let’s go home.

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