Neulich auf dem Spielplatz

spielplatz_titelGespräch mit einer Mutter. Ihre 4 Jahre junge Tochter schaukelt gerade.

Mutter: »Also ich will schon, dass Helena (Name geändert) später Abitur macht und studiert.«
Ich: »Daran denkst Du jetzt schon? Sie ist doch erst im Kindergarten.«
Mutter: »Je früher desto besser! Wenn ich schon sehe, wie hier die Vorschularbeit so läuft, dann muss ich mir ernsthaft überlegen, ob ich mir nicht eine andere Einrichtung suche.«
Ich: »Echt jetzt? Aber sie hat doch hier ihre Freundinnen und sie geht doch auch gerne in die Kita, oder?«
Mutter: »Das schon, aber die Bildungsarbeit gefällt mir hier ganz und gar nicht. Mal sehen, vielleicht suche ich für sie später auch einfach nur einen Arabisch‐Sprachkurs. Die Sprache ist ja jetzt wichtig, wegen den ganzen Flüchtlingen und so.«
Ich: »Willst Du sie nicht erstmal nur Kind sein lassen? Der Lohnarbeitswahnsinn kommt doch noch früh genug.«
Mutter: »Ja. Eben!«

13 Gedanken zu “Neulich auf dem Spielplatz

  1. Hm, mag ein berechtigtes Argument sein. Öffentliche Schule ist aber auch mehr als das. Manches lernt sich auch durch das soziale Klima, in das man eingebettet wird. Es ist dann noch nicht einmal das vermittelte Wissen das Wichtigste.
    Muss man immer in Abwägung von beidem entscheiden. (Freunde ändern sich bei Kindern ja auch, manchmal ziehen auch welche Weg, allein nur an dem Freundeskreis sollte man sich nicht orientieren, wenn die Art und Weise, wie die Schulbildung erfolgt, definitiv »für die Tonne« ist.)

  2. hach ja, wettbewerb schon bei 4jährigen^^
    totaler irrsinn. wenn man bspw. arabisch zusätzlich eintrichtern möchte, so dass es auch für den job in 15 jahren was bringt, muss man das doch auch permanent zusätzlich so beibehalten. und das dann vor allem auch angepasst ans bisherige können.
    demzufolge hat die kleine wahrscheinlich schon von geburt an biliguale erziehung mit englisch/deutsch oder wie?
    stattdessen sollten sich die lieben eltern doch erstmal gedanken darüber machen, dass die regulär vorgesehene bildung in schule und sonstigem sozialem umfeld ordentlich läuft.
    ich verstehe die gesellschaft in sachen bildung auch nicht mehr wirklich:
    — schulen verfallen, es gibt zu wenig lehrer (klassen > 25 schüler?!). — die kids brauchen vielmehr bildung, um gute jobs zu kriegen.
    — der sog. demografische wandel wird dazu führen, dass wir später zu wenige arbeitnehmer haben
    — uvm.
    alleine diese 3 punkte widersprechen sich völlig offensichtlich diametral. dennoch ist das doch gesellschaftlicher konsens oder? sorry, ich hab abi und nen mintfach erfolgreich studiert und abgeschlossen. von daher bleibt mir die sozialwissenschaftliche logik dahinter vielleicht verborgen?

  3. Oh, der Wahnsinn geht noch weiter. Nicht mal im Mutterleib haben die Kurzen mehr ihre Ruhe. Angeblich kann man Kinder bereits vor der Geburt fordern und fördern, wie es heißt. Haben amerikanische Forscher herausgefunden. Nennt sich ›pränatale Förderung‹. Scheint ein ganz heißer Scheiß auf Mutti‐Info‐Seiten zu sein. Gibt bestimmt auch noch Dinge, die man vor der Zeugung erledigen kann.

  4. @Stefan R.

    Jap. Ist wirklich der »ganz heiße Scheiß« unter Übermuttis. Der Helikopter‐Mutti‐Wahnsinn fängt ab dem Bekanntwerden der Schwangerschaft an. Ab da an heißt es nur noch: Kind, Kind, Kind. Andere Themen, Interessen und Hobbys spielen dann die nächsten -sagen wir mal‐ zehn Jahre erstmal keine Rolle mehr. Ja, es gibt Ausnahmen. Aber jeder Mann/Vater, der mal einen Spielplatz besucht oder auf einer Familienfeier unter Müttern war, wird das bestätigen können.

  5. @ Stefan R.
    Was soll man sagen? Spitzer kann nicht genug Vorträge darüber halten, wie sehr diese amerikanischen Trends, die nur zum Geldmachen gedacht sind, und die menschliche Hirnentwicklung total ignorieren — aber der hat da ancheinend so einen Ruf wie Gysi im Bundestag: Der Schwarzmaler, der hin und wieder dazwischen meckert und auf den niemand hört. Den sie reden lassen, er ist ja irgendwann auch wieder fertig.

  6. Was ich als »Ureinwohner« der »Unterschicht« / »unteren Mittelschicht« in dem Zusammenhang regelm. beobachte: Mütter, die selbst in der kapitalistischen Verwertungskette durchaus ganz unten anzusiedeln sind, ihre Kinder als eine Art »Investitionsobjekte« betrachten, von denen man im Alter dann auch ein wenig zehren kann; sie als Teil der »Altersvorsorge« betrachtet. D. h. wenn der Jung‹ Investmentbanker wird, wird er einem schon nicht ins billigste Pflegeheim abschieben. Wenn die Mutti sich da mal nicht gewaltig täuscht... ;)

    Da die Mittel zur gezielten Förderung per »Nachhilfeindustrie« oder Privatschule (sind ja auch nicht wirklich »besser«) aber meist fehlen, wird sich dann auch verschuldet. Oder man macht ganz einfach einen gewaltigen Druck auf den Sprössling... unter dem er dann recht wahrscheinlich ziemlich bald zusammenbricht. Vor allem dann, wenn er einen Weg einschlagen möchte, der nicht primär zu einem möglichst hohen Gehalt führt...

    »Soziologie...? / Kunst...? WTF! Was willste denn damit machen? Taxi fahren...? Nä Jung‹, du studierst schön BWL!« ;)

  7. @ Dennis82
    Wo du es so ausführst... Und da urteilen sie verächtlich in der westlichen Hemisphäre über die Inder oder die Afrikaner, die sich 10 Kinder anschaffen, um im Alter von denen versorgt zu werden?
    Man würde meinen, in der »Hochzivilisation« hätte man das eigentlich schon mal hinter sich gelassen.
    Gesichtspalme und Kopfschütteln.

    Fällt mir noch dazu ein: In irgendeinem Alice Miller Buch wurde das mit der Nachhilfe mal treffend geschildert. Das ging in etwa so: Zuerst sind wir dabei, unseren Kindern zu vermitteln — in der Phase, wo sie Fragen stellen — dass sie still sein und die Klappe halten sollen, weil sie uns mit ihren Fragen auf die Nerven gehen. Mit 13, 14, 15 sind wir dann dabei, sie zur teueren Nachhilfe zu schicken, weil sie nicht das abliefern, was sie sollen, und wundern uns, warum sie nicht lernen wollen, Schule und alles andere doof finden und da nicht mehr hin wollen.
    So etwas nennt man dann »das verinnerlichen, was einem die Eltern im ersten Lebensjahrzehnt gepredigt haben und / oder wie sie einen behandelt haben«.
    Lässt sich genauso wiederfinden bei Kids, die ihren Eltern in der Pubertät auf der Nase herumtanzen und sich von niemandem etwas sagen lassen. Früher waren die Positionen umgekehrt, die haben das nie anders gelernt.

  8. @Matrixmann, good point:

    »Still sein und die Klappe halten«. Früher wurde das mit dem Rohrstock eingebläut. Heute sind politisch korrekte Methoden gefragt.

  9. Das Schlimme ist, so was läuft dann bei den Pädagogen und Erzieher(innenn) unter Propellerneltern. Warum, und wieso, bzw. weshalb Eltern zu diesem Irrsinn verleitet werden, fällt leider nicht unter den pädagogischen Lehrauftrag. Und das ganze, während sie selber noch diesen Leistungsdruck vermitteln. Das ist die Perfidie, dieses Bildungsdings/systems, — oder wie immer man das nennen mag.

  10. @ eb
    Ich würde behaupten, ein »ordentlicher« Pädagoge (heißt, einer, der was von seinem Fach versteht) würde dagegen reden — aus dem einfachen Grunde: Auch ein Kind braucht seine Freiräume. Etwas, das »seins« ist. Wie soll es einmal klarkommen, wenn es älter ist, wenn die Zeit ran ist, dass es ohne die Eltern auskommen muss, wenn es für seine Schandtaten alleine gradestehen muss? Wenn man immer jede Entscheidung abgenommen bekommt, da kann sich nichts entwickeln.
    Pädagogen sind zwar keine Entwicklungspsychologen, aber das dürften selbst sie in ihrer Wissenschaft als »krankhaft« ansehen. (Komme mir gerade vor wie als wenn Supernanny etwas erklärt...)

  11. @matrixmann,
    Hihi, nein Supernanny ist sicher schlimmer. Was ich meinte ist, dass besagte Pädagogen natürlich dagegen sprechen, — aber leider immer nur in der Form eines Vorwurfes gegen die Eltern. Das diese Eltern mit der Agenda2010 schlichtweg zu Propellereltern gemacht wurden, fällt dabei nicht unters Metier einer Tiefenschärfe, welche ich eigentlich gerade von Pädagogen erwarte. Denn ein Minimum an Reflexion, woher denn eigentlich diese irre Zunahme dieser Leistungseltern kommt, darf man da schon erwarten. Denn für die Eltern steht dabei lediglich die Logik im Raum, — wehre dich zugunsten deiner Kinder eigenverantwortlich gegen die Anforderungen, — oder passe deinen Kindern zuliebe, — die Kinder denen an. Die meisten denken nun mal nicht darüber nach und entscheiden sich (zeitgemäß pragmatisch) für letzteres. Für einen Pädagogen, sollte das erfassbar sein. Wenn er dies nicht tut, spielt er den Urhebern des Dilemmas in die Hände.

  12. @eb
    Ich nehme es jetzt mal an: Wenn einem Pädadogen diese Helikoptereltern ein Dorn im Auge sind, weil seine Fachlichkeit ihm das sagt, dann wird er sich schon seine eigenen Gedanken darüber machen, woher dieses Verhalten kommt.
    Manch einer entdeckt oder kennt dazu noch den ein oder anderen »Erziehungsratgeber«, die sich aktuell großer Beliebtheit erfreuen.
    Problem wird nur sein: Die Macht und die Reichweite der eigenen Person. Eine Person wird gegen die Machinerie nicht ankommen, du kannst lediglich tun, was in deiner Macht steht. Eltern offen sagen, dass das, was sie machen, total das Verkehrte ist, dass sie nicht alles glauben sollen, was in solchen Büchern steht, denn in erster Linie will jemand dort ein Buch verkaufen, nicht ihnen unbedingt gutes tun, und dass der Zeitgeist ebenso manchmal verkehrt ticken kann — nur weil eine Mehrheit etwas sagt, heißt es noch lange nicht, dass es wahr ist.
    Da bist du dann schon fast in der Position wie Spitzer für die Neurodidaktik... Kämpfst gegen Windmühlen an.

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