Hätte. Könnte. Müsste.

Man müsste nur...wenn man könnte, wollte und sollte.

Man müsste nur...wenn man könnte, wollte und sollte.

Im akademischen und wissenschaftlichen Betrieb ist es üblich, dass am Ende einer Meinung, eines Essays, einer Abhandlung, eines Kommentars oder einer Analyse eine Handlungsempfehlung stehen muss. Lösungsvorschläge und Alternativen sollen formuliert werden. So haben es Akademiker und Wissenschaftler gelernt und so liest man es auch in etlichen Magazinen, Zeitungen und Fachpublikationen. Sie kommen damit der vielfach geforderten konstruktiven Kritik nach. Diese impliziert, dass alleine das Erkennen und Analysieren eines Sachverhaltes, noch keine Kritik mit Mehrwert sei. Zwar ist es richtig und wichtig, Alternativen und Lösungen zu formulieren und anzubieten, oft verbleiben diese jedoch im absurd‐fiktiv‐konjunktiven Paralleluniversum, weil sie realpolitische und tatsächliche Machtverhältnisse komplett ignorieren und an den guten Willen glauben und appellieren wollen.

Vermachtete Freiheit
Die Blätter für deutsche und internationale Politik sind hierfür ein gutes Beispiel. Zwar lese und schätze ich die Monatszeitschrift seit einigen Jahren, aber der immer wieder auftauchende unbedingte naive Glaube an den politischen Willen, stört mich zusehends. Dem Leser wird vermittelt, dass nur diese oder jene Partei, nur diese oder jene politische Figur an die Macht kommen müsse und nur dieses oder jenes gesetzliche Vorhaben durchgesetzt werden müsse, und dann würde sich alles zum Guten wenden. Der Kapitalismus werde gezähmt, Ausbeutung eingedämmt, Umweltzerstörung verhindert, Kriege unterbunden und so weiter. Dabei dürfte dem aufmerksamen politisch interessierten Bürger mittlerweile aufgefallen sein, dass es völlig unerheblich ist, welche Parteien in der Bundesregierung sitzen und welche Politiker in der Öffentlichkeit stehen. Denn die (globale) Macht haben stets Konzerne, Banken, Milliardäre, Massenmedien, Versicherungen, Geheimdienste, die Mafia, die Finanzindustrie und das Kapital. Es gilt nach wie vor der Satz: »Würden Wahlen (wirklich) etwas verändern, wären sie verboten!«

Einige Beispiele aus der Blätter März‐Ausgabe 2016:

»Wir sollten massiv in Innovationen und in die Jugend investieren. Wir sollten eine Schuldenkonferenz [...] Würde es ermöglichen [...] Ziel wäre es [...]« (S. 38)

»Bedarf es einer Vision [...] Um all das anzugehen bedarf es einer Politik [...]« (S. 59)

»Außerdem könnte man sich vorstellen, dass [...] Gesucht wird ein neues Wir [...] Eine Vision bedeutet auch [...]« (S. 7071)

Hätte. Könnte. Müsste. Würde. Sollte. Visionen und Prophezeiungen. Naive Staatsgläubigkeit. Politischer Wille als echter Entscheidungs‐ und Handlungsspielraum? Die Frage nach dem Warum wird hier nie beantwortet. Warum sollten politisch Verantwortliche überhaupt jemals im Sinne des Volkes und der Allgemeinheit handeln, wenn sie selbst Opfer von vermachteten Strukturen sind? Ob Pöstchen‐Geschacher, Fraktionszwang, faule Kompromisse, Klüngelei, Erpressungen, Intrigen oder Medienmacht – Parteien und Politiker sind alles andere als frei oder nur ihrem Gewissen unterworfen. Selbst wenn sie wollten, könnten sie nicht. Niemals. Und wer es in der Regierung wagen sollte, gegen das Kapital zu agieren, ist weg vom Fenster. Klingt banal, ist aber so.

Hoffnungsfrust statt Angriffslust
Betrachtet man beispielsweise nur die letzten 20 bis 30 Jahre, dann gibt es dutzende politische Enttäuschungen. Angefangen bei Rot‐Grün unter SPD‐Schröder mit der Agenda 2010 und den ersten deutschen Kriegen nach dem Zweiten Weltkrieg. Oder das jahrzehntelange Theater um die Klimaschutzabkommen, die ihr Papier nicht wert sind, weil sie keine effektiven Sanktionsmöglichkeiten vorsehen. Dann die Piraten‐, Syriza‐ und Linkspartei. Und natürlich der Friedensnobelpreisträger: Barack Obama, der die CIA Foltergefängnisse sowie Guantanamo Bay schließen lassen wollte. Der erste schwarze US‐Präsident! Und was gab es? Weitere Kriege in Libyen und Syrien und bis heute mehr als 4.000 Drohnentote weltweit. Denn es ist völlig egal, ob ein »Yes, we can« — Obama, ein vermeintlich linker Sanders oder ein rosa Hobbit US‐Präsident ist: der industriell‐militärische Komplex, die Wall Street und die Milliardäre bleiben stets an der Macht und bestimmen die US‐Politik.

Alle Hoffnungsträger wurden hochgeschrieben. Wer einmal in den Archiven von linken Publikationen stöbert, wird unendlich viele Artikel, Beiträge und Analysen finden, die vor himmelhochjauchzender Hoffnung auf echte politische Veränderungen, nur so strotzen. Sie alle wurden restlos enttäuscht. Sie tun aber gleichzeitig so, als brauche man nur immer wieder und weiter im hätte‐könnte‐müsste‐Modus verharren bleiben. Denn auch ziviler Ungehorsam oder soziale Aufmüpfigkeit als Mittel der Strasse, um Druck auf die Politik auszuüben, wird von Akademikern und Wissenschaftlern eher nicht befürwortet. Stattdessen die Hoffnung auf eine politische Veränderung durch Zuschauerdemokratie und Parlamentarismustheater.

Das bedeutet nicht, den Kopf in den Sand zu stecken, zu verzweifeln oder gar fatalistisch zu werden. Aber man sollte (genau: sollte) sich weniger damit abmühen, völlig unrealistische Lösungsvorschläge zu formulieren, nur um dem Vorwurf der mangelhaften konstruktiven Kritik zu entgehen, dafür aber mehr intensivere Analysen über reale Machtstrukturen betreiben. Man kann auch die tollsten Alternativen, Perspektiven und Vorschläge laut in den Wald brüllen und hoffen, dass jemand antwortet. Solange man die realexistierenden Machtverhältnisse nicht konkret beachtet, analysiert, dekonstruiert und womöglich aufbricht, sind alle Lösungsvorschläge fiktives Utopia, formuliert von Denkern in weißen Elfenbeintürmen. Oder platter ausgedrückt: traut euch endlich, Konzerne, Banken und Milliardäre deutlicher ins Visier zu nehmen.

13 Gedanken zu “Hätte. Könnte. Müsste.

  1. @Epikur

    Tolle Analyse, die doch trifft was auch ich schon seit Jahren denke.

    Was du schreibst gilt auch für kapitalismuskritische Bücher nicht nur für Zeitungen oder Zeitschriften die in dieselbe Bresche schlagen — Was wurde nicht geschrieben von diesen akademischen Buchautoren. Wir erinnern uns: Noam Chomsky, Robert Kurz, Naomi Klein etc. usf.

    Ist je was passiert? Nein? Eben!

    Übrigens wie kapitalismusdurchseucht Baden‐Württemberg ist, dass durfte ich kurz vor der Landtagswahl erleben — Im Nachbarort gibt es einen Discounter bei dem ich regelmäßig einkaufen muss weil in unserem Dorf — keine 2 km entfernt — rein gar nix mehr ist.

    Bisher kaufte ich ja gerne da ein, aber ich fragte mich einen Tag vor der Landtagswahl schon warum hier die FDP, in bestem Kapitalistenoutfit, frech Wahlwerbung betreiben darf.

    Zumal beim REWE keine reichen Leute einkaufen sondern eher die untere Mittelschicht....

    Da ich dort jemand kannte, den ich eigentlich gerne habe, einen älteren örtlichen Elektromeister, der immer schon zu meiner Familie gehalten hat, schlich ich mit einem »Guten Tag!« dran vorbei — Tja, wäre der nicht gewesen dann hätte ich schon was gesagt, aber so bin ich halt ein feiges Huhn gewesen....

    Amüsierte Grüße
    Bernie

  2. Oder platter ausgedrückt: traut euch endlich, Konzerne, Banken und Milliardäre deutlicher ins Visier zu nehmen.

    Wer ist denn dieser »euch«...!? ;)

    Es gibt dazu ne schöne Folge »Neues vom Känguru« namens »Bad Bank«, als Marc‐Uwe Kling aus Protest gegen die Herrschaft von Kapital und Banken sein Girokonto auflöst...! ;)

    Problem: Was stört es die deutsche Eiche, wenn sich die Wildsau an ihr reibt...!? Ich meine: So lange viele »Linke« nicht kapieren, dass all ihre Visionen und Träume über eine »bessere Welt« nicht im Oberstübchen ihrer Mitmenschen (also z. B. auch den zig Mio, die weiter die üblichen Parteien ankreuzen) wirklich ankommen — werden sie auch keine notwendige Mehrheit als auch die entsprechende Legitmität haben, wirklich etwas Entscheidendes zu verändern! Wer sich und sein eigenes (»linkes«) Ego wichtiger hält, als man ist — und vor allem durch Ausgrenzung und Ablehnung anderer eigentlich ja auch primär weiterhin ein Teil einer kleinen (exklusiven, dadurch vermeintlich »wertvollen«), erleuchteten Minderheit bleiben will — steht im Ergebnis auf vollkommen verlorenem Posten. Wer »Revolution« machen will, braucht nun einmal: die Unterstützung der Mehrheit. Wer aber (zwanghaft) bei all jenen immer nur ausreichend beliebige Gründe sucht, warum man mit diesem und jenem nicht könne — bleibt halt allein und kann sich seine feuchten Träume in die (meist eh schon grauen und lichten) Haare schmieren... :P

  3. @Dennis82

    Gegenfragen:

    Wo ist denn deine angeliche »Mehrheit« außer in deinem Kopf?

    Was masst du dich an für eine Mehrheit zu sprechen, die nur bei dir in deinem Kopf existiert?

    Bist du da nicht genauso d.... wie die »Linken« die du kritisieren willst?

    Apropo: Was verstehst du unter »links«?

    »Links« nennen sich doch neuerdings auch SPDler um Sigmar Gabriel und Andrea Nahles, von Merkels CDU/CSU ganz zu schweigen.

    Eigentlich müßte man den alten Spruch wieder reaktivieren, und zwar den »Zuerst die Begriffe zurückzuerobern...«

    In Zeiten neoliberaler Beliebigkeit nennt sich sogar die NPD »links« und »sozial«....Begriffe die meines Erachtens für Nazis rein gar nicht passen....und übrigens uralt die Strategie, die — insbesonders in .de — immer wieder auf fruchtbaren Boden fällt...

    Schon Kaiser Wilhelm hat sich mal für’s kleine Volk, und dann dagegen eingesetzt....die »nationalen« »Sozialisten« (=die Nazis) gar nicht erst zu erwähnen....

    ....ich weiß, du bist evtl. noch zu jung um dies zu wissen, aber sogar Schulbildung wird der herrschenden Ideologie (ja, auch der Neoliberalismus ist eine Ideologie, da kann der so lange abstreiten wie er will...er ist eine !!!Ideologie!!!)...untergeordnet....

    Ich lernte es eben noch wie oben erwähnt, aber das ist in Zeiten des echten Kalten Krieges, und noch vor Hochzeiten der Neoliberaliban gewesen....

    Amüsierte Grüße
    Bernie

    PS: Sogar die FDP verkauft sich mal als »links« mal als »mittig (=rechts)«.....Gibt das nicht zu denken in Zeiten neoliberaler Beliebigkeit?

  4. @Dennis82

    »Wer ist denn dieser »euch«...!?«

    Wie oben geschrieben: Akademiker, Wissenschaftler, linke Journalisten. Die meine ich hier primär. Ich vermute, viele von denen haben sich schon »gemütlich eingerichtet« und sind eben nur an kosmetischen Änderungen interessiert. Wenn überhaupt.

    Es ist eben ein Trauerspiel. Will man aufklären, Leute für linke Ideen gewinnen, zum Nachdenken anregen — wird man wahlweise als Klugscheißer, Wichtigtuer, »Gutmensch« oder Querulant bezeichnet. Wird man dann frustriert und/oder zynisch, schimpft man auf den »gemeinen Michel«, der doch so gerne CDU sowie AfD wählt und natürlich überhaupt nichts gegen Ausländer hat, aber...

    Und es ist völlig richtig, dass ohne die Mehrheit der Bevölkerung keine großen Veränderungen möglich sind. Nur ist ist dies im Desinformationszeitalter der Kampf David gegen Goliath.

  5. Hm... Daran erkennt man wohl jemanden, der zur Uni gegangen ist oder nicht, was?
    Gefühlt begegnet man in so gut wie jedem Text dieser Struktur, dass am Ende immer ein Lösungsvorschlag erfolgt, insofern der Schreiber sein Geld mit dem Schreiben verdient.
    Es lebe (wohl) der Luxus, sich auch einmal keine Meinung zu leisten.

  6. Womit ich nicht ganz einverstanden bin ist, dass die genannten Buchautoren alle in einen gemeinsamen Topf geworfen werden.

    Zumindest Robert Kurz (verstorben) und die Exit gehören da für mich nicht hinein. Glücklicherweise haben die keinen Bezug zur akademischen Linken, die an Organisationen oder Parteien ideologisch (finanziell) gebunden sind.
    Ich halte es für plausibel, dass sich solchen Bindungen eher regressiv für die Analyse zur Entwicklung des Kapitals auswirken.

    Es macht schon einen Unterschied, ob ich das Kapital als Zyklus von ständig wiederkehrenden Krisen betrachte, aus denen er immer wieder genug Potential schöpft, um daraus neue Kraft für seine Entwicklung zu schöpfen ( Kolleteralschäden dabei ausgeblendet) oder ob ich ich zu dem Schluss komme, dass dieser Prozess irgendwann an eine « innere Schranke « stösst.

    Ob ich davon ausgehe, die Lohnarbeit als notwendige Voraussetzung für die Existenz des Kapitals betrachte (in Deutschland als Ausdruck der Sozialpartnerschaft) oder ob ich zwischen Lohnarbeit und Kapital unüberbrückbare Gegensätze sehen will, die sich im Streit um die gerchte Verteilung des Mehrwerts erschöpfen.
    Je nachdem, welche Analyse ich mir zu eigen machen will, komme ich auch zu unterschiedlichen Ergebnissen auch für die politische Praxis.
    Ich neige eher dazu, dass sich der reformistische Kurs aufgrund der zunehmenden Krisendynamik vollkommen erschöpft hat und dass eine grosse Mehrheit in der Bevölkerung sich nicht als Differenz zum Kapital sieht, sondern sich mit ihm inzwischen identifiziert.
    Möglicherweise, wenn man den völkischen Bewusstseinstaumel verfolgt, auch ein »Urvertrauen« in die Volksgemeinschaft setzt.

    Ich habe inzwischen sogar die Befürchtung, dass ausserparlementarische Opposition darüber nicht hinauskommen wird, sich darauf reduziert.

    Zum Abschluss:
    Ich bin auch nicht der Meinung, dass diese Verhältnisse den Linken zugeschrieben werden können, die sich um ernsthafte Analyse bemühen, denen ich mich solidarisch verbunden fühle auch über Differenzen hinweg.

  7. @Troptard

    Was die Buchautoren angeht, die hab ich halt mal kurz erwähnt weil die mir einfielen — Sorry.

    Ich hätte auch durchaus andere nehmen können, denn an meiner Grundthese, und der Epikurs, der ich weitgehend zustimme ändert dies nix — (ich bin übrigens kein »Akademiker«, denn ansonsten würde ich nicht hier schreiben *grins*).

    Welche Grundthese?

    Na der, dass schon seit Helmut Kohls Zeiten allerlei Kapitalismuskritisches niedergeschrieben, aber nie etwas Konkretes dafür getan wurde was »denen oben« wirklich weh tut....

    Deutschland ist immer noch das Land von Manns »Der Untertan«....und dies schreibe ich nicht aus Theorie sondern aus Praxis....und zwar einer sehr leidvollen seit Ende der Ära Kohl, und dem Beginn der »Sozial«»Demokratie« unter Gerhard Schröder....seither geht’s doch nur noch bergab mit »der Linken«...und Menschen wir mir....

    Gruß
    Bernie

  8. Danke epikur. Die Alternative wäre: Dir aus Wut, weil du recht hast, eine reinsemmeln...

    Meine Hoffnung: Dass es irgendwann Geschichtsunterricht gibt, wo den Kindern beigebracht wird: Nicht zu begreifen, dass es mal kapitaliatische Zeiten gab, wo »mehr Geld haben« allen Ernstes nicht als »Mehr MACHT haben« galt, weil diese Trottel‐Hanseln allen ernstes glaubten, dass formal gleiche Rechte inhaltlich gleiche Rechte seien.

  9. @ epikur: Das ist eine sehr gute Zusammenfassung — vielen Dank dafür. Ich glaube allerdings nicht, dass diese unsägliche »Systemgläubigkeit«, die in manchen linken akademischen Kreisen vorherrscht, etwas mit der Struktur des Wissenschaftsbetriebes zu tun hat — auch die »Blätter« sind schließlich ein Teilnehmer des kapitalistischen Marktes und benötigen schlicht Geld, um bestehen zu können. Hier beißt sich die Katze einmal mehr in den Schwanz, denn wirkliche und kontinuierliche Systemkritik kann nun einmal nur der äußern, der auch tatsächlich systemunabhängig ist — und das sind auch die »Blätter« leider nicht.

    Platter ausgedrückt: Falls es ein Medium wagen sollte, »Konzerne, Banken und Milliardäre deutlicher ins Visier zu nehmen«, wäre es im Rahmen dieses Systemes schneller weg vom Fenster als wir uns den Arsch abwischen können.

    Gerade deshalb ist ein Korrektiv, wie Du und viele andere es mit ihrem Blog betreiben, so wichtig. Viele der Analysen und Berichte aus den »Blättern« bleiben ja trotz dieses grellen Mankos ein gute und wichtige Informationsquelle.

    Liebe Grüße!

  10. @Charlie

    Guter Gedankenansatz, denn deine Analyse trifft heutzutage ja generell auf den dt. Zeitungs‐ und Zeitschriftenmarkt zu.

    Ich weiß von was ich schreibe, da ich schon zu »Birnes« (Wer zu jung ist es zu wissen: Helmut Kohls Spitzname war »Birne«) Zeiten Leserbriefe in einer örtlichen Provinzzeitung gegen Kohl schrieb.

    Irgendwann erhielt ich dann einen Brief, dass die meine Leserbriefe nicht mehr veröffentlichen können, da die Anzeigenkunden gedroht hätten die Zeitung zu boykottieren — Soll ich noch schreiben, dass die Zeitung noch einen Besitzer‐Wechsel anstehen hatte? — Kurz vor diesem Brief an meine Person.

    Die Ausrichtung änderte sich von »links« nach »mittig«, und seither habe ich nie mehr einen Leserbrief dort veröffentlicht geschweige denn die Zeitung — den Stellenteil ausgenommen — je wieder richtig gelesen.

    Die Zeitung ist bei uns als Badische Zeitung bekannt, im schönen »Ländle«....und neoliberal bis ins Mark geworden.....

    Gruß
    Bernie

  11. @epikur: Aber weshalb sollten sie...!? Wes Brot ich ess, des Lied ich sing! Wenn man J. Swinton kennt, braucht man sich auch nicht fragen, warum Journalisten einfach nur ganz billige Schreibhuren sind.

    @Bernie: Ich versteh deine »Gegenfragen« ehrlich gesagt nicht — was wohl daran liegt, dass du meine Aussagen nicht verstehen kannst oder falsch verstehen willst bzw. meine anderen Kommentare nicht kennst... Ich maße mir übrigens auch nicht an für eine »Mehrheit« zu sprechen. Ich verweise auf genau jene (vorwiegend stille, aus kleinen, braven Bürgern bestehende) »Mehrheit«, die genau dieses System exakt so am Laufen hält. Denn sonst würden nicht weit über 90% bei einer Wahl regelm. Parteien ankreuzen, die für nichts anderes stehen als »weiter so!« Die also auch im Edeka einkaufen gehen und da durchaus ein offenes Ohr für Wahlkämpfer der FDP haben dürfen...!

    Ich glaube eher dein Fehler ist, die »Mehrheit« aus »kleinen Leuten« an sich für in der Summe »Vernünftig« und »Gut« zu halten (kuck mal, wer vorwiegend AfD — oder deren Brüder im Geiste: Union, SPD, Grüne und FDP gewählt hat). Doch da unterliegst du wie sehr viele einem gewaltigen Irrtum. Alleine das ganz alltägliche, eiskalte gesellschaftliche, zwischenmenschliche Klima sollte doch Beleg genug sein, von dieser »Mehrheit« absolut nichts positives zu erwarten! Aber dann wären ja alle Illusionen und Hoffnungen weg, die man evtl. noch hatte!

    Was die (eindimensionalen) politischen Koordinaten betrifft — mir geht es inzwischen mit am meisten auf die Nerven, dass es nur noch um ständige, vom eigenen Standpunkt abhängige Abgrenzung zu anderen und schubladenhafte Einkategorisierung geht! Dies ist insbesondere auf der »linken« Seite zu beobachten — wenn jeder für sich in Anspruch nimmt, das alleinige, legitime Recht zu haben, sich »links« zu nennen und anderen dies abzusprechen. »Rechts« prügelt sich jedenfalls keiner drum, als »rechts« gelten zu dürfen. :d Daher ist es auch nicht entscheidend, wie sich selbst jemand (gar eine FDP) bezeichnet! Die Frage sollte doch lauten, warum so viele Menschen Parteien oder auch Personen an diese falschen Etiketten glauben wollen — und ihnen den Quark ohne jeden kritischen Zweifel immer wieder abkaufen...? Warum? Weil sie es — vielleicht ganz simpel — genau so wollen...!? Wie ich grade beim Spiegelfechter schrieb — wer der SPD (die sich sicher nicht als »links« bezeichnet, sowas ist »bäh!«) heute abkauft, sie sei »links« oder irgendwie sozialdemokratisch und sich ob der ausbleibenden Lieferung für »verraten« fühlt — ist an seiner eigenen Blödheit selbst Schuld! Und da hilft auch als Ausrede kein Verweis auf Manipulation durch die Medien oder mangelnde oder systematisch vorenthaltene Schulbildung! Die »Mehrheit« will(!) nichts lernen! Der überwiegende Rest will(!) z. B. auch eine SPD, die genau diese Art Politik betreibt!

    Ich habe übrigens früher auch Leserbriefe geschrieben (in ner schon immer »schwarzen«) örtlichen Tageszeitung. Diese »freie Meinungsäußerung« hat mir in unserer popligen Kleinstadt im Zusammenhang mit den örtlichen »Sonnenkönigen« und ihren Bütteln in der Verwaltung nachweislich schon mehrfach das Genick gebrochen...!

  12. @Charlie

    « Viele der Analysen und Berichte aus den »Blättern« bleiben ja trotz dieses grellen Mankos ein gute und wichtige Informationsquelle.«

    Völlig richtig. Habe sie ja auch weiterhin abonniert.

    @Dennis82

    »Ich habe übrigens früher auch Leserbriefe geschrieben (in ner schon immer »schwarzen«) örtlichen Tageszeitung. Diese »freie Meinungsäußerung« hat mir in unserer popligen Kleinstadt im Zusammenhang mit den örtlichen »Sonnenkönigen« und ihren Bütteln in der Verwaltung nachweislich schon mehrfach das Genick gebrochen...!«

    Kann ich mir gut vorstellen! Wer heute öffentlich opponiert, bestimmte »erlaubte« Kritikrahmen überschreitet, hat schnell berufliche und/oder familiäre Nachteile am Hals. Das ist wohl nicht groß anders, als wie damals in der DDR.

  13. Nun, wie man hört, geistern schon Gedanken herum, und eben auch Gedanken nur, aber gewissermaßen Gedanken auf einem Weg, einer Suche, dass das Denken sich aus seinem akademischen Bann lösen solle. Unweigerlich ist zu erkennen, dass die neoliberale Klassifizierung (Klassismus einrichten) den akademischen Betrieb umgestaltet hat. Zur praktischen Veränderung im Sinne der Verbesserung der Lebensumstände aller geneigte Denkoperateure werden dabei marginalisiert. Dass man den letzten Stolz mit abgehobener Theorie dann noch zu retten versucht, ist auch verständlich. Praktisch orientiert ist die Mainstreamakademie im Vergleich dazu aber auch, nur eben auf eine andere Weise. Da steht am Ende der Ratschlag eben in Hinsicht auf eine Realisierung neoliberaler Weltelemente. Auf einer grundsätzlicheren Ebene und selbstangewandt kehrt man dabei im Denken in die Praxis ein, man ist dort und hat sich dabei in der Regel als effektlos zu erkennen, sind alle Ratschläge, in welche Richtung sie auch gehen mögen, nur an ihrer Nähe zu einer Demokratisierung abzuwägen. Alles andere ist in einer gewissen akademischen Diktion gesagt, Metaphysik. Daran habert es auf der linken Seite nicht gerade von minderem Ausmaß. So wie der Realkommunismus nur einer Kehrvariante des Realkapitalismus war, so sind weite Teile linken Denkens nur die Kehrvariante ihrer Opposition. Im Herzen dieses linken Denkens steht: die gute Regulation. Die Opposition hat dem gegenüber die schlechte Regulation, sie will so regulieren, dass nicht alle etwas davon haben, sondern nur wenige. Bei der Linken würden alle etwas davon haben. Alle gleich oder zumindest so gleich, dass alle gleichgut grundversorgt sind. Aber man dieser Variante die Frage stellen: was ist die Regulation? Woher kommt sie, wer realisiert sie, wie wird sie aufrecht erhalten? Und wenn wir dann bei den Antwortenden jene durchstreichen, die entweder die Besten unter den Menschen dafür vorsehen oder eine Repräsentation, eine kleine Abbildung aller in einer kleinen Gruppe, dann bleiben nicht mehr viele übrig. Das Problem ist aber, die Demokratisierung ist eine bloße Idee, man hat im Grunde wenig Ahnung, wie sie einzuführen wäre, wenn man ehrlich ist. Kurzfristige Aktionsgruppen gibt es öfters mal und in der Regel erwehren sie sich kaum den wirkenden sozialdynamischen Prinzipien und alsbald kehrt Hierarchie, Führungskult, zielorientiertes Denken, Vereinzelung, Nichtgehörtwerden und Spaltung ein und ehe man sich versieht, befindet man sich dort, wo man nicht hinwollte. Es ist beim Denken ja nicht anders. Was gedacht wird hängt davon ab, wer mitdenken darf. Hier im Forum denken wir im akademischen Bereich nicht mit. Dort hat man eine eigene Plattform und nur was darauf erscheint, wird als akademisches Denken betrachtet. Derweil verhält es sich so einfach auch nicht, aber man tut halt so. Wir denken hier wohl auch akademisch mit und die Akademie denkt hier mit. Und so sollte es in einer metaphysikarmen Welt sein. Wo die Wahrheit hinter den Dingen zur Perspektive des Einzelnen auf die Dinge sich herauskristallisiert hat, da hat jeder dasselbe Gewicht. In allen Fragen. Metaphysikarmut geht daher einher mit Demokratiereichtum. Momentan gelten und wirken alle möglichen Metaphysiken. Die Leistung ist ja einer, der allen bekannt ist. Bis in die Höhen der Relikte der kritischen Theorie hinauf huldigt man ihr. Dort ist halt nicht die leistungslose Remuneration verpönt, sondern die leistungslose Theorie.
    Ganz grob betrachtet, war die vergangene Zeit eine Zeit des Kampfes um die beste Metaphysik für die Gesellschaft. Und die zukünftige Zeit ist vielleicht eine Zeit, wo dieser Kampf abklingt. Er entpuppt sich als Illusion. Die natürliche metaphysische Unschärfe macht eine Beruhigung nötig. Was zählt, ist die Pflege der Perspektiven. Jeder Mensch ist eine solche Perspektive. Jeder Mensch hat daher ordentlich leben zu können.

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