Der pädagogische Happen (2)

_happen_»Du Tante? Ich habe heute in der Schule gelernt, dass die Würde des Menschen in Deutschland unantastbar sei. Warum leben dann so viele Menschen auf der Straße und betteln?«

»Die sind alle selbst schuld. Sie trinken Alkohol oder nehmen andere Drogen. Viele tun auch nur so, weil sie Dein Geld wollen. Sie haben ihre Würde verspielt und sind selbst schuld.«

7 Gedanken zu “Der pädagogische Happen (2)

  1. Ich kann nur von der Großstadt sprechen. Dort gibt es jedenfalls die Entwicklung, dass Snobs, Spießer, Hipster und Biedermänner wieder total »in« sind. Querulanten, Querdenker oder Exzentriker gibt es nur noch selten. Egal ob auf Familienfeiern, bei Partys, Elterntreffen oder unter Bekannten und Freunden: immer dreht sich alles um Essen/Ernährung, Haus/Wohnung/Garten, Urlaub, Kinder, Lohnarbeit. Ich vermute, auf dem Land ist es sogar noch schlimmer.

  2. Hipster sind eigentlich schon seit Jahren »in« — zumindest werden ihnen, außer in der nicht‐technik‐affinen und -modebewussten Gesellschaft, ausschließlich positive Eigenschaften zugeschrieben.

    Mal ein kleiner Einwand, weil es dabei so einfällt — und das könnte fast ein Witz werden: Bei den Snobs dreht sich alles um Haus und Hof und was sie sonst noch besitzen (Kinder inklusive, bei manchen sind sie ja nicht mehr als ein Besitz) — bei den armen Schluckern dreht sich alles um das wenige Geld, das man hat. Ist für Kinder wunderschön, wenn auf Geburtstagsparties die Erwachsenen sich nur darüber unterhalten und es keine sonstige Beschäftigung gibt. 10‐Jährige wollten schon immer gern wissen, was »Arbeitslosengeld« ist, wer von der Verwandtschaft wo arbeitet und was schon wieder wer gemacht hat, den sie nicht kennen.

  3. Leider habe ich die Beobachtung machen müssen, dass sich nicht nur Snobs Obdachlosen gegenüber herablassend gebärden, sondern auch Kleinbürger und Angehörige der (unteren) Mittelschicht. Es wird halt immer die nächst untere Stufe mit Verachtung gestraft.

  4. Ist ja schon ne gehörige Transferleistung, dass die Nichte diesen Zusammenhang zwischen Menschenwürde und Obdachlosigkeit herstellt. ;) An dem Punkt liegt auch ein wesentliches Problem — dieses Abstempeln mit »Selbst Schuld« ist halt tausend Mal einfacher als sich mit solchen Fragen zu beschäftigen. Jener Stempel resultiert aber wohl eh nur aus einem Umkehrschluss — dass man ja stets selbst »Schuld« am eigenen »Erfolg« ist — und alle anderen dem Zufolge...!

    »Hipster« sind so eine seltsame Mischform — sie fallen zwar irgendwie auch aus der Reihe, indem sie ein paar Konventionen überschreitend nach Alleinstellungsmerkmalen suchen, um sich von der Masse abzugrenzen — jedoch auf einem durchweg »bürgerlichen«, soziale Fragen ignorierenden Niveau. Fazit: Potenzial wäre da, aber...

    »Auf dem Land« ist es nicht nur »schlimmer« — es ist der pure Horror. Dort gibt es im Prinzip keine andere Realität als jene des Sozialdarwinismus. Weil jene wenigen, die das Glück haben, sich in der Großstadt überhaupt zu finden — auf dem Land hoffnungslos verloren, stets immer nur einsam gegen den Strom anschwimmen können. Auch der Konformitätsdruck ist dort quasi noch einmal um Welten stärker als in einer (offeneren) Großstadt (welche auch mehr von äußeren Einflüssen profitiert).

    Das »Lustige« ist ja, dass Querdenker, Querulanten oder Exzentriker ja schon seit jeher auch nur dann mit dem Mindestmaß an Akzeptanz rechnen konnten — wenn sie es schafften, im institutionalisierten »künstlerischen« Bereich ein Auskommen zu finden — welcher am Ende ja auch Marktmechanismen unterworfen ist. Also auch die eigene »Leistung«, das »Vermarktungstalent« oder die nötigen persönlichen Beziehungen da waren. Die ganzen anderen verhinderten Philosophen, Künstler, Autoren usw. fahren Taxi, stehen bei der Krossen Krabbe am Tresen — oder schieben halt mit den abgerissenen Klamotten den Einkaufswagen mit der verbliebenen Habe durch die Gegend...!

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