Erwerbslos – Na Und?

erwerbslos_titelSeit einiger Zeit bin ich nun unverschuldet erwerbslos. Nun darf, soll und muss ich mich offiziell schämen, ducken, schlecht fühlen, verteidigen und rechtfertigen. Und zwar ständig und überall: in der Familie, bei Freunden und den sogenannten Sachbearbeitern. Warum, wieso und weshalb es nur so weit kommen konnte, wird gefragt. Betroffenheit wird geheuchelt. Verachtung versteckt. Und soziale Überlegenheit empfunden. Man gehöre schließlich noch dazu. Erwerbslosigkeit wird hierzulande nicht als ein vorübergehender Zustand begriffen, sondern als persönlicher Makel. Als Sünde und Ketzerei. Gegenüber dem Gott des (Arbeits-)Marktes und der hart arbeitenden (Rest-)Bevölkerung. Wer sich jedoch nicht primär durch seine Lohnarbeit definiert, der ist auch halbwegs in der Lage -selbst in der Erwerbslosigkeit‐ seine Würde und sein Selbstbewusstsein zu bewahren. Allein das empfinden viele Lohnarbeiter schon als absolute Dreistigkeit. Wer erwerbslos ist, hat depressiv zu werden.

Über Ausgrenzung
Warum zu Gruppen und Cliquen unbedingt dazu gehören wollen, die mit Vorliebe Personen, Minderheiten und Individuen abwerten und ausgrenzen? Oder anders ausgedrückt: wer erwerbslos sei, werde ausgegrenzt. Vom kulturellen und sozialen Leben, so die oft vorgebrachte These. Und da niemand gerne am Rand stehen, sondern dazu gehören will, müsse man alles tun, um wieder in den erleuchteten Kreis der vorauseilenden Arbeitsdrohnen aufgenommen zu werden. Persönlich erlebte Erwerbslosigkeit kann hierbei aber ein echter Augenöffner sein. Denn während beispielsweise bei vorhandenem Reichtum jede Menge Heuchler und Speichellecker um einen herum schwirren -wie Motten um das Licht‐ so wenden sich bei Erwerbslosigkeit manche vermeintliche Freunde, Bekannte oder sogar Familienmitglieder von einem ab. Besonders die Status‐Fixierten haben Angst, dass der intensive Umgang mit solchen Ballastexistenzen einen schlechten Einfluss auf ihr soziales Kapital haben könnte. Übrig bleiben die wahren Freunde, die einen so akzeptieren wie man ist und nicht, weil man hat.

Erwerbslosigkeit kann auch in anderer Hinsicht eine persönliche Herausforderung sein, jenseits des problematischen finanziellen Aspektes (inklusive Hartz 4‐Schikane‐und‐Willkür‐Terror), der auf jeden Fall vorhanden ist. Denn es gibt wohl nicht Wenige, die Angst davor haben, ihr eigenes Leben aktiv zu gestalten. Viele wissen überhaupt nichts mit sich anzufangen. Und da der Lohnarbeitszwang und die ständige Schufterei häufig weder Raum noch Zeit lassen, das eigene Leben zu reflektieren oder einer intensiven Leidenschaft nachzugehen (Hobbys, Ehrenamt, Sport, Kunst, Musik etc.), kommen sie auch nicht in die missliche Lage darüber nachzudenken. Man lohnarbeitet, verdient sich dadurch Faulheit in der Freizeit und Geld, dass man im Konsum versenken darf (und muss!). Ich persönlich kenne einige Leute, die mit dem dauerhaften Wegfall ihrer Lohnarbeit, beispielsweise durch Krankheit, Entlassung über 50 Jahre oder Rente, in ein tiefes persönliches Loch gefallen oder sogar depressiv geworden sind, weil sie absolut nichts mit sich selbst anzufangen wissen. Statt sich also zu freuen, endlich mehr Zeit für schöpferische Tätigkeiten, Hobbys, Leidenschaften und Menschen zu haben, hat man panische Angst vor der Freiheit.

Lasst sie reden!
Natürlich ist es nicht leicht, dem sozialen Druck stand zu halten. Sich nicht runter putzen zu lassen. Sich nicht einreden zu lassen, man sei eine wertlose Ballastexistenz, ein Schmarotzer, ein Parasit. Denn überall wird einem das vermittelt. Egal ob in der eigenen Familie, in den Massenmedien oder den Behörden. Sie alle reden aber auch täglich über TV‐Bullshit, Cat Content auf Facebook, individuell erlebte (und geschaffene) Daily Soaps innerhalb der Familie oder auf der Lohnarbeit (»Er oder Sie hat das und das gesagt!«), den neuesten Smartphone‐Müll oder bilden sich Werturteile über Menschen und Sachverhalte, worüber sie absolut keine Ahnung haben. Nur das war und ist noch nie ein Hindernis gewesen, um eine eigene Meinung zu haben. Zu besitzen. Denn als genau das wird sie empfunden: einen Besitz, den jeder völlig kostenlos haben kann. Im Zeitalter von Facebook, Twitter und WhatsApp wird das nur allzu deutlich. Es wird ohne Ende gelabert sowie den eigenen Senf ins Netz oder auf den Stammtisch gerotzt und erst dann nachgedacht. Oft lässt man das (Selbst-)Denken auch gleich ganz sein. Ist ja viel zu anstrengend. Dafür gibt es ja App´s, Wikipedia und Google.

»Nur außerhalb der Arbeit hat der Arbeiter die Möglichkeit, persönliche Erfüllung und Selbstachtung zu finden –und damit auch die Wertschätzung durch andere.«

David Harvey. »Für einen revolutionären Humanismus«. Blätter. Ausgabe September 2015. S. 83

Die Leute reden und reden und reden. Immer. Und Überall. Egal, ob man einer Lohnarbeit nachgeht oder erwerbslos ist. Sie lästern, tratschen, schwafeln, bewerten und urteilen trotzdem. Suchen den vermeintlichen Fehler. Stürzen sich auf die charakterliche Schwäche. Um sie oder ihn hinterrücks verbal zu erdolchen. In aller Regel, um über eigene Unzulänglichkeiten hinweg zu täuschen. Sich danach besser zu fühlen, weil man den anderen so mutig hinter dem Rücken nieder gemacht hat. Die Erwerbslosigkeit ist hier zwar ein willkommener Anlass, aber zur Not wird auch irgendetwas anderes gesucht und natürlich auch gefunden werden.

Es kann und darf nicht sein, dass meine Mitmenschen ausgeglichener oder gar selbstbewusster sind, als ich selbst! Erst recht nicht, wenn der Andere sich doch schlecht und schuldig fühlen sollte, weil er doch erwerbslos ist! So die Denkweise. Ich sage: Lasst Sie doch reden! Und ja natürlich bin ich voller Aktionismus, um der Erwerbslosigkeit zu »entkommen«. Aber das ist nicht der Punkt, um den es mir hier geht. Denn: Jeder Mensch hat ein Recht darauf, respektiert, geachtet und geliebt zu werden! Leider ist Menschenfeindlichkeit und Menschenhass eine weit verbreitete, ja fast schon typisch deutsche Unart. Haustiere werden nicht selten deutlich besser behandelt als Mitmenschen.

33 Gedanken zu “Erwerbslos – Na Und?

  1. Bei vielen reicht schon die Rente. Allein in meinem Umfeld zwei Herren, die sich seit 20 Jahren in gut dotierter Rente (+Betriebsrenten!) befinden. Jetzt hätten sie sorglos ihren Hobbies frönen können, nur — da gab es keine. Ein, zwei Reisen wurden unternommen. Der eine hat noch einige Jahr Golf gespielt, der andere in einem örtlichen Kleinverein die Kasse verwaltet. Ansonsten — nichts. Müde lächeln, in der Vergangenheit leben, auf den Tod warten.
    Nicht auszudenken, wären die beiden in ihrem Berufsleben (Lala‐Jobs bei großen Betrieben — jung eingetreten und dann nichts anderes mehr gemacht, damit aber allein die gesamte Familie ernährt) arbeitslos geworden.

  2. Hört sich vielleicht etwas makaber an, aber das scheint wohl leider eine Lektion zu sein, die man nur in Gegenden machen kann, in denen 20–30% Erwerbslose leben: Das Leben geht auch nach der Arbeit weiter. Die Welt dreht sich weiter, ohne dass sie danach fragt, wie es dir geht und was du mit dem Leben vorhattest. Sollen sich jetzt deswegen alle umbringen, die keinen Job haben?
    ...Nun gut, manche haben das nach der Wende getan. Nicht unbedingt den Strick genommen, aber dafür die Schnapsflasche. Weil sie nie wieder was ernsthaftes bekommen haben und auf das Abstellgleis geschoben wurden. Resultate von Kohls »blühenden Landschaften«, auf deren Einlösung man noch heute warten darf (und stattdessen wurden die vorherigen Betriebe alle geschlossen).

  3. »Viele wissen überhaupt nichts mit sich anzufangen.«
    klar. wenn dein leben vorher z.b. sehr stark auf interaktion mit menschen auf der arbeit und in deiner freizeit beruhte. nun hast du aber auf einmal 5 tage die woche mind. 8h/tag mehr zeit als die. das ist für viele ne extrem große umstellung, selbst wenn du finanziell ausgesorgt hast. habe ne nachbarin und nen verwandetn die zufällig relativ zeitgleich aus lukrativen positionen vom arbeitgeber mit dicker abfindung, fetter betriebsrente usw. mit ende 40 (!) gegangen wurden. noch treiben die viel sport und basteln an ihren häusern rum....

    »Leider ist Menschenfeindlichkeit und Menschenhass eine weit verbreitete, ja fast schon typisch deutsche Unart. Haustiere werden nicht selten deutlich besser behandelt als Mitmenschen.«
    idealer weise werden beide lebensformen gleich und vor allem gut behandelt.

  4. »... da niemand gerne am Rand stehen, sondern dazu gehören will, ...« — zu was? Zu einer Gruppe geistig entkernter Seelenkrüppel, oder wie? Und das ist dann das Resultat der Selbstentfremdung: »... Leute, die mit dem dauerhaften Wegfall ihrer Lohnarbeit, beispielsweise durch Krankheit, Entlassung über 50 Jahre oder Rente, in ein tiefes persönliches Loch gefallen oder sogar depressiv geworden sind, weil sie absolut nichts mit sich selbst anzufangen wissen ...« — wer möchte bitteschön so tief sinken? Ist das ein »Leben«? Nein. Dann lieber gleich richtig tot, statt als hirntotes Subjekt dahinzuvegetieren.

    Doppeldenk ist das große Problem unserer Zeit. Sich einzureden, frei und selbstbestimmt zu sein, wo man doch unfrei und fremdbestimmt ist. Herangezüchtet und deformiert, um den zugewiesenen Platz im Strukturalismus einzunehmen. Das Resultat ist der ultimative Freak, der nichts mehr mit einem Menschen gemein hat. Dieses Selbsteingeständnis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Genesung.

    Wenn man nicht als Person geachtet und respektiert wird, so wie man ist, kann man auf die Anerkennung der Selbstachtungslosen auch gleich verzichten. Was ist denn deren Achtung überhaupt wert, um mal beim Thema zu bleiben, wo sich unter Preisträgern und Ordenbehängten doch bloß niederster Abschaum tummelt? Nichts.

    Rationalismus hilft. :)

  5. Die Franzosen arbeiten um zu leben — Die Deutschen leben um zu arbeiten.
    Nur ein Unterscheidungsmerkmal zwischen den Nachbarn.
    Die Franzosen haben Gewerkschaften, die monatelang einer neoliberalen »Regierung« Widerstand gegen »Arbeitsmarktreformen« leisten, weil mehr als die Hälfte dieses Volkes hinter der Ablehnung steht.

    Die Deutschen haben das komplette Arbeitsmarkt‐, Renten‐ Sozialrechtsreformpaket widerstandslos akzeptiert, finden die Methoden von BA und JC’n mehrheitlich völlig in Ordnung.

    Was passieren muss, um diesem Volk mehrheitlich zu einem humanen Verhalten, sozialem Engagement und Solidarität untereinander zu bringen, weg vom Egoismus, weiß ich nicht.

    Zwei verlorene Weltkriege haben keine Verhaltensänderungen gebracht. Nach Kauf und vollständiger »Abwicklung« der DDR wurde es erst richtig ekelhaft.

    Wer sich nur durch »ORDNUNG«, »RUHE«, »VERBOTEN«, »HAUSORDNUNGEN«, »VORSCHRIFTEN« und »BEHÖRDENWEISUNGEN«, einer uniformierten Borniertheit ein »Leben in Schubladen« willenlos aufzwingen lässt und an den eigenen »FLEISS« als einzig erstrebenswerte Lebensaufgabe glaubt, von dem ist nichts anderes zu erwarten.

    Ich habe den Großteil meines Erwachsenseins im Ausland, auf 3 Kontinenten und in unterschiedlichen Ländern verbracht. Nirgendwo gibt es ein Paradies, überall gibt es ekelhafte soziale Missstände, Neid, Gier, Egoismus, Willkür.

    Trotz oder wegen (?) Armut, Elend, Arbeitslosigkeit, schlecht bezahlter Arbeit, einem nicht planbaren Leben, viel zu vielen Unwägbarkeiten, haben sich die meisten Menschen, mit denen ich zu tun hatte, sich nicht ihre Lebensfreude nehmen lassen.

    Es gab Zeiten, da wurde ich um meinen (west)deutschen Pass fast überall beneidet. Und ich konnte mich damals auch irgendwie glücklich schätzen, das Glück gehabt zu haben, in diesem Land geboren worden zu sein. Weil es damals Vorteile hatte, die es in anderen Ländern nicht gab, die jeweiligen Staatsapparate sich nicht kümmerten. Das ist lange her.

    Deutschland hat sich rückentwickelt, soziale Aufgaben eines Staates eingestellt, der Gier und Rücksichtslosigkeit Tür und Tor geöffnet. Und für die, die man nackt in den Regen geschickt hat, warme Worte übrig hat, wie »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«.

    Und die, die ihr Leben lang nichts anderes als »ARBEIT« kannten, sich selbst nur darüber definierten und ihren gesellschaftlichen Status daraus ableiteten, wurden ihres einzigen »Wertes« beraubt.

    Weil sie nicht gelernt haben, das Leben eben nicht nur arbeiten bedeutet.

  6. »Seit einiger Zeit bin ich nun unverschuldet erwerbslos.«

    Und selbst wenn Du verschuldet erwerbslos wärst, weil Du Deinem Arbeitgeber den Stinkefinger gezeigt hast, weil unter diesen Bedingungen Du nicht mehr arbeiten willst — wäre das auch o. k.

  7. @Alles nur Satire

    »Wer sich nur durch »ORDNUNG«, »RUHE«, »VERBOTEN«, »HAUSORDNUNGEN«, »VORSCHRIFTEN« und »BEHÖRDENWEISUNGEN«, einer uniformierten Borniertheit ein »Leben in Schubladen« willenlos aufzwingen lässt und an den eigenen »FLEISS« als einzig erstrebenswerte Lebensaufgabe glaubt, von dem ist nichts anderes zu erwarten.«

    Genau das ist mir die Tage wieder extrem in den örtlichen Schwimm‐ und Freibädern aufgefallen. Kein Essen und Trinken in der Nähe des Wassers. Schwimmflossen und Schnorchel verboten. Nicht in das Becken springen. Bei den Fressbuden bitte alle in einer Reihe von links anstellen. Und so weiter. Regeln und Hausordnungen sind ja wichtig, aber das rigorose Verfolgen von Leuten, die davon auch nur ein wenig abweichen, ist eine typisch deutsche Blockwart‐Mentalität. Verbissen, ernst und stets die moralische Predigt auf den Lippen. Meine Güte. Wo ist die Gelassenheit geblieben? Damit kann man vermeintlichen Problemen auch begegnen und schon viel präventiv entschärfen.

    @ G
    Der ständige Rechtfertigungsdruck geht einem schon in Fleisch und Blut über und zeigt sich dann schon unbewusst an der Sprache ;) Aber Du hast natürlich völlig Recht.

  8. »Well i like to know what i›m doing when i do it
    and I do what I´m doing
    cause I don›t know what to do
    when I›m not doing it«

    zum Verhältnis des Arbeiters zu seinem Job
    aus »Factory«
    Wall of Voodoo 1982

  9. »unverschuldet« — da isses ja schon; das schlechte Gewissen. Der Rechtfertigungsdrang...! ;)

    Deutschland ist nicht nur das Land der 80 Mio Bundestrainer. Es ist auch das Land der 80 Mio Arbeitsvermittler. Wer mal für etwas längere Zeit lohnarbeitslos war, erkennt in den Reaktionen seines Umfelds eigentlich ganz unverblümt das wesentliche Elend dieser Ungesellschaft. In diesen Situationen kann man das, was in den Köpfen dieser Menschen (wegen ihrer »Programmierung«) vollkommen falsch läuft, förmlich mit Händen greifen... In diesen teils sehr absurden Momenten (ich könnte ein Buch drüber schreiben...) kommt einem die Erkenntnis, dass mit diesen Mitmenschen keine Besserung zu erwarten ist.

    Und: Man braucht sich nicht mehr die Frage zu stellen, wer die zig Millionen sind, die bei den Wahlen weiterhin SPD, Union, Grüne usw. — aber auf keinen Fall die Linke — ankreuzen!

  10. @epikur

    Danke für den Text, ich warte nun gespannt auf den Text wie angeblich »faule« Erwerbslose in Sperrzeiten gedrängt werden. Die Arbeitsagenturen, nicht nur die Jobcenter, fahren hier bei uns überaus linke Touren in diese Richtung. Ich weiß von was ich schreibe, da ich selbst, fast, so ein »fauler« Arbeitsloser geworden wäre.

    Ich ließ mich, für fünf Wochen, freiwillig auf eine Trainingsmaßnahme des hiesigen Arbeitsamtes ein. In dieser Maßnahme darf man auch selbst ausgewählte »Probearbeiten«, d.h. Praktika, ausüben.

    Tja, ich dache mir nichts dabei, und ließ mich, als gelernter Verwaltungsfachangestellter auf so eine Probearbeit als »Fabrikarbeiter« in einer Chemie‐Fabrik ein, auch selbst ausgesucht, und über eine Leiharbeitsfirma organisiert.

    Tja, ich hätte fast eine Sperrzeit erhalten, denn der Personaldisponent behauptet wahrheitswidrig, dass es keine Probearbeit sonder das Anbahnen einer Beschäftigung gewesen wäre, und er hätte Zeugen dafür, dass wir, auf der Anfahrt zur Chemie‐Fabrik, über einen »Arbeitsvertrag« geredet hätten.

    Stimmt so nicht, denn die »Zeugen« sind kaum dt. sprechende Rumänen, und die Äußerungen des Personaldisponenten sind mir bekannt — das Wort »Arbeitsvertrag« kommt nirgends vor. Er meinte lediglich, für mich reichlich ominös: »Es geht schon klar Herr X....«

    Ich zog die Probearbeit durch, obwohl auch der Produktionsleiter der Firma der Meinung war, dass ich für den Job nicht geeignet wäre, was ich so auch nach Ende der Probearbeit, auch Praktikum genannt, empfand.

    Tja, man wollte uns schon Spinde geben, und ich fragte ob dies ohne Arbeitsvertrag geht, denn wir hätten weder mit dem Unternehmen, noch, wie üblich, mit der Zeitarbeitsfirma, einen solchen — zum Personalheini der Firma.

    Tja, der muss dies wohl auch als »Arbeitsverweigerung« aufgefasst haben, denn ich hätte reichlich Ärger mit der Arbeitsagentur, und der Leiterin der Trainingsmaßnahme, die mich, obwohl ich gelernter »Büromensch« bin, in einen solchen Fabrikjob vermitteln wollte.

    Die ist wohl sauer ob der entgangengen 2.500,– Euro Vermittlungsgebühr, denn ansonsten kann ich mir ihr Verhalten nicht erklären dem — offensichtlich — lügenden Personaldisponenten einer Zeitarbeitsfirma mehr zu vertrauen als mir, der ich fünf Wochen in ihrem Kurs war, und der ich, bei Soft Skills angab, dass ich ein ehrlicher Mensch bin bzw. nichts mehr hasse als Unehrlichkeit.

    Übrigens, ich habe nächste Woche evtl. das Ok einer anderen Firma, die mit meinem erlernten Beruf zu tun hat, und da werde ich zustimmen, wenn die mich wollen, aber es ärgert mich dennoch wie schnell man in .de neuerdings als angeblich »fauler Arbeitsloser« abgestempelt wird bzw. dass man mir weniger glaubt als einem, offensichtlich, lügenden Personaldisponenten.

    Trauriger Gruß
    Bernie

    PS: Drückt mir mal die Daumen, dass ich den Job auf der Kfz‐Zulassungsstelle bzw. dem Meldebüro der nächstgrößeren Großstadt hier erhalte, denn dann bin ich alle Sorgen betreffend Behördenwillkür der Arbeitsagentur los.....

  11. @Bernie — da sieht man mal wieder, dass grundlegende Rechte wie z. B. die Vertragsfreiheit für gewisse Menschen halt einfach nicht zählen. Man hat schlicht nicht das Recht, selbst zu entscheiden, ob man mit jemandem einen Arbeitsvertrag abschließen will — oder nicht. Es gibt ja z. B. auch den Artikel 12 GG, der eine freie Berufswahl garantiert und Zwangsarbeit verbietet — seit Hartz IV ist dieser offenkundig aufgehoben worden! Wer (offiziell) »arbeitslos« ist (ist ja im Hinblick auf Statistikschönung auch keine Selbstverständlichkeit...), muss auf in diesem Land elementare Grundrechte verzichten. Und niemanden stört es wirklich; alle machen mit. Hartz IV existiert nun schon 11 verdammte Jahre — und der letzte wahrnehmbare Protest war der Fall der (dann strafversetzten) Hamburger Sachbearbeiterin namens Hannemann...

    Was mich dabei am meisten irritiert — warum geben sich einzelne Unternehmen so große Mühe, jeden offenkundig(!) Unwilligen zu seinem »Glück« zwingen zu wollen? Was nützen einem zig zwangsweise eingereichte Bewerbungen von Leuten, die den Job gar nicht wollen? Was bringen solche überflüssigen Vorstellungsgespräche? Das macht doch nur Arbeit, das kostet doch nur Zeit und Geld? Wird wohl wegen eines höheren Ziels in Kauf genommen; weil die Ausbeuter wissen, dass den Leuten in Wahrheit ja keine Wahl bleibt. Weil es die Ideologie eben so fordert: »entweder, du unterwirfst dich — oder wir (die Wirtschaft mit dem staatlichen Erfüllungsgehilfen) machen dich fertig!« Man muss es sich immer wieder vergegenwärtigen — da haben einseitig die Unternehmer das Recht, jederzeit einfach mal sensible Informationen über Menschen an Behörden weiterzuleiten, die dann zur Sanktionierung bis zum Entzug des Existenzminimums führen können. Datenschutz? Pah, »Sozial ist, was Arbeit schafft!«

    Und im Gegenzug...? Beschwer dich doch einfach mal bei deinem »Arbeitsvermittler« über deinen letzten Ausbeuter — und was der im Einzelnen so getrieben hat — der Scherge lacht dich aus; vielleicht kommt (wie z. B. bei mir in der rückgratlosen Arbeit‐macht‐frei‐Verwandtschaft regelm.) noch so ein Spruch wie »Naja, heutzutage darf man halt nicht wählerisch sein und muss sich einiges gefallen lassen; Hauptsache, Arbeit...!«

    Das ganze System der Arbeitslosenverwaltung ist von vorn bis hinten eigentlich Verfassungs‐ und rechtswidrig; aber es interessiert keinen — weil eben der Zeitgeist des Faschismus und der Unterdrückung durch die Lande weht. Weder die Politk, weder die Verwaltung selbst, noch höhere Gerichte, noch die dieses Unrecht bei Wahlen vorsorg‐ und nachträglich absegnenden Michels, die (wie ja der Beitrag von Epikur zeigt) eigentlich mit diesem Einknüppeln auf die ganz unten ja vollauf zufrieden sind! Denn so kann man sich einreden, als braver Bürger selbst Schmied seines eigenen Glücks zu sein...

  12. @Dennis82

    Danke für deinen Text.

    Die Sache wird übrigens noch besser, denn während der Trainingsmaßnahme, das hat jetzt nicht mit dem von mir geschilderten Vorfall zu tun, wurde mir beschieden, dass ich, nach vier Jahren aus meinem Lehrberuf heraus, als »wieder ungelernt« gelte lt. SGB III.

    Fazit, meine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten/Kommunalverwaltung zählt nix mehr, und statt mir eine schulische Umschulung zum artverwandten Beruf des Kaufmannes für Büromanagement zu finanzieren empfiehlt man mir, als Mensch mit sehr geringfügigem ALG1 (240,– Euro/Monat) Aufstockung mit ALG2 wird mir übrigens verweigert, zunächst Helferjobs in Leiharbeit (überwiegend Produktion, Lager oder sonstige Helferjobs außerhalb des Bürobereichs) zu suchen, und dann eine betriebliche Umschulung — seitens des Bosses der Zweigstelle der hiesigen Arbeitsagentur. Seine Untergebene ist zwar anderer Meinung, da ich ja die Zulassung zur sogenannten Externen Prüfung der IHK zum Kaufmann für Büromanagement habe, incl. Bildungsträger der mich darauf vorbereiten will, aber das interessiert deren Vorgesetzte nicht — man ist der Meinung, dass ich bei schulischer Umschulung danach wieder auf Arbeitsuche bin, was so nicht stimmt, sondern reine Spekulation ist, aber auch egal....Behördenwillkür eben....

    Brauch wohl nicht extra zu erwähnen, dass meine Beschwerde, rein bezogen auf diese Angelegenheit, so abgebügelt wurde, dass ich »selbst schuld sei«. Leider bin ich alleine auf’s Amt.

    Mittlerweile soll es schon Begleitservices (= Arbeitslose mit nicht‐verwandten Zeugen) in .de geben, aber in meiner Wohngegend weiß ich nichts davon :(

    Gruß
    Bernie

    PS: Was den Zeitgeist angeht, da kenne ich auch so Menschen in meiner Nachbarschaft, die denken Leiharbeit ist besser als gar keine Arbeit — Tja, Wallraff ist ja längst Rentner, und der Skandal Zeitarbeit ist wohl keiner mehr :(

  13. @Bernie

    Man sollte sich nicht scheuen, eine Beratungsstelle aufzusuchen, bevor man verzweifelt. Viele »Probleme« haben auch andere schon hinter sich, da gibt es Erfahrungswerte und wertvolle Tipps. Hier findest Du sicher auch welche in Deiner Nähe. Schönes Rest‐Wochenende!

  14. @Epikur

    Danke für den Hinweis ;)

    Ich war bereits bei einer Beratungsstelle und die rieten mir auch mich auf Helferstellen zu konzentrieren, und eine Umschulung in einen anderen kfm. Beruf anzustreben.

    War auch eine vom Arbeitsamt unabhängige Beratungsstelle.

    Muss wohl noch eine andere aufsuchen?

    In meinem Fall is die Behördenwillkür wirklich der Hammer.

    Am meisten ärgert mich übrigens die Definition »wieder ungelernt«, da ich im kfm. Bereich mithalf ein Campingunternehmen zu führen, die letzten 12 Jahre, aber dank Demenz‐ und Parkinsonerkrankung der Hauptgeschäftsführerin, meiner Mutter, leider kein Arbeitszeugnis nachweisen kann.

    Meine Miterben, und Mitgesellschafter, will ich da gar nicht erst erwähnen — dies kann ich auch vergessen, mal rein auf ein evtl. Arbeitszeugnis und die Ausstellung bezogen.

    Zielführend von der Trainingsmaßnahme war nur der Rat mit als »Selbständiger« zu verkaufen, und die haben bekanntlich kein vorweisbares Arbeitszeugnis, da man sich selbst keines ausstellen kann — naturgemäß bzw. logischer Weise.

    Tja, ein Personaldisponent der vielen Zeitarbeitsfirmen bei denen ich vorsprach gab mir zusätzlich den Extra‐Rat doch einfach trotzdem ein Arbeitszeugnis selbst auszustellen, denn ich hätte ja den Firmenstempel, und eine Unterschrift läßt sich fälschen

    Ein illegaler Rat, aber in meiner Verzweiflung ist sogar dies Sch... egal....

    DIr danke für den Rat, und auch noch ein schönes Wochenende.

    Gruß
    Bernie

    PS: Vielleicht bekomme ich ja am Dienstag das OK der hiesigen Großstadtverwaltung? Ich weiß es nicht, aber ich hoffe drauf ;)

  15. @ Dennis82
    Bezogen auf das »Warum wehrt sich keiner dagegen?«: Nun... Wer zu denen schon hingeht und ALG2 beantragt, der kann sich kaum wehren, weil wenn er in Großmutters Decke eingenäht ein paar Scheine hätte, denn würde er nicht zu denen gehen. Der hat also keine ernsthafte andere Wahl und ist da, sozusagen, in der Kneifzange. Soll nicht heißen, dass sich ein Bettler nicht über seine Hilfe beschweren darf, aber rein praktisch gesehen — er ist abhängig vom Gutdünken desjenigen, der ihm Almosen geben will.
    Das wäre dann das Business von anderen, die diese Reserven haben.
    Und die, die interessiert es nicht, und sie vergewissern sich, teilweise mit einem gewissen Hochtraben, dass sie so weit in der Leiter wohl doch nicht nach unten fallen werden — was an sich ein Trugschluss ist, denn das kann heutzutage jeden treffen.
    Aber — rede man von Psychologie...

  16. »[...]Deutschland hat sich rückentwickelt, soziale Aufgaben eines Staates eingestellt, der Gier und Rücksichtslosigkeit Tür und Tor geöffnet. Und für die, die man nackt in den Regen geschickt hat, warme Worte übrig hat, wie »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«[...]«

    @Alles nur Satire

    Nicht nur in dieser Hinsicht hat sich Deutschland »rückentwickelt« wie auch unsere »Außenpolitiker« bzw. »militärischen Rohstoffsicherer« beweisen, die kein Problem mehr mit faschistischen Putschisten, oder einem islamistisch‐dikatorischen Staatspräsidenten haben, wie das Beispiel Türkei dieser Tage eindrucksvoll bestätigt. Hauptsache die Rohstoffversorgung der angeblich freien, »demokratischen«, westlichen Welt ist gesichert.

    Hatten wir das nicht schon einmal?

    Ich will diesmal nicht A.H. strapazieren, denn diese Art der »Kanonenbootpolitik« ist wesentlich älter und geht noch auf Bismarcks Reichsgründung, mit Preußen als »dt. Leitwolf«, in .de — anno 1871 — zurück.

    Fazit:

    Auch hier eine Rückentwicklung — in der deutschen Außenpolitik und Militärdoktrin, dank »Untertanenmentalität« (Zitat: Mann »Der Untertan«) und Demokratiefeindlichkeit in .de — 2016.

    Trauriger Gruß
    Bernie

    PS: In einem Leitfaden für Arbeitslose einen schönen Begriff gefunden für unsere Regierungsparteien aus CDU/CSU/FDP/SPD/GRÜNEN — seit Einführung der Agenda2010 — »Hartz‐Parteien«.

    Ich finde, der sollte weite Verbreitung finden, incl. was er wirklich bedeutet, evtl. denken dann manche, sicher nicht alle in .de, um....Hartz-Parteien.....tolle Zustandsbeschreibung der Parteien in de.....

  17. @ Bernie
    Manchmal muss ich fragen »War es denn je anders?«.
    Irgendwie gewinne ich die Überzeugung, das ganze Imperiliamus‐Gebahren, auch der anderen Länder, es hat sich nie großartig gewandelt. Es hat sich nur, im Laufe der Zeit, stets andere Mittel einfallen lassen, um genau dies zu verdecken und seine Bürger davon abzulenken.

  18. @matrixmann

    Stimmt, eigentlich müßte man die gesamten ehemaligen Kolonialmächte an den Pranger stellen und nicht allein Deutschland — mal rein auf den Imperialismus bezogen.

    Übrigens was meinen Fall angeht, dass ich als »wieder ungelernt« gelte, da hat mir gestern eine mir persönlich bekannte Polin, und Pflegerin meiner demez‐und parkinsonkranken Mutter mitgeteilt, dass dies auch in ihrem Heimatland Polen so wäre.

    Mir schwante da gleich so ein Verdacht, steckt da gar die EU dahinter?

    Oder hat Deutschland der EU dies beigebracht als »Leitwolf in der EU«?

    Rembember: Griechenland und »Troika« bzw. Merkel....

    Gruß
    Bernie

  19. @matrixmann — ich habe ja auch nicht gefragt, warum sich keiner »wehrt«; das ist mir schon klar. ;) Besonders nicht bei den unmittelbar Betroffenen. Hartz IV ist mit seinen vielfältigen »Maßnahmen« (Eingliederungsvereinbarungen, Eurojobs, Bewerbungstrainings etc.) diesbzgl. ja schon die reine Menschendressur, innerhalb jener der freie Wille eines jedes Einzelnen gebrochen werden soll. Man ist an seiner Lage einzig und allein selbst schuld; wird zum unterwürfigen Bittsteller, der froh sein soll, dass er überhaupt Kohle zum Überleben bekommt.

    Ich »frage« mich ja eher, warum die große Masse keine Probleme damit hat? Ja, es im Gegenteil sogar begrüßt, dass hier Wirtschaft und Verwaltung mit der eisernen Knute auf (arme) Menschen eindreschen! Die Leute sehen weg — genau wie eh und je; auch in den düstersten Kapiteln der Menschheit... (Heuchlerische) Trauer und (oberflächliches) Mitgefühl hebt man sich dann für völlig fremde Personen aus dem gleichen »Kulturkreis« auf, die ggf. mal wieder bei einem »Terroranschlag«®™ ums Leben kommen... Aber auch nur deshalb, weil man sich vorstellt, man hätte ja selbst sterben können...

    @Bernie: Eines der wesentlichen Elemente von Hartz IV ist es ja gerade, dass deine individuelle Qualifikation bei dem, was man dir da »anbietet« keinerlei Rolle spielt. Genosse Schröder meinte ja, es gäbe »kein Recht auf Faulheit« mehr — und jede Arbeit sei zumutbar! Und wie blöken es die Schafe millionenfach nach? »Hauptsache Arbeit!« Willkommen im Kryptofaschismus der »Mitte«.

  20. Es gibt ca. 4 Mio Arbeitslose und ca. 1 Mio freie Arbeitsplätze — wie kann es dann für alle Arbeit geben ? Bei dieser Sachlage müssen zwangsläufig 3 Mio Menschen arbeitslos sein — ergo ist Arbeitslosigkeit ein grundlegender Bestandteil des Systems im Westen. Das ändert nichts daran, dass fehlende Arbeit auch depressiv und krank machen kann, aber niemand hat das Recht, deshalb auf Arbeitslose herabzuschauen.

  21. »[...] Das ändert nichts daran, dass fehlende Arbeit auch depressiv und krank machen kann, aber niemand hat das Recht, deshalb auf Arbeitslose herabzuschauen[...]«

    Bei aller Zustimmung, lieber Ralph, es ist nicht die »fehlende Arbeit« die depressiv und krank macht sondern die Flankierung der Arbeitsmarkt»reformen« mittels Vorurteilen gegenüber Kurz‐ und Langzeitarbeitslosen in .de.

    Ich weiß von was ich schreibe, da ich zuletzt fünf Wochen eine Trainingsmaßnahme, incl. Bewerbungstraining, der hiesigen Arbeitsagentur, als Kurzzeitarbeitsloser, besuchen durfte, und man dort beim Thema Lebenslauf und Anschreiben immer wieder hervorbrachte, dass man Arbeitslosigkeit, ebenso wie beim Vorstellungstermin, tunlichst kaschieren soll, wenn möglich, da es eben doch Vorurteile gegenüber.....

    Interessant, denn genau diese Vorurteile in Personaler‐ bzw. Geschäftsinhaberhirnen sind einstellungshemmend — dank Hartz‐Parteien im Bundestag, der Arbeitgeberverbände und den neoliberalen Medien.

    Einer meiner Lieblingsschauspieler, Sir Peter Ustinov hat mal ein schönes Buch über Vorurteile geschrieben, dass leider in Vergessenheit geraten ist. Die Vorurteile sind nämlich das Problem, und nicht die Arbeitslosigkeit, um es mal ganz konkret zu sagen bzw. eigentlich gehörten alle hinter schwedische Gardinen die Vorurteile, egal gegen welche Menschen, predigen....Ja, ich weiß, ein Wunschtraum, aber träumen darf man ja wohl noch. Oder?

    Lieber Gruß
    Bernie

    PS: Apropo »einstellungshemmend« — mal ganz zynisch angemerkt sollte man die Vorurteilsschürer nicht auf den berühmten »entgangenen Gewinn« verklagen? Ja ich weiß, auch ein Traum, denn Arbeitslose haben keine Lobby in .de — im Gegensatz zu Banken, die Milliarden in den Sand setzen, und dafür mit Boni belohnt werden.....verkehrte Welt eben....

  22. @ Bernie
    Wenn das in anderen Ländern auch der Fall ist, dann handelt sich dabei dann wohl um einen EU‐weiten Standard.

    Was ich aber noch sagen will: Bei dem »Arbeitslosigkeit kann krank machen« geht es weniger um die Arbeit als mehr darum eine regelmäßige Beschäftigung zu haben. Anforderungen an das Gehirn zu haben, damit es nicht verkümmert. Was meinst du warum so viele junge Leute außer zum Kaputtmachen von Sachen und Verkehrsschilder‐verbiegen zu nichts weiter zu bewegen sind...
    Da muss man aber auch wieder den Abstrich machen: Es gibt Leute, die sich auch selbst beschäftigen können. Oder die es lernen. Sind dann den ganzen Tag mit den Fahrrad unterwegs, oder verschlingen Bücher, holen sich regelmäßig jede Woche welche aus der Bücherei, ein anderer beschäftigt sich mit Kochen, mit seinem Garten, ein anderer wiederum hat allein schon damit genug zu tun, seine Wohnung ordentlich zu halten und er nimmt sich jeden Tag eine Ecke vor (besonders wenn man depressiv ist kann so etwas schwer fallen); noch andere warum haben Kinder und müssen eigentlich sagen »ich bin den Tag damit ausgelastet, einen Haushalt für vier Personen betreiben zu müssen«.
    »Zu tun zu haben« bedeutet da nicht immer automatisch, einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen. Denken viele nur gern. Aber um den Aspekt geht es dabei.

    @ Dennis82
    Ich sage es mal so: Ideologische Bearbeitung spielt da schon mit hinein. Aber noch einiges anderes.
    Ich würde mal annehmen, die allgemeine Frage »Was hält einen in einem Hamsterrad?«, ganz egal welche Form von Hamsterrad auch immer, könnte da mehr Aufschluss geben. (Allgemeine Psychologie.)

    @ Ralph
    Ist in etwa die Rede, mit der ich solchen Situation von wegen »mach doch was aus dir!« kontere. Es gibt schon jetzt nicht genug Arbeitsplätze für alle und jedes Jahr kommen ein paar neue Idioten mit Schulabschlüssen hinzu, die auch welche haben wollen. Die Rechnung geht irgendwo nicht auf.
    Bisher konnte mir da noch keiner ein schlüssiges Gegenargument liefern.

  23. Ich bezeichne mich nur noch als Freizeitler.
    Mein Ziel ist die kollektive Arbeitslosigkeit.
    Ich sehe mich dabei in der Tradition vieler Philosophen.
    Zu arbeiten ist schmutzig, unehrenhaft und eines mündigen Menschen unwürdig.
    Musik, Rhetorik, Sport und Kunst sind die Dinge, mit denen ich mich vorzugsweise beschäftige.
    Macht mit.

  24. @matrixmann: Ich würde mal annehmen, die allgemeine Frage »Was hält einen in einem Hamsterrad?«

    Ab einem gewissen Tempo: die Zentrifugalkraft. ;) Innerhalb dieses kranken Systems leider scheinbar in der Mehrzahl der Fälle ein perpetuum mobile... :(

  25. @ Dennis82
    Ich sehe es als einen psychischen Mechanismus, der — ob bei missbrauchenden Partnern, Eltern, oder anderen zerstörerischen Strukturen, denen man sich freiwillig nicht entzieht oder gar freiwillig zu ihnen zurückgekrochen kommt — Menschen im Denken inbegriffen ist. All die genannten Beispiele, so unterschiedlich sind sie gar nicht mal, wenn man die grundlegende Struktur dahinter anschaut. Und ebenso schwierig wie jemanden aus diesen persönlichen Teufelskreisen herauszubekommen, so schwierig würde ich das sehen, jemanden aus diesem Kreislauf des Wegschauens herauszuholen. Jeder hat seine mehr oder weniger ausgeprägten individuellen Gründe dafür, warum darin gefangen ist. Nur, in diesem Fall, muss man »die Behandlung« aus dem Individuellen heraus irgendwie auf das kollektive Level heben, ohne dabei den einzelnen Protagonisten Unrecht zu tun.

  26. @matrixmann — natürlich; das Stockholm‐Syndrom passt wunderbar auf das klassische Lohnarbeitsverhältnis. Insgesamt bleibt am Ende die Feststellung, dass Menschen, die von kleinauf abgerichtet wurden, so zu funktionieren — sich niemals mehr ändern werden! Wir verlangen von den Leuten ja im Grunde nichts anderes, als sich einzugestehen, sich quasi das ganze Leben über in ganz wesentliche Fragen geirrt zu haben. Das Leben an Lohnarbeit und Statussymbole vergeudet zu haben. Wem bewusst wird, dass er das ganze Leben nur verarscht wurde, wird dies mit aller Macht verdrängen...!

    Kleine Anekdote von heute früh; vorm Supermarkt trafen sich zwei ältere Männer und eine ältere Frau; quasi die »Helden der Lohnarbeit« vergangener Tage:

    Rentner: »Oh, jetzt honn ihr ja e Baustelle vor de Dier?«
    Anwohner: »Jo, soll so 5 bis 6 Wochen daure.«
    Sie: »Achwas, des dauert viel länger. Die arweidde do jo nur bis 16 Uhr.«
    Anwohner: »Ja, iss’e Witz. Wenn ich iwwerleech, ich hab früher g’schafft von moins um 8 bis Owends um 6.«
    Rentner: »Ich ach; teilweise bin ich erst um 7 Uhr Owends häämkomm. Die Leit schaffe heit jo nix mehr...«

    Ich hab dann als ich mit dem Rad von dannen fuhr vernehmbar »frieher war alles besser; die guud, ald Zeit« gemurmelt. Dass sie nicht noch vom Reichsarbeitsdienst geschwärmt hatten, war grade alles. So einfach ist es aber: Diese Generation hat sich intensiv ausbeuten lassen — und findet, (grade) der heutigen ginge es da nennenswert besser. Und das ist ja das Grundprinzip: Niemand gönnt dem anderen, weniger schuften zu müssen als man selbst; siehe z. B. auch den klassischen Neid auf »die Beamten« — man will nicht etwa weniger; nö, der Beamte soll gefälligst mehr...

  27. @ Dennis82
    »Ausbeuten lassen« lasse ich da mal in Anführungszeichen stehen.
    In der Nachkriegszeit hatte man praktisch etwas davon, wenn man sich den Arsch aufgerissen hat — das Land musste ja wieder aufgebaut werden, wer sollte das sonst tun? Wenn dort wie verrückt Häuserkomplexe (wieder auf-)gebaut wurden und die Infrastruktur von Kriegs‐ auf Normalzustand wieder hergerichtet wurde, hatte man selbst irgendwann was davon — sei es, dass man in eine andere, bessere Wohnung ziehen konnte oder das die Essenssituation wieder besser wurde. Vom Praktischen her meine ich das.
    Heutzutage funktioniert das nicht mehr und es lohnt sich auch nicht mehr, weil man faktisch erst etwas einreißen muss, nur um da etwas neues wieder hinstellen zu können.
    Recht einfach gestrickte Leute sind da ein bisschen dumm, um das zu erkennen oder gar »zu wissen«...

    Stockholm‐Syndrom — ich weiß nicht, ob man es so nennen muss.
    Mir ist selbst bekannt wie sehr sich Leute dagegen wehren, wenn man ihnen ihr Weltbild wegnehmen will. Wenn man ihnen ihr Weltbild einreißt, auf dass sie sich vorher verlassen haben und an dessen Richtigkeit sie geglaubt haben. Auch wenn es auf falschen Tatsachen beruht.
    Anders wird es dort sein bei Leuten, die schon vorher ihre Zweifel haben und dann durch bestimmte Ereignisse und Erlebnisse darin bestärkt werden.
    Ich würde nicht sagen, es ist völlig nicht mehr änderbar — aber dafür muss eine Menge passieren, dass sich daran etwas ändert.
    Leute erleben das einzeln und gehen dann zur Psychotherapie, lernen, dass vieles, auf dem sie ihr Leben aufgebaut haben, Schall und Rauch ist. Das erleben sie aber einzeln, nicht als Kollektiv. Zudem noch biografiebezogen. Zahlreiche andere Leute geraten nie in die Position, dass dies einmal für sie erforderlich wird.
    Es fehlt dabei die Komponente, dass solche Irrungen auch als etwas politisches empfunden werden. Bezogen auf den Lebensstil, dass es etwas ist, was viele andere auch in einer ähnlichen Art und Weise durchmachen.
    Bei ResistantX kam diese Komponente mit hinein, er hat dort auch schon gesamtgesellschaftliche Ansätze gehabt, die für einige Jahre dann, wenn auch nur ein szenemäßger, Konsens blieben, Auvinen aus Finnland hatte das auch mit inbegriffen, auch wenn er mehr sozialdarwinistische Ansichten vertrat. Deswegen funktionierte dies, das zu einem kollektiven Erlebnis zu machen — es lag auf dem Tisch, dass es nicht nur die Schulen sind, sondern eine höhergeordnete Hierarchie, die diese Lebensumgebung so aussehen lässt. Nach Winnenden war das aus der Sache aber wieder heraus; über den Täter hat man nie viel persönliches erfahren und politisch schien dabei nie etwas von seiner Seite aus mit dabei gewesen zu sein. Das blieb »ein kleiner Abgedrehter«, den niemand verstehen konnte, darum können sich auch nur ebenso »kleine Abgedrehte« damit identifizieren, aber eine größere Botschaft bleibt aus.
    Und Breivik saß auf einem Pferd, dass gesamtgesellschaftlich keinen großen Anklang fand, gerade weil davon einiges als wissenschaftlich hirnrissig im allgemeinen Konsens gilt. (Ich rede mal jetzt außerhalb von den Szenen, die sich davon angesprochen fühlen und die diese Ansichten eh schon hegen.)
    Deswegen musste darauf mehr oder minder herumgetrampelt werden, um zu verhindern, dass sich genügend Leute im Kopf sagen »der hat recht« und dass sie das gleiche tun wie einer von denen mit nicht abwegigen politischen Komponenten oder einen anderen Weg suchen, um das politisch geltend zu machen, was dort schon vorzufinden war.

  28. Naja, ich meine, die Zeit des »Wiederaufbaus« ist in meinen Augen nicht minder ideologisch verklärt als die Zeitspanne davor...! Da wird ja auch immer geflissentlich vergessen, dass jenes Volk in großen Teilen auch alles dafür tat, dass das Land in Schutt und Asche gelegt wurde. Und hinterher jammern...!? »Wir haben doch von nichts gewusst, wir waren alle im Widerstand!« — Jaaaa, klar...!

    Am »Wiederaufbau« (vor allem der Infrastruktur) verdienten sicher auch zu großen Teilen einige Wenige — grade in Krisenzeiten feiert die Ausbeutung ja fröhlichste Urständ! Und der Rest, der sein Haus ggf. in Eigenleistung wieder hochgezogen hat, tat dies ja ausdrücklich nicht im Rahmen der Lohnarbeit. Aber diese »Arbeit« ist ja auch heutzutage nichts wert — weil kein anderer daran verdienen darf; das wird dann eher gar in die Schwarzarbeit eingeordnet.

    Grade aus der »goldenen« Rentner‐Generation begegnet mir auch sehr oft die Behauptung, in diesem Land sei niemand arm. Nur, weil jene eben eine andere(!) Form von Armut erlebt haben...!

    Heute gäbe es angesichts der miserablen und weitgehend privatisierten Infrastruktur sehr wohl sehr viel »wiederaufzubauen«, grade auch im gemeinschaftlichen, sozialen Bereich — ohne dafür erstmal was abreißen zu müssen. Vor allem aber auch wäre es an der Zeit, grade zwischenmenschlich wieder das aufzubauen, was die neoliberale Ideologie eben durch permanente Vergiftung in eine übel stinkende Kloake verwandelt hat.

    Zum Rest ggf. später! Ich weiß nicht, ob sich dein Nick auf die Matrix‐Trilogie bezieht — aber darin wird das Prinzip ja an und für sich gut dargestellt. ;) Die »Matrix« unserer Zeit ist eben das »Erwerbsleben«.

  29. @ Dennis82

    Ich meinte das ganz aus dem Praktischen heraus. Ein Fass darüber aufmachen über Schuld‐ und Nicht‐Schuld wollte ich dabei nicht.
    Was ich sagen wollte: Aus ihrer Position heraus mag das mit dem »tüchtig sein« sogar stimmen. Leider sind Menschen nun einmal aber auch so, dass sie vergessen, unter welchen Umständen konnte sie ihre Lebensleistungen erbringen. Gibt es die heute immer noch? Oder ist es nicht wesentlich schwerer, sich heute zu beweisen?
    Dafür muss man aber sogar nicht mal 70 werden, um das zu vergessen, das schaffen Leute mit der Hälfte des Alters auch ganz gut.

    Nein, der Name kam da nicht her. Der kam definitiv von was anderem. Weiter würde ich mich dazu aber nur unter vier Augen äußern (+ die zwei der Stasi), das macht man nicht in einer öffentlichen Kommentarspalte.

  30. Ein vorzügliches Beispiel, bei dem man erkennen, ja spüren kann, was man ist. Nämlich dass man nicht man selbst ist, sondern auch das ist, was durch einen durchgeht. Das Leidenschaftenregime bindet einen in den eröffneten Positionen. Die Ablösung ist mühsam, man durchstreift Angst und Losheit, wenn man Ernst macht. Das Alleinsein ist die erste Gestalt der Freiheit. Auf dem sogenannten Bodensatz der Gesellschaft geschieht offenbar wesentliches. Dies zu verkennen, ist die Norm. Eurotanic verweist auf die Philosophen. Das ist ein guter Verweis. Viel findet man dort, wenig davon noch an der heutigen Akademie.

  31. In der Erwerbsarbeit hat meine Arbeit nach der Arbeit begonnen: Schreiben, Musik machen und vermarkten, Veranstaltungen planen und durchführen, meiner schwerbehinderten Freundin durch den Alltag helfen — nichts davon hat laut neoliberaler Weltsicht einen Wert gehabt. Aber die paar Wortfetzen die ich tagsüber für werbende Kunden verfasst habe... und die Stunden und Aberstunden im Mief ... die waren wichtig.

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