Der Verlust des Mutes

mut_titelAls Mut bezeichnet man eine vermeintlich tapfere Handlung oder Entscheidung, die persönliche Gefahren oder Nachteile mit sich bringen kann. Der Mutige schreitet voran, stellt sich seinen Ängsten sowie den äußeren Widerständen und geht ein oft unberechenbares Risiko ein. Der Held durchbricht den lähmenden Ist‐Zustand und will eine Verbesserung nicht nur für sich, sondern für viele Menschen erreichen. Es ist nicht primär sein Ziel berühmt zu werden, sondern vor allem eine positive Veränderung herbei zu führen. In der Menschheitsgeschichte seien hier exemplarisch Nelson Mandela, Gandhi, Martin Luther King, Che Guevara oder Edward Snowden genannt. Heute gilt jemand als wagemutig, wer sich gut inszenieren kann, wer seine Individualität und Authentizität zu den Anforderungen von Unternehmen verbiegen lässt und wer bequem auf seiner Couch einen digitalen Shitstorm startet. In meinen Augen ist das alles nicht mutig, sondern feige.

Tapfere Politik
Politiker und Abgeordnete haben Angst vor der eigenen Bevölkerung. Sie lassen sich in Nebenstraßen, abseits des Demonstrationszuges, ablichten und verstecken sich bei Gipfeln oder öffentlichen Auftritten hinter einem Heer von Sicherheitsbeamten. Die Bevölkerung soll zudem –Stichwort Vorratsdatenspeicherung und Pkw Maut‐ vollständig überwacht werden. Sie lassen sich von der Finanzmarktindustrie, von Konzernen, Banken, Geheimdiensten, der USA und von Super‐Reichen diktieren und vorschreiben, welche Gesetze sie beschließen dürfen und welche sie verhindern müssen. Ja schlimmer noch: sie sorgen seit Jahren dafür, dass es 99 Prozent der Bevölkerung finanziell immer schlechter geht, damit die ohnehin schon stinkreichen Vermögenden, noch ein bisschen mehr haben können. Kaum einer in der Regierungskoalition muckt hier auf. Ob sie alle erpresst, bezahlt oder bedroht werden, sei mal dahingestellt – fest steht, es gibt in der heutigen Zeit kaum noch einen Politiker in der Regierung, der einmal den Mumm hat, dem Mainstream laut zu widersprechen.

»Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.«

- Immanuel Kant

Kühne Medien
Unsere bürgerlichen Massenmedien und insbesondere das Heer der bezahlten sog. professionellen Journalisten, sind zum großen Teil ein ängstlicher und opportunistischer Haufen. Sicher, auch sie sind Opfer der überall um sich greifenden Kürzungs‐ und Sparpolitik (auch hier: damit die Vermögenden am Ende der Kette noch ein bisschen mehr haben), des katastrophalen Zustandes des Arbeitsmarktes, sie müssen in kürzerer Zeit noch mehr abliefern, haben Angst ihren Job zu verlieren, (sofern sie nicht auf Linie sind) und befinden sich in starker ökonomischer Abhängigkeit von ihren Geldgebern und Anzeigenkunden. Dennoch: seit Ihr alle auf die Journalistenschulen gegangen und habt eure Volontariate gemeistert, um euch später primär als Maulhuren von Staats‐, Banken‐ und Konzerninteressen zu verdingen? Wo bleibt euer Ideal von der »vierten Gewalt«? Davon, die Wahrheit zu suchen? Aufklärung zu betreiben? Zwischen Politik, Wirtschaft und Bevölkerung sachlich, objektiv und möglichst neutral zu vermitteln?

Und dann gibt es Menschen wie...

  1. Edward Snowden, der uns über die weltweite NSA‐Überwachung aufgeklärt hat und nun von den USA gejagt wird.
  2. Christian Ströbele der auf dem Parteitag der Grünen, im Jahre 2001, als einer der wenigen prominenten Grünen öffentlich gegen den Afghanistan Einsatz der Bundeswehr gestimmt hat.
  3. Antoine Deltour, der #LuxLeaks Informant, der uns nochmal verdeutlicht hat, dass die Konzerne keinen Cent Steuern bezahlen. Ihm drohen nun fünf bis zehn Jahre Haft.
  4. Die fast 20.000 Menschen, die anlässlich der EZB‐Eröffnung in Frankfurt am 18. März 2015, mit ihrem Blockupy‐Protest auf die Straße gegangen sind, um auf die internationale Finanz‐ und Bankenmafia aufmerksam zu machen.
  5. Julian Assange, der via Wikileaks über illegale und menschenrechtwidrige Methoden der US‐Armee in Afghanistan und dem Irak berichtet hat und nun Zuflucht in der Botschaft von Ecuador in London finden musste.

...die alle von unseren LeiDmedien, nicht als wackere Menschen bezeichnet, sondern als Querulanten diffamiert werden. Tapferkeit wird nicht belohnt, sondern bestraft. Die subversive Botschaft lautet: »Mut lohnt sich nicht. Bleibt auf eurem Sofa und lasst euch von eurem smartphone verblödspaßen.«

Beherzte Bevölkerung
Deutschland ist eine Nation voller devoter und gehorsamer Arbeitsdronen. Chefs können allerlei Marotten ausleben, ihre Mitarbeiter mobben, schikanieren und drangsalieren, ohne eine Konsequenz fürchten zu müssen. In der Regel dauert es sehr lange, bevor ein Lohnarbeiter die Courage hat, einen Anwalt, das Arbeitsgericht, eine Gewerkschaft, den Betriebsrat oder die Öffentlichkeit zu informieren. Wenn überhaupt. Und obwohl in Deutschland der Niedrig‐Lohnsektor explodiert ist, Leiharbeit, Lohndumping und prekäre Beschäftigungsverhältnisse zunehmend den Arbeitsmarkt dominieren, streiken die Deutschen im europäischen und internationalen Vergleich nur erschreckend wenig. Selbst in Spanien, Kanada und Norwegen wird deutlich mehr gestreikt. In der Wissenschaft spricht man bei der deutschen Mentalität nicht zufällig von der »Untertanenkultur« und davon, dass der Nationalsozialismus unter Hitler vor allem auch deshalb möglich war, weil die Deutschen so duckmäuserisch und masochistisch veranlagt sind.

»Unser größter Ruhm ist nicht, niemals zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen.«

- Nelson Mandela

Haben Jugendliche in Bus und Bahn laute Musik an, wagt es kaum jemand, den Rotzlöffeln zu sagen, sie sollen gefälligst Rücksicht auf die anderen Fahrgäste nehmen. Gleiches gilt bei lauten Nachbarn in Mietwohnungen. Wie in Schockstarre, und paralysiert durch RTL‐ und BILD‐Berichte über vermeintlich messerstechende Jugendliche, traut sich keiner mehr seinen Mund auf zu machen. Auch in vielen Familien gärt und rumort es gewaltig. Aber weil man die bigotte Zwangsharmonie um jeden Preis aufrecht erhalten will und weil man Angst vor den möglichen Konsequenzen hat, spricht niemand Tacheles. Die Folge sind nicht selten völlig verkorkste Familienverhältnisse. Zudem gibt es in der Universität, in der Ausbildung oder auf dem Arbeitsplatz immer weniger Widerworte, Kritik oder eigenes Denken.

Und je stärker die eigene Anpassung und Unterwerfung gepflegt und kultiviert wird, desto größer ist unsere tiefe Sehnsucht nach Menschen, die noch den Mut aufbringen, ihren wirklich eigenen Weg zu gehen.

10 Gedanken zu “Der Verlust des Mutes

  1. @Sol Roth
    toller Spruch (Ironie off). Es würde schon reichen, wenn die Leute die Verantwortung für das Übernehmen würden, was sie tun. Zum größten Teil sind die anderen Schuld. (Beispiel: Eltern — Lehrer).
    Jeden Tag nur ein bischen mehr Bereitschaft zum Dialog würde schon helfen, aber solange diese Mentalität, wie oben beschrieben, vorherrscht, solange ändert sich auch nichts, hinterher sind die sowieso die anderen Schuld.

    Hades

  2. Darf ich »Tapferkeit« verschlagen? Und meine nicht ihre missbräuchliche militärische Begriffsklitterung, sondern
    die Selbstüberwindung, auch in mulmigen Situationen
    entgegen dem besch … Bauchgefühl zu tun und zu sagen,
    was man vor sich selbst und seinem Gewissen MUSS.
    Luthers »Hier stehe ich und kann nicht anders …«

  3. Pingback: Nur Mut |

  4. »Ob sie alle erpresst, bezahlt oder bedroht werden, sei mal dahingestellt...«
    Ich glaube, nichts davon geschieht direkt, aber alles trifft indirekt zu, durch den gemeinsamen Nenner der Aufzählung: Die Angst, das bisschen vom vermeintlich erreichten zu verlieren sowie vielleicht das — mit Sicherheit unbegründete — Gefühl, man hätte mehr Bedeutung als nur die einer Marionette. Beides motiviert zur Selbstverleugnung und beides ist falsch, aber dahinter kommt nur, wer — so oder so, durch Einsicht oder Fall — ein Augenblick der Erkenntnis erlebt. Und viele nicht einmal dann...

    »... dass der Nationalsozialismus unter Hitler vor allem auch deshalb möglich war, weil die Deutschen so duckmäuserisch und masochistisch veranlagt sind.«
    Das ist ein Fazit, das ich schon längst gezogen habe. Schön zu lesen, daß ich wie Wissenschaftler zu denken vermag... :)

    Es gefällt mir bei Euch. Wirklich beeindruckt war ich von dem, was — vor allem dem »wie« — Ihr in »Über uns«, über Euch geschrieben habt :) Einiges was dort steht, könnte ich genau so über mich schreiben. Das ist ein Gefühl, für das ich Euch Danke sagen möchte.
    Ich werde auf jeden Fall wieder kommen, fortan aber direkt, nicht mehr über »Politik-im-spiegel.de« wie dieses mal.

  5. Bravo! Ein ansehnliche Zusammenstellung an Vorkommnissen!
    Der Mut fehlt heute oft. Wofür auch mutig sein? Hatte Kant noch eine Perspektive, die den Mut anreizte sich zu zeigen, so fehlt sie uns heute weitgehend. Nebst der allgemeinen Auslaugung und Zersetzung durch den Rückfall in die neue Wildnis auf einem entsprechenden Markt (Waren‐, Arbeits‐, Beziehungs‐), in dem man mit Knüppeln auf einander loszugehen hat, damit das allgemeine Wohl sich einstelle, fehlen uns die Perspektiven des Mutes. Jede Zeit, so scheint es, stellt sich eine Tugend in den Vordergrund. Der Mut ist es heute nicht. Er kommt in Randverzweigungen zum Vorschein: bei exotischen sportlichen Tätigkeiten, beim Comupterspielen, im Verkehr, beim Aktien‐ oder Warenkauf. Was reizte den Mut sonst an? Eine gerechte Welt? Dafür ist er ohne zweifellos nötig. Aber was ist an einer gerechteren Welt weniger sinnlos als an einer ungerechten? Kann man das heute anders beantworten, als damit, dass halt jeder es halten solle, wie es ihm in seinem Kopf sich erbaue, wobei er zum Großteil nicht einmal etwas daran mitzuwirken hat. Halte es, wie du willst, weil du musst!
    Nun steht man, anderes gesehen, einer Übermacht an Mut neutralisierenden Mechanismen gegenüber. Die Anordnung, in der wir leben, ist gewissermaen antimutig. Wie in einem Spiegelkabinett erfährt ein jedes Aufflackern an Mut eine massive Antwort der Neutralisierung. Politische Mut beweisen? Dann taucht das Neutralisierungsregime in voller Gestalt auf, Medien, Institutionen, Rechtsanwälte. Man schaue nur auf Tsipras. Er hätte sich wohl selbst nicht träumen lassen, dass er einmal zu einem braven konservativen Sozialdemokraten wird, und das binnen weniger Monate. Das war es dort mit dem Mut. Snowden und Assange leben an der Schwelle zum Kerker, ihr Kollege aus der US‐Armee sitzt schon ein. Du bist im Unternehmen mutig und sagst Dinge mit Betreff Arbeitspausen, Arbeitsüberlastung, Mobbing, fehlender Urlaub, fehlende Überstundenbezahlung, schickanierender Abteilungsvorgesetzer, alles nicht nur bei dir, sondern bei der ganzen Belegschaft? Dann wird sich auch dort in der Regel das antimutige Regime zeigen. Und wenn du Pech hast, wirst du vor dem Büro des Chefs warten und gelangweilt eine unternehmensbroschüre durchblättern, in der Mut auf dem Markt beworben wird.
    Du willst Ruhe im Bus? Hast du Pech und es sitzen zu viele Gutmenschen darin, dann wirst du der Buhmann sein. Dein Mut wird dir abgeschreckt: sei tolerant, lass die anderen Leute in Ruhe, sei nicht so pingelig.

  6. @flavo

    Nun steht man, anderes gesehen, einer Übermacht an Mut neutralisierenden Mechanismen gegenüber. Die Anordnung, in der wir leben, ist gewissermaßen antimutig. Wie in einem Spiegelkabinett erfährt ein jedes Aufflackern an Mut eine massive Antwort der Neutralisierung.

    Hätte ich nicht besser schreiben können.

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