Neulich Zuhause

Nachbarn

© epikur

epikur: Hallo Herr XY, es ist 2:00 Uhr in der Nacht und ich kann wegen ihrer lauten Musik nicht schlafen! Könnten Sie sie bitte ausmachen oder zumindest leiser stellen?

Nachbar:
(gereizt) Die ist doch schon total leise! Außerdem ist Wochenende! Und wenn Sie sich unbedingt beschweren wollen, dann sagen Sie mal was zu den Leuten, die nachts ihren Müll so laut wegwerfen. Das hört man im ganzen Haus!

epikur: Ich muss morgen früh um 5:00 Uhr aufstehen und arbeiten gehen, also in drei Stunden. Davon abgesehen gibt es eine gesetzliche Nachtruhe von 22:00 bis 7:00 Uhr. Auch am Wochenende. Sie können gerne tagsüber ihre Musik aufdrehen, aber bitte nicht in der Nacht. Ich höre Ihre Musik in meiner Wohnung laut und deutlich. Könnten Sie sie jetzt bitte leiser stellen oder ausmachen, damit ich schlafen kann?

Nachbar:
Die Musik ist nicht zu laut! Rufen Sie doch die Polizei. Ist mir doch egal! (knallt die Tür zu.)

epikur: (Wieder in der eigenen Wohnung. Laute Musikgeräusche: bumm bumm…itzn itzn. In Gedanken.) Ok. Ich versuch es zunächst mit Ohrstöpsel. Man muss den Konflikt ja nicht gleich eskalieren lassen. Vielleicht geht es auch so. Shit, ich höre immer noch alles und kann nicht einschlafen. Die Wände und Decken sind wohl nicht schalldicht und der Nachbar oben dreht wieder voll auf. Also ein zweiter Versuch. Man kann ja über alles reden, denke ich mir.

Nachbar:
(beschallt mit seiner Musik das ganze Haus. Macht die Wohnungstür auch nach mehrmaligen Klingeln und Klopfen nicht auf.)

epikur: (ruft die Polizei an. Am Telefon.) Guten Abend, ich möchte gerne eine Ruhestörung melden (Daten werden durchgegeben). Ich war auch schon zweimal beim Nachbarn und habe versucht, mit ihm zu reden. Aber er macht die Tür nicht mehr auf und die Musik nicht leiser.

Polizist:
(am Telefon) Wir schicken jemanden vorbei. Bitte sorgen Sie dafür, dass unsere Kollegen ins Haus kommen. (legt auf)

epikur: (wartet ab. 20 Minuten später taucht ein Einsatzwagen der Polizei auf. Eine Polizistin und ein Polizist werden von mir durch die Sprechanlage in das Haus gelassen.)

Polizei:
(klopft und klingelt beim Nachbarn.)

Nachbar: (dreht die Musik noch lauter. Denkt wohl, ich wäre es.)

Polizei: (klopft und klingelt stärker und betont, dass die Polizei vor der Tür steht.)

Nachbar:
(macht die Tür auf und die Musik aus.)

Polizei: Uns liegt eine Meldung über eine Ruhestörung vor. Es ist fast 3:00 Uhr nachts. Bitte machen Sie die Musik sofort aus. Es gibt Leute die früh aufstehen und arbeiten müssen.

Nachbar:
Ok. Ich mach sie ein wenig leiser.

Polizei: (bestimmt) Sie machen die Musik jetzt aus! Es herrscht von 22:00 bis 7:00 Uhr Nachtruhe. Auch am Wochenende. Sollten wir gezwungen sein, heute nochmal bei Ihnen zu erscheinen, nehmen wir Ihre Musikanlage mit und es droht ein Bußgeld.

Nachbar: (mit leiser Stimme.) Ok.

Polizei: (trabt ab und wartet vor dem Haus noch einen Moment.)

Nachbar:
(Musik bleibt aus. Schimpft noch einige Minuten laut vor sich hin.)

epikur: (schläft endlich ein.)

So oder so ähnlich habe ich es jetzt schon mehrmals in den vergangenen Jahren mit verschiedenen Nachbarn in unterschiedlichen Wohnungen erlebt. Es ist traurig aber wahr: die meisten reagieren erst, wenn die Polizei vor der Tür steht. Da kann man noch so diplomatisch oder nett sein. Leider trauen sich scheinbar viele Nachbarn nicht, diese zu rufen. Und ja, ich habe früher auch mal Party gemacht und habe auch nichts dagegen, wenn das mal vorkommt und man seine Nachbarn darüber informiert, dass beispielsweise ein Geburtstag gefeiert wird. Aber ich habe etwas gegen regelmäßige Ignoranz und Egoismus.

Das Argument, ich sei ja der Einzige, der sich beschweren würde, während man in der späten Nacht die Musik meilenweit hören kann, kam übrigens schon öfters. Aber nur, weil die anderen Mieter zu feige sind, etwas zu sagen, heißt das eben nicht, dass die Ganz‐Haus‐Beschallung niemand hören würde. So gibt man diesen Assis nur die Narrenfreiheit, auf die sie sich berufen. Die Angst vor Konflikten mit Menschen, für die Rücksicht und Verständnis ein Fremdwort ist, sollte man nicht kultivieren, sondern überwinden.

7 Gedanken zu “Neulich Zuhause

  1. Und was ist mit den Alarmanlagen in Pkws und Geschäften,
    die mitten in der Nacht losgehen? Weil vielleicht ein Fluginsekt
    oder ein Kriechstrom den Alarm ausgelöst haben? Und weit
    und breit niemand dafür Verantwortlicher in Reichweite?
    Wahrscheinlich hat Geräuschdisziplin ihren historischen
    Tiefstand erreicht (und ich meine nicht Kinder‐ oder Liebes‐
    paarlautäußerungen; das ist Leben!). Aber spätestens das
    Grölen Besoffener oder lautstarke Beschimpfungen auf offener
    Straße knapp nach Mitternacht gehört schon dazu. Und wenn man
    krankheitsbedingt einen mehr als leichten Schlaf hat, kann man im Prinzip gleich aufstehen und Kaffee trinken ;)

  2. »[...]Die Angst vor Konflikten mit Menschen, für die Rücksicht und Verständnis ein Fremdwort ist, sollte man nicht kultivieren, sondern überwinden[...]«

    Hast völlig recht, aber manchmal kostet es eben Überwindung bis man sich dazu aufrafft die Polizei zu rufen, und man wird — bei den heutigen Befindlichkeiten mancher Menschen (in meinem Fall »Gäste«) auch anders.

    Früher dachte ich nie, dass ich mal die Polizei rufe, oder gar rabiat auftrete, aber seitdem ich quasi selbständig, und alleine, einen kleinen Campingplatz führe (ich schilderte es hier bereits im Blog warum), und nebenher noch »Altenpfleger« für meine Pflegedürftige bzw. an Diabetes und Parkinson leidende Mutter bin, habe ich mich schon einige Male überwunden und die Polizei gerufen bzw. Gäste vom Platz verwiesen, die sich unmöglich verhielten, weil die dachten die sind alleine auf dem Campingplatz....Ruhestörung war hier noch das geringste Übel.....es gab schon Einbrüche und Ehestreitigkeiten hier....auf unserem kleinen Platz....und es macht bald echt keinen Spaß mehr so einen zu betreiben (aber das ist ein anderes Thema).....

    Gruß
    Bernie

    PS: Es gibt auch Ärger mit Hunden, und deren Hinterlassenschaften, — Manche hören eben nicht.....und die verweise ich selbst vom Platz....

  3. Tja, was soll ich sagen? Wenn man massenweise Leuten begegnet, die vor sich hinbrabbeln (früher wäre das ein Psychose‐Indiz gewesen, aber heute tragen sie Earphones …); wenn Einsatzfahrzeuge von Polizei und Feuerwehr so laut sind, das man
    an den Rand eines Knalltraumas gerät: Herrgott, die Buddhisten kennen eine Lärmhölle – und eine Gestankshölle, die ganz nebenbei auch entsteht (Hundehinterlassenschaften, Alkoholfahnen und jede Fahrt mit ÖPNV, die einen an den Rand
    des Brechreizes bringt) – na gut, ich bin psychisch krank …)

  4. Natürlich sollte man nicht ständig in der Nacht Lärm machen , welcher Art auch immer , in so manchem Haus ist es wohl wirklich so , daß Lärm auch als Macht mißbraucht wird.
    Der sehr viel häufigere Fall ist aber wohl der , daß Leute quasi mit dem Hörrohr an der Wand lauschen , bis sie endlich eine Gelegenheit erhalten , sich über den Nachbarn beschweren zu können (was ich an dieser Stelle keinesfalls unterstelle).

    Mindestens am Wochenende muß schonmal was möglich sein (die hier vorliegende Situation kann ich nicht beurteilen) , der Anspruch auf Friedhofsruhe ist genauso eine Belästigung wie bewußter Lärmterror.

    Daß Leute zunehmend allergisch reagieren auf Beschwerden wegen Ruhestörung , hat sehr viel mit diesen ganzen Beschwerdehanseln zu tun , die offenbar glauben , die Polizei sei zu ihrem privaten Feldzug gegen das Leben an sich geschaffen , Leute , sie sich übrigens niemals gegen tatsächlich gefährliche Lärmquellen auflehnen , wie etwa Straßenlärm .

  5. Ja, mit guten Worten erreicht man in dieser Gesellschaft in der Regel gar nix mehr. Auch bei eindeutigen zivilrechtlichen Streitigkeiten reicht ja nach vielen vergeblichen, guten, sachlichen Worten nicht mal die finale Androhung, den teuren Anwalt zu konsultieren, um ein Einlenken zu bewirken. Erst ein derartiger Briefkopf (oder gleich vom Gericht) führt weiter!

    Die Story ist auch ein kleines, aber bedeutendes Argument gegen Jene, für die der böse »Staat« ja grundsätzlich abgeschafft gehört...! Ohne die Zuhilfenahme der Polizei bliebe in dem Falle wohl nur, dem Störenfried halt ein paar auf’s Maul zu hauen (wenn man zufällig in einer höhren Gewichtsklasse heimisch oder ausgebildeter Kampfsportler ist) — und seine Anlage aus dem Fenster zu schmeißen...!? Falls man nur ein schmales Hemd ohne ausreichend personelle Unterstützung ist, bleibt dann in der staatenlosen, freien Gesellschaft nur die schlaflose Nacht...!? ;)

  6. Das die Musik nicht leiser gemacht werden muss, nur weil man der einzige ist, den der Lärm stört ist doch überhaupt kein Argument. Ich werde wirklich nie verstehen, was daran so schwierig zu begreifen ist, wenn jemand um Ruhe bittet, weil er schlafen möchte, egal aus welchem Grund. Wahrscheinlich fühlen sich die Leute ertappt und aus schuldbewusstem Trotz muss dann die Musik lauter gestellt werden. Gott sei Dank waren meine Nachbarn bisher immer gnädig, wenn ich um Ruhe gebeten habe. :JAJA:

  7. Pingback: Der Verlust des Mutes | ZG Blog

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