Neusprech: Sozialkompetenz

ZG-Artikel: Neusprech HeuteIn der Wirtschaft definiert sich die soziale Kompetenz über folgende Charaktereigenschaften: Team-, Konflikt-, Kommunikations-, Kompromiss- und Kritikfähigkeit. Die Bereiche der Pädagogik und der Psychologie gehen jedoch weiter und umfassen hierbei auch Empathie, rücksichts- und respektvolles Verhalten, ethische Wertvorstellungen, Solidarität und Toleranz. Die Definition des Schlagwortes ist hierbei schwammig und nicht eindeutig festgelegt, da der Begriff viele gesellschaftliche Bereiche des zwischenmenschlichen Miteinanders umfasst.

Die Sozialkompetenz ist im Zeitalter des Wirtschafts-, Marketings- und Werbesprechs, ein geflügeltes, positiv aufgeladenes Wort. Es verlangt von jedem spezifische Kenntnisse, Fertig- und Fähigkeiten. Zudem will der Begriff das Schlagwort »sozial« neu definieren und fordert von allen Mitarbeitern im Unternehmen eine entsprechende Anpassung an die vorgegebene Verhaltensnorm. Wer sich an die Regeln hält, gilt als teamfähig und kollegiale Persönlichkeit. Individualität, Authentizität sowie die Kreativität der Mitarbeiter werden nur insofern akzeptiert und toleriert, wie sie der jeweiligen Anforderung an die sogenannten Soft Skills entsprechen. Menschen sollen so primär wirtschafts- und unternehmenskonform erzogen werden.

Als Gegenteil von sozialer Kompetenz wird in Politik und Wirtschaft oft und gerne der Begriff »sozial schwache Schichten« verwendet. Hierbei wird den Betroffenen vor allem unterstellt, wenig finanzielle Ressourcen erzeugen automatisch ein mangelhaftes soziales Verhalten. Dabei sind es auch und gerade die Vermögenden, die in den letzten Jahren durch Steuerhinterziehung, Banken-Skandale, Wirtschaftskriminalität, Umweltverschmutzung, Korruption, unfaire Arbeitsbedingungen und so weiter, sich als die eigentlich sozialresistenten Schichten erwiesen haben. Auch verursachen sie durch ihr Verhalten, gesamtgesellschaftlich betrachtet, den weitaus größeren Schaden als finanziell schwache Menschen, die sich vermeintlich unsolidarisch verhalten.

Hinzu kommt, dass die gesamte Unternehmensberater- und Coaching-Industrie ein Idealbild von sozialen Kompetenzen von Führungskräften und Lohnarbeitern aufstellt, es den Unternehmen vorhält und dann behauptet, viele Firmen und ihre Mitarbeiter hätten ja mangelhafte Social Skills und bräuchten dringend Beratungsbedarf. Eine ganze Branche, von zum großen Teil völlig überbezahlten Unternehmensberatern (Roland Berger, Mckinsey etc.), schafft sich so ihre Kunden.

13 Gedanken zu “Neusprech: Sozialkompetenz

  1. »Sozial schwache« Schichten. Bingo. So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Vielen Dank für diese (wörtliche) Einsicht. Wieder ein Beispiel dafür, wie manipulativ bestimmte Begriffe sind. Ob jemand sozial schwach oder stark ist, definiert sich also (mal wieder) über den Geldbeutel und nicht darüber, in welcher Art und Weise er (oder sie) mit anderen Menschen umgeht, kommuniziert und sich als soziales Wesen wahr nimmt. In diesem Kontext ist »sozial schwach« schlicht eine Umschreibung von dem, was gemeinhin (im negativen Sinne) als »asozial« bezeichnet wird. Die Message kommt an, sickert ein und setzt sich fest.

  2. Da kann ich dem Vorredner nur beipflichten. Bemerkenswerterweise sind es immer die Asozialen, welche Andere als solche bezeichnen. So wie es auch die Kriegstreiber sind, die dem Gegenüber eine feindliche Gesinnung unterstellen u. ä.. Man kann die fortschreitende Asozialität ja nun zwischenzeitlich als gesamtgesellschaftliches Phänomen bewundern, da der Fisch nicht mehr nur vom Kopf her stinkt, sondern der kompletten Verwesung anheimgefallen ist. Es gibt eigentlich kaum mehr Leute, die wenigstens noch halbwegs anständig und aufrichtig durch’s Leben gehen. Vermutlich scheitert es daran, dass es im Monetarismus an Vorbildern mangelt — und Moral oder Ethik führten denselben sowieso ad absurdum. Naja, hoffentlich werden sie glücklich, die bedauernswerten Menschenschweine, in ihrer trostlosen Welt ohne Sinn, Wert und Liebe. Viel Glück!

  3. Nein das Gegenteil von sozial kompetent ist nicht sozial schwache Schichten. Oder es wäre nett Sie könnten diesen »Gegensatz« konkretisieren.

    Sozial kompetent ist, wie Sie im Titel schreiben Neuspreche. Aber auch ein Sammelbecken für Leute die es sonst »nicht drauf haben«. Oder auch böse ausgedrückt: Sozial kompetente sind oft genug wirtschaftlich inkompetente.... Frei nach dem Motto: »Lass doch die anderen (Reichen meist) bezahlen«....

  4. Sozial kompetent, ja wie hier gesagt wird, es heißt Kompetenz in der Sozialwelt nach den Vorstellungen neoliberaler Lebensführung. Dies bedeutet Durchsetzungskraft, andere zu überzeugen, Führung zu übernehmen, Ellbogen einzusetzen, kurzum die soziale Welt zu einem Kampffeld zu deuten und die konform einzusetzende Modi als soziale Kompetenzen zu benennen. Wer siegt, ist sozial kompetent. Zumindest ist dies die einzig mögliche Interpretation, wenn man den Gedankengang von der Vokabel ›sozial schwach‹ her aufspult. Der sozial Starke ist der Gewinner.
    Man sieht schon die Rethorischen Spiele in diesen Vorgängen. Stärke wird zur Kompentenz und sozial wird mit soft skills flankiert. So ist der Sieger nicht nur der Stärkste im Kampf, nein, er hat zugleich Komeptenzen und zwar auch noch softe, weibische wenn wir so wollen. Diese werden geschenkt, sie sind das Tüpfelchen auf dem i. Psychologie und Pädagogik gehen diesem Skript völlig auf den Leim. Anstatt daran zu arbeiten, dass soft mit hard selten nur zusammen fällt, zeichnet man alt die Linien um das soft in den Kompetenzen doppelt nach und belässt das hard daneben als Nichttangierndes. Beim sozial Schwachen weiß man daher auch gleich wo es fehlt: nicht an Empathie, Nachgiebigkeit, Großzügigkeit, Kooperationsbereitschaft, Frustrationstoleranz, Gemeinsinn, nein es fehlt an der harten Seite der sozialen Kompetenzen. Es ist eine wahrliche Verlotterung des Denkens, was hier aufgeführt wird. Eine seltene Unreflektiertheit ist hier zu beobachten und ein genereller Mangel an Charakterlicher Stärke in der Orientierung zu Tugenden. Auch hier ist die blinde Annahme der Axiome neoliberaler Lebensführung zu beobachten: Konkurrenz, Egoismus, Marktverhalten, Konsumhebephrenie, Autoritätsgläubigkeit, Verlust des Kontaktes zur eigenen Erlebensqualität und allgemeines Schwelgen in der Konformität mit den jeweiligen Trends in allen Lebenssektoren. Die dort jeweils angebotene Pluralität verwischt den meisten ihr Urteilsvermögen und sie können dasselbe im scheinbar unterschiedlichen nicht mehr sehen. Spöttisch gesagt, biete einem 20 Waschmaschinen an und er glaubt, es sind zumindest 5 grundsätzlich verschiedene Modelle dabei. Oder sag dem Philosophen, es werden täglich viele philosophische Bücher publiziert und er glaubt, die Philosophie befinde sich in einer Blütezeit. Multipliziert mit den vielen Lebenssektoren der Einzelnen ist die Verwirrtheit absehbar.
    Sozial kompetent also seie man zu machen, damit es auf dem Arbeitsmarkt auch klappe. Gleichursprünglich stelle sich dann die Konsumhebephrenie ein, beigesiedelt zu einer devoten Infantilisierung des Charakters. Das Leben werde dann lebenswert, man freue sich über Kleinigkeit und kindischen Bonmots.
    Dahinter liegt freilich ein grundsätzliches Verfehlen von Freiheit. Freiheit wird hier vollständig mit Willkür bzw. Konformität verwechselt. Beharrlich neige ich zu der Sicht, dass freie Handlungen im Leben nur sehr selten möglich sind. Ein Pfad dazu ist eine halbwegige Überlegung dazu, wie es gut sei, dass man lebe. Dann wird es Situationen geben, in denen diese Ansicht auf die Probe gestellt wird. Selbstredend geht dies mit Unlust einher. Mut ist oft gefragt, hemmende Gefühle zu überwinden, aber gleich oft auch die wahrlich sozialen Kompetenzen wie Nachgiebigkeit und Großzügigkeit, Selbstaufgabe oder Empathie, Wohlwollen und Hilfe, immer beigestützt von Besonnenheit. Dann kommt es darauf an, frei zu bleiben und nicht mit der erstbesten Marktnorm davon zu laufen.

  5. @FDominicus

    Nein das Gegenteil von sozial kompetent ist nicht sozial schwache Schichten. Oder es wäre nett Sie könnten diesen »Gegensatz« konkretisieren.

    Deshalb gibt es bei dem Begriff »Sozial Schwache Schichten« die Linkverknüpfung zum entsprechenden Beitrag ;) Hier gerne noch mal: http://www.zeitgeistlos.de/zgblog/2008/neusprech-sozial-schwach-bildungsferne-schichten/

    Wer »sozial kompetent« sei, wäre wirtschaftlich inkompetent? Und »asozial«, weil er ja die anderen bezahlen ließe? Ist das ungefähr Ihre These? Das »Soziale« verknüpft sich bei Ihnen automatisch immer mit monetären Verhaltensweisen? Was ist denn dann mit den ganzen Top-Managern und Bankern, die Steuern hinterziehen, ihre Kohle ins Ausland schaffen, Milliarden verzocken, ihren Fabrik-Giftmüll in die Natur kippen und ihre Mitarbeiter mit Dumping-Löhnen abspeisen? Diese Leute sind in Ihren Augen »sozial kompetent«, da sie wirtschaftlich erfolgreich sind?

    @flavo

    Es ist eine wahrliche Verlotterung des Denkens, was hier aufgeführt wird. Eine seltene Unreflektiertheit ist hier zu beobachten und ein genereller Mangel an Charakterlicher Stärke in der Orientierung zu Tugenden. [...] Dahinter liegt freilich ein grundsätzliches Verfehlen von Freiheit. Freiheit wird hier vollständig mit Willkür bzw. Konformität verwechselt.

    Wieder sehr treffend formuliert!

  6. Nein aber sozial kompetent behaupten ja diejenigen zu sein, die keine Problem darin sehn anderen vorzuschreiben was Sie zu tun und lassen haben und diese sind nun mal meistens diejenigen die nicht in der Wirtschaft Ihr Geld verdienen sondern in Ausschüssen, NGO und anderen vom Staat ausgehaltenen Bereichen.

    Sie pauschalisieren auf Ihre Weise, da halte ich dagegen.
    Und ja wer anderen einfach an Ihre Geld will nenne ich asozial. Warum auch nicht? Denn Sie haben ja keine Problem damit das Geld andere auszugeben. Wenn man da ein Mäntechen wie sozial kompetent umhängen kann, hört sich das gleich doch viel besser an.

  7. @flavo
    Ich fürchte, bei den meisten neuen sogenannten »philosophischen Büchern« handelt es sich in den meisten Fällen um billige Selbsthilfe-Pamphlete, esoterisch verwässert. Um Machwerke einer Nischen- und Wohlfühlkultur. Ganz abgesehen von den »geistigen Karrierehelfern«, geschrieben von — hm — genau: »sozial starken« Erfolgsmenschen.

  8. Ich als Unternehmensberater finde es schon interessant, aber auch ziemlich beleidigend, dass hier alle Unternehmensberater über einen Kamm geschert werden und behauptet wird, wir verkaufen alle ne soziale Therapie. Die meisten der ca. 90.000 Unternehmensberater verkaufen eine Dienstleistung als gutbezahlte Zeitarbeiter um das Anstellungsrisiko der Kozerne auszulagern, mehr nicht. Wir werden nicht als »netter« Kollege engagiert, um das Mittagessen angehemer zu gestalten.

  9. Eben. Dein letzter Satz bringt es auf den Punkt. Mit so Einem will man halt auch nicht. Unternehmensverbrater leben vor allem von Ihrem Leumund.

  10. OK, den Schuh ziehe ich mir jetzt an. Wieso auch nicht?

    Mir persönlich ist es nicht so ganz klar, weshalb weiter oben behauptet wird, hier würden Unternehmensberater beleidigt oder über einen Kamm geschert.

    In meinem vorigen Kommentar ging es schlicht um eine — sagen wir — Tendenz in der Buchbranche und damit auch um einen gewissen Zeitgeist, der sich halt in »philosophischen Publikationen« ausdrückt. Die mögen zwar auch teilweise von Unternehmensberatern geschrieben worden sein (da kenne ich mich nicht so aus), aber das war nicht der Punkt.

    Trotzdem gut, dass jemand aus der betreffenden Branche noch einmal klar gemacht hat, dass es bei seinem Job eben nicht um ein Wohlgefühl geht, sondern um knallharte Fakten.

    Vielen Dank dafür, ganz im Ernst!

  11. P. S. Ob ein Unternehmensberater darüber hinaus aber über wirkliche (und nicht ideologisch verzerrte) »Sozialkompetenz« verfügt, hat meines Erachtens nichts mit seinem Job zu tun, sondern mit seiner Einstellung zu Anderen. Ganz allgemein. Ist eine verdammt inviduelle Sache. Und da lässt sich nun wirklich nichts über einen Kamm scheren.

  12. @dlog

    Ich vermute, dem »Premiumkommentator« ging es vor allem um diesen meinen Satz:

    Hinzu kommt, dass die gesamte Unternehmensberater– und Coaching-Industrie ein Idealbild von sozialen Kompetenzen von Führungskräften und Lohnarbeitern aufstellt, es den Unternehmen vorhält und dann behauptet, viele Firmen und ihre Mitarbeiter hätten ja mangelhafte Social Skills und bräuchten dringend Beratungsbedarf.

  13. @dlog: Ich hatte mich nicht auf dich bezogen. ;)
    @epikur: Exakt um diesen Satz ging es. Die Coaching-Industrie ist max. 10% so groß wie die der Unternehmensberater. Vielleicht ist das deren Modell, aber nicht unseres.

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