Neusprech: Kreativität

»Doch um viele verwertbare Ideen zu generieren, ist Kreativität mit System gefragt. Mit geeigneten Kreativitäts‐Techniken lassen sich in kürzester Zeit Ideen‐Pools erzeugen, die Kampagnen mit den besten Ideen unterfüttern.«

- vollblutwerber.de

Als »Kreativität« bezeichnet man eine schöpferische Tätigkeit. Sie setzt sich zusammen aus eigenen Ideen und der spezifischen Umwelt.  Der Ursprung der Kreativität ist umstritten: ob sie angeboren, erlernbar, eine Fähig‐ oder Fertigkeit sei, wird unterschiedlich definiert. Die positive Konnotation des Begriffes wird häufig ökonomisch ausgebeutet.

Die Marketing‐ und Werbeindustrie bezeichnet sich gerne als sog. Kreativwirtschaft. 2009 war das europäische Jahr der Kreativität und Innovation. Die Erfindung neuer Produkte, Dienstleistungen und Ideen (PLI), mit denen sich ordentlich Geld verdienen lässt, wird als unternehmerische Kreativität betrachtet. Auftragsarbeiter wie Grafik‐ und Mediendesigner, die sich in der Regel an eng vorgeschriebene Rahmenbedingungen und Vereinbarungen halten müssen, werden als besonders kreativ angesehen. Hunderte Motivationstrainer, Jobcoacher, Unternehmensberater, IT‐Spezialisten und Medienagenturen in Deutschland, bieten zahlungskräftigen Kunden, kreative Lösungen an. Jeder, der es versteht, seine Ideen marktgerecht zu verwerten, gilt als kreativer Mensch.

Das Adjektiv ist fast ausschließlich wirtschaftlich besetzt. Kreativität wird vielfach als ein menschliches Instrument zur Profitsteigerung und Problemlösung definiert. Eine authentische, verspielte und schöpferische Kraft, die stets von außen beschränkt und eingegrenzt wird, verkümmert jedoch zusehends zu einer methodisch verlebten Marktmaske. Unternehmen bestimmen die Rahmenbedingungen, in welcher sich die Ideenproduktion abspielen darf. Alles andere, und sei es noch so schöpferisch, fantasievoll oder facettenreich, gilt als nicht produktiv und zielführend. Kreativität ist hier nicht Selbstentfaltung, sondern Selbstverwertung zum Wohle des Unternehmens.

Authentische Kreativität kann sich nur entfalten, wenn es keine von außen verordneten Grenzen gibt. Kinder beispielsweise lassen ihrer Fantasie freien Lauf. Sie sind spontan tätig, neugierig und philosophisch. Sie erfinden Geschichten, erwecken Dinge zum Leben, zeichnen drauf los, singen, tanzen und spielen mit ihren Ideen. Zweckfrei und ungezwungen. Weil sie ein Bedürfnis dazu haben und weil es ihnen Spass macht. Im Zuge der Lohnarbeit wird den Jugendlichen dann diese Fähigkeit nach und nach wieder abtrainiert.

Wer von Kreativität spricht und meint, sie müsse ökonomisch verwertbar sein, spricht nicht von menschlicher Schöpfungskraft im So‐Sein, sondern von verödeter, materialistisch‐verkümmerter Denkdemenz im Sinne einer lohnarbeitsteiligen Industriegesellschaft.

12 Gedanken zu “Neusprech: Kreativität

  1. So ist es ... (sehr nachdenklich stimmender Text, gefällt mir gut)

    Eigentlich, so scheint mir, durch die Zweckgebundenheit des Kapitalismus selbst, wird alles gleich, gleicher gemacht. Als würde man sich aus einem Bild einen Farbklecks (Neusprech: Pixel) herausnehmen und dessen Kreativität der Zweckgebundenheit im Kapitalismus bestaunen. Marktgerechtigkeit kennt nur eine einzige Nuance. Von nun an ist es Bestreben, alles in dieser RGB‐Nummer anzustreichen und so soll es harmonisch sein (Harmonie mit was? Mit sich selbst?).

    Ein Bild, eine Farbe, eine Nuance, eine Helligkeit, Eintönigkeit. Das ist nicht kreativ, fällt nicht einmal mehr unter Demenz, das ist eher schwerst autistisch.

    Gruss
    Rosi

  2. Es ist genau wie bei der Forschung. Heute ist Forschung zielorientiert, d.h. es steht vorher schon fest, was das Forschungsergebnis sein soll. Auch hier ist wird die Erlangung von Wissen ökonomisiert, unabhängige Forschung ist nicht erwünscht.

    Wir haben uns heute angewöhnt, alle Bereiche unseres Wirtschaftens und Lebens nur noch aus finanziellen Gesichtspunkten zu betrachten. Wer das nicht tut, der wird als »wertloser Träumer« bezeichnet — also ein unnützer Esser.

    Warum fragen wir uns eigentlich nicht, warum Deutschland Anfang des letzten Jahrhunderts naturwissenschaftlich/technisch weltweit führend war?
    Eine der wesentlichen Gründe liegt meiner Meinung nach im humboldtsche Bildungsideal. An den deutschen Universitäten konnte nach Herzenslust geforscht werden. Dazu kam noch eine Buchindustrie, die weitgehend frei vom Copyrightdenken heutiger Zeit war. So wurde Wissen geschaffen und frei verbreitet. Beides sind eine wesentliche Grundlage des Landes der Dichter und Denker — freie Forschung und freie Information.

    Heute entfernen wir uns davon. Wir werden eine Gesellschaft, deren Hauptsinn darin besteht, für wertlose Glasperlen also Fun und Spaß wertvolle Arbeit zu investieren. Deutschland wird immer dümmer und unkreativer.

  3. Dieser Artikel ist schon super kreativ und aufbauend kritisch — prima !

    Mein Fazit hierzu: der Mensch ist nicht zur Produktion sondern zur Kreativität geschaffen.

  4. mein Lieblingsding: Konkreativität. Kreativität enthält, wie unschwer zu ersehen ist, ja das creare, das hervorkommen lassen, erzeugen, zum Zeug machen, schöpfen, ja aus was heraus, zuletzt aus dem Nichts, ohne Schnittstelle in die Zeit, und somit in jeder Hinsicht das, was eine der wichtigsten Eigenheit dessen ist, was geschieht, wenn wir unser Leben vollziehen. Allerdings belichtet das Denken damit heller uns selbst. Konkreativität belichtet gleichermaßen alles, was an einem solchen Hervorgang in das Sein, der immer auch Zurückgang in das Nichts ist, beteiligt ist. Darauf können wir gegenwärtig nicht vertrauen, uns fehlen die Bemerknis gebenden Vollzüge dafür fast gänzlich. Aber immerhin, die Notiz ist gemacht.

  5. Hatte (habe? — ich weiß noch nicht) was ähnliches in der Mache. Eigentlich hat epikur schon alles gesagt. Trotzdem, — das Thema kann man gar nicht oft genug ausbreiten. Ich sehe darin einen Schlüssel zwischen Echtheit und Verkauf. Generell, hat es für mich auch was mit dem ultimativen Unterschied der (möglichen) Motivation von Kunst versus Werbung zu tun.

    @gerhardq bringt es übrigens super auf den Punkt.
    Zielorientiert, oder echt? Geplant, oder gelebt? Der Witz ist, dass sich Management und Wirtschaft, mit dieser Zielorientiertheit, dabei des größten tatsächlichen Potentials berauben, was sie überhaupt haben könnten. So, — wird es nichts Neues mehr geben.

  6. Soll das Orchester auch nur dann spielen, wenn alle Instrumentalisten Bock haben, soll die Freejazz‐Impro‐Band nur auftreten, wenn sich alle gerade kreativ beflügelt fühlen, soll der Schauspieler jede kleine, einschränkende Rolle ablehnen.
    Zum Künstlerdasein gehörte schon immer eben auch Handwerk, das abrufbar ist wie jedes andere auch — das blendet der Autor komplett aus.

  7. Deshalb heißt Herrje, — Herrje.
    Zum Künstlerdasein gehörte schon immer eben auch Handwerk,

    Vielleicht, — könntest du dich mit dem Thema Kunst etwas intensiver befassen? Sonst wirst du glatt noch zum selbst ernannten Experten.

  8. @Herrje

    Zum Künstlerdasein gehörte schon immer eben auch Handwerk

    Schon richtig. Auch Kreativität muss geübt werden. Keine Frage.

    In der Neusprech‐Rubrik geht es mir aber vor allem darum, wie Begriffe heute verwendet werden und besetzt sind. Und die Kreativität heute, ist vielfach ein Instrument unter vielen, um Profit zu machen. Kreativ ist nur das, was sich ökonomisch verwerten lässt und Geld bringt.

    Dieses Denken macht beispielsweise die Philosophie (und eigenständiges Denken sowieso) völlig überflüssig. Und wo wären wir heute ohne die Dachwissenschaft Philosophie?

  9. @flavo

    Die Konkreativität wurde bei mir im Kindheits‐ und Jugendalter vernichtet.(zerstört)

    Bis zum Eintritt in die Grundschule und zum Wechsel zum Gymnasium
    (59÷64) war ich ein sehr konkreativer Mensch.

    Doch in diesen Systemen bin ich zum Einzelgänger umerzogen worden — und bin es bis heute und werde es auch bis zum Lebensende bleiben !

    Die Konkreativität ist in kapitalistisch (neoliberalisteschen) Systemen
    nicht durchführbar ! Es herrscht der Vernichtungswettbewerb und und die geschürte Mißgunst.....

    Wir leben unter der Maxime Divide et impera
    zu Deutsch: stifte Unruhe unter denen, die du beherrschen willst.

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