Der gute Kapitalismus

gutkapi_titelNach dem Mauerfall und dem weltweiten Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus, hat der Kapitalismus sein Gegenmodell verloren, vielleicht mit Ausnahme heutiger lateinamerikanischer Sozialismus‐Formen. In diesem Zusammenhang behauptet er, die einzige wirtschaftspolitische Alternative zu sein. Da aber jedes System als Abgrenzung, Legitimation und Polarisation ein Gegenmodell benötigt, wird nun mehr und mehr versucht innerhalb des Kapitalismus selbst, zwischen vermeintlich guten (Biokonsum, Fair Trade, Emissionshandel, Öko‐Siegel etc.) und schlechten Ausprägungen (Finanzkapitalismus, Hedge Fonds, Heuschrecken, Neoliberalismus etc.)  zu unterscheiden. Dabei ist und bleibt das gesellschaftliche Eigentum stets ungerecht verteilt und das Dogma der Profitorientierung sowie des unendlichen Wachstums bleiben immer unangetastet.

Greenwashing
Das Geschäft mit Bio‐Produkten und Öko‐Siegeln läuft in Deutschland prächtig. Auch wenn es immer mehr Kritik an der Qualität der Bio‐Produkte, deren Herstellung, Nachhaltigkeit und dem häufigen Etikettenschwindel gibt, so vermindert das wenig den Glauben der Bio‐Anhänger. Denn diese sind mit sachlichen Argumenten kaum zu überzeugen. Bei Bio geht es oft weniger um das Produkt selbst, auch wenn das natürlich alle behaupten, sondern mehr um den Glauben daran, mit einem guten Gewissen konsumiert zu haben. Diesen Glauben will man sich nicht nehmen lassen. Schließlich ist es für Gutverdienende äußerst bequem, einfach ein paar Euros mehr auszugeben, um dann behaupten zu können, man habe nun seinen Beitrag zur Weltgerechtigkeit, geleistet. Sich politisch zu engagieren ist dann beispielsweise nicht mehr zwingend notwendig bzw. durch den Bio‐Konsum ja dann schon abgedeckt.

Mikrokredite
Mithilfe von Krediten, Sparkonten und Versicherungen sollen die Armen der Welt sich selbst aus der Armut befreien. Sogenannte Mikrokredite sollen hier die Menschen zur Selbstständigkeit, zum Händler oder Handwerker erziehen, wie beispielsweise in Indien. International erfreuen sich die Mikrokredite großer Beliebtheit (Kreditsumme: weltweit über 90 Milliarden US‐Dollar) und sie werden als bevorzugtes Mittel zur Bekämpfung der weltweiten Armut betrachtet. Meist mit enormen Zinssätzen von bis zu 30 Prozent. Statt also der weltweiten Schieflage der ungerechten Ver‐ und Zuteilung von Ressourcen, Eigentum, Lebens‐ und Finanzmitteln, entgegen zu steuern, sollen die Menschen marktkonform und zur Eigenverantwortung erzogen werden. Statt also die Ursache der Armut zu bekämpfen, werden nur die Folgen behandelt. Wer dann selbst mit Kredit immer noch arm bleibt, ist fortan selbst schuld.

Fortschritt gibt es nur in Solidarität. Dann aber darf die Umverteilung von Einkommen und Vermögen oder ein Finanzausgleich zwischen Regionen und Nationen nicht zum Tabu erklärt werden.

- Elmar Altvater, »Das falsche Modell«, Le Monde diplomatique, Ausgabe September 2012, S. 3

Share Economy
Das Business‐Konzept bezeichnet das Mieten oder Tauschen von Gütern oder Dienstleistungen. Mittlerweile gibt es hierzu zahlreiche Unternehmen und Webseiten. Ob Carsharing, Waschmaschinen, Campingausrüstung, Markenkleidung, Räume oder Mitfahrzentralen: die relativ neue Konsum‐Form erfreut sich breiter Beliebtheit. Man würde damit dem Wegwerf‐Kapitalismus entgegentreten, ökologisch handeln, Zwischenhändler überflüssig machen und auch weniger finanzstarken Konsumenten die Möglichkeit einräumen, bestimmte Produkte oder Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Was auf den ersten Augenblick sozial gerecht klingt, entpuppt sich beim genaueren Hinsehen nur als eine weitere Kommerzialisierung einer vermeintlich alternativen Idee. Das Unternehmen Airbnb beispielsweise, das Privatzimmer und Wohnungen vermietet, hat 2012 einen Umsatz von rund 180 Millionen Dollar erwirtschaftet.

Social Entrepreneurship
Als »Sozial‐Unternehmen« gelten Firmen, die in erster Linie soziale und ökologische Probleme lösen und weniger Profit erwirtschaften wollen. Sie bezeichnen sich selbst als innovativ, pragmatisch und nachhaltig. Das Social Business ist populär, beliebt und wird vielfach finanziell gefördert. Das Wirtschaften für das vermeintlich Gute setzt häufig auf Ehrenamtliche, Praktikanten, Geringverdiener und dem bürgerschaftlichem Engagement. Unterstützt somit unfreiwillig das System der prekären Beschäftigung und den Status Quo. Sozial‐Unternehmer leben letztendlich auch davon, dass der Staat Sozialabbau betreibt, denn ansonsten gäbe es hier  eher weniger Bedarf (Beispiel: Tafelbewegung). Auch hier wird davon ausgegangen, alle menschlichen Probleme seien mit marktwirtschaftlichen Methoden zu lösen. Solidarität, Mitgefühl und Empathie vertragen sich nicht mit marktwirtschaftlichem Wettbewerbs‐, Leistungs‐ und Konkurrenzdenken. Eigenschaften, die jedem Unternehmer inhärent sind.

Fazit
Der vermeintlich gute Kapitalismus zeichnet sich dadurch aus, dass er Attribute wie fair, nachhaltig, sozial gerecht, ethisch und/oder ökologisch für sich in Anspruch nimmt und sich somit vom profitorientierten Manchester‐Kapitalismus abgrenzen will. Ganz so, als würde es einen grenzenlosen Konsum ohne Umweltzerstörung geben. Er bietet allen Menschen eine vermeintliche Alternative innerhalb des marktwirtschaftlichen Systems an. Für ein bisschen mehr Aufwand oder ein paar Euros mehr, kann man sich ein gutes Gewissen kaufen und ansonsten so weiter leben und konsumieren wie bisher. Wichtig sei immer, eine Marktkonformität herzustellen. Ob der Handel mit Verschmutzungsrechten (Emissionshandel), Mikrokredite, die Tafelbewegung, das sog. »authentische Marketing«, Sozialunternehmer, Bio‐ oder Fair Trade‐ Produkte, Public Private Partnerships (PPP) oder das sog. »share economy« – immer geht es darum, die Fratze des Kapitalismus mit einer sozial‐ökologisch‐nachhaltigen Maske zu überdecken.

Wichtig wäre es, beim »Idiotenspiel« (Hartmut Rosa) des grenzenlosen Wachstums und des immer höher, schneller und weiter – Prinzips, komplett auszusteigen. Es bringt wenig, zu versuchen, das Profite‐vor‐Menschen‐System sozialer gestalten zu wollen, wenn die Grundprinzipien sich dabei nicht verändern. Unser Denken und Handeln sollte entmarktet werden, wenn wir wieder das menschliche Wohlbefinden und den Menschen in das Zentrum aller politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen stellen wollen. Denn viel zu oft ist der sog. »Markt« nicht die Lösung, sondern die Ursache all unserer Probleme.

6 Gedanken zu “Der gute Kapitalismus

  1. Es gibt keinen guten oder schlechten Kapitalismus. Es gibt nur Menschen die gut oder schlecht in diesem System agieren. Ein anderes System wird an den Menschen nichts ändern. Das können wir nur als Gesellschaft tun, indem wir immer fragen warum und auf eine Antwort bestehen. Warum kein Mindestlohn, warum lassen wir Menschen im Mittelmeer ertrinken, warum lassen wir Entwicklungsländer auf dem reichsten Kontinent der Erde entstehen, ...

  2. Kapitalismus lässt sich nicht in guten und schlechten Kapitalismus aufspalten.
    Was ihn auszeichnet, ist seine ihm immanente Dummheit.

  3. Starker Eintrag!
    Leider ist die Argumentation beim Thema Share Economy etwas dünn. Dass ein Unternehmen Umsatz macht kann nicht als Argument gegen irgeendwas gelten. Sehr wohl kann man aber bezweifeln, dass Carsharing ein wirksames Mittel gegen den Wegwerf‐Kapitalismus ist. Sobald Kunden zwischen 2 Carsharing‐Anbietern wählen können, werden beide »aus der Mode gekommene« Fahrzeuge aus ihrem Angebot entfernen und durch neue populärere Modelle ersetzen. Aber auch ohne Konkurenz ist es für ein Unternehmen wohl schlicht billger alt gegen neu zu tauschen als die Wartungs‐ und Reperaturkosten zu tragen.

  4. @ brrrr
    Danke für den Link!
    Ich habe keine Angst vorm Gegenstandpunkt, habe mir schon öfter Audios von denen angehört.

    Mein Kommentar: Wir können gar nicht so kritisch sein, ohne ihnen letztendlich doch nur wieder zu nützen.

    Lesenswerter Beitrag !

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