»Warum schweigen die Lämmer?«

Der Psychologe und Hochschullehrer Rainer Mausfeld hält eine sehr empfehlenswerte Vorlesung darüber, wie aktuelle Herrschaftsinstrumente sowie Kontrolltechniken funktionieren und warum es keinen Widerstand in der Bevölkerung gibt. Empörungs- und Meinungsmanagement seien sehr effektive Maßnahmen, um die Menschen ruhig zu stellen. Zudem behauptet er treffend: »Westliche Demokratien sind de fakto Oligarchien.«

Krieg ist Frieden

Spiegel Online vom 26. Oktober 2015

Spiegel Online vom 26. Oktober 2015

Ein bedenklicher Fall von PR-Geschichtsfärbung liefert ‑mal wieder- Spiegel Online ab. Dabei geht es diesmal weder um die regelmäßige Dämonisierung von Putin-Russland, die Hetze gegen Linke, noch um die Verharmlosung von TTIP oder der internationalen NSA-Überwachung. Es wird gemenschelt. Personalisiert. Emotionalisiert. Der Wahnsinn von rund 5 Millionen ermordeten Vietnamesen, das flächendeckende Einsetzen von Napalm und »Agent Orange« sowie dutzende Massaker von US-Soldaten an Zivilisten, wird auf das Schicksal von Kim Phuc heruntergebrochen. Das schreiende, mit Napalm benetzte Mädchen auf dem Foto, dass den Widerstand gegen den Vietnamkrieg verstärkt hatte. Nun wird sie für US-Marketing- und PR-Zwecke instrumentalisiert, um Versöhnung und Entschädigung zu suggerieren, die es nicht gibt:

»Phuc ist derzeit bei einer Ärztin in Miami in Behandlung.«

In Miami, den USA. Bis heute gibt es keine Entschädigungszahlungen, noch eine Entschuldigung seitens der USA für das Grauen, den Schrecken und die Verwüstungen, die in Vietnam angerichtet wurden. Kim Phuc bekommt eine Laserbehandlung, damit ihre Narben verheilen. Ein symbolischer Gnadenakt? Bezeichnenderweise ist die Kommentarfunktion bei diesem Artikel abgeschaltet.

Presseblick (45)

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen steht, laut Vroniplag, im Verdacht ihre Doktorarbeit abgeschrieben zu haben. Die Massenmedien sind jedoch schon längst nicht mehr auf der Seite der Aufklärer, wie die Sprache eines Artikels auf Spiegel Online verdeutlicht, indem der stellvertretende CDU-Vorsitzende Thomas Strobl zitiert wird: »Die Menschen interessiert, wie wir aktuelle Probleme lösen und Herausforderungen angehen. Im Moment steht anderes im Mittelpunkt als irgendwelche Plagiatsvorwürfe.« Hinzu kommt, dass der abwertende Begriff »Plagiatsjäger« in dem kurzen Artikel rund vier mal verwendet wird. Gleichzeitig diffamiert Joachim Müller-Jung auf faz.net Whistleblower mit der Headline: »Die falschen Helden.« Und zur Luxleaks-Affäre und den Steuersparmodellen großer Konzerne haben die Finanzminister der vier wirtschaftlich größten EU-Länder nichts zu sagen. Weiterlesen →

Geschichtenerzähler

»Ein spannender Tag für die Schüler der Mierendorff-Grundschule: Rüdiger Grube, Chef der Deutschen Bahn, brachte am 14. September drei rote Koffer voller Geschichten mit. [...] Die darin enthaltenen Geschichten wecken das Verständnis für andere Kulturen und helfen den Kindern beim Erlernen der deutschen Sprache. [...] Rüdiger Grube ließ es sich nicht nehmen, gleich die erste Geschichte vorzulesen.«

- Punkt3. Das Berliner S‑Bahn Blättchen der Deutschen Bahn. Ausgabe 18⁄2015

Leider hat die Redaktion wohl die erste Geschichte zensiert:

»Es war einmal die Deutsche Reichsbahn. Sie war mitverantwortlich für die Deportation und Vernichtung von Millionen Juden. Diese logistische Meisterleistung...« Bahnchef Grube hielt kurz inne und lächelte charmant die Migranten-Kinder an: »Ups, falsche Geschichte.«

Presseblick (44)

Flüchtlinge. Das Dauerthema. Seit Wochen. Mit den üblichen Methoden der Medienindustrie: Skandalisierung, Personalisierung, Emotionalisierung, Agenda Setting, Framing und Übertreibung. Es werden Erwerbslose gegen Migranten ausgespielt, infantile Emotionen statt Argumente geliefert, Horrorzahlen- und Meldungen abgedruckt und vor allem die Menschen gegeneinander aufgehetzt und: der hässliche Deutsche zeigt wieder offen seinen Rassismus. Es ist primär eine gigantische Ablenkungsstrategie, was da gerade vor unseren Augen stattfindet. Griechenland und die abgefuckte Troika sind plötzlich kein Thema mehr. TTIP auch nicht. Der BND- und NSA-Skandal interessiert niemanden mehr. Wenn die Massenmedien plötzlich wochenlang nur noch über ein Thema berichten, werde ich misstrauisch und frage mich, was eigentlich gerade in den Hinterzimmern geplant wird? Weiterlesen →

Individualität ist Konformität

Wenn ich mein Profilbild auf Facebook ändere, dann, weil ich dringend Komplimente und Likes über mein Aussehen brauche. Schließlich definiere ich mich über mein Äußeres und bin sehr verunsichert, wenn mir nicht ständig jemand sagt, dass ich gut aussehen würde.

Wenn ich Fotos von meiner Familie, meinen Kindern oder meinen Haustieren (Katzen!) veröffentliche, will ich allen zeigen, dass ich ein harmoniebedürftiger Mensch bin und eine vorbildliche Familie habe.

Wenn ich die Timeline abarbeite, will ich vor allen Dingen private Fotos, interessante Bilder und lustige Videos sehen. Alles andere ist mir zu anstrengend. Besonders Postings, die mehr als drei Sätze beinhalten und Sachverhalte differenziert analysieren.

Generell will ich keine Kritik für irgendetwas von mir lesen. Nie. Niemals. Was ich will, ist Zustimmung, Bestätigung und Aufmerksamkeit in Form von gaaaaanz vielen Likes und »ist das aber toll/süß/witzig« — Kommentaren. Schließlich bin ich Individualist!

Journalisten vs Blogger

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Der Medienjournalist Steffen Grimberg schreibt in den aktuellen »Blättern« (Ausgabe September 2015) über »das Ende der Deutungshoheit« und meint damit primär die Massenmedien. Er wehrt sich gegen den Vorwurf der »Lügenpresse« vom rechten Rand der Pegida-Freunde sowie von linken »biederen Familienvätern«. Zwar sei das Vertrauen in die Massenmedien »empfindlich gestört«, die Ursache sei jedoch nicht »eine Art von Einheitsmeinung« in den Leitmedien oder Journalisten die ideologisch von der Atlantikbrücke konditioniert seien, sondern –wie könnte es auch anders sein- überspannte Verschwörungstheoretiker, die glauben, Aliens würden an den Schalthebeln der Macht sitzen (S. 103). Weiterlesen →

Presseblick (43)

Die Linke in Deutschland ist gespalten. Es wird um Begriffe und Definitionen gestritten, es werden politisch Engagierte als Unpersonen erklärt (Ken Jebsen) oder zu esoterischen Spinnern (Konstantin Wecker) gemacht und es gibt eine regelrechte linke Gesinnungs- und Gedankenpolizei, die Denktabus verordnen wollen. Die Anhänger der reinen und einzig wahren Lehre. Albrecht Müller von den Nachdenkseiten hat dem Neuen Deutschland zu diesem Thema ein Interview gegeben, dass dann, wegen internen Interventionen, auch wieder zensiert wurde. Ich kann Müllers Gedanken nur unterstreichen und werde auch in Zukunft Ken Jebsen verlinken oder Interviews von ihm posten, wenn ich sie für sehenswert erachte: »Nun, ich habe mich entschlossen, mir nicht von anderen vorschreiben zu lassen, mit wem ich Kontakt haben darf, wen ich achte und zitiere und mit wem ich mit Respekt umgehe.« Die Neoliberalen reiben sich derweil die Hände, weil sich der Widerstand ganz von selbst zerfleischt. Weiterlesen →

Mut zur Stille

stille_titelEs wird geplappert, gechattet und gelabert was das Zeug hält. Hunderte Millionen E‑Mails, SMS, WhatsApp- und Facebook-Nachrichten werden täglich in Deutschland verschickt. Geschreibsel ohne Ende. Ganz nach Gottfried Ben lautet heute die Devise:

»Kommt reden wir zusammen. Wer redet ist nicht tot.«

Nur was heute alles als Kommunikation bezeichnet wird, grenzt teilweise schon an Körperverletzung. Quasselstrippen, Labertaschen und Ruhe-Vernichter ergießen sich im selbstreferentiellen Marketing- und Inszenierungssprech, lechzen nach Bestätigung und Aufmerksamkeit und ergötzen sich an ihrem nervtötenden Dramaqueen- und Soap-Gesabbel. Die Kultur des Schweigens geht heute vielen Menschen völlig ab. Dabei ist die Angst vor der Stille, letztlich nur die Furcht vor sich selbst.