Die Bildungsromantiker

In den alternativen und freien Medien existiert eine regelrechte Bildungsromantik. Es werden Elfenbeinturm-Experten und selbsternannte Kinderversteher (Buchautoren, Dozenten, Wissenschaftler, Bildungsexperten etc.) eingeladen und interviewt, die häufig eine bestimmte pädagogische Maßnahme, eine vermeintlich kreative Methode oder Didaktik, als zielführende Allheilmaßnahme aus der Bildungsmisere anpreisen. Wenn das alles mal so einfach wäre.


»Man müsste doch nur...«
Natürlich gibt es tolle Maßnahmen, Konzepte und Pädagogiken, die ‑je nach Gruppendynamik, Kontext und Kind- mal besser und mal schlechter funktionieren. Keine Frage. Dennoch kommt jede Pädagogik schnell an ihre Grenzen, wenn die Erwartungen von Politik, Medien und Eltern beinahe jährlich, aber auf jeden Fall kontinuierlich, ansteigen. Nach wie vor, wird hier eine regelrechte Zauberpädagogik erwartet, die alle ökonomischen, sozialen und kulturellen Verwerfungen und Schieflagen auffangen und ungeschehen machen sollen. Dabei können alle Beteiligten nur enttäuscht werden.

Es ist ja nicht nur so, dass die kognitiven Entwicklungsdefizite von Kindern die eingeschult werden, immer größer sind, sondern das gleichzeitig die Grundschulen von massiver Auslagerung von elterlicher Erziehungsverantwortung betroffen sind. Und hier spreche ich nicht von Mathe oder Deutsch, sondern insbesondere von der sozial-emotionalen Entwicklung. Werteerziehung. Bedürfnisaufschub. Frustrationstoleranz. Impulskontrolle. Konzentrationsfähigkeit. Lernbereitschaft.

All das ist bei immer mehr Kindern immer weniger vorhanden. Ich spreche hier aus rund 10 Jahren Berufserfahrung an einer Berliner Grundschule. Von den pädagogischen Fachkräften wird dann, von allen Seiten (Politik, Medien, Eltern) erwartet, dass sie via Zauberpädagogik und Hexendidaktik sämtliche kindliche Entwicklungs- und Erziehungsdefizite zum Verschwinden bringen können. Spoiler: können sie nicht.



Das Pädagogik-Utopia
Um die Machtlosigkeit zu kaschieren sowie um Politik, Medien und Eltern nicht zu enttäuschen, wird über den faktischen, relativ geringen Einfluss von pädagogischen Fachkräften auf Kinder, lieber geschwiegen. Außerdem widerspricht das dem narzisstischen Zeitgeist, bei dem sich im Minutentakt alle gnadenlos überschätzen (wollen). Lehrer und Erzieher sind hier keine Ausnahme.

Stattdessen lädt man dann »Elfenbeinturm-Experten« zum Interview ein, die über die perfekte Schule und die perfekte Pädagogik erzählen. Besucht tolle Weiter- und Fortbildungen oder veranstaltet Bildungs-Workshops. Alles meistens vollständig von der faktischen Realität entkoppelt, also dem Bereich des Machbaren und des Möglichen enthoben. Da baut man sich gerne ein Theorie-Pädagogik-Utopia im Wolkenkuckucksheim.

Warum sieht man diese »Experten« eigentlich immer nur in Talkshows, in Fachschulen und in Interviews und nicht mal Zehn Jahre an der Front arbeiten? Vermutlich, weil sie Vorträge, Schulungen und Bücher verkaufen und eben nicht mit Kindern arbeiten wollen. Aus Gründen.


Gesamtgesellschaftliche Verwerfungen
Leider trifft dieser revolutionäre Pädagogik-Tenor einen wunden Punkt in der kritischen Szene. Viele wollen allzu gerne daran glauben, dass mit einem anderen Schulsystem oder ein paar Stellschrauben hier und da, alles viel besser werden würde. Da man mit dem Status Quo ja sowieso unzufrieden ist, glaubt man gerne daran, dass eine Veränderung im Bildungswesen Besserung bringen würde.

Dabei sind viele pädagogischen Fachkräfte auch offen für Veränderungen. Nur: die Herausforderungen, Probleme und Schwierigkeiten, mit denen insbesondere Kindergärten und Grundschulen, heute kämpfen müssen, sind weniger strukturelle, als vielmehr gesamtgesellschaftliche Verwerfungen. Kindergärten und Grundschulen sind hier quasi ein Spiegel der Gesellschaft.

Dort kommt alles ans Tageslicht, was im Alltag unter die zwangsharmonische Glocke der Biedermeier-Vorzeige-Familie geschoben wird. Das ist natürlich unbequem und unangenehm. Anstatt aber die gesellschaftlichen Verwerfungen selbst zu thematisieren und sich hier mit den pädagogischen Fachkräften zu solidarisieren, sollen allzu oft nur die Botschafter (Schule. Kindergarten. Lehrer. Erzieher.) verantwortlich gemacht werden.

Das wiederum, ist für Politik, Medien und Eltern äußerst bequem. Denn so muss Niemand aktiv werden oder seine Komfortzone verlassen, sondern nur auf den Sündenbock (Kindergarten. Schule. Lehrer.) einschlagen. Das erklärt auch, warum Erzieher- und Lehrer-Bashing fast schon zum Volkssport geworden ist. Gleichzeitig würden es die allerwenigsten Menschen auch nur einen Tag in einem Kindergarten oder in einer Schulklasse aushalten.



Fazit
Niemand erklärt einem Tischler, wie er Möbel zu bauen hat. Man vertraut seiner Expertise. Aber Erzieher und Lehrer dürfen sich regelmäßig von den 80-Millionen-Bundestrainern anhören, wie man Kinder bestmöglich erzieht und bildet, damit sie sich altersgerecht, selbstbestimmt und ganzheitlich entwickeln können.

Dennoch ist der Einfluss und das tatsächliche Wirken von pädagogichen Fachkräften, soviel kann ich nach 10 Jahren anekdotischer Evidenz realistisch sagen, deutlich kleiner als sie es selbst jemals zugeben würden und als es die Gesellschaft von ihnen erwartet. Denn am Ende kämpfen sie gegen dutzende von Windmühlen.

Wer also die kindliche Entwicklung und die Bildung an Kindergärten und Schulen, effektiv verbessern will, sollte in erster Linie die gesamtgesellschaftlichen Probleme in den Fokus nehmen. Migration. Wirtschaftskrise. Digitale Verstrahlung. Spaltung. Armut. Korruption. Kriegsrhetorik. Kürzungswahnsinn (!). Denn all das hat massive Auswirkungen auf Kinder. Und zwar deutlich mehr, als vermeintlich gute oder schlechte Didaktiken und/oder Pädagogen.

Den Kindern ist deutlich mehr geholfen, wenn man diese Probleme angeht, als wenn man ein romantisches Paralell-Schul-Bildungsuniversum schaffen will, dass am Ende wieder nur Diejenigen erreicht, die sowieso schon kritisch sind. Denn der Großteil aller Kinder und Familien, wird sich weder zeitlich, intellektuell noch finanziell, ein Pädagogik-Utopia leisten können.


Kinder in Deutschland
Der pädagogische Happen

10 Gedanken zu „Die Bildungsromantiker“

  1. Ich fand schon am Ende meiner Schulzeit — lang lang ist’s her — uns als Schüler rückblickend so unausstehlich und schwer erziehbar, dass mir klar war: »Lehrer werde ich nicht«. Das muss heute die Hölle sein.

    Was aber bei der Bildungsmisere (nicht nur PISA) übersehen wird: gerade der Einfluß des ersten Lehrmeisters im Leben, die primäre Bezugsperson i.d.R. die Mutter, wird maßlos unterschätzt, gerade was die Bildung von emotionaler Autoregulationskompetenz angeht. Ein in den ersten Lebensjahren nach dessen Maßstäben(!) vernachlässigtes Kind hat schon so viele psychische Schäden, dass alles was an Kindergarten, Schule usw. danach kommt überfordert sein muss, das wieder grade zu biegen, was letztlich nicht geht und das was notwendig wäre um das Schlimmste zu verhindern von einer pädagogischen Fachkraft auf ein Dutzend Schüler in einem engen wöchentlichen Zeitfenster mit Lehrplan und Bürokratie, auch nicht leistbar ist.

    Es wird in letzter Zeit viel über den physischen Tod der Ukraine als Staat geschrieben. So ziemlich alle westlich geprägten Staaten erleben einen psychischen Tod. In den USA ist die dysfunktionale Familie fast schon Standard und das nimmt überall zu, sogar in Japan wo in Tokyo und anderen Städten sich in bestimmten Stadtteilen wie Toyoko Zustände wie in »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« entwickeln.

  2. @orinoco

    Wo wird denn die Rolle der Mutter in den ersten Lebensjahren »unterschätzt«? Ich glaube, jeder weiß mittlerweile wie wichtig die »Bindungsarbeit« hier ist. Die Fachliteratur ist voll damit und jede Fachschule/Universität hat das im Stundenplan.

    Das Wissen über die Wichtigkeit der Mutter-Kind-Bindung ist sicher vorhanden. Der Alltag bildet das nur immer weniger ab. Mütter gucken mehr auf ihr Smartphone als auf ihr Baby. Kleinkinder bekommen ein Smartphone in die Hand gedrückt, damit sie Ruhe geben. Und das ist nur ein Aspekt von Vielen, dass die kindliche Entwicklung nachhaltig schädigt.

  3. Wenn man den Begriff »Imperium der Lügen« mal richtig durchdekliniert ist hier der tiefere Grund für die ganze Misere zu sehen. An wen oder was sollen sich denn die Kleinen orientieren in einer Welt, in der die Lügen alles bestimmen?

    Die Symptome sieht man ja überdeutlich, wie hier wieder mal bestens aufgezeigt wird.

    Die nach unten zeigende Tendenz ist überall wahrzunehmen.

  4. »Kinderversteher«
    Können auf Antrag¹ nach 10 Jahren nachgewiesener² und erfolgreicher³ Berufspraxis zum Hundeversteher oder Pferdeversteher befördert werden. Leider ist diese Karriereleiter danach obstipiert, weil es so viele Quereinsteiger zum Wähler-Versteher, Lobby-Knecht und Milliardärs-Flüsterer gibt.

    ¹Beim Ministerium für Talkshow-Propaganda
    ²Am einfachsten durch einen Link (Google-Cloud) zur gebündelten Elektronischen Behandler Akte mit implizitem Total-Verzicht auf Schweigepillepalle und Gedöns
    ³Weniger als 10% Suizidrate bei Kassenpatienten bzw. 3% bei Privatversicherten (Die sogenannte Merz-Lücke)

  5. @epikur

    Dass die WIssenschaft mit Leuten wie Bruce D. Perry, Bryan Post, Shelley Uram, Birgitta Gahleitner, Arno Grün u.v.m. schon lange auf diesem Erkenntnisniveau sind, ist fraglos. Nur das ist eben noch keine allgemein verbreitete Erkenntnis und es sind gerade ideologisch-woke Erziehungskreise, die den Leuten was ganz anderes erzählen und diesen Erkenntnissen vehement widersprechen wie z.B. in Reaktionen auf meinen Artikel zum Thema in der Berliner Zeitung. Das verwirrt die Leute noch zusätzlich, wie Erziehung im Wertloswesten generell extremen Moden unterworfen ist: heute so, morgen anders und übermorgen noch mal was neues. Jeder erzählt was anderes, die wenigsten wissenschaftlich fundiert, die gefährlichsten pseudo-wissenschaftlich begründet. Da gehen die Erkenntnisse der vorgenannten im allgemeinen Öffentlichkeitsspektakel unter, von entsprechenden Lehrinhalten im Aufklärungsunterricht ganz zu schweigen. Und die gesetzlichen Regeln der Arbeitswelt und die kapitalistische Vollverwertung der Mütter fordern geradezu die frühestmögliche Fremdbetreuung — mit dem entsprechenden Ergebnis. Und wer eben . mit zunehmender Tendenz — als Eltern von Kindergarten und Schule erwartet, die Erziehungsdefizite auszugleichen, der ist auch noch weit von solchen Erkenntnissen entfernt. Auch in den Medien kommt das praktisch nicht vor: da wird oberflächlich herumgeschwurbelt, bestenfalls Symptomdoktorei betrieben und dann ist die Sendezeit auch schon wieder vorbei. Mein Artikel in der BLZ war auch nur ein medialer »Betriebsunfall«. Vergleichbare Artikel habe ich noch nirgends in deutschsprachigen Medien gesehen, weder Mainstream noch alternativ.

  6. „den 80-Millionen-Bundestrainern“
    wissen ja auch besser als ich, wie ich mit dem Fahrrad umzugehen habe. Warum sollten Lehrer verschont bleiben.
    Ich sehe durchaus Front-Berichterstattung mit deiner Richtung. Wo es die gibt, muß es auch Elfenbeinturmbewohner mit anzustrebendem Ziel geben.

  7. ich habe großes mitgefühl mit und hohe achtung vor den ‑leider am ende doch sehr- WENIGEN wirklich wahrhaft (unabhängig ihrer funktions»höhe«) engagierten, menschlich integeren und fachlich guten, nicht-stets-und-ständig-staatskonformen erziehern, lehrern, sozialpädagogen und kinderpflegern...

    aber, ich verhehle nicht meine grundsätzlich enorm kritische haltung ‑ja, starke abneigung- der »branche« gegenüber.

    es war in seiner eindeutigkeit -
    und seinem ausmaß entsetzlich, zu erleben, wie sich eine erdrückende mehrzahl »erziehungsschaffender« willig-tatkräftig, johlend-panisch zustimmend ‑nicht selten über das verbrecherisch verlangte maß hinaus‑, vorauseilend gehorsam oder wenigstens stramm gehorsam oder feige schweigend, bestenfalls im stillen kämmerlein maulend, dem faschistoiden C‑regime unterwarfen.

    was kindern und jugendlichen, auch den so wenigen offen und mutig ‑oder auch im verborgenen administrativ und im alltäglichen tun wirksam werdend- widerstand leistenden berufskollegen, durch diese täter mitmacher und abnicker angetan wurde, ist erschreckend und darf von der ‑nach wie vor- recht kleinen anzahl der um wirkliche aufarbeitung und sühne kämpfenden gemeinde niemals vergessen werden!

    ehrliche, tatsächlich relevante, sicht- und fühlbare reue zu der über die beteiligung an diesem ‑noch immer in seinem ausmaß und seiner psychischen brutalität- unfassbaren zivilisationsbruch sehe ich in der »brache«...nicht.

    es ist doch nur schnee von gestern...

  8. ½OT: Aus dem Veranstaltungskalender der Stadt Bielefeld (Herbstferien 2026), AUCH SO geht Bildung!:
    »Kreativangebot Mini-Werbeprofis [6–14 s.u.]«
    »MAKE. CREATE. ADVERTISE. Deine Idee. Deine Marke. Deine Werbung. [Dein Porsche, Dein Koks...]
    Du liebst es, [...] deine Ideen zu zeigen? Dann entdecke mit mir die bunte Welt der Werbung! [...] eigene Produkte und machen daraus echte Marken. Wir überlegen uns Namen, Logos, Slogans [...].
    Altersgruppe: 6–14 Jahre, max. 10 Kinder
    Wo: Milchmania Atelier [...] Bielefeld
    175 € pro Teilnehmer [Vermutlich keine Ermäßigung für Grundsicherungsempfänger, allerdings 4 Termine je 5 Stunden ~ VHS-Niveau]«
    https://www.bielefeld.jetzt/node/2044199 bzw milchmania.com (Entwurf ?)
    Ich wage die Spekulation, dass die Veranstalter nicht die Spur (z.B. wegen Sechsjährigen) von schlechtem Gewissen haben, im Gegenteil!

  9. Wenn es weiter nichts ist? Dem kann doch schnell abgeholfen werden. Einfach die Kinder frühzeitig brechen und nach gutdünken konditionieren. Das Ergebnis sind dann lauter dressierte Hunde, die das Maul nur zum Fressen aufklappen.

    Problem gelöst.

    Die einzige Gegenstrategie wäre eine Mischung aus Philosophie und Kampfsport schon im Kleinkindalter.

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